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Samstag, 13. April 2019

Bücherschau

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Diese Bücher habe ich u.a. in der letzten Zeit entdeckt. Ich finde ihre Themen sehr aufschlussreich und möchte mich in Kürze genauer mit ihnen beschäftigen:

Klaus Lindner: Anfang und Ende der Welt. Eine Geschichte des Kosmos. - Leipzig u.a.: Urania 1995.

Das ist dann ja schon fast ein antiquarischer Titel! Ich habe länger nach einer derartigen Darstellung  gesucht, die eine Einordnung ermöglicht, wie besonders und kurzfristig unsere menschliche Kultur in der Weltgeschichte angesiedelt ist, unsere Erde als Nußschale im Kosmos, in der wir alle nur eine winzige Zeitspanne verbringen dürfen! Eine Mahnung zur Bescheidenheit, ein Aufruf zur Solidarität aller Menschen aller Zeitspannen aufgrund ihrer nur so kurzen Existenz und eine Mahnung an alle Despoten und "Menschheitsbeglücker", die ihre tatsächliche Bedeutung über alle Maßen überschätzen!

Carel van Schaik und Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. - Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Vlg. 4. Aufl. 2018. (= rororo 63 133). 

Dies ist kein religiöses Buch im üblichen Sinn! Es ist der Versuch, die Erzählungen der Bibel zu deuten als Grundlage für eine Betrachtung der Evolution der Natur und Kultur des Homo sapiens.
 
Steven Levitsky und Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können. - München: DVA 2018.

Ein mich beängstigendes Thema! Angesichts der politischen Verwerfungen in der Welt und der gewaltigen Aufmerksamkeit für rechte Themen allerorts in den Medien scheint aber die lange Jahre so friedliche Entwicklung bei uns nach der Wende nachhaltig gestört bzw. abgebrochen, eine Tatsache, die ich lange nicht wahrhaben wollte. 


 

Montag, 5. März 2012

Mein Motto für den Monat März 2012: Auswirkungen innerer Fülle oder Leere

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Ein wunderbares Buddha-Zitat! Ohne inneren Reichtum ist auch die schönste Umgebung nur öd und leer. Und was ich lebe, wird lebendig in dieser Welt!

Was hier ist, ist überall.

Was nicht hier ist, ist nirgends.

Buddha

Motto in: Helga Schubert, Die Welt da drinnen, Fischer-Tb. 15 632

Aufgenommen in meine Sammlung am 14.4.2002.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Revolutionäres Weihnachten

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Die Weihnachtsgeschichte, ernst genommen und nicht nur zum Mythos verklärt, beinhaltet eine revolutionäre Botschaft! Die dürfte aber den Menschen weitgehend abhanden gekommen sein, und unsere Welt befindet sich eher noch immer in einem vorrevolutionärem Zustand.

Um so wichtiger, die Botschaften um Christi Geburt am Leben zu halten:


"Friede auf Erden" verkünden die Engel. Und den hätte sie bitter nötig, mehr denn je!

Die Geburt eines Kindes symbolisiert einen tiefen Einschnitt: Neues Leben ist entstanden und mit ihm die Verheißung eines Neubeginns, die Chance, Altes hinter sich zu lassen und Neues zu wagen!

Das Heil auf Erden kommt in der christlichen Verkündung nicht als mächtiger und reicher König auf die Erde, sondern als hilfloses Kind in ärmlichster Umgebung! Welch ein Signal für alle diejenigen, die ihre Bedeutung davon ableiten, reich, mächtig und anderen überlegen zu sein. Nichts wird ihnen davon bleiben, denn "das Totenhemd hat keine offenen Taschen" und der Ruhm auch der Berühmtesten verblasst irgendwann.

So freue ich mich auf Weihnachten, denn diese Botschaften bewegen mich - Jahr für Jahr - tief.

Montag, 17. Oktober 2011

Mein Motto für den Monat Oktober 2011: Wege zum Glück

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Z.Zt. sehe ich meine vielen Bücher durch, was von ihnen wirklich aufhebenswert ist und von welchen Titeln ich mich auch trennen könnte. Bei dieser Gelegenheit ist mir auch ein Buch des Psychosomatikers Arthur Jores in die Hände gefallen, das mich seit meiner Studentenzeit begleitet. Darin fand ich das folgende schöne Zitat wieder:


Glück erlebt der Mensch immer dann, wenn er sich in Übereinstimmung befindet mit dem Lebensgeschehen, das Leben in sich oder in anderen fördert. [a.a.O. S. 175]

Eigentlich wollte ich es bei diesem Kernsatz belassen. Aber da heute "Glück"sbücher verbreitet und beliebt sind, geradezu ein Modethema, kann Herr Jores gut darüber Auskunft geben, ob die heutigen Autoren wirklich originell sind oder vielleicht sogar Wesentliches auslassen. Ich zitiere deshalb auch noch die anschließenden Erläuterungen:

Glück erlebt der Mensch demnach in der gekonnten und um ihrer selbst vollzogenen Leistung, im Spiel, im Tanz. Glück erlebt er, wenn er das Leben einer Pflanze, eines Tieres oder seines Nächsten fördert. Glück erlebt er in der Liebesbeziehung und in der Zeugung neuen Lebens. Dieses wären die aktiven Seiten, aber Glück kann der Mensch auch in der Passivität erleben. Schon zu all den oben genannten Glückserlebnissen ist er nur fähig, wenn er in den genannten Handlungen einen Teil seines eigenen Ichs überwindet und sich selbst verliert. Wenn er es nicht tut, dann ist das, was ihm gegben wird, Lust, aber nicht Glück. Glück erlebt der Mensch weiter in dem Genuß der Natur, in dem Genuß eines Kunstwerkes und schließlich wohl die höchste Form des Glückserlebens, die nur wenigen Menschen möglich ist, in der mystischen Versenkung, in dem Erlebnis des Einswerdens mit dem Schöpfer. Zum Glück gehört also ein Teil Selbsthingabe. Ichverstrickung macht glücksunfähig, Überwindung der Ichverstrickung ist aber [...] auch der Weg, der zur Gesundheit führt. Geld ist nur dann ein Glücksbringer, wenn es genutzt wird zur Entfaltung auf bis dahin verschlossenen Gebieten. [a.a. O. S. 175-76; wenn ich mich richtig erinnere, war A.J. bekennender Katholik!]

Gefunden in: Arthur Jores: Der Mensch und seine Krankheit. Grundlagen einer anthropologischen Medizin. 3., erw. Aufl. - Stuttgart: Klett 1962.

Wenn man das so liest, liegt der Zeitbezug nahe: alle, die z.Zt. an den Kapitalmärkten zocken und ihre Gier ausleben, werden dadurch evtl. reicher, mächtiger, wahrscheinlich gieriger (Gier macht weiteren Hunger, aber nicht satt!), mit Sicherheit aber nicht glücklich. Ist das jetzt nur die Rationalisierung der Neidgefühle eines Habenichts? Wohl nicht, denn vor etwa 20 Jahren hat mich einmal das Börsengeschehen fasziniert (als Kleinstkapitalist); ich weiß, wieviel "Libido" für bereicherndere Dinge im Leben mir wieder zur Verfügung stehen, nachdem ich mich radikal aus diesem Bereich gelöst habe.

Dienstag, 24. Mai 2011

Lieblingszitate CLVII: Immanuel Kant

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Je mehr du gedacht, je mehr du getan hast, desto länger hast du gelebt.

Immanuel Kant

Gefunden als „Schlussstein“ im Publik-Forum 10/2011 v. 20.5.11

Montag, 3. Januar 2011

Spielregeln für die Menschheit: Das Projekt "Weltethos"

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Ich möchte das in meinem letzten blog zuletzt erwähnte Thema wieder aufgreifen:

Mich hat schon immer die Frage fasziniert, nach welchen "Spielregeln" ein Zusammenleben aller Menschen auf diesem Planeten besonders gut funktionieren könnte. Alle "Heilslehren", die dies bisher der Menschheit bringen wollten, sind daran gescheitert, dass sie andere bereits existierende Lehren ersetzen wollten und deshalb auf großen Widerstand stießen. Oder dass Fanatiker und Machtlüsterne sich ihrer bemächtigten und sie "umfunktionierten" und damit gegen das Gebot von Freiheit im Denken und im Lebensvollzug verstießen. So geschehen mit den Idealen der Französischen Revolution durch ihre eifrigsten "Verfechter"!

Was könnte dagegen Abhilfe leisten? Auf der religiösen Ebene gibt es bereits das große Projekt "Weltethos", initiiert von dem katholischen Theologen Hans Küng. Er ruft die großen Religionen auf, in einen Dialog zu treten und sich auf ihre ethischen Gemeinsamkeiten zu besinnen, die die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit bilden könnten.

Ein großartiges Ansinnen! Mir ist es allerdings noch etwas zu theologisch, und ich würde es gern um alle anderen ethischen Grundsätze erweitern, die im Laufe der Kulturgeschichte der Menschheit von ihren Vordenkern in einem Diskurs in Jahrhunderten und Jahrtausenden entwickelt worden sind. Um die Erde auch zukünftig zu einer (ohnehin sehr gefährdeten) Heimat der Menschheit zu machen, ist es mehr als notwendig, dass alle Gutwilligen zusammenstehen und ihre Kräfte bündeln, egal aus welchem weltanschaulichen Lager sie anfangs aufgebrochen sind. Die Religiösen haben es dabei allerdings etwas leichter als die Atheisten, denn sie können hoffen, dass ihre Überzeugungen in irgendeiner Form eine göttliche Verankerung außerhalb ihrer selbst haben. Die Atheisten hingegen können sich nur auf den bisherigen Diskurs der Menschheit beziehen. Ihre Werte sind also eine menschlich-kulturelle Schöpfung, für die sie ganz allein die Verantwortung übernehmen müssen. Vielleicht fällt ihnen aber dadurch die Toleranz gegenüber Varianten im Denken etwas leichter als einem Gläubigen die Toleranz gegenüber fremden Dogmen...

Um das Projekt "Weltethos" noch etwas konkreter darzustellen, füge ich einige Erläuterungen an, die ich "Wikipedia (de)" entnommen habe:

1993 trafen sich in Chicago Vertreter vieler Religionen, die eine "Erklärung zum Weltethos" verabschiedeten. Sie formulierten folgende Leitsätze:

  • "Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau."
Die Grundforderung lautet: "Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden!" Außerdem erkennen alle die "Goldene Regel" an. (Im Sinne von: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem anderen zu".)

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Weihnachten - nur ein Zitat?

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Es gab eine Phase in meinem Leben, da war ich sehr puristisch: Nur was einer kritisch-historischen Überprüfung standhielt, fand ich akzeptabel. Und die "Leben-Jesu-Forschung" hatte herausgefunden, dass nur wenige der im Neuen Testament geschilderten Ereignisse historisch korrekt wiedergegeben sind. Wie sollte so etwas die Grundlage einer Glaubenslehre sein können?

Heute bin ich nicht gläubiger geworden, gegenüber biblischen Texten aber viel toleranter und anerkennender und kann sie in ihrer Funktion, die keine kritische Geschichtsschreibung, sondern Tendenzliteratur ist, eher verstehen und akzeptieren.

Allerdings war es mit den Texten über Weihnachten ohnehin schon immer etwas anderes für mich als mit denjenigen über das österliche Geschehen und Pfingsten, die mir auch heute noch sehr fremd geblieben sind. Denn welche Wortgewalt spricht aus dem Lukas-Text! Weltliteratur in der Übersetzung von Martin Luther!!

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. [...]

Wie oft habe ich diesen Text seit meiner Kindheit gehört, auch selbst schon vorgelesen, fast rezitiert, denn er gehört zu den wenigen, die ich immer noch nahezu vollständig auswendig kann. Dazu die alten Weihnachtslieder, in denen es tatsächlich noch um Christi Geburt geht, nicht der rührselige Kitsch, der mit dem 19. Jahrhundert in die Welt kam!

Welch ein Ereignis, wenn die Engel auf dem Felde den verängstigten Hirten ihre frohe Botschaft überbringen! Als älterer Gymnasiast sang ich im Kirchenchor die h-moll-Messe von Bach mit. Ein Chorsatz ist der Verkündigung der Engel gewidmet, wenn auch im lateinischen Text. Er ist mir nie mehr aus dem Kopf gegangen:

Et in terra pax hominibus bonae voluntatis!

Weihnachten - ein Symbol für die Chance eines Neubeginns, denn für welch ein anderes Ereignis soll sonst die Geburt eines Kindes stehen? Für die Verheißung von Frieden für alle Menschen, so wie es die Engel der Geschichte verkünden. Und die Aussage, dass es um ganz einfache Menschen geht, die hier eine entscheidende Rolle für das Heil der Welt spielen, keine Fürsten, keine Vertreter weltlicher Macht, ohne Prunk und ohne Reichtum. Ein wunderbares Bild! Auch für mich, dem sonst christliche Theologie fern ist. Und welch ein Auftrag für alle Menschen dieser Erde! Durchaus "kompatibel" mit den ethischen Forderungen und Bildern anderer Religionen und Lehren!

Da macht es mir nichts, dass nach heutigem Verständnis weder Jahr noch Ort der Geburt Christi gesichert sind (wahrscheinlich kam Jesus nie in seinem Leben nach Bethlehem) und dass die "Jungfrauengeburt", die soviel theologischen Streit (mit gefährlichen Konsequenzen für Häretiker, die sie ablehnten) hervorgerufen hat, wahrscheinlich nur auf einem Übersetzungsfehler ins Griechische beruht. Das schmälert in meinen Augen die Sinnhaftigkeit des Bildes der Geburt Christi in keiner Weise.

Lukas war eben auch schon ein "Mann des Zitats", der weniger der Historie verpflichtet war, stattdessen aber in seinem Text, ganz tendenziös, den Auftrag sah, alle Verheißungen der Propheten der jüdischen Tradition zusammenzuführen und zu zeigen, dass sie auf Jesus als Christus zuträfen. Und nach dieser Tradition musste der Heiland der Welt, der Messias, in Bethlehem geboren werden, "um die Schrift zu erfüllen!" Seine Leser werden es so erwartet haben, nicht aber ein historisch abgesichertes Dokument.

Welche anderen zahlreichen "Anleihen" an damals gängige Vorstellungen von Mythen und Göttern im Judentum, bei den Völkern im vorderen Orient und in der hellenistisch geprägten Kultur im Mittelmeerraum in den Bibeltext eingeflossen sein mögen, darüber informiert das folgende Buch sehr trefflich:

Martin Koschorke: Jesus war nie in Bethlehem. 3. Aufl. - Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgemeinschaft 2008.

Kurz dazu ein Zitat aus dem Klappentext:

"Martin Koschorke, Theologe und Soziologe, stellt allgemeinverständlich und lebendig dar, warum die Geschehnisse so und nicht anders erzählt wurden. Damit führt er den Leser ins Innere der Weihnachtsgeschichte und zeigt, dass die emotionale und spirituelle Wahrheit manchmal anders aussieht als die historische. Koschorke hilft, die ursprünglichen Intentionen der biblischen Texte besser zu verstehen." [Text leicht angepasst von J.L.]

Mir hat in diesem Jahr die Beschäftigung mit der Weihnachtsgeschichte unter diesem Blickwinkel dazu geholfen, nicht mehr nur einäugig auf die historischen Fakten zu sehen, sondern mich gleichzeitig auch für die Rezeptionsgeschichte der biblischen Texte zu interessieren, was mein Bild ungemein erweitert.

Ich habe noch einen weiteren Gewährsmann gefunden, der mir die Augen für diese Sichtweise geöffnet hat. Ebenfalls ein sehr empfehlenswerter (und viel kürzerer) Text:

Christoph Levin: Wie aus dem Jesus von Nazareth der Christus von Bethlehem wurde. Die Weihnachtsgeschichte mit den Augen eines Alttestamentlers gelesen. - In: Weihnachten. Publik-Forum EXTRA 6/09. S. 10 - 13.





Donnerstag, 9. Dezember 2010

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

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Was passt besser zu meinem letzten blog-Eintrag und zu dem Thema "Lebensgrenzen anerkennen" als das folgende Märchen der Brüder Grimm? Ich habe es schon in meinem dort erwähnten uralten Artikel über "Angst vor Krankheit und Tod" in Teilen zitiert. Hier der vollständige Text:



Die Boten des Todes

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße; da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und rief: "Halt! keinen Schritt weiter!" - "Was", sprach der Riese, "du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du , dass du so keck reden darfst?" - "Ich bin der Tod", erwiderte der andere, "mir widersteht niemand, und auch du musst meinen Befehlen gehorchen." Der Riese aber weigerte sich und fing an, mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer, heftiger Kampf, zuletzt behielt der Riese die Oberhand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, dass er neben einem Stein zusammensank. Der Riese ging seiner Wege, und der Tod lag da, besiegt, und war so kraftlos, dass er sich nicht wieder erheben konnte. "Was soll daraus werden", sprach er, "wenn ich da in der Ecke liegenbleibe? Es stirbt niemand mehr auf der Welt, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, dass sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen." Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied und warf seine Augen hin und her. Als er den Halbohnmächtigen erblickte, ging er mitleidig heran, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trunk ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam. "Weißt du auch", sagte der Fremde, indem er sich aufrichtete, "wer ich bin und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?" - "Nein", antwortete der Jüngling", "ich kenne dich nicht." - "Ich bin der Tod", sprach er, "ich verschone niemand und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, dass ich dankbar bin, so verspreche ich dir, dass ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will, bevor ich komme und dich abhole." - "Wohlan", sprach der Jüngling, "immer ein Gewinn, dass ich weiß, wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin." Dann zog er weiter, war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, bald kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn bei Tage plagten und ihm nachts die Ruhe wegnahmen. "Sterben werde ich nicht", sprach er zu sich selbst, "denn der Tod sendet erst seine Boten; ich wollte nur, die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber." Sobald er sich gesund fühlte, fing er wieder an, in Freuden zu leben. Da klopfte ihm eines Tages jemand auf die Schulter: er blickte sich um, und der Tod stand hinter ihm und sprach: "Folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen." - "Wie", antwortete der Mensch, "willst du dein Wort brechen? Hast du mir nicht versprochen, dass du mir, bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? Ich habe keinen gesehen." - "Schweig", erwiderte der Tod, "habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? Kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? Hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? Zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? Brauste dir's nicht in den Ohren? Nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? Ward dir's nicht dunkel vor den Augen? Über das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? Lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?" Der Mensch wusste nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tode fort.

Brüder Grimm


Der Anfang des Märchens gibt schon Rätsel auf, sollte er nicht nur ein Kunstgriff des Erzählers sein, einen früheren Kontakt des Menschen mit dem Tode herzustellen, weil sonst die Geschichte ihre Pointe verlieren würde. Aber wie wir auch immer den Riesen interpretieren mögen, wir sind keiner, und für uns beginnt die Geschichte erst analog im zweiten Teil ...

Ich habe dieses Märchen zitiert nach: Dietrich Steinwede (Hrsg.): Wie das Leben durch die Welt wanderte. Märchen der Menschen von Tod und Leben. - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1983. S. 16 - 18. [Ich besitze es seit 1984.]

Dienstag, 7. Dezember 2010

Im Bergwerk der Gedanken: alles ist möglich

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Wer die Bibel und andere religiöse Schriften liest, wird mit dem Gedanken vertraut sein: Für jede Überzeugung gibt es irgendwo eine Fundstelle, die den betreffenden Menschen darin bestätigt, recht zu haben! "Liebe" ist das Gebot des N.T., und dennoch haben sich Generationen von Christen gegenseitig das Leben schwer gemacht, wer von ihnen wirklich im Besitze des rechten Glaubens sei. Unzählige sind dafür gestorben. In unserer Zeit wird besonders um die "richtige" Auslegung des Islam gestritten. "Gewalt" wird dabei von den meistens Gläubigen und Schriftgelehrten abgelehnt, was hilft's, wenn fanatische Islamisten anders denken und vor allem: handeln!

Was religiöse Texte können, können Politiker ebenfalls: Wie oft sind viele von ihnen schon "umgefallen" und vertreten plötzlich veränderte Positionen: Wenn diese auf einem echten Lernprozess beruhen, ist das eine ehrenwerte und nachahmenswerte Angelegenheit, anders verhält es sich nur, wenn es um die "Mäntelchen im Wind" geht.

Diese Ausführungen sind dabei alle nur ein Vorspann für das folgende kurze Zitat über Friedrich Nietzsche.Denn auch Philosophen können etwas von dieser irritierenden Vieldeutigkeit haben, die sie aber dadurch besonders interessant für denjenigen machen, der auf der Suche nach einem berühmten Gewährsmann für eigene Gedanken ist. Bei Nietzsche könnte er fündig werden!

"Im Bergwerk dieses Denkers ist jedes Metall zu finden. Nietzsche hat alles gesagt und das Gegenteil von allem." - Giorgio Colli

Nun hoffe ich sehr, dass wenigstens die Aussage von G.Colli stimmt! Ich habe sie im neuesten JOKERS-Katalog gefunden (den ich hier nicht aus Reklame-Gründen erwähne, aber Quellenangaben sind mir eine Ehrensache und wichtig. Dort auf S. 20.)

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Wieder einmal naht Weihnachten, das Fest des Schenkens

Wieder einmal naht Weihnachten, und ich habe bereits weitgehend mein „Pulver verschossen"! Denn in den zurückliegenden Jahren habe ich bereits alle meine Lieblingsgeschichten und Gedichte, die ich früher in Schulzeiten gern vorlas, unter der Rubrik "Weihnachten und Neues Jahr" in meinen blog gesetzt. Wer sich aber dennoch dafür interessiert, möge sie dort aufrufen.

Klüger geworden bin ich seither nicht unbedingt, neue Texte habe ich auch kaum hinzugelernt, aber ich bin bescheidener geworden. Während ich früher eher die Häme hatte, mich innerlich über diejenigen zu erheben, die einen weniger kritischen Blick auf all diese Ereignisse hatten, Weihnachten viel konventioneller begingen oder auch nur am weihnachtlichen Konsumrausch teilnahmen, den ich natürlich mit Verachtung abstrafte, sehe ich das jetzt alles viel milder und mich selbst nicht mehr so puristisch in der Rolle eines Richters über guten Geschmack oder angemessene Rituale. Meine (kritischen) Wertmaßstäbe haben sich dabei nicht sonderlich verändert, Weihnachtsrummel liegt mir weiterhin fern, aber ich halte mich nicht mehr so stark für das "Maß der Dinge".

Zu diesem Schritt hat mir sehr der folgende Text von Norbert Copray geholfen, den ich im Dezember 2009 im Publik-Forum Newsletter 9/2009 gefunden habe. Extra aufgehoben für dieses Jahr! Und jetzt von mir zitiert:

Weihnachten ist ja zu einem Fest geworden, das weltweit auch außerhalb des Christentums seine Anhänger gefunden hat und heute für viele mehr Bedeutung hat als noch vor dreißig oder vierzig Jahren. Doch was für eine Bedeutung? Man mag das störend und manchmal erschreckend kommerziell und übertrieben finden, aber im Mittelpunkt dieses Festes steht das Schenken – unabhängig von Religion und Kultur. Dabei hat man festgestellt, dass sehr viele Menschen etwas schenken, was dem anderen und ihnen selbst Freude macht. Es mag Exzesse geben, aber überwiegend hat das Schenken an Weihnachten mit so etwas zu tun wie: auf kluge Weise Freude machen. Man kann auch Zeit schenken, Gedichte, Bilder, Lieder, die Begleitung eines Menschen durch kritische Zeiten.

Wie man es auch dreht und wendet: Die Menschen haben weltweit das Richtige am Weihnachtsfest gefunden. Es ist eine Zeit des Schenkens aus einer oftmals unbewussten Erinnerung heraus an das bedeutendste Geschenk. Gott, das Göttliche, die umgreifende Weisheit, Brahman – wie immer man es sagen will -, kurz: die lebendigmachende und lebendigerhaltende Liebe schenkt sich den Menschen. Und spiegelt sich wider in den millionenfachen Geschenken, die die Menschen einander zur Freude machen. Denn das ist das Ziel des Schenkens: Freude bereiten – zur Liebe entfachen. Seien wir also nicht kleinlich, wenn’s nun bald ans Schenken geht. Auch hilfloses und kommerziell überfrachtetes Schenken ist ein Zeichen für Sehnsucht nach Liebe und Liebesversuche. Achten wir das nicht gering, dass Menschen tun und mitunter unbewusst nachahmen wollen, was Gott tat und tut: Liebe schenken. Das ereignet sich auch dort, wo geschenkt wird, selbst wenn es dabei unbeholfen zugeht.

Mittwoch, 24. November 2010

Lieblingszitate CXXXXIX: Tibetanische Weisheit

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Was wir aus unserem Leben gemacht haben,

lässt uns zu dem werden, was wir sind,

wenn wir sterben.

Und alles, absolut alles, zählt.


Aus „Das Tibetanische Buch vom Leben und vom Sterben“

Gefunden als Motto in dem Buch v. Diane Broeckhoven, Ein Tag mit Herrn Jules, München, Beck-Vlg. 2005

Sonntag, 21. November 2010

Große und kleine Geister

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tummeln sich auf der Erde. Bei allen Ambitionen, die ich entwickele, werde ich stets nur zu den kleinen gehören. Auch wenn mich mein Ehrgeiz früher gepackt hätte, wäre ich trotzdem nur ein kleiner Geist ... Schicksal! Ich teile es mit der großen Mehrheit der Menschheit.

Dabei ist aber allen Geistern gemeinsam, unabhängig von der Größe, bis zu der sie es hier gebracht haben, dass ihre Zeit auf Erden nur begrenzt ist, ebenso wie die Spuren, die sie im Gedächtnis der Menschen hinterlassen. Sie verblassen. Bei den einen geht es etwas schneller, bei den anderen dauert es länger, aber selbst bei den größten Größen ist die Erinnerungszeit nicht unbegrenzt. Irgendwann wird die Erde verglühen...

Es ist wie in der Bibliothek in Hermann Kasacks "Stadt hinter dem Strom": Irgendwann zerfallen alle Bücher zu Staub; dann, wenn sie sich überlebt haben, auch die heiligen.

Montag, 8. November 2010

"Gelassenheit" - Der 7. Engel von Anselm Grün

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Den schönsten Text über Gelassenheit habe ich bei Anselm Grün gefunden. Mittlerweile gibt es so viele Schriften von ihm, einen Beratungsbrief und Kurse bietet er wohl auch an, außerdem ist er der Wirtschaftsleiter seines Klosters: Ob er das als Einzelperson wirklich alles schaffen kann? Oder ist es mittlerweile die Marke "Anselm Grün", zu der verschiedene Personen ihren Beitrag leisten?

Wie auch immer, ich finde sein Büchlein "50 Engel für das Jahr" sehr aufbauend und erhellend, obwohl ich eigentlich mit christlicher Erbauungsliteratur ein Problem habe. Die "Engel" stellen aber in einer so wunderbaren Weise menschliche Grundhaltungen und Werte dar, die in einer schwebend-meditativen Erzählweise den Leser beflügeln, sie sind ja schließlich auch Engel! Irgendwie ein wunderbares Bild für Helfer, die den Menschen zur Seite stehen könnten, wenn sie sie wahrnehmen oder zulassen.

Mag es Menschen geben, die ihnen eine reale geistige Kraft zumessen, während sie für andere nur Symbole wirkmächtiger Ideen sind. Sie haben in meiner Wahrnehmung und meinem Erleben Kraft und wirken. Auch bei einem Atheisten wie mir ...

Deshalb möchte ich Anselm Grün zitieren und von mir ausgewählt Auszüge seines "7. Engels" zur Erhellung des Problems der Gelassenheit in meinen blog setzen. Aber auch alle anderen 49 Engel sind studierenswert!!


Auszüge aus:

Anselm Grün:

7.

Der Engel der Gelassenheit

"Nichts haben, alles besitzen", so lässt sich die Haltung von Weisen aus allen Religionen, zu allen Zeiten, beschreiben. Nur wer sein Herz an nichts Geschaffenes hängt, wer loslassen kann, woran andere hängen, der ist wirklich frei. Gelassenheit war für die Mystiker des Mittelalters ein wichtiges Wort. Vor allem Meister Ekkehart spricht immer wieder von der Gelassenheit. Gelassen ist ein Mensch, der sein Ego losgelassen und sich in Gott hinein ergeben hat, der ruhig geworden ist in seinem Herzen, weil er sich in den göttlichen Grund hinein hat fallen lassen. [...] damit wir in unserem Innersten unser wahres Wesen erkennen, den unverfälschten Personkern. Gelasssenheit als Haltung innerer Freiheit, innerer Ruhe, als gesunde Distanz zu dem, was von außen auf mich einströmt [...] kann auch eingeübt werden. Um zur Gelassenheit zu gelangen, muss ich vieles lassen.

Da ist erst einmal die Welt, die ich lassen soll. [...] Der Mensch soll das Hängen am Eigentum, am Erfolg, an der Anerkennung lassen. Denn wer an etwas Irdischem hängt, der wird abhängig. [...]

Lassen ist keine asketische Leistung, die wir uns mühsam abringen müssen. Vielmehr kommt sie aus der Sehnsucht nach innerer Freiheit und aus der Ahnung, dass unser Leben erst dann wirklich fruchtbar wird, wenn wir unabhängig und frei sind. Wenn wir nicht mehr abhängig sind von dem, was andere von uns denken und erwarten, wenn wir nicht mehr abhängig sind von der Anerkennung und Zuwendung von Menschen, dann kommen wir in Berührung mit unserem wahren Selbst.

Die Gelassenheit fordert aber auch ein Lassen von mir selbst. Ich soll mich selbst nicht festhalten, weder meine Sorgen, noch meine Ängste, noch meine depressiven Gefühle. Viele Menschen klammern sich an ihren Verletzungen fest. Sie können sie nicht lassen. Sie benutzen sie als Anklage gegen die Menschen, die sie verletzt haben. Aber damit verweigern sie letztlich das Leben. Wir sollen auch unsere Verletzungen und Kränkungen lassen. [...] Fähigkeit, Dich von Dir selbst zu distanzieren, zurückzutreten und Dein Leben von einem anderen Standpunkt aus, von einem Stand jenseits Deiner selbst, anzuschauen. Wer sich so gelassen hat, der kann gelassen reagieren auf die aufgeregten Berichte der Medien. Der kann gelassen antworten auf Kritik und Ablehnung. Er gerät nicht in Panik bei jeder Kritik. Er fühlt sich nicht bedroht. Er hat keine Angst, dass ihm der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Denn er hat Distanz gewonnen [...]

Gelassenheit ist nicht Selbstbeherrschung. Der Gelassene braucht nicht Haltung zu bewahren, weil er einen andern Standpunkt hat, weil er von schlimmen Nachrichten gar nicht im Innersten getroffen wird. Weil er sich und seine Auffassung, wie sein Leben ablaufen sollte, gelassen hat, kann ihn nichts so leicht aus der Bahn werfen. [...]

Manch einer verbeißt sich in einer hitzigen Diskussion. Er meint, er sei es seinem Gewissen schuldig, dass er die Wahrheit vertritt. Der Engel der Gelassenheit zeigt Dir in solchen Diskussionen, dass die Wahrheit nicht in der Richtigkeit der Worte und der Argumente liegt, sondern auf einer anderen Ebene. Wahrheit meint Stimmigkeit, Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Das, was wir absolut wahr halten, ist oft nur Ausdruck unserer eigenen Projektionen. [...] Wer um die tiefste Wahrheit weiß, der geht gelassen in die Diskussion, nicht resignierend, weil wir die Wahrheit doch nicht erkennen können, sondern im Wissen darum, dass unsere Erkenntnis immer relativ ist, dass es immer verschiedene Standpunkte geben kann, dass die Wahrheit wohl in der Mitte der streitenden Parteien liegen wird. [...]

Quelle: Anselm Grün: 50 Engel für das Jahr. Herder-Vlg. 1997. S. 32 - 35.


Samstag, 6. November 2010

Die Wurzeln der menschlichen Existenz im Märchen von Georg Büchner

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Harte Kost! Es gibt nicht wenige Leute, die dieses Märchen als nihilistisch bezeichnen. Aber vielleicht ist es nur ehrlich. Ich sehe es in gewissem Sinne als Fortsetzung meiner beiden blog-Beiträge mit den Zitaten von Bert Brecht und Erich Formm vom vergangenen Freitag (5.11.2010) über die Wurzeln der menschlichen Existenz. Zeitlich gesehen ist es allerdings ein Vorläufer, 100 Jahre älter als die Texte der beiden anderen Verfasser.


Das Märchen der Großmutter

Es war einmal ein arm Kind und hatt’ kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingegangen und hat gerufen Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich an, und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt wie der Neuntödter sie auf die Schlehen steckt und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen und war ganz allein, und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein.

Georg Büchner, Woyzeck

Gefunden in: Die schönsten Märchen. Hrsg. von Peter Härtling. – Berlin: Aufbau-Vlg. 2009. S.7.


"Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein." Das ist eine traurige Situation, aber ist sie so grundlegend anders als bei Herrn Keuner, der aus dieser Einsamkeit ableitet, dass offenbar viele Menschen lieber an einen Gott glauben? Und soviel anders als die Aussage von Erich Fromm, der vom "fundamentalen Alleinsein und der Verlassenheit in einer Welt" spricht? Aber Erich Fromm formuliert gerade daraus seine Forderung, dass der Mensch tätig werden und sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen müsse, nicht aber in seiner unproduktiven Trauer verharren dürfe, wie es noch das kleine Mädchen bei Büchner tut. Und mit der Chance auf gute Resultate, denn Erich Fromm ist alles andere als ein Nihilist!!


Bemerkenswert finde ich außerdem, dass ich dieses Märchen ausgerechnet in einer Sammlung von Peter Härtling wiedergefunden habe, den ich wegen seiner einfühlsamen Bücher, besonders für Kinder und Jugendliche, hoch schätze. Auch alles andere als ein nihilistischer Autor, ganz im Gegenteil, wenn ich mir die warmherzigen Botschaften, mit denen er sich für die Belange von Kindern und solchen Menschen, die etwas anders sind, einsetzt, dabei aber immer ein sachliches Auge behält und keine Lebensbedingungen beschönigt.

Für ihn steht dieses Märchen als Erinnerung an eine historische Aufführung des "Woyzeck" im Berliner Schlossparktheater, einer Inszenierung, die er als "treffend" bezeichnet. Sie hätte etwas von einem unendlich traurigen Kasperletheater gehabt. In einer Situation, die für Härtling offenbar exemplarisch für das Erzählen von Märchen war, habe Elsa Wagner in einer unnachahmlichen Weise diese Worte von Georg Büchner vorgetragen. Dieses Erlebnis hat Peter Härtling offenbar so beeindruckt, dass er deshalb diesen Text als ersten in seiner Märchensammlung aufführt.

Eine Zumutung für Kinder? Oder das Vertrauen in die Wahrheit dieser Aussagen und in die Kraft der Sprache von Georg Büchner?

(Quelle: Das oben zitierte Buch, S. 5 - 6)

Unverbesserliche Ignoranten und Esel

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Irgendwie dachte ich, dass ich nicht richtig lese und mich auf einem anderen Planeten befinde, dann habe ich mich "gekniffen" und festgestellt, dass ich nicht träume und diese Sätze tatsächlich in der Zeitung stehen. Ich gebe sie zum Besten! (Gefunden in: Publik Forum, Nr. 21 v. 5.11.2010, S.7)

Elke Werner, Leiterin des internationalen Netzwerks für christliche Frauen Wings innerhalb der Lausanner Bewegung Frauen in der Evangelisation, hat die Gewalt gegen Frauen unter evangelikalen Christen beklagt. "Manche Frauen in christlichen Familien werden von ihren Ehemännern geschlagen. Die Männer rechtfertigen dies durch eine falsche Bibelauslegung, die Unterordnung und Gehorsam gegenüber dem Ehemann gebietet", kritisiert Werner.

Welche Esel und Chauvinisten laufen in unserer angeblich so aufgeklärten Zeit noch herum! Und das, wenn an anderer Stelle der Diskussion die christlich-jüdischen Wurzeln unserer Kultur beschworen werden und damit indirekt um den "Untergang des Abendlandes" gefürchtet wird! Arme Welt!

Freitag, 5. November 2010

Lieblingszitate CXXXXVI: Die Wurzeln der menschlichen Existenz im Blickwinkel von Erich Fromm


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Wer A sagt, muss auch B sagen … Das ist mir in diesem Falle aber eine angenehme Pflicht: Bert Brecht hat mich mit seiner Keuner-Geschichte über Gott seinerzeit sehr in meiner Suche nach einem eigenen Standpunkt zu allen religiösen Fragen bestärkt (vgl. meinen letzten blog-Eintrag). Ein weiteres Fundament meiner Überzeugungen, die sich damals in meiner jungen Studentenzeit herausbildeten, waren die Äußerungen von Erich Fromm, auf den Punkt gebracht in dem nachher folgenden Zitat.

Dieser Text hat für mich insofern noch die besondere Bedeutung, dass durch meine Lektüre von Erich Fromm meine zwiespältige Haltung zu meinem damaligen Psychologiestudium deutlich wird, die sich dann durch mein ganzes weiteres Leben als „Dipl.Psych.“ durchgezogen hat. Erich Fromms Bücher zu studieren war in den Augen vieler Kommilitonen und sicherlich der meisten Professoren schon so etwas wie „Kaffeesatz lesen“, rein spekulativ, ohne empirisch nachprüfbare Grundlage, ein Schlag ins Gesicht einer Psychologie, die den Naturwissenschaften nacheifert und nur an Signifikanzen glaubt. Alles das, was ich irgendwie oft recht dröge und langweilig fand, weil fundamentalere Fragen des Menschseins dadurch aus dem Gegenstandsbereich der Psychologie einfach herausfielen. So ist es für mich auch weiterhin geblieben. Durch mein Psychologiestudium habe ich immerhin wichtige Methoden der Datenerhebung und Verarbeitung erlernt, dazu eine Menge empirischer Forschungsergebnisse, gelegentlich gab es auch einmal eine erfrischende Insel in diesem trockenen Meer: Peter R. Hofstätter als Prof. in Hamburg war noch ein universeller Geist, der so gebildet war, seine empirische Psychologie auch in einem großen geisteswissenschaftlich-philosophischen Zusammenhang sehen zu können. Und Reinhard Tausch machte uns bekannt mit den Ansätzen von Carl R. Rogers, zunächst noch zur Beruhigung aller naturwissenschaftlichen Psychologen über eine Unzahl von kleinen empirischen Studien mit ihren „Signifikanzen“, später aber auch stärker in Würdigung des phänomenologisch-verstehenden Hintergrunds von Rogers. Meine psychologische Heimat habe ich dann, wie in meinem blog schon häufiger dargestellt, erst viel später nach meinem Studium in der Tiefenpsychologie, speziell in dem auf eine „verstehende Psychologie“ zielenden Ansatz der Individualpsychologie von Alfred Adler gefunden.

Da mein Fromm-Zitat einem größeren Zusammenhang entnommen ist („Psychoanalyse und Ethik“, Kap. über „die existentiellen und historischen Widersprüche im Menschen“), fehlen in meinem Auszug einige wichtige Definitionen die ich hier noch voranstellen möchte: Existentielle Widersprüche im menschlichen Dasein seien unauflösbar, so die fundamentale Gegebenheit des Todes. Historische Widersprüche hingegen hätten Menschen selbst in ihrer Geschichte durch bestimmte gesellschaftliche Bedingungen erzeugt, z.B. die Sklaverei in bestimmten Epochen. Sie zu überwinden, haben immer Menschen gekämpft – und tun es bei anderen Themen auch weiterhin, oft mit Erfolg!

Doch nun ein Ende meines langen Vorspanns! Jetzt soll Erich Fromm selbst zu Worte kommen [die Hervorhebung , die ich in eine andere Farbgebung gesetzt habe, entspricht den Vorgaben E.Fromms, alles andere geht auf mich zurück, J.L.]:

Der Mensch kann auf historische Widersprüche reagieren, indem er sie durch eigenes Handeln aufhebt; existentielle Widersprüche dagegen kann er nicht aufheben, sondern nur auf verschiedene Arten darauf reagieren. Er kann sie durch beruhigende und beschönigende Ideologien beschwichtigen. Er kann seiner Ruhelosigkeit durch äußerste Aktivität, sei es in Vergnügungen oder in der Arbeit, zu entfliehen versuchen. Er kann seine Freiheit aufheben, indem er sich zu einem Instrument außer ihm liegender Mächte macht, mit denen er sein Ich identifiziert. Trotzdem bleibt er unzufrieden, angsterfüllt und ruhelos. Es gibt nur eine Lösung: der Wahrheit ins Auge sehen und sich mit dem fundamentalen Alleinsein und der Verlassenheit in einer Welt abfinden, die dem menschlichen Schicksal gegenüber indifferent ist, und anzuerkennen, dass es keine den Menschen transzendierende Macht gibt, die sein Problem für ihn lösen kann.

Der Mensch muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen und sich damit abfinden, dass er seinem Leben nur durch die Entfaltung seiner eigenen Kräfte Sinn geben kann. Aber dieser Sinn bedeutet nicht Gewissheit; das Suchen nach einem Sinn wird durch den Wunsch nach Gewissheit sogar erschwert. Ungewissheit ist gerade die Bedingung, die den Menschen zur Entfaltung seiner Kräfte zwingt. Sieht er der Wahrheit furchtlos ins Auge, dann erfasst er, dass sein Leben nur den Sinn hat, den er selbst ihm gibt, indem er seine Kräfte entfaltet: indem er produktiv lebt. Nur ständige Wachsamkeit, Aktivität und unermüdliches Bemühen bewahrt uns davor, in der wesentlichen Aufgabe zu versagen – in der Aufgabe, unsere Kräfte voll zu entwickeln innerhalb der Grenzen, die durch unsere Lebensgesetze gezogen sind. Der Mensch wird nie aufhören, immer wieder verwirrt zu sein und sich neue Fragen zu stellen. Nur wenn er die menschliche Situation, die seiner Existenz innewohnenden Widersprüche und seine Fähigkeit der Entfaltung erfasst, kann er seine Aufgabe lösen: er selbst und um seiner selbst willen zu sein und glücklich zu werden durch die volle Verwirklichung der ihm eigenen Möglichkeiten – der Vernunft, der Liebe und der produktiven Arbeit.

Erich Fromm: Psychoanalyse und Ethik. Stuttgart 1954. S. 59 – 60.

[in meiner Sammlung seit dem 17.9.1983]

Lieblingszitate CXXXXV: Bert Brecht und die Wurzeln der menschlichen Existenz

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Fast mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass ich diese Keuner-Geschichte von Bert Brecht, die mir besonders viel bedeutet und die mir schon seit langer Zeit ein guter Ratgeber war, noch nicht in meinen blog gestellt habe. Ich hole es heute nach!

Die Frage, ob es einen Gott gibt

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir diese Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“

Bert Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner

[In meiner Sammlung seit dem 19.3.1983.]

Dienstag, 26. Oktober 2010

Lieblingszitate CXXXXIII

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Schon bemerkenswert, auf welchen Wegen Zitate zu mir gelangen! Den heutigen "Fund" habe ich (fast) aufgegessen! Denn er kam als Aufschrift auf einem kleinen Schokoladentäfelchen zu mir. Aber einem großen Geist tut das keinen Abbruch, und so stelle ich also den "Schokoladenspruch" von Buddha vor!


LEBENSFREUDE

Das Leben ist kein Problem,
das es zu lösen,
sondern eine Wirklichkeit,
die es zu erfahren gilt.

Buddha

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Der "Hassist"

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Im September gelang dem Prediger einer kleinen fundamentalistischen Kirche in den USA der Aufstieg in die Schlagzeilen der Welt. Alle hielten Tage lang den Atem an, weil er angekündigt hatte, 200 Exemplare des Korans öffentlich zu verbrennen. Gedacht war dies am Jahrestag des Anschlags vom 11.September 2001 als "Botschaft" gegenüber Drohungen radikaler Islamisten. Auf massive Proteste hin hat er schließlich auf diesen Schritt verzichtet, vorher aber durch seine Ankündigung in aller Öffentlichkeit gezündelt und viele in der islamischen Welt in extremer Weise provoziert und die eh' schon sehr angespannte Stimmung weiter aufgeheizt: Aus Afghanistan wurden Unruhen mit Straßenschlachten als Reaktion auf die Pläne dieses "Geistlichen" gemeldet.

Was müssen das für Menschen sein, die offensichtlich Hass auf der Welt verbreiten wollen und an den Zündschnüren für Eskalationen spielen, die die ebenfalls mit Hass aufgeladene Gegenseite in Brand setzen könnte?

Das Bedrohliche ist unabhängig davon, von welcher Seite es ausgeht. Ganz fatal wird es, wenn beide Seiten ihren Standpunkt dann auch noch religiös begründen. Welche verquaste Form von urzeitlicher Religion kann so etwas aber nur sein?

Ich habe die Nase voll von den Segnungen des Fundamentalismus jeglicher Couleur, der den Verstand und die Menschenliebe ausgeschaltet hat. Wenn die Betroffenen sich dann aber sogar noch als "Christen" bezeichnen, kann ich ihren Fanatismus durch nichts mehr entschuldigen. Sogar ich als atheistischer Zweifler kenne mich offensichtlich in der Bergpredigt besser aus als sie. Sie enthält bekanntlich das unmissverständliche Gebot „liebe deinen Nächsten …“!

Das Folgende ist nur ein Wortspiel, trifft aber vielleicht den Sachverhalt recht gut: Rassisten sind fanatische Hasser und Unterdrücker anderer Bevölkerungsgruppen, "Hassisten" hassen Menschen anderer Religion oder Weltanschauung. Hass ist das schlimmste Gift für die Menschheit, die Kooperation und Ausgleich zwischen Völkern und Menschengruppen bitter nötig hat, um die Herausforderungen der Umbrüche in den nächsten Jahrzehnten bewältigen zu können.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Lieblingszitate CXXXIV

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Eine meiner liebsten Geschichten!

Die Löffel

Ein Rabbi kommt zu Gott: "Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel." "Nimm Elia als Führer", spricht der Schöpfer, "er wird dir beides zeigen."

Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand. Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber die Menschen sehen mager aus, blaß, elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.

Die beiden gehen hinaus. "Welch seltsamer Raum war das ?" fragt der Rabbi den Propheten. "Die Hölle", lautet die Antwort.

Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf. Aber - ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt, glücklich.

"Wie kommt das?" - Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund. Sie geben einander zu essen. Da weiß der Rabbi, wo er ist.

RUSSISCHES MÄRCHEN


gefunden in: Lektüre zwischen den Jahren. Vom Glück. Ausgewählt von Gottfried Honnefelder.
- Frankfurt a.M. : Suhrkamp 1985.