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Dienstag, 29. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen IV

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Diese Rubrik habe ich am 7. Juni erläutert. Heute folgt die 3. Fortsetzung.

Ehrgeiz


- Gesunder Ehrgeiz ist an sachlichen Aufgaben orientiert.

- Neurotischer Ehrgeiz hingegen strebt die Überlegenheit über andere an; wahrscheinlich gehören noch eine Reihe anderer Eigenschaften/Affekte hinzu, wie Neid und Eifersucht.

- Der Musterschüler hat vermutlich weniger Ehrgeiz als der Klassenclown, der die Mitarbeit verweigert.

- Am problematischsten ist unbewusster Ehrgeiz, der besonders störend ins Leben eingreift, so z.B. bei Männern eine überhöhte Forderung an Männlichkeit, die sich dann etwa an „Frauenerfolgen“ bemisst.


Stimmungsschwankungen


Stimmungsschwankungen, für die nur schwer eine Ursache anzugeben ist, gehören zum Leben eines jeden gesunden Menschen. Eher ist es für einen neurotischen Menschen zutreffend, dass er ohne Schwankungen ständig eine gleich bleibende Stimmung hat, allerdings eine charakteristisch beeinträchtigte! Zum geschickten Umgang mit Stimmungsschwankungen gehört es, z.B. zum Beginn einer neuen Aufgabe einen stimmungsmäßig geeigneten Zeitpunkt abzuwarten. „So wie ein Zirkusreiter zum Aufspringen abwartet, bis das Pferd wieder an ihm vorbeiläuft.“


Masochismus in der Partnerschaft I


Wie erhält man am sichersten keine Liebe von anderen:

- Wenn man immer brav ist.

- Wenn man sich unterzieht und sich nicht wehrt.

- Wenn man sich ständig unterordnet.

Liebe erhält man nur dann, wenn man ein echtes Gegenüber ist.


Masochismus in der Partnerschaft II


- Der Masochist zieht sein Selbstwertgefühl aus einer moralischen Überlegenheit und fühlt sich in dieser Hinsicht dem Partner haushoch überlegen.

- Nach einer längeren Phase des „Gebens“ kann auch ein Gefühlsumschlag kommen, sich ausgenutzt zu fühlen.

- Durch das Verhalten des Masochisten fällt es dem Partner schwer, ihm gegenüber Achtung aufzubringen. Durch sein oben bereits genanntes Überlegenheitsgefühl bringt aber auch der Masochist dem anderen gegenüber nicht genügend Achtung auf.


Sucht


Sucht ist etwas, was ich zwischen mir und der Realität einlege.


Depression und Leiblichkeit


Bei der Depression klaffen Leib und Seele auseinander, während sie bei Freude zusammenspielen.

Ein Depressiver spürt seinen Leib nicht, seine allgemeine Missstimmung kann sich auch in andauernder Müdigkeit äußern.

Frust der Seele lässt sich auch über Körperliches wieder ausgleichen, bzw. körperliche Pflege und Bewegung können ein Ansatzpunkt zur Überwindung einer Depression sein.


Fähigkeit zur Auseinandersetzung


Ohne Auseinandersetzungen lassen sich keine Partnerschaft und keine Freundschaft führen, erst recht keine Schulklasse als Lehrer leiten. Mit „auseinandersetzen“ ist hierbei die Umgangsform gemeint, ohne Aggressionen/Affekte seinen Standpunkt zu verdeutlichen und sich um die Durchsetzung eigener Interessen im Gespräch zu bemühen. Es lässt sich nur schwer isoliert trainieren; wächst man innerlich insgesamt, so kann man jedoch mit stärkerem Selbstwertgefühl und geringerer Empfindlichkeit freundlicher und sachlicher in Auseinandersetzungen gehen. Vermeidet man Auseinandersetzungen, so kann z.B. der Wunsch nach Distanzierung zunehmen, das Gefühl für den anderen verschwinden bzw. sich untergründig Feindseligkeit anstauen.

[Fortsetzung folgt]

Montag, 21. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen III

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Diese Rubrik habe ich am 7. Juni erläutert. Heute folgt die 2. Fortsetzung.



Eigene Mängel als Entwicklungschancen


Jeder sollte über seine Mängel glücklich sein, denn sie sind der Ansatzpunkt für Wachstumsprozesse! Ohne Mängel wären wir „göttergleich“, damit starr und unlebendig. Es kann für einen Analysanden deshalb ein großer Schritt sein, seine Mängel zu entdecken. Mit denjenigen, die keine in der Therapie benennen, ist nur schwer zu arbeiten.

Liebe


Eine wichtige Voraussetzung für echte Liebesgefühle ist die Fähigkeit, sich auch abgrenzen zu können. Fehlt sie, kann das Liebesangebot des anderen auch als bedrohlich empfunden werden. Es kann dann wie eine Anforderung erlebt werden, von der man befürchtet, verschluckt zu werden.


Unter dem Deckmantel „Liebe“ können auch viele andere Gefühle und Charakterzüge versteckt sein, die ihr eherabträglich sind, wie z.B. Herrschsucht, Masochismus, Eitelkeit, Bequemlichkeit, Anspruchshaltung u. a.


Masochismus


Zum Masochismus gehören zwei Seiten einer Medaille: Auf der Handlungsebene unterzieht sich der Masochist, leidet und steckt mit seinen Möglichkeiten zurück. In der Phantasie/ in den eigenen Überlegungen jedoch leitet er gerade aus diesem Verhalten das Gefühl moralischer Überlegenheit her.


Deutungen


Eine gute Deutung leistet die Verknüpfung von bisher unverbunden erlebten Fakten und erhöht damit das Selbstverstehen. Derart mit Sinn behaftetes Wissen über sich selbst bleibt dann auch eher im Bewusstsein haften.


Originelle Leistungen


Etwas wirklich Originelles kann nur derjenige schaffen, der sich zuvor das vorliegende Wissen erarbeitet und in sich aufgenommen hat.

Wunderkinder haben mit diesem Lernprozess schon frühzeitig angefangen und zumeist auch später im Leben weiterhin Kultur und Wissen in sich aufgenommen.


Unterschiedliche Bedürfnisse in einer Partnerschaft


In einer mehr symbiotischen Beziehung spürt man seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen und ebenso diejenigen des Partners nicht mehr. Andere Wünsche werden als bedrohlich erlebt. Gleichzeitig droht eine solche Beziehung langweilig zu werden.

In einer sich entwickelnden Partnerschaft hingegen sind Konflikte durch unterschiedliche Bedürfnisse der Partner unvermeidlich.

Jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse, die er an den anderen herantragen muss. Ziel ist, sich auf gemeinsame Bedürfnisse zu einigen, gegebenenfalls auch etwas allein oder mit anderen zu tun bzw. auch sich abwechselnd auf die Bedürfnisse des jeweiligen anderen Partners einzulassen.

Hierdurch wird die Beziehung farbiger, naturgemäß aber auch konflikthafter. Dafür bekommen beide Partner mehr Kontur und jeder kann den anderen eher spüren.


[Fortsetzung folgt]




Donnerstag, 10. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen II

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In meinem blog vom 7. Juni habe ich die Entstehungsgeschichte dieser Rubrik erläutert. Heute folgt eine Fortsetzung.


Lebensbereiche, in denen eine eigene Entwicklung ansteht


Folgende Erlebnisweisen können einen Hinweis darauf geben, dass die eigene Entwicklung gestört ist und Neues gelernt werden sollte:

- Symptome

- Psychosomatische Symptome

- Situationen, in denen sentimentale Gefühle aufsteigen

- Affekte


Schüchternheit


Schüchternheit kann man verstehen als Expansionshemmung. Ein Gegenmittel, das nicht gleich gegen das Symptom ankämpft: Die einfachste Form von Expansion ist Sporttreiben. Das sich dann entwickelnde Stärkegefühl im Körper lässt insgesamt mehr ertragen. Auch guter Appetit ist ebenso förderlich.


Sentimentale Gefühle


Sentimentale Gefühle in bestimmten Situationen und z.B. Ergriffenheit angesichts großer Menschenmassen (als Ersatz für ein fehlendes starkes Gemeinschaftsgefühl) können Hinweise auf Lebensbereiche geben, in denen das eigene Gefühlsleben und die Handlungsfähigkeit noch unterentwickelt sind, so dass man diese „Krücken“ benötigt.


Vorbild sein für Kinder: unsere innere und äußere Ordnung


Wie wirken wir am besten als Vorbild für unsere Kinder? Wollen wir ihnen unsere äußere Ordnung aufdrängen, so zeigen sie oft Widerstand und Trotz. Positiv reagieren sie hingegen meistens dann, wenn sie spüren, dass der Erwachsene über eine innere Geordnetheit verfügt, aufgrund der er seine Entscheidungen in einer sachlichen Form fällt und danach handelt. Eine solche, mehr Harmonie in der eigenen Persönlichkeit zeigende Geordnetheit „verführt“ Kinder eher zum Nachahmen als ein reiner äußerlicher Rahmen.


Ablösung von den eigenen Eltern


Es ist sinnvoll, zwischen äußerer und innerer Ablösung von den Eltern zu unterscheiden. Im einen Fall geht es um die räumliche Trennung, im anderen um die Unabhängigkeit im Denken und Fühlen. Die innere Ablösung gelingt vielen Menschen auch im höheren Alter nicht, wenn Erwachsene z.B. von „Mutti“ und „Vati“ sprechen. Viele Menschen scheuen die Ablösung, weil sich dann ein Freiraum auftut, den sie selbst füllen müssten. Leichter ist es, wenn anschließend z.B. ein neuer Partner oder Weltbezug zur Verfügung steht. Ablösung muss von Kindern und Eltern geleistet werden. Oft kommt es zu größeren Behinderungen seitens der Eltern, die die Kinder zur eigenen Ich-Stabilisierung brauchen und ihre Entwicklung bremsen.

Eigentlich findet Ablösung ständig in der menschlichen Entwicklung statt: jeder Schritt des kleinen Kindes von der Mutter bzw. vom Zuhause weg, zählt dazu (Kindergarten, Schule, Freunde). Auch im späteren Leben ist Ablösung von Beziehungen/Aufgaben notwendig.


Eigenschaften eines guten Lehrers


Es gibt sicherlich noch zahlreiche weitere Hinweise, hier nur einige Anregungen:

- Ein guter Lehrer sollte selbst ein Lernender sein, der aus diesem Gefühl heraus sein Wissen weitergibt.

- Er sollte seine Aufgaben gut erfüllen, aber nicht auf den Beifall seiner Schüler schielen. Er sollte seine Anerkennung aus anderen Lebensbereichen holen können, d.h. nicht ausschließlich auf die Schüler ausgerichtet sein.

- Er sollte Führung übernehmen.

- Seinen Schülern gegenüber sollte er eine wohlwollende Haltung einnehmen und sich um ein psychologisches Verstehen bemühen.


[Fortsetzung folgt]



Montag, 7. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen I

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In der Zeit nach 1980 habe ich mehrere Jahre lang intensiv im Rahmen des Berliner "Arbeitskreises für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie" (Ltg. Josef Rattner) mitgearbeitet. Einiges sehe ich jetzt unter einem z.T. veränderten Blickwinkel, aber es war eine außerordentlich fruchtbare Zeit in meinem Leben! Nie wieder habe ich so intensiv etwas von anderen Menschen und von mir selbst erfahren können. Nie wieder hatte ich so leicht die Chance zu offenen Gesprächen und Freundschaften mit anderen Menschen. Und Herrn Rattner verdanke ich meine Liebe zur Tiefenpsychologie, durch die ich - immerhin schon vorher diplomierter Psychologe - eine Heimat und Orientierung im chaotischen Bereich der vielen Psychologien und ihren unterschiedlichen Menschenbildern und Wertorientierungen finden konnte. Es hat mich allerdings von der klassischen akademischen Psychologie und ihrem naturwissenschaftlichen Anspruch sehr entfremdet, denn seither überzeugen mich nur noch bedingt statistisch signifikante Koeffizienten, sondern viel mehr die "Kunst des Verstehens", ganz nach dem Vorbild des großen Individualpsychologen Alfred Adler.


In der damaligen Zeit habe ich auf Karteikarten besondere Äußerungen und Einsichten notiert, die mich in Seminaren und Therapiesitzungen bewegt hatten. Diese habe ich jetzt wiederentdeckt und mich gefragt, was ich mit ihnen anfangen könnte. Einige Aussagen erscheinen mir so wertvoll, dass ich sie nicht einfach vernichten möchte. Ich habe sie deshalb für meinen blog "gerettet", denn sie stellen weiterhin hochinteressante Einblicke in die praktische Menschenkenntnis und in eine Ethik des Zusammenlebens dar. Ich werde in der Folge gelegentlich einige "Kostproben" in unsystematischer Form auf meinem blog veröffentlichen. (Alle auf konkrete Personen bezogenen Angaben habe ich anonymisiert.)




Glück:

- In der Kindheit bedeutet es ein Verschmelzungsgefühl mit der Welt.

- Als Erwachsener ist Glück hingegen nur noch möglich, wenn man mit seinem Ich der Welt gegenüber tritt und sich mit ihr verbindet.

- Man muss sich dabei selbst spüren.

- Glück kann auch durch Hingabe an Situationen entstehen, vorausgesetzt, man hat sich innerlich entsprechend darauf eingestimmt.

- Glück entsteht als Lohn für Überwindungsarbeit von Schwierigkeiten und inneren Hürden.

- Glück hat auch etwas mit einem Verbundenheitsgefühl zur Welt und damit mit der Verbundenheit zu Menschen zu tun.


Erwachsenwerden

Erwachsenwerden heißt u. a., sich mit seinen Schwächen auszusöhnen und trotzdem nicht stehen zu bleiben, sondern sich weiter zu entwickeln und auch zu handeln. Insbesondere gehört dazu weiter zu lernen.


Erwachsenwerden

Anlässlich einer Stunde in der Gruppentherapie wurden mehrere Punkte zusammengetragen, die als Maßstab dienen können, wieweit ein Mensch auf dem Weg zum Erwachsenwerden vorangeschritten ist:

- Eingehen einer Partnerschaft

- Aussöhnung mit dem eigenen Werdegang und den eigenen Eltern

- Affekt-Stabilität

- Stabiles Selbstwertgefühl, d.h. die Fähigkeit, aus sich selbst heraus leben zu können

- Richtungsweisende Ideale


Essen

Vernünftig essen bedeutet, sich mit der Welt zu versöhnen.


Freude in sich erzeugen

Man kann Freude in sich erzeugen durch selbständige Handlungen, die eine Ich - Erweiterung bewirken.


Freundschaft

Freundschaft setzt nicht unbedingt voraus, dass die Beteiligten völlig gleich sind. Auch mit einem Abstand im Können etc. kann eine Freundschaft sehr bereichernd sein, wenn dieser Abstand keinen Neid hervorruft, sondern über Bewunderung zur Nachahmung animiert.


Zufriedenheit mit der Arbeit

Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit ergibt sich dann am leichtesten, wenn man sich ein Arbeitsfeld ausgrenzt, das im Umfang zu schaffen ist. Man sollte nicht ständig auf alle weiteren möglichen Aspekte gucken, die die eigene Leistungskraft übersteigen würden. (Diese Bemerkung bezog sich eher auf das Anfertigen wissenschaftlicher Arbeiten, im Zusammenhang mit Lohnarbeit macht es sicherlich nur wenig Sinn!)


Freunde im Gefühl bewahren

Hilfreich gegen depressive Gefühle ist es, die Gruppe / seine Freunde innerlich im Gefühl zu haben / mit sich herumzutragen. So ähnlich hat es auch der Maler Courbet gemacht. Dieser hat in seinem Atelier auf einem großen Bild alle seine Freunde vereint, die aber in Wirklichkeit nie alle gleichzeitig da gewesen waren. So konnte er sie immer alle um sich vereinen. (Diesen Hinweis verdanke ich M. B.)


Zartere Gefühle bei hektischen Menschen

Ein Analysand beklagte sich darüber, gegenüber seiner Partnerin keine ruhigen und tiefen Gefühle wahrnehmen zu können.

Herr R. deutete es so: Da der Analysand aus dem „Hektiker-Lager“ stamme, werde er bisher das Ausmaß an Hektik als Maß für die Stärke des Empfindens genommen haben. Und bei viel Hektik sei viel Aufregung. Man müsse dann erst lernen, in Ruhe in sich hineinzugucken, weil die dann möglicherweise auftauchenden Gefühle viel zarter und weniger stark in der Amplitude seien als die Hektiker-Gefühle.


Freude

Es gibt Menschen, die sich so vor Freude ängstigen, dass sie lieber an ihrer Depression festhalten. Freude hingegen bewirkt eine Öffnung zur Welt bzw. resultiert aus dieser Öffnung! Freude entsteht auch bei der Überwindung von Widerständen, bei der Erweiterung bisheriger eigener Grenzen.


[Fortsetzung folgt bei Gelegenheit]

Dienstag, 21. Juli 2009

Reminiszenzen: Diakonie im Wichernjahr 2008

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Den folgenden Text habe ich vor etwa einem Jahr für die Seite der MAV (Mitarbeitervertretung) in der Zeitschrift meiner diakonischen Einrichtung in Fürstenwalde geschrieben. Sie erschien dort in „Unterwegs“ 2/2008, S. 20 – 21.


Wie das mit „Reminiszenzen“ halt so ist, sind diese Zeilen nicht mehr druckfrisch, m.E. aber in ihren Kernaussagen immer noch durchaus aktuell.


Ich veröffentliche hier meine ursprüngliche Manuskript-Version. Die Redaktion hat seinerzeit meine vorgeschlagenen Zwischenüberschriften abgewandelt. Diese Version füge ich abschließend noch hinzu.



Und sie predigen Wasser und trinken Wein.

Diakonie im Wichernjahr


JÜRGEN LÜDER


Als Wichern seine bahnbrechende Arbeit mit sozialen Randgruppen der Gesellschaft begann, war seine Absicht, Mildtätigkeit aus christlichen Motiven heraus zu üben. Er arbeitete zunächst mit Laienhelfern, gründete Diakonen-Ausbildungen und Diakonissen-Häuser, evangelische Orden, in denen Frauen aus christlicher Überzeugung heraus ihr Leben diakonischer Arbeit widmeten und für einen „Gotteslohn“ arbeiteten.


Später dann setzte eine Professionalisierung in der Behindertenarbeit und allen anderen Bereichen sozialer Arbeit ein. Es entstanden verschiedenen Berufsgruppen mit zugehörigen „Standards“ in den jeweiligen Ausbildungen, die staatlich abgesichert wurden. Diese neuen Mitarbeiter betrachteten ihre Arbeit auch als „Broterwerb“, um ihre Familien finanzieren zu können.


Auch heute noch gibt es Auswirkungen aus der „Pionierzeit“

diakonischer Einrichtungen auf die Arbeitsbedingungen von Mitarbeiter/innen


Vieles aus der Anfangszeit diakonischer Arbeit lebt weiter im heutigen Denken und Gestalten der jetzigen diakonischen Einrichtungen. Geblieben ist insbesondere der hohe ethische Anspruch, nicht nur „gute“ Arbeit zu leisten, sondern auf religiöser Ebene „Nächstenliebe“ zu praktizieren. Als erstrebenswert gilt das Bild des „barmherzigen Samariters“, der mit Freude und ohne Hintergedanken eine hohe eigene Belastung auf sich nimmt zu einem „Gotteslohn“ als Hauptbelohnung, nicht nur aufgrund von wirtschaftlichen Überlegungen. Dies dürfte ein Nachklang des Einsatzes der Diakonissen sein, für deren Lebensführung die „Ökonomie“ nachrangig war.


Aber: In welchem anderen Wirtschafts- und Sozialbereich sind Mitarbeiter so fügsam, angepasst und bescheiden, beschweren sich selten und sind ohne viel Murren lange bereit, auch ohne Gehaltserhöhung trotz steigender Preise ihre Dienste weiter zu machen? Wo stößt gewerkschaftliche Arbeit, die sich für verbesserte Arbeitsbedingungen einsetzt, auf so geringen Widerhall wie gerade in diakonischen Einrichtungen?


Hinzu kommt, dass kirchliche und diakonische Arbeitgeber eine besondere staatliche Unterstützung genießen, die ihnen Sonderrechte gegenüber ihren Mitarbeitern einräumt und als „Tendenzbetriebe“ die betriebliche Mitbestimmung erheblich einschränkt. So gibt es lediglich Mitarbeitervertretungen im kirchlichen Bereich, aber keine Betriebsräte oder Personalräte.


Im MVG („Mitarbeitervertretungsgesetz“) der Kirche wird geregelt, wie Leitungen von kirchlichen Einrichtungen mit ihren Mitarbeitern in „Dienstgemeinschaften“ zusammenwirken sollen und ihr eigenes Arbeitsrecht in paritätisch besetzten AKs („arbeitsrechtlichen Kommissionen“) gestalten. Allen bekannt sind die AVR („arbeitsvertraglichen Richtlinien“) als verbindliches Tarifwerk diakonischer Einrichtungen.


Es kriselt jedoch. Zunehmend wollen Leitungen von Einrichtungen „Fahnenflucht“ begehen, um autoritär und einseitig eigenes Arbeitsrecht zu schaffen (z.B. Haustarife, Outsourcing von Betriebsteilen, Gründung von Leiharbeitsfirmen u.a.) Alles ist im heutigen Umfeld der Diakonie zu beobachten.


Ein Prüfstein für heutige diakonische Einrichtungen ist, ob die hohen moralischen Ansprüche für die Ausübung diakonischer Arbeit auch in der „Dienstgemeinschaft“ gegenüber den eigenen Mitarbeiter/innen gelebt werden.


So erhebt sich die Frage, ob in der gegenwärtigen Zeit der hohe moralische Anspruch diakonischer Arbeit noch eingelöst wird. Denn: soll er zu keiner doppelten Moral führen, muss er sowohl gegenüber den betreuten Menschen als auch in der Behandlung der eigenen Mitarbeiterschaft erkennbar sein.


Dort sind aber deutlich Probleme zu erkennen. Bischof Huber und die theologische Leiterin unseres Diakonischen Werkes BBO, Frau Kahl-Passoth, setzen sich vorbildhaft für Menschen in Armut in unserer Gesellschaft ein, klären mit dem Gewicht ihrer Rolle/ihres Namens über deren Lebensbedingungen auf , starten Initiativen und fordern auch staatliche Verbesserungen. Ein aktuelles Thema, wenn man an den kürzlich veröffentlichten „Armutsbericht“ der Bundesregierung denkt.


Auf der anderen Seite hat aber vor wenigen Wochen das Magazin „Panorama“ im Fernsehen berichtet, dass es Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen gibt, die so wenig verdienen, dass sie im Amt für Grundsicherung eine Hartz-IV-Aufstockung beantragen mussten.


Das sind aber nicht nur „exotische Fälle“ irgendwo in deutschen Landen, auch in unserem direkten Umfeld gibt es Bedenkliches zu berichten. Auch in Brandenburg gibt es Einrichtungen, die Hilfskräfte mit 20 Wochenstunden einstellen. Wer kann davon leben oder eine Familie gründen? Und es gibt Neugründungen von Trägern, die möglicherweise dem Diakonischen Werk (und seiner AVR) nicht mehr beitreten wollen. So scheint es jedenfalls bei der neuen „Aufwind gGmbH“ zu sein.[Anmerkung J.L. v. 21. 7. 09: Diese Firma ist mittlerweile doch dem Diakonischen Werk beigetreten.]


Veränderte Zwischenüberschriften in der Druckfassung:


Hauptamtliches diakonisches Engagement kann heutzutage nicht nur mit „Gotteslohn“ abgegolten werden, neben der „Nächstenliebe“ ist der „Broterwerb“ wichtige Motivation für die Arbeit


Auch in Brandenburg gibt es Einrichtungen, die Hilfskräfte mit 20 Wochenstunden einstellen. Wer kann davon leben oder eine Familie gründen?

Mittwoch, 1. Juli 2009

Reminiszenzen: Das ängstliche Kind

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Noch ein älterer Text von mir! Mit viel „Herzblut“ geschrieben, nicht aber in einer Sprache, wie ich sie heute wählen würde, halt ganz orthodox „Adlerianisch“, m. E. dennoch immer noch lesenswert! Dem Schreiber von damals fehlt offensichtlich noch die Leichtigkeit, der Humor und gelegentliche „Biss“, durch den das Leben neben allen ängstlichen Bahnen auch spannend und farbig wird. Offenbar habe ich etwas dazugelernt! Zumindest kann ich heute so etwas wahrnehmen.


Trotzdem ist es schade, dass mir langsam meine „Konserven“ an älteren Texte ausgehen, denn in jedem dieser Texte, gleich welcher sprachlicher Qualität, steckte eine Menge Vorbereitung, auch mal eine Nachtschicht. Für neue Texte werde ich deshalb ziemlich fleißig sein müssen! Nachtschichten allerdings werde ich mir nicht mehr antun, dafür fehlen glücklicherweise drängende Abgabetermine, meine Kondition ließe es auch überhaupt nicht mehr zu – und vielleicht der wichtigste Grund: meine Familie braucht mich am nächsten Morgen in einem frischen Zustand, damit unser kleiner Sohn Paul Jakob rechtzeitig in die Schule kommt! Ein völlig anderes Leben als vor 25 Jahren. Dafür belohnt mich Paul Jakob, der sonst große Probleme durch eine schwere Sprachbehinderung hat, durch eine schöne Eigenschaft, die ich im Zusammenhang mit diesem Artikel sehr zu schätzen weiß: er ist wissbegierig, mutig, zwar kein „Draufgänger“, aber gewiss nicht so ängstlich wie sein Vater im selben Alter! Hut ab!

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Der folgende Aufsatz erschien erstmalig in dem Themenheft „Erziehungsfragen und Elternberatung“ von MITEINANDER LEBEN LERNEN, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 10. Jahrgang, H.4. Juli 1985, S. 30 – 33.


Das ängstliche Kind


Jürgen Lüder


Kinderängste sind ein so weit verbreitetes Phänomen, dass der kundige Beobachter sie hinter vielen Tarnungen entdecken kann. Nicht nur das offensichtlich schüchterne und furchtsame Kind leidet unter ihnen. Die vielfältigsten Kinderfehler und Verhaltensauffälligkeiten wie etwa Aggressivität, Aufsässigkeit und Trotz oder Rückzug, Leistungsverweigerung und Schulversagen sind oft nur ein Überbau, durch den sich das Kind vor Ängsten zu schützen sucht.


Während Angst in geringer Stärke geradezu einen Entwicklungsanreiz darstellt, Wege zu ihrer Überwindung zu suchen, führt sie in starkem Maße in eine seelische Sackgasse, da sie das Lernen blockiert: Das eine Kind erstarrt wie gelähmt, während das andere nur die aggressive Verteidigung nach vorn kennt; beides Reaktionen, die eine freie, sachgerechte Entscheidung und das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen unmöglich machen.


Am Beispiel eines betont furchtsamen Kindes soll in diesem Artikel untersucht werden, wie es zur Ausbildung starker Ängste kommen kann, wie sie das Lebensgefühl des Kindes prägen und welche Möglichkeiten bestehen, ein solches Kind aus seiner Entwicklungs-Sackgasse herauszuführen.



Joachim, der „Angsthase“


„Meine Mutter nannte mich bevorzugt ihr ‚Häschen’, und ähnlich war auch mein Lebensgefühl: Überall drohten Gefahren, vor denen ich mich nur durch Flüchten zu schützen wusste. Ich wuchs überwiegend unter Erwachsenen auf, auch mein Bruder war sehr viel älter als ich; sie empfand ich als groß und stark, mich als klein und hilflos. Hinzu kam, dass meine besorgten Eltern, insbesondere meine selbst ängstliche Mutter, alle meine Schritte im Auge behielten. So traute ich mir eigenständiges Tun nur wenig zu, und jede Trennung von meiner Mutter versetzte mich in Schrecken. Besonders stark erlebte ich dies bei einem Krankenhausaufenthalt, beim Eintritt in den Kindergarten und in den ersten Schulwochen.


Während mir die Mutter durch ihr Vorbild deutlich machte, dass man vorsichtig und zurückhaltend sein müsse, bewertete sie mein Verhalten anders, wenn es ihr zuviel wurde, dass ich schon wieder weinend zu ihr gelaufen kam. Sie äußerte dann ihre Besorgnis und ihren Kummer, wie es später mit mir weitergehen solle, wenn ich mich nicht wehrte, kaum mit anderen Kindern spielte und auf dem Spielplatz unten am Kletterbaum stehen blieb, während die anderen Kinder fröhlich im Gipfel herumturnten. In der Tat war ich besonders im Sport sehr unbeholfen und hatte in der Schule mehrfach kleine Unfälle, nach denen ich immer verkrampfter wurde; wie gelähmt stand ich vor den Turngeräten. Erst spät lernte ich Radfahren und Schwimmen.


In der Schule war ich nur so lange gut, wie ich den Stoff ohne Mühe bewältigen konnte. Fehler fürchtete ich und traute mich nicht, schlechte Noten den Eltern zu zeigen. Für die Mitschüler blieb ich eher ein Sonderling, den sie in den ersten Jahren wegen seiner Empfindlichkeit gern hänselten. Mir selbst wurden meine Kontaktprobleme erst in der Pubertät bewusst. Jetzt hätte ich gern einen Zugang zu den anderen gefunden, wusste aber keinen Weg, weil mir ihre Interessen und Einstellungen fremd waren. Insgesamt blieb ich auf Erwachsene fixiert, passte mich ihnen brav und altklug an, aggressive Gefühle waren in unserer Familie tabuisiert. Als Spätfolge meiner Erziehung zur Angst sehe ich besonders meine Hemmungen im vitalen Bereich, so dass ich erst durch die Therapie gelernt habe, mir mutiger Kontakt zu erschließen, mich mit meinem Körper durch Sport anzufreunden, auch heftigere Gefühle als mir zugehörig zu erleben und erstmalig wirkliches Leben in mir zu spüren.“



Der Charakter des ängstlichen Kindes


Auch eine andere Familienatmosphäre als diejenige bei Joachim kann ein Kind ängstlich machen, wenn etwa die Eltern sich oft aggressiv und strafend verhalten. Bei ihm treffen aber mehrere Faktoren zusammen, die oft bei der Ausbildung ängstlicher Charakterzüge bei Kindern zu finden sind: Er schildert seine Mutter selbst als ängstlich. Seine starken Trennungsängste beim Verlassen der Mutter deuten auf eine zu enge, symbiotische Beziehung hin, in der es leicht zu Gefühlsansteckungen kommen kann. Atmosphärisch überträgt sich dann die Angst auf das Kind.


Joachim, ein Nachkömmling, wird bei allen seinen Schritten behütet. Dies bedeutet viel Verwöhnung und mangelndes Ausprobieren eigener Kräfte, was ihn dazu verleitet, lieber in der beschützten „Sanatoriumsluft“ der Familie zu bleiben. Er schreckt vor der härteren Umwelt zurück, die in Kindergarten und Schule höhere Anforderungen an Selbständigkeit und Selbstbehauptung gegenüber Gleichaltrigen stellt, und möchte lieber in die Arme der tröstenden Mutter zurücklaufen. Trost allein ohne Ermutigung und Hilfestellung für ein eigenständiges Tun ist jedoch schädlich, da er das Kind wiederum in seiner Meinung bestärkt, klein und hilflos zu sein.


So hat Joachim mit allen Entwicklungsschritten große Mühe, die ein Loslassen der Familie und ein Hineingehen in die Welt bedeuten: Kindergarten, Kinderfreundschaften, Schule, sich mit anderen messen und einen Platz in der Gemeinschaft erringen . Dies ist ihm zu hart, er ist nicht neugierig auf die Welt, die ihn nur wenig verlocken kann. Er spürt, dass er auf ihre Aufgaben schlecht vorbereitet ist, ihm Erfahrungen und Wissen fehlen.


Hinzu kommt, dass ein ängstliches Kind durch seine Ungeübtheit und Unbeholfenheit leicht in Situationen geraten kann, die es durch negative Erfolge immer stärker in Hemmungen und Vermeidungshaltungen hineintreiben, wenn es sich doch einmal hervortraut oder gefordert wird. Ein solcher Teufelskreis zeigte sich bei Joachim beim Sport. Hier kann man mit Freude und Lockerheit viel erreichen, mit Hemmungen und Steifheit hingegen nur Niederlagen einstecken, die als Erwartungsangst das Kind in der nächsten Situation noch steifer machen.


Am Anfang der Angstentwicklung mag bei Joachim die Gefühlsansteckung durch die Mutter gestanden haben, im Laufe der Zeit wird sie aber auch zu seiner eigenen „Errungenschaft“, die er als Schutz vor den natürlichen Härten des Lebens unbewusst in seinen Lebensplan einfügt. Adler zählt die Angst zu den trennenden Affekten, durch sie kann man Distanz zu Menschen und Aufgaben einlegen, aber zu welchem Preis! Die andere Wirkung der Angst, zu deren Absicherung ängstliche Kinder ebenfalls Charakterzüge wie Schüchternheit, Bravheit, Vorsicht und auch Misstrauen entwickeln, ist ein Appell an nahe Kontaktpersonen um Hilfestellung und Verwöhnung. „Durch ihre Furcht können sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, … um ihr Ziel zu sichern, die Verbindung mit der Mutter wiederzugewinnen. Ein furchtsames Kind ist immer ein Kind, das verzärtelt worden ist und wieder verzärtelt werden will“ (1). Eltern, die selbst ängstlich sind, werden sich meist nur schwer solchen kindlichen Signalen entziehen können.



Ermutigung des ängstlichen Kindes


Wer besorgt über die ängstlichen Züge seines Kindes ist, muss mehrere schwierige Aufgaben überdenken, um dem Kind ein angstfreieres Verhalten zu ermöglichen: Welches Vorbild leben wir, stecken wir das Kind mit unserer eigenen Angst an oder zeigen wir ihm, dass wir als Erwachsene sie ebenfalls kennen, uns aber dennoch um ihre Überwindung bemühen? Dann wird es wichtig sein, die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem besser zu verstehen, um nicht allen Angstappellen nachzugeben und das Kind immer wieder in seiner irrtümlichen Meinung über sich, seine Möglichkeiten und Kräfte zu bestätigen. Möglicherweise gehört dazu, ihm einen größeren Lebensraum zuzubilligen und die “verhakelte“ Beziehung zu lockern.


In der dann entstehenden angstfreieren Atmosphäre wird die Lernbereitschaft des Kindes wieder stärker angeregt. Direkte Schritte gegen seine Ängste sind wenig hilfreich, Fortschritte werden wir nur erzielen, wenn wir sein geringes Selbstwertgefühl in kleinen Schritten fördern und ihm durch viel Zuwendung und Ermutigung Hilfestellung geben, seine Lücken in Umweltkenntnissen und Lebenstechniken zu verringern.


Dann wird das Kind auch dazu in der Lage sein, vermehrt Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen. Wie schon Adler betonte, gibt es kein besseres „Heilmittel gegen das den Menschen jederzeit bedrohende Angstgefühl“ als „die Förderung menschlicher Verbundenheit, die Einfügung in die Gemeinschaft, die allein ein mutiges und schöpferisches Leben möglich macht“ (2).


(1) zit. nach: Heinz L. u. Rowena R. Ansbacher (Hrsg.): Alfred Adlers Individualpsychologie, München 1972, S. 358.

(2) Josef Rattner: Erziehe ich mein Kind richtig? Frankfurt a. M. 1978, S. 68.

Dienstag, 23. Juni 2009

Reminiszenzen - Erziehung zur Mußefähigkeit

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Ein weiterer meiner älteren Artikel, zeitlich gesehen „leicht angestaubt“, aber nach meinem eigenen Empfinden „nicht von gestern“! Einiges würde ich heute anders formulieren, Kritik schärfer fassen; einige der damaligen „Neuerungen“, über die ich mich damals mokierte, haben ihrerseits bereits Patina angelegt und wurden von noch „schärferen Varianten“ abgelöst. Aber das Thema bleibt anziehend für mich, Muße ist und bleibt eine hohe Lebenskunst! Und an einigen Stellen in meinem alten Artikel scheint hindurch, was damit gemeint sein könnte. Das habe ich befriedigt beim Wiederlesen festgestellt und hoffe auf eine ähnliche Wirkung bei meinen Lesern!

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Der folgende Aufsatz erschien erstmalig in dem Themenheft „Muße als Lebenskunst“ von MITEINANDER LEBEN LERNEN, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 10. Jahrgang, H.2. März 1985, S. 43 – 48


Erziehung zur Mußefähigkeit


Jürgen Lüder


„Der erste Anblick der See hypnotisierte mich förmlich. Als ich mich ihr in strahlendem Sonnenlicht … näherte, kam sie mir wie etwas Schwebendes, wie ein zitterndes lebendiges Ungeheuer vor, das bereit war, sich auf mich zu stürzen. Wir drei zogen die Schuhe aus und planschten im Wasser. Das Gefühl von lauem Seewasser um Spann und Ferse, vom sanften Nachgeben des Sandes unter meinem Tritt bereitete mir Entzücken. Was war das für ein Tag – der safranfarbene Stand, bestreut mit rosa und blauen Eimerchen, mit Holzschaufeln, farbigen Zelten und Sonnenschirmen, Segelboote, … die nach Teer und Tang rochen – ein Zauber, der in meiner Erinnerung fortdauert.“ (1)


Muße in der Kindheit – an diesem schönen Beispiel ist zu sehen, welche beglückende, noch den Erwachsenen bereichernde Erfahrung dies sein kann, mit allen Sinnen sich einer neuen Situation hinzugeben und ganz absichtslos in den Augenblick einzutauchen.


Nur scheint sie ein eher seltenes Phänomen zu sein. Denn bei der Durchsicht von Kindheitsbeschreibungen berühmter Persönlichkeiten konnte ich nur wenige Beispiele finden, die Muße so deutlich spiegeln wie hier bei Charly Chaplin. Viel mehr Raum nehmen etwa Ängste, Konflikte mit harten oder verständnislosen Erziehern und das Leben und Arbeiten in der Schule ein, die sich als Erinnerung einprägten.


Kindheit, ein ohnehin im kulturellen und sozialen Wandel der Zeiten sehr verschwimmender Begriff, entpuppt sich als ein Mythos, wenn man damit unbekümmerte Jahre uneingeschränkten Glücks verbindet. Zu dieser Täuschung dürfte der teils erstaunt freundliche, teils neidische Blick des Erwachsenen beitragen, der selbstvergessen spielende Kinder beobachten kann.


Zweifellos gehört aber die Muße zu den höheren Lebenswerten, die angesichts des sich immer mehr ausweitenden Raums für Freizeit besondere Bedeutung erlangen. Die Wurzeln zu ihrer Befähigung verweisen in die Kindheit. Deshalb soll in diesem Artikel untersucht werden, unter welchen Rahmenbedingungen sich Mußefähigkeit entwickeln kann, insbesondere im kindlichen Spiel. Die heute auf Konsum und Zerstreuung ausgerichteten und damit Freiräume für Muße gleichzeitig wieder einschränkenden gesellschaftlichen Bedingungen sollen ebenso aufgezeigt werden wie einige Hinweise, wie Erwachsene Kinder zu einem Leben mit mehr Muße hinführen könnten.



Muße und Erziehung


Was ist Muße? Die Artikel dieses Heftes machen deutlich, dass ihre Inhalte individuell variieren und zeitabhängig sind, aber es werden gemeinsame Strukturen deutlich. Wie das Glück ist sie ein Seelenzustand, der Spuren in der Erinnerung hinterlässt, sich aber weder erzwingen noch gar festhalten lässt. Ähnlich wie die Liebesfähigkeit, die manche Autoren mit ihr gleichsetzen, lebt sie vom Augenblick und bewirkt ein sensorisches und emotionales Verschmelzen mit der Situation; Grenzen können überschritten werden, ohne feste Ziele zu verfolgen, was Vergnügen und Lust bereitet. Die Zeit geht passiv verloren, Ergebnisse und Erfolge werden unwichtig gegenüber der Freude an der Erinnerung an ihren Ablauf.


Damit Muße überhaupt entstehen kann, sind manche Voraussetzungen notwendig, die einerseits die Situation, andererseits den sich der Muße hingebenden Menschen betreffen. So muss Zeit zur Verfügung stehen, ein Freiraum bestehen, der frei von Zwängen ist. Aber nur ein Mensch, der keine drängenden Lebensprobleme hat, die sonst ängstigen, und Handlungen abgeschlossen hat, d.h. arbeiten konnte, wird sie zu nutzen fähig sein. In diesem Sinne betont Rohrlich: „Das lustvolle Erlebnis der Grenzenlosigkeit in Muße und Liebe hängt davon ab, dass man zunächst feste persönliche Grenzen errichtet hat … Man muss ein fest umrissenes Selbst haben, um es in Muße … wirklich zu verlieren. Arbeit als Voraussetzung für die Errichtung ausgestalteter persönlicher Grenzen geht nicht nur in dem praktischen Sinn der Muße voraus, dass man Geld verdienen muss, um seine Freiheit zu genießen. Sie geht ihr auch im psychischen Bereich voraus.“ (2)


Solche fest gefügten Ichgrenzen kann ein Kind noch nicht haben, aber in der Kindheit wird der Grundstock gelegt, dass sie sich entwickeln können. Überhaupt kann Erziehung nicht direkt Muße anstreben, da dies deren Wesen widerspricht, aber Rahmenbedingungen schaffen, dass sie möglich wird, wenn das Kind positiv auf die Entwicklungsanreize reagiert.


Aufgrund von Erfahrungen aus seiner eigenen Kindheit betont Russell eine solche Bedingung, nämlich das produktive Aushalten von Langeweile, aus der heraus sich erst Gedanken, Gefühle und Wünsche entwickeln können: „Schon den Kindern sollte beigebracht werden, ein mehr oder weniger einförmiges Leben zu ertragen.“ (3) Zu viele äußere Anregungen wirkten erschöpfend, führten nicht zu Glück und größeren Leistungen; vielmehr sollte die Freude der Kinder das sein, was sie selbst mit Mühe und Erfindungsgabe der Umgebung abgewinnen könnten.


Es gibt viele Lebensbereiche, in denen Muße erlebbar sein kann: beim Feiern, Lesen, in neuartigen Situationen, die ein Staunen hervorrufen, beim Sport, in der Natur u. a. m. Als besonders bedeutungsvoll soll hier der Bereich des Spiels herausgegriffen werden, denn „das Spiel ist sicherlich eine der großen Lebenssphären des Menschen, die ihn von der Kindheit bis ins hohe Alter beschäftigt, in der Jugend als Vorschulung für das Leben, später als Muße und schöpferische Entspannung, wo er zu sich selber kommt und sich seiner inneren Kräfte bewusst wird.“ (4)



Muße und Spiel


Diese herausragende Bedeutung des Spiels deutete bereits Schiller an („Der Mensch ist nur dort Mensch, wo er spielt.“), Eugen Fink bezeichnete es als „Oase des Glücks“, und der Kulturphilosoph Huizinga widmete ihm ein ganzes Buch: „Homo Ludens“ (der spielende Mensch), in dem er folgende Definition gibt: „Spiel ist eine freiwillige Handlung oder Beschäftigung, die innerhalb gewisser festgesetzter Grenzen von Zeit und Raum nach freiwillig angenommenen, aber unbedingt bindenden Regeln verrichtet wird, ihr Ziel in sich selber hat und begleitet wird von einem Gefühl der Spannung und Freude und einem Bewusstsein des ‚Anderssein’ als das ‚gewöhnliche Leben’“. (5)


Je nach Blickwinkel kann man beim spielenden Kind verschiedene Aspekte im Vordergrund sehen, sein Tätigsein voller Elan aufgrund überschüssiger Energie, das lustvolle Erleben, sein Hineinwachsen in die Welt der Großen durch Nachahmung und Identifizierung, Erholung von anderen Tätigkeiten und Pflichten, insbesondere eine Förderung von Kreativität und Phantasie. Walter Schraml, der verschiedene Theorien zusammenzufassen sucht, betont besonders die schöpferische Seite des Spiels bei gleichzeitiger Freiheit von einfachen Bedürfnissen, Aspekte, die sehr an die obigen Ausführungen über Muße erinnern. (6)


Wesentlich scheint auch zu sein, dass die Spielfreude von der Zweckfreiheit des Spiels abhängt. Dies konnten amerikanische Psychologen in einem Experiment mit zwei Kindergruppen nachweisen, von denen der einen gesagt worden war, sie würden für ihr Spiel anschließend eine Belohnung erhalten, während man die andere einfach spielen ließ. In einer späteren Situation zeigten die ursprünglich belohnten Kinder viel weniger Lust, sich erneut mit dem schon bekannten Spielzeug zu beschäftigen; durch die Belohnung scheint das Spiel für sie eher Arbeitscharakter gewonnen zu haben, während sich die Kinder der zweiten Gruppe gern erneut mit dem Angebot vergnügten. (7)


Nun scheint diese „Oase“ aber in der heutigen Zeit sehr bedroht zu sein; Maria Winn spricht regelrecht von einem Verschwinden der Kinderspiele, insbesondere in der Gruppe der 6 – bis 12jährigen, wofür sie das Fernsehen und die Freizeitindustrie verantwortlich macht, die die Kinder in eine passive Konsumentenhaltung drängten und ihnen auch kaum noch Zeit zum Spielen ließen. (8) Besonders verwöhnte Kinder haben ohnehin wenig Spaß am selbständigen Spiel, weil sie von der Bestätigung durch die Eltern abhängig sind. Das heute angebotene Spielzeug dient oft mehr dem Profit des Herstellers als den Bedürfnissen der Kinder, deren Interesse an komplizierten, nur wenig beeinflussbaren Techniken rasch nachlässt. Zwar erfahren Kinder heute viel mehr über die Welt als frühere Generationen, jedoch vermittelt durch die Medien, während ihre unmittelbaren Umwelterfahrungen, etwa mit der Arbeitswelt der Eltern oder der Natur, eher zurückgegangen sind. Dies nivelliert nach Schraml auch das kindliche Spiel.



Mußefeindlicher Konsum


Wie sehen die konkreten Rahmenbedingungen aus, in denen Kinder heute überwiegend aufwachsen? Das folgende Bild ist sicherlich überspitzt, soll aber die Mußefeindlichkeit unserer heutigen Welt herausarbeiten. Die Situation ist paradox. Noch nie hatten Menschen mehr Freizeit als heute, Muße müsste kein aristokratischer Wert für wenige mehr sein, doch tatsächlich wird sie weniger gelebt als früher, weil andere Werte zählen: Leistung, im Konkurrenzkampf Bestehen und Konsum. Auch Kinder können schon einen Terminkalender wie ein Manager haben: Tanzen, Reiten, Sportverein, Nachhilfe …


Im Zuge dieser Entwicklung haben Fernsehen und Video „stillere Medien“ wie das Buch weitgehend verdrängt. Durch die gleichzeitige Darbietung von Ton und Bild bieten sich nur noch wenig Interpretationsmöglichkeiten für die eigene Phantasie. Extrem scheint diese Reizüberflutung bei einer amerikanischen Neuerung, den Video-Clips, zu sein, die eine hektische Untermalung von Musik bieten: „Früher stellte man die Lautstärke ein und genoss die Musik. Jeder mit seinen eigenen Empfindungen, eigenen Bildern. Damit ist nun Schluss. Videos diktieren ihre Version des Songs.“ (9)


Eine weitere, Erwachsene eher abstoßende , Kinder hingegen oft begeisternde Neuerung sind die Video-Spiele (Winn: „Video statt Murmeln“), die durch ihr Tempo und die begrenzte Spielzeit zu einer künstlichen Aufputschung und Erregung führen, während bei herkömmlichen Spielen Kinder selbst über Dauer und Verlauf bestimmen konnten.


Zu Hause erleben Kinder dann oft Erwachsene, wenn sie überhaupt für sie greifbar sind, die sich nach einem anstrengenden Arbeitstag abends konsumierend entspannen oder die Hektik und Nervosität in die Familie hineintragen. Oft herrscht auch eine Muße verhindernde Dauerspannung, wenn die Erwachsenen sich nicht mehr verstehen, aber keinen Weg finden, ihre Konflikte zu klären. Andere Eltern neigen dazu, ihre Kinder stark zu verwöhnen, vielleicht aus dem Schuldgefühl heraus, sich ihnen emotional nicht genügend zuwenden zu können, oder um sie einfach ruhig zu stellen. Solche Eltern fühlen sich leicht verantwortlich, ständig ihren Kindern „ein Programm“ zu bieten, sie mit Spielzeug oder Freizeitangeboten zu überhäufen, so dass die Kinder kaum lernen können, sich aus eigenem Antrieb zu beschäftigen. Sie fühlen sich dann ohne die Erwachsenen wenig tüchtig und erfolgreich und können nur wenig Selbständigkeit erwerben.


Auch das heutige Bildungssystem ist eher mußefeindlich und verkopft. Leistungen und kognitive Lernprozesse werden bereits im Kindergarten gefördert. Die „Sesamstraße“, ursprünglich als Lernkompensation für benachteiligte Unterschichtkinder konzipiert, wurde zum Lernstoff für gut vorbereitete Kinder des Mittelstandes. Geringer wurde hingegen die Zeit für phantasievolle Spiele, hinter denen nicht gleich ein didaktisches Modell steht. Berichte über „Schulangst“ zeigen, dass sich diese Entwicklung in der Schule fortsetzt, deren Zensurendruck besonders im Hinblick auf die heutige Ausbildungsmisere („Schaffe ich meinen Numerus clausus?“ „Bekomme ich eine Lehrstelle?“) Kinder schon früh unter Stress setzt. Es ist fraglich, ob dadurch eine wirkliche Arbeitsfähigkeit entstehen kann. Besonders scharf ist hier die Kritik von Hengst, „dass Schulunterricht von sinnlich-tätigen und selbständigen Lernprozessen, von Erfahrungen mit Ernstcharakter abschneidet und auf diese Weise entfremdet (10).“



Wege zur Muße


Jeder Versuch, Kindern dennoch den Bereich der Muße zu erschließen, muss mit der starken Konkurrenz der Umwelt rechnen. Fernsehen und andere Medien sind eine unumstößliche Realität; sie mit Vorstellungen guter alter Zeiten, in denen eine unschuldigere Kindheit möglich war, zu kritisieren, hilft nicht viel weiter.


Dennoch haben Erwachsene in der Familie, im Kindergarten oder in der Schule eine gute Chance, die aber schwieriger zu verwirklichen ist als Nachhilfe oder didaktische Spiele: Wir müssen beginnen, unser Leben so weit in Ordnung zu bringen, dass wir dem Kind Muße vorleben können, sie zu einem hohen Wert erheben und uns in dieser Richtung entwickeln. Können wir eine gute Beziehung zum Kind herstellen, wird es uns als Vorbild akzeptieren. Denn man lernt von dem, den man liebt!


Ebenso wichtig ist es, das Kind als eigenständige Persönlichkeit zu respektieren; Geborgenheit und Wohlwollen mindern seine Ängste und können es ermutigen, seinen Kräften zu vertrauen und eigene Wege zu versuchen.

Konkret heißt dies, eine freundliche Familienatmosphäre zu schaffen, sich dem Kind mehr zuzuwenden, miteinander zu spielen oder Vergnügungen zu teilen, auch im musischen Bereich, daneben aber Zeit und Freiraum für jeden einzelnen zu ermöglichen. Statt Verwöhnung hilft dem Kind eher eine „reizarme Erziehung“, in der es sein „eigenes Programm“ suchen muss. Statt einer Flut von Spielzeugen kann man gezielte Angebote auswählen. (11) Fernsehsendungen kann man gemeinsam aussuchen und hinterher über sie sprechen. Überhaupt scheint ein gemeinsames Gespräch eines der besten Mittel zu sein, in Ruhe miteinander umzugehen und dem Kind Anregungen zu geben, über sich nachzudenken und eigene Vorstellungen zu entwickeln.


Was hier über den Umgang von Eltern mit ihren Kindern gesagt wurde, dürfte sich auch auf die Situation eines Lehrers übertragen lassen, dem es gelingt, eine ruhigere Arbeitsatmosphäre aufzubauen und der nicht die Kinder durch ständige eigene Aktivität verwöhnt, sondern ihnen hilft, selbständig zu denken und arbeitsfähiger zu werden.


Eine der schönsten Formen gemeinsamer Muße dürfte es sein, miteinander zu feiern und die Zeit dabei zu genießen. Denn „einige der emotional am stärksten benachteiligten Menschen, die ich jemals gesehen habe, sind jene, deren Dasein, als sie Kinder waren, nicht durch Ereignisse wie Geburtstagseinladungen gefeiert worden war“, weil die Erwachsenen dies als albern oder als Verschwendung angesehen hatten. (12)



Literatur

(1) Ursula Voß (Hrsg.), Kindheiten, München 1979, S. 163.

(2) Jay B. Rohrlich, Arbeit und Liebe, Frankfurt a.M. 1984, S. 68 – 69.

(3) Bertrand Russell, Eroberung des Glücks, Frankfurt a.M. 1982, S. 46.

(4) Josef Rattner, Erziehe ich mein Kind richtig? Frankfurt a.M. 1978, S. 76.

(5) Johan Huizinga, Homo Ludens, Reinbek b. Hamburg 1981, S. 37.

(6) Walter J. Schraml, Einführung in die moderne Entwicklungspsychologie, Frankfurt a. M. 1980, S. 410 – 424.

(7) Rohrlich (1984), S. 59.

(8) Maria Winn, Kinder ohne Kindheit, Reinbek b. Hamburg 1984.

(9) Vgl. STERN Nr. 35/84.

(10) Heinz Hengst, Kindheit als Fiktion, in: DIE ZEIT Nr. 41/74.

(11) Schraml (1980), S. 423: Empfehlungen des „Arbeitsausschusses Gutes Spielzeug“

(12) Rohrlich (1984), S. 63.