Freitag, 30. April 2010

Lieblingszitate CXXI

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Das Buch ist der bequemste Freund.

Man kann sich mit ihm unterhalten,

so lange und so oft man will.


Angelus Silesius


Gefunden in: Kurt Franz: Lesen macht stark. dtv junior 7919.

(In meiner Sammlung seit dem 10.11.1980.)


Donnerstag, 29. April 2010

Gefährdete Voraussetzungen der Demokratie: "Meinungsmache" IV

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Die Entwicklung unserer deutschen TV-Landschaft gefährdet die Demokratie


Als eines der Hauptmedien, über die in Deutschland "Meinungsmache" geschieht, sieht Albrecht Müller das Fernsehen. Es war nicht immer so! Erst durch die von Helmut Kohl eingeleitete "Wende" nach 1982 in Westdeutschland hat sich die Fernsehlandschaft deutlich verfinstert. Kommerz, Beliebigkeit und fehlende Hintergrundinformationen bestimmen die Inhalte, kritische Berichterstattung wird immer mehr zurückgedrängt. Müller sieht darin eine grundlegende Beschädigung unserer Demokratie, denn immer weniger Menschen können sich so noch ein Bild von den tatsächlichen Beweggründen vieler Entwicklungen machen, die unabdingbare Voraussetzung für ein unabhängiges Urteil. Viel schlimmer: Sie merken es wahrscheinlich nicht einmal mehr - und noch schlimmer: sie vermissen es auch nicht mehr und halten die Zustände - wenn sie sogar noch mit Bildern im Fernsehen unterlegt werden - für "gottgegeben" und nicht weiter hinterfragbar. Armes Deutschland!!


Ein besonders trauriges, aber wichtiges Kapitel aus diesem Buch! Ich zitiere ausführlich:


Deutschland hat die zahlenmäßig größte Vielfalt an Fernsehsendern in Europa. Wer allerdings durch die Programme zappt, merkt schnell, wie er im medialen Einheitsbrei stecken bleibt.


Mit der Einführung des kommerziellen Rundfunks nach 1982 leitete die Regierung Kohl die eigentliche geistig-moralische Wende ein. Erklärtes Ziel der Konservativen und Liberalen war es damals, den Einfluss des angeblich von Linken dominierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks („Rotfunk“) zurückzudrängen. […]


Den politischen Förderern brachte das den millionenschweren Dank der Geförderten ein. Vor allem Leo Kirch bedankte sich später bei Kohl, Schwarz-Schilling und Co. Mit Beraterverträgen. Den Fernsehzuschauern und Radiohörern jedoch bescherte die Wende eine geistige Vermüllung in riesigem Ausmaß. Information und Unterhaltung werden gleichermaßen unter einer Welle von Schund und Kitsch begraben. Unter dem zunehmenden Druck der Quotenmessungen und der daran gebundenen Werbepreise und Werbegelder passen auch die öffentlich-rechtlichen Sender sich den neuen Sehgewohnheiten und den neuen Inhalten an.

[…]

Jungen Menschen das Ausmaß der Veränderung begreiflich zu machen ist nicht einfach. Sie haben sich an so vieles schon gewöhnt, worüber wir Älteren uns noch empören können. Es wäre ein Leichtes, diese Haltung als kulturpessimistisch und moralisierend zu brandmarken. Ginge es nur um Fragen des guten oder schlechten Geschmacks oder um die Frage nach der Verletzung religiöser Gefühle, hätten die Kritiker recht. Es geht aber um nicht weniger als den Bestand der Demokratie, denn mit Informiertheit und der Urteilsfähigkeit verschwinden die Voraussetzungen der Demokratie. Die Entwicklung unserer TV-Landschaft zerstört diese Voraussetzungen. (Müller, Meinungsmache, S. 388 – 389, Hervorhebungen von J.L.)

Mackenroths Theorem und unsere Alterssicherung: "Meinungsmache" III

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Mackenroths Theorem und die Wahrheit über die gesetzliche Rentenversicherung und private Altersvorsorgemodelle


Dies soll mein nächstes Thema werden, das ich noch näher ausformulieren möchte. Hier schon einmal wieder ein Zitat von Albrecht Müller und einige Anmerkungen von mir:


Selbst bei vollständiger Umstellung auf die Privatvorsorge wäre es immer die arbeitsfähige Generation, die die Rentner und die Kinder und Jugendlichen versorgen, ernähren, aushalten müsste. So hat es ein Nationalökonom, der Kieler Professor Gerhard Mackenroth, einmal formuliert. Gegen seine Beobachtung rennen heute die von der Versicherungswirtschaft engagierten Wissenschaftler reihenweise an – mit Theorien über die Vermehrung des Kapitalstocks und über die Anlage des Kapitals in angeblich produktiveren ausländischen Volkswirtschaften. Das sind abenteuerliche Theorien. Meist werden dabei fälschlicherweise betriebswirtschaftliche Gesichtspunkte auf eine volkswirtschaftliche Betrachtung übertragen. ( Müller, Meinungsmache, S. 321 )


Eigentlich ganz einfach: Es ist immer nur soviel zum Verteilen da, wie die gerade aktiven Menschen hergestellt haben. Von meinem Sparen allein wird es nicht mehr, nur dadurch, dass mein Erspartes als Kapital in irgendeine produktive Anlage einfließt und längerfristig zu mehr verteilbaren Waren und Leistungen führt. (D.h. Zocken auf den Kapitalmärkten führt nicht zu solchen Zuwächsen ...) Entscheidend ist nur, wie dann später die Verteilung begründet wird, wer welche Ansprüche hat. Ob das über Privatfürsorge geregelt wird oder über das bisherige Rentensystem, ändert an der Größe des verteilbaren Kuchens nichts. Bei der Privatfürsorge haben sich allerdings die privaten Gesellschaften zuvor schon über die üppigen Gebühren ein schönes Stück kontinuierlich herausgeschnitten … Und die meisten Menschen werden denken: Wenn ich jetzt fleißig spare, ist später einfach mehr vorhanden. In dieser schlichten Variante wahrscheinlich ein fundamentaler Irrtum. Der Kuchen in 50 Jahren wird dadurch nicht größer sein; wenn alle gleichermaßen Geld anhäufen, werden nur die Preise für das zu Verteilende steigen, je nach Bedarf.

Dienstag, 27. April 2010

Stirbt Deutschland aus? - "Meinungsmache" Teil II

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Demographie, Arbeitsplatzsituation und Gründe für geringe Geburtenquoten

Zu den Märchen und Mythen, mit denen wir ständig unter Druck gesetzt werden, gehört auch der stete Hinweis auf die Demographie, d.h. das angeblich drohende "Aussterben" der Deutschen, die daraus prognostizierten Konsequenzen für unseren Lebensstandard und die behauptete Notwendigkeit, auch hier den Gürtel enger schnallen zu müssen und vor allem: wegen der zukünftig gefährdeten Altersrenten kräftig in die private Vorsorge zu investieren. (Ein Bombengeschäft für die Versicherungswirtschaft ...)

Albrecht Müller sieht die wirklichen Bedrohungen eher in der Gegenwart:

Falls sich überhaupt etwas aus der Entwicklung der Geburtenziffern im Zeitablauf und aus ihrer Verschiedenheit von Region zu Region ablesen lässt, dann vielleicht dies: dass die wirtschaftliche Entwicklung, dass die Berufsperspektiven und vermutlich auch die Art der Arbeitsverträge und der Entlohnung entscheidende Faktoren für die Bevölkerungsentwicklung sind. Einem Dreißigjährigen mit einem befristeten Arbeitsvertrag und seiner Partnerin mit einem Mini- oder Ein-Euro-Job kann man verantwortungsvollerweise nicht zumuten, zwei oder drei Kinder zu kriegen. Und eine junge Familie, deren Vater in der Nacht von Sonntag auf Montag von Brandenburg nach Stuttgart und am Freitagabend wieder zurück fährt, wird sich sinnvollerweise nicht für viele Kinder entscheiden. (S. 315; Hervorhebung durch J.L.)

Mich erinnert das an einen Disput mit einem früheren Chef. Er wies meine Kritik an den ständigen befristeten Verträgen für Neueingestellte, die ich auch damals schon für einen Faktor für die "Kinderunlust" junger Kolleginnen und Kollegen hielt, mit den Worten zurück: "Aber, Herr Lüder! Wir haben doch alle schon einmal schwierige Zeiten durchgemacht und trotzdem unsere Kinder gut großgezogen!" - Ende der Debatte. Was soll man darauf noch erwidern? Die klare Analyse von Albrecht Müller spricht hingegen Bände und bestätigt meine Sicht.

Montag, 26. April 2010

"Meinungsmache": Albrecht Müllers geharnischte Kritik an deutschen Zuständen


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Ich bin ein Glückspilz! Denn ich habe zum Geburtstag das folgende instruktive Buch geschenkt bekommen, aus dem ich in der nächsten Zeit sicherlich häufiger zitieren werde:


Albrecht Müller: Meinungsmache. Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen. – München: Droemer 2009.


Das Buch ist eine vehemente Kritik an deutschen Zuständen, die einhergehen mit einer Abstumpfung, ja Verdummung (sorry!) der meisten Menschen hinsichtlich der „Spielregeln“, nach denen tatsächlich in Deutschland „die Fäden gezogen werden“, während die breite Öffentlichkeit lediglich noch eine Zuschauerrolle hat. Müller versucht dagegen erneut – wie schon in früheren Büchern -, Aufklärung und kritische Gegenöffentlichkeit zu setzen.


Über seine früheren Publikationen und insbesondere seine www.nachdenkseiten.de, die er gemeinsam mit Wolfgang Lieb als alternative kritische Informationsquelle herausgibt, habe ich bereits in meinem blog v. 2. März 2010 berichtet.


Müller trifft in seiner Vorbemerkung fünf fundamentale Feststellungen hinsichtlich der Bedeutung von Meinungsmache und Meinungsbildung für politische Entscheidungen in unserem Lande und schreckt nicht davor zurück, sie mit den berühmten Beschreibungen von George Orwell aus „1984“ in Zusammenhang zu bringen. Da diese treffend das Anliegen des Buches wiedergeben, zitiere ich ausführlich:


Vor dem Hintergrund dieser Erfahrungen komme ich zu fünf Feststellungen:


Erstens: Meinung macht Politik. Die öffentliche Meinung ist oft maßgeblich für die politischen Entscheidungen.


Zweitens: In vielen Fällen bestimmt allein die veröffentlichte Meinung, also die von den tonangebenden Personen, Gruppen und Medien mehrheitlich vertretene Meinung, die politischen Entscheidungen.


Drittens: Meinung kann man machen. Das wissen auch jene, die zur Durchsetzung ihrer Interessen politische Entscheidungen bestimmen wollen.


Viertens: Wer über viel Geld und/oder publizistische Macht verfügt, kann die politischen Entscheidungen massiv beeinflussen. Die öffentliche Meinungsbildung ist zum Einfallstor für den politischen Einfluss der neoliberalen Ideologie und der damit verbundenen finanziellen und politischen Interessen geworden. In einer von Medien und Geld geprägten Gesellschaft ist das zum Problem der Mehrheit unseres Volkes geworden, zum Problem des sogenannten Mittelstands und vor allem der Arbeitnehmerschaft und der Gewerkschaften, denn diese Mehrheit und ihre Interessen werden zunehmend kaltgestellt. Das erklärt die breite und wachsende Kluft zwischen den Interessen der Mehrheit und den von oben eingeleiteten politischen Entscheidungen.


Fünftens: Die totale Manipulation ist möglich. Die gleichgerichtete Prägung des Denkens vieler Menschen ist möglich.



George Orwell schrieb in seinem Roman „1984“: „Und wenn alle andern die von der Partei verbreitete Lüge glaubten – wenn alle Aufzeichnungen gleich lauteten –, dann ging die Lüge in die Geschichte ein und wurde Wahrheit.“


Wenn Sie diese Beobachtung von George Orwell gelegentlich zu Rate ziehen, werden Sie vieles, was um uns herum vorgeht, um vieles besser verstehen, als wenn Sie nach objektiven, in der Sache liegenden Erklärungen von für Sie rätselhaften Vorgängen suchen. Diese Suche ist in der Regel nämlich müßig, denn das, was wir täglich hören und sehen und was uns als demokratisch gesonnene Staatsbürger häufig das Leben so schwer macht, sind in Wahrheit Mythen, Legenden und Lügen. Sie bestimmen in weitem Maß die öffentliche Debatte und damit auch die politischen Entscheidungen, die sich massiv auf unsere konkrete Lebenssituation am Arbeitsplatz, bei der sozialen Absicherung oder im Alter auswirken. Sie berühren und betreffen ganz unmittelbar unseren Alltag. Wenn Sie die Wirkung perfekter Meinungsmache durchschauen, dann werden Sie auch verstehen, dass wir als Steuerzahler so lautlos die Wettschulden derer bezahlen, die sich auf den internationalen Finanzmärkten verspekuliert haben und das Casino so weiterbetreiben, als wäre nichts geschehen. (S. 8 - 9. Hervorhebungen von J.L.)


Abschließend noch ein weiteres Zitat aus der folgenden Einführung, das die Themen vorzeichnet, die Müller dann ausführlich in den folgenden Kapiteln seines Buches behandelt:


Meinungsmache und Manipulation sind seit Jahrhunderten geläufige Erscheinungen. In jüngster Zeit jedoch entfalten diese Kampagnen eine zerstörerische Wirkung, wie sich an gravierenden Fällen belegen lässt: die Auslieferung unserer öffentlichen Universitäten an die Wirtschaft, die Zerstörung des Vertrauens in die sozialen Sicherheitssysteme, die bewusst betriebene Verarmung des Staates, die Kommerzialisierung und Privatisierung unserer Medien, der Verkehrssysteme und kommunaler Versorgungseinrichtungen. Gespielt, gezockt und geplündert wird aber nicht nur im öffentlichen Bereich, geplündert wird zu Lasten der betroffenen Arbeitnehmer und zu Lasten der Gemeinschaft auch im Bereich der privaten Unternehmen. Deutschland im Ausverkauf. Auch die Unfähigkeit zu einer wirksamen Wirtschafts- und Beschäftigungspolitik folgt aus der systematischen Irreführung des Publikums. Systematisch hat man auch versucht, uns beizubringen, die traumhaften Renditen und Boni der von nahezu allen Regeln befreiten Finanzwirtschaft kämen auf anständige Weise zusammen und seien deshalb erstrebenswert. Jetzt zahlen wir Steuerzahler die Zeche. Die neoliberale Ideologie erweist sich über weite Strecken als Instrument zur Bedienung privater Interessen zu Lasten der Allgemeinheit. (S. 13. Hervorhebungen durch J.L.)

Mittwoch, 21. April 2010

Lieblingszitate CXX

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Ich versuche immer, halbwegs stimmig meine Beiträge aufeinander zu beziehen. Und da ich zuletzt ein Zitat von Josef Rattner aufgeführt hatte, kann ich sicherlich dieses hier noch gut hinzufügen. Während mich seinerzeit allerdings besonders die Kritik am "Selbst-Nörgeln" interessiert hat, sehe ich jetzt mein Hauptaugenmerk eher beim Bezug auf das Vermächtnis von Alfred Adler: Als Vertreter einer Werte-geleiteten Psychotherapie hielt er nicht "hinter dem Berg" mit seinen Ansichten über ein "gutes Leben" und den wünschenswerten Zielen in der Persönlichkeitsentwicklung von Menschen. So formulierte er ursprünglich "drei Lebensaufgaben des Menschen", nämlich Liebe, Arbeit und Gemeinschaft, zu den später noch Lebenskunst und Selbstverwirklichung hinzutraten, so wie im Arbeitskreis von Herrn Rattner gelehrt. Das waren noch Zeiten! Keine Verhaltenstechnologie mit Anleitungen zum Antrainieren irgendwelcher erwünschter Verhaltensweisen, isoliert und ohne größeren Kontext. Aber eine Lehre wie bei Adler ist ja in der heutigen Zeit eher als "umfassender Weltentwurf" im Ideologie-Verdacht und damit verpönt. Manchmal habe ich Sehnsucht nach den alten Zeiten ... und kann allen technokratischen Lehren kaum etwas abgewinnen.



Viele Neurotiker missverstehen die Idee der Selbstüberwindung, in dem sie dauernd ergebnislos mit sich selbst hadern, d.h. sich Vorwürfe machen und kein gutes Haar am eigenen Ich lassen. Solche Selbstquälereien verdüstern die Stimmung und bewirken in der Regel auch Aggressionen gegen andere, die in der Nähe derartiger „Selbstbezwinger“ nicht gerade gut florieren. Wer sich selbst wirklich überwinden will, soll seine zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern und seine eigentlichen Lebensaufgaben – Arbeit, Liebe, Gemeinschaft, Lebenskunst und Selbstverwirklichung – angehen. Das binnenseelische Herumnörgeln führt zu nichts.


JOSEF RATTNER


In: Josef Rattner: Psychotherapie und Humor. In: Miteinander leben lernen. H.1./1981. S. 30 – 35. Zitat S. 31.

[In meiner Sammlung seit dem 15.1.1981.]

Lieblingszitate CXIX

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Ich habe längere Zeit kein „Lieblingszitat“ mehr in meinem blog veröffentlicht. Deshalb heute neue „geistige Nahrung“! Es handelt sich um ein auf den ersten Blick nicht ganz leicht „verdaubares“ Zitat meines Lehrers in die Tiefenpsychologie Josef Rattner. Zwar handelt es a u c h vom Altern und Sterbenmüssen, aber die Kernaussage ist an uns alle, dass diese unausweichlichen Perspektiven ihren Schrecken verlieren, wenn wir unser gegenwärtiges Leben ernst nehmen und gestalten! Darum ist es eigentlich ein sehr aufbauender Text!




Weisheit und Einstellung zum Tode

Das „lebenskluge“ Greisenalter ist auch durch ein freundlich - akzeptierendes Verhältnis zum Tode gekennzeichnet. Wer wahrhaft gelebt hat, wird den Tod und das Sterbenmüssen nicht als etwas Untragbares oder gar Ungerechtes empfinden. Am meisten sperren sich jene gegen die Vergänglichkeit, die die ihnen zugemessene Lebenszeit gar nicht richtig genützt haben. Aus Angst vor Entscheidungen und Verantwortungsübernahme flohen sie stets aus den jeweils gegebenen Situationen und vertrösteten sich mit Zukunftsträumereien und Vergangenheitsreprisen. Das Leben findet aber immer „im Augenblick“ statt. Wer es dort nicht erhascht und ergreift, ist auch um seine Zukunft betrogen, da diese ja ebenfalls in Form von Augenblicken heranrollt oder heranreift.

Für eine entschlossene Lebensgestaltung ist der Tod die äußerste Möglichkeit des Daseins: Sie muss nicht unbedingt thematisch in unser Planen und Handeln einbezogen werden, aber sie soll doch im „Saum unseres Bewusstseins“ anwesend sein als Erkenntnis, dass wir unabdingbar sterben müssen – ungewiss ist nur das „Wann“. Wer von Todesangst besessen ist, versäumt nicht nur seine eigenen Chancen, da er gebannt auf das Unsichtbare starrt, er wird auch schuldig gegen seine Mit- und Nebenmenschen, denen er viel Kraft und Aufmerksamkeit entzieht, um das undurchdringliche Rätsel des Vergänglichseins aufzuhellen. Spinoza betonte mit Recht, dass der freie Mensch nicht an den Tod denkt und seine ganze Klugheit auf das Leben richtet.

Josef Rattner

In: Josef Rattner: Weisheit als Charakterzug. – In: Jahrbuch für verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse. Bd. 1. Berlin 1981. Zitat S. 143.

[In meiner Sammlung seit dem 30.1.1984.]