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Sonntag, 23. Juni 2019

Lektüretip: "Das Netzwerk der Neuen Rechten"


Früher habe ich mich eher mit Literatur oder psychologischen Fragestellungen beschäftigt, jetzt ist mein Interesse mehr bei politischen und sozialen Themen gelandet.

Meine letzte "Lesefrucht" hat mich aufgerüttelt, handelt es sich doch um ein derzeit sehr aktuelles Thema: Das Erstarken des "rechten Randes" der Gesellschaft, am deutlichsten sichtbar in den Wahlerfolgen der AfD .

Christian Fuchs & Paul Middelhoff: Das Netzwerk der 
Neuen Rechten.  Wer sie lenkt, wer sie finanziert und
wie sie die Gesellschaft verändern. - Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt 2019.

Die Autoren haben gründlich recherchiert, welche Personen hier das Sagen haben, wie sie sich untereinander vernetzen und Wirkung entfalten, mit guten Verbindungen zum rechten Flügel der AfD. Man muss es anerkennen - so wenig ich mit Menschen mit derartigen Einstellungen auch gemein habe -, dass sie eine hervorragende mediale Strategie entwickelt haben, ihre Themen in den öffentlichen Fokus zu befördern und ständig im Mittelpunkt irgendwelcher Pressekampagnen zu stehen. Ziel, eine Diskursverschiebung in der Gesellschaft hin nach rechts zu bewirken, Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, die früher "out" waren, und das mit einer relativ kleinen Zahl von Akteuren, die aber hervorragend vernetzt sind und offenbar für die Verbreitung ihrer (Irr-)Lehren "brennen".

Dies mit Namen und Angaben zu den Hauptakteuren zu belegen, ergänzt durch die wichtigsten aktuellen Iniativen, dadurch ein nachvollziehbares Bild dieser Bewegung und ihrer  Bestrebungen zu zeichnen, ist ein großes Verdienst dieser (aufklärenden) Schrift der beiden Autoren.  

"Strategien gegen rechts" zu entwickeln ist allerdings nicht das Thema des Buches. Aber man muss seinen Gegner ja zunächst auch gut kennen, um ihm angemessen begegnen zu können. Dafür leisten die Autoren eine hervorragende Aufklärung!

Der Psychologe in mir rührt sich aber doch: Ich würde gern mehr über den sozialpsychologischen und biographischen Hintergrund der  Akteure in diesem Feld erfahren. Es ist mir sehr fremd, mich in diese Gedankenwelt einzufühlen, geschweige denn mich dafür zu engagieren. Was ist der Hintergrund, dass Menschen sich aber genau in diese Richtung entwickeln?

Donnerstag, 13. Juni 2019

Papst Franziskus zur Problematik sozialer Medien

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Als "Satz des Tages" fand ich in der MOZ v. 11.6.19 folgendes Zitat:


Papst Franziskus, Oberhaupt der katholischen Kirche, beklagte in seiner Pfingstpredigt eine sich ausbreitende "Kultur der Beleidigung": 

 "Je mehr wir soziale Medien nutzten, desto weniger sozial verhalten wir uns."

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Donnerstag, 8. März 2012

Denkverbote angesichts der demographischen Entwicklung

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Seit Jahren bin ich als "berufener Bürger" Teilnehmer ohne Stimmrecht im Sozialausschuss meiner jetzigen Heimatstadt in der Nähe von Berlin. Eine gute Informationsquelle! Zuletzt wurden wir ausführlich über die demographische Entwicklung allgemein und speziell in unserer Gemeinde in einem sehr ausführlichen Vortrag des Sachverständigen Wolfgang Rump unterrichtet.

Die Fülle der Fakten hat mich fast erschlagen, ich will hier nicht den Versuch wagen, konkrete Einzelheiten zu berichten, dafür gibt es bessere Quellen. Nur soviel: Meine Heimatstadt Fürstenwalde ist im nahen Umfeld von Berlin doch so gut aufgestellt, dass wir in den nächsten Jahrzehnten unsere Substanz und die Attraktivität fürs Wohnen bewahren können, keinen "Kahlschlag" befürchten müssen, wie er sich anderswo im Lande bereits ausbreitet. Der Vortragende charakterisierte es so, dass im uns umgebenden Landkreis LOS Regionen existieren, die schon jetzt aufgrund ihrer dünnen Besiedlung an Skandinavien erinnern, Tendenz zu weiterer Ausdünnung. Junge Leute ziehen weg, Läden werden immer seltener, der öffentliche Nahverkehr ist defizitär und wird weiter verringert, Ärzte werden knapp: Wer mag in einer solchen Gegend noch dauerhaft wohnen, wenn er nicht muss oder gerade die Einsamkeit sucht?

Brandenburg war auch schon in früheren Jahrhunderten unterbevölkert. Preußische Könige entwickelten daraufhin die Strategie, Menschen in allen Regionen Europas anzuwerben, um die Bevölkerung zu vermehren. Die berühmtesten Zuzügler waren die Hugenotten, aber auch ganz andere Personengruppen kamen! So ist unsere hiesige Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg aus einem richtigen "Schmelztiegel" entstanden.

Ähnliches dürfte wieder anstehen! Bisher war die "Wanderung" eher anders herum, weil viele Brandenburger in attraktivere Bundesländer umgezogen sind. Aber warum nicht auch unter anderen Menschengruppen werben? Die Welt ist so überbevölkert, dass es sicherlich Menschen gäbe, die gerne zu uns kämen ... Aber hier setzt das Denkverbot ein, dass ich in der Überschrift genannt habe. Immigranten, die nicht direkt unserem Kultur- und Sprachkreis entstammen, sind nicht beliebt in unseren Landen ... "Wir" wollen kein Einwanderungsland sein und schotten uns gegen die "Wirtschaftsflüchtlinge" aus anderen Erdteilen ab. Ich habe noch von keiner Studie gehört, die solche Möglichkeiten in Erwägung gezogen hätte. Wahrscheinlich denken die Verfasser nicht an solche Möglichkeiten (Denkverbot!) - oder sie fürchten, gegebenenfalls von ihren Kritikern "in der Luft zerrissen zu werden". Die Frage ist, ob wir uns dauerhaft den Luxus leisten können, derartige Möglichkeiten völlig auszuschließen - oder es wieder Wanderungsbewegungen in der Weltgeschichte geben wird, die uns aufgezwungen werden und denen wir uns deshalb nicht entziehen können. Das wäre ja auch nicht das erste Mal ...

Montag, 5. März 2012

Kabarett im realen Leben

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Ebenso könnte man mein kürzliches Erlebnis mit der Deutschen Rentenversicherung auch als Realsatire bezeichnen! Dabei finde ich das Konzept unserer solidarischen Rentenversicherung eigentlich sehr gut, es gibt nichts Besseres! Nur viel "Reklame" gegen sie aus dem Munde derjenigen, die alles in unserem Lande am liebsten privatisieren würden, um auch an der Altersversicherung der Bevölkerung mitverdienen zu können. Ebenso haben auch viele "Reformen" der letzten Jahre zu einem Vertrauensverlust in ihre Wirksamkeit geführt. Aber es ist und bleibt ein gutes System!

Daran rüttele ich nicht, aber dennoch sind meine Erlebnisse mit der DR komisch und gleichzeitig bedrückend, vielleicht auch nur, weil ein so großes System in Bürokratismus ausarten kann und die einzelnen Menschen aus dem Blick verliert.

Nach diesen vielen Vorbemerkungen jetzt endlich mein Erlebnis: Viele Jahre nach meiner Scheidung hat das Familiengericht nun doch noch den Versorgungsausgleich mit meiner früheren Ehefrau durchgeführt, in dem die Rentenansprüche für die gemeinsame Ehezeit angeglichen wurden, eine komplizierte Angelegenheit, weil es gleichzeitig um "Ost"- und "West"-Rentenpunkte ging. Im Endeffekt büße ich etwa 70 € monatlich ein, bei der geringen Höhe meiner Rente nicht unerheblich, aber was hilfts ... und es ist ok so.

Zwei Monate nach dem Gerichtsbeschluss flatterte mir nun ein Brief der Deutschen Rentenversicherung auf den Tisch, nicht die erwartete konkrete Berechnung meiner korrigierten Bezüge, sondern nur ein Computerbrief ohne Unterschrift, in dem ich allgemein über die Verrechnung dieser Wertpunkte aufgeklärt wurde und mir die Möglichkeit eingeräumt wird, diese Absenkung durch eine freiwillige Zusatz-Einzahlung wett zu machen, mit Angabe der Kontonummer für meine Überweisung.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, könnte ich demnach jetzt gegen den kleinen Obolus von nur 24.000 € alles wieder gerade biegen und meine alte Rentenhöhe sichern. Ein Millionär würde diesen kleinen Betrag wahrscheinlich müde lächelnd aus der Portokasse bezahlen - oder doch lieber wieder Abstand nehmen, weil ihm die Rendite etwas zu mickrig wäre: Ich muss wohl weit über 90 Jahre alt werden, um diesen Betrag wieder einzuspielen. Schön, dass mir die Rentenversicherung eine solche Lebenserwartung zutraut! Bei meinem etwas geringeren Vermögen allerdings klingt das alles aber eher wie ein Hohn (oder eben eine Satire!), auch wenn alles systemimmanent völlig korrekt sein dürfte und versicherungstechnisch "up to date". Aber mit einem Computerbrief ohne Kommentar arme Mitmenschen in solcher Weise zu überfallen, spricht dafür, dass die Rentenversicherung ihre Standardbriefe einmal überdenken sollte und vielleicht doch eine Benutzerfreundlichere Öffentlichkeitsarbeit betreiben könnte... Mir hat es jedenfalls zuerst die Sprache verschlagen, dann aber eben auf die Idee gebracht, eine Vorlage fürs Kabarett zu schreiben ...

Sonntag, 12. Februar 2012

"Wutbürger" - Einschätzung von Andreas Dresen

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"Wutbürger" - ein Modewort des letzten oder der letzten Jahre.

Eine bemerkenswerte Einschätzung dieses Phänomens fand ich in der letzten Ausgabe des Publik-Forums 3/12 v. 10.2.2012, unter der Rubrik "Personen und Konflikte". Ich zitiere:

Andreas Dresen, Filmregisseur, wertet das Phänomen der "Wutbürger" als Ausdruck von wachsendem Egoismus. Deren Haltung grenze manchmal ans Absurde: "Der Strom kommt bei mir aus der Steckdose, aber ich will kein Kernkraftwerk und kein Windrad vor meinem Haus", beschrieb er die Einstellung.

Das Kapital der Eliten

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Am 22.Januar veröffentlichte ich hier auf meinem Blog einen Leserbrief an den SPIEGEL "Wer herrscht wirklich über die Welt", in dem ich die vorherrschende Medien-Strategie anprangerte, zwar von der verantwortungslosen Über-Verschuldung von Staaten zu sprechen, den "auf der anderen Seite der Medaille" aber angehäuften Reichtum der Gläubiger zu verschweigen. Griechenland lässt grüßen! Dort werden die kleinen Leute ausgequetscht und verarmen, die Wirtschaft kollabiert, aber der Reichtum der Vermögenden und Krisengewinnler wird nicht angetastet und zur Finanzierung einer Sanierung des Gemeinwesens genutzt.

Wie schön, gleichgesinnte Gedanken zu entdecken! Hier in einem Leserbrief an das Publik-Forum 3/12 v. 10.2.2012, in dem Manfred Pietschmann daran erinnert, wie im kapitalistischsten aller kapitalistischen Ländern, den USA, Präsident F.D.Roosevelt im "New Deal" sein Land dadurch wieder stabilisierte und aus der Weltwirtschaftskrise herausführte, in dem er die Besitzenden zur Finanzierung seiner Reformen heranzog. Ich zitiere:


Das Kapital der Eliten
[...]

Seit der ersten Weltwirtschaftskrise sind die Instrumente bekannt, die man einsetzten sollte, um wieder in geordnete Bahnen zurückzukehren: Investitionen mit dem Kapital der Geldeliten! Die Brüningsche Notverordnung nach der ersten Weltwirtschaftskrise 1929 lässt grüßen: Auch damals verarmten große Teile der Bevölkerung. Das führte, wie wir alle wissen, in die Hände von Nazi-Hitler. Der Präsident der USA dagegen hat sich damals das notwendige Kapital von den Geldeliten geholt. Mit sehr hohen Spitzensteuer- und Erbschaftssteuersätzen wurde eine staatliche Beschäftigungspolitik, ein Neuaufbau der Infrastruktur und der sozialen Netze finanziert. Ein ungeheurer Aufschwung war die Folge. Kein Programm auf Pump, sondern Geld von den Besitzenden. Die jetzige Sparpolitik auf dem Rücken der kleinen Leute wird ins Verderben führen, sie ist falsch und ökonomisch unverantwortlich. Jetzt müssen die Geldeliten ran, denn Armut der Massen wird Europa zerstören und die EU wird zerbrechen.

Mögen sich diese prophetischen Worte möglichst nicht verwirklichen !!!

Ganz ähnlich positioniert sich z.Zt. attac! Der Leitartikel des Rundbriefs 01/12 ist überschrieben mit "Große Vermögen beschneiden. Öffentliche Daseinsvorsorge sichern". Werner Rätz aus dem Attac-Rat schreibt dazu u.a.:

Seit etwa vierzig Jahren kreist die kapitalistische Krise um ein einziges Problem. Es ist offensichtlich mit Händen zu greifen und doch scheint es kaum jemand zu begreifen. Die Frage heißt: Wohin mit dem vielen Geld der großen VermögensbesitzerInnen? Spätestens in der ersten Hälfte der 1970er Jahre war das so viel geworden, dass es zunehmend schwieriger wurde, Anlagemöglichkeiten mit zufriedenstellenden Renditen zu finden.

Seitdem dreht Regierungspolitik in aller Welt sich nur noch darum, die Profite der Investoren zu garantieren. Statt das Problem zu lösen, wird es auf diese Weise stetig verschärft. Immer weitere Teile des gesellschaftlichen Reichtums werden in Kapital, immer mehr Produktivkapital wird in Finanzinvestitionen umgewandelt. Ganze Lebensbereiche, die einmal der Versorgung der Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen dienten, wie etwa das Gesundheitswesen, werden in Märkte verwandelt.

[...]

Dabei wären die notwendigen Schritte klar und einfach: Die großen Vermögen müssen radikal beschnitten, die öffentlichen Schulden gestrichen, das Geld muss in die Daseinsvorsorge gesteckt werden. Vor diesen scheinbar radikalen Schritten schrecken leider auch noch viele Menschen zurück, die tatsächlich unter der Krisenpolitik von Merkel und Co. leiden. [...]

Recht haben beide zitierten Verfasser! Es steht uns einiges bevor ...

Dienstag, 20. Dezember 2011

Inklusion: geht so etwas überhaupt in unserer neoliberalen Gesellschaft?

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Inklusion: das große Thema im Schul- und Behindertenbereich der letzten Zeit. Auch ich habe mich schon mehrfach dazu geäußert, zumal es die irgendwann von Schließung bedrohte Allgemeine Förderschule meines Sohnes mit betrifft.

Theoretisch eine feine Sache, aber in der bisherigen Durchführung in Deutschland eher eine Angelegenheit, bei der Beteiligte in der Gefahr stehen, auf der Strecke zu bleiben, seien es betroffene Schüler oder sich verausgabende Lehrer, da die Rahmenbedingungen fast nirgendwo befriedigend sind und mit den notwendigen Geldern für mehr und besser ausgebildetes Personal geknausert wird.

Vordergründig hapert es "an der Knete", aber ist das wirklich das einzige tragende Element für alle Probleme? Mir kommen da mittlerweile manchmal Zweifel. "Inklusion" heißt ja im Klartext nichts weiter, als das jeder Mensch (und nicht nur Behinderte) so angenommen und gefördert wird, dass er so, wie er ist, einfach dazugehört, seine Fähigkeiten anerkannt werden und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten das Leben der Allgemeinheit bereichert. Ohne wenn und aber und mit der Maßgabe, dass Kinder und Jugendliche im Schulalter gleichwertig auf dieses gesellschaftliche Leben vorbereitet werden.

Das ist vom Menschenbild her eine Revolution!! Denn es widerspricht völlig den Gepflogenheiten, die sich in unserer neoliberalen Zeit im Leben und Denken der Menschen breit gemacht haben. Wo kommen wir hin, wenn alle eine gleichwertige Teilhabe am Leben fordern? Wo wir doch gelernt haben, dass Konkurrenz das Lebenselixier unserer Gesellschaft ist, in der es allen allmählich zur Gewohnheit geworden sein sollte, durch Ratings/Rankings/Zensuren in "gute", "weniger gute" und "kaum noch gute" Schüler, Studenten, Hochschulen, Mitarbeiter ... einsortiert zu werden. Und Reichtum und Macht haben ja schließlich auch ihre Rangordnung ... Und dann so ein Konzept, bei dem die "Habenichtse" (in welcher Hinsicht auch immer) gleichwertig neben allen anderen stehen sollen. Das muss ein neoliberales Gewissen schockieren, denn wo bleibt hier noch der Gewinn für den Tüchtigen, der alle anderen hinter sich gelassen hat?

Vielleicht ist das alles ironisch verzerrt, ich kann aber nicht davon ablassen, dass "Solidarität" in unserem Lande nach den großen importierten "Verbesserungen" der Margaret Thatcher und des Ronald Reagan als Wert sehr heruntergekommen ist. Aber wie soll ein Konzept wie die Inklusion funktionieren, wenn es nicht von einem solidarischen Unterbau getragen wird?

[Es passt nur indirekt zu den vorgetragenen Argumenten, stand aber am Anfang meiner Assoziationskette für diesen Beitrag: Bei einem Spaziergang kam ich an der hiesigen Geschäftsstelle der BARMER vorbei, die sich jetzt BARMER/GEK nennt, nachdem sie eine kleinere Krankenkasse "geschluckt" hat. Offiziell nennt sich dieser Vereinigungsprozess anders, die Wahrheit dürfte aber so sein, dass in einem "Bereinigungsprozess" nur noch die großen und finanzkräftigen Krankenkassen überleben können. Kapitalismus in Reinkultur! Und das in einem Bereich, der für die Daseinsfürsorge für alle da sein und deshalb eine reine dienende Funktion für die Bevölkerung haben sollte, mit der Idee einer solidarischen Umverteilung der Gesundheitsrisiken auf alle! Ökonomie über alles! Da ich gerade über Inklusion nachdachte, war der Schritt zu meiner obigen Gedankenkette geboren.]

Revolutionäres Weihnachten

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Die Weihnachtsgeschichte, ernst genommen und nicht nur zum Mythos verklärt, beinhaltet eine revolutionäre Botschaft! Die dürfte aber den Menschen weitgehend abhanden gekommen sein, und unsere Welt befindet sich eher noch immer in einem vorrevolutionärem Zustand.

Um so wichtiger, die Botschaften um Christi Geburt am Leben zu halten:


"Friede auf Erden" verkünden die Engel. Und den hätte sie bitter nötig, mehr denn je!

Die Geburt eines Kindes symbolisiert einen tiefen Einschnitt: Neues Leben ist entstanden und mit ihm die Verheißung eines Neubeginns, die Chance, Altes hinter sich zu lassen und Neues zu wagen!

Das Heil auf Erden kommt in der christlichen Verkündung nicht als mächtiger und reicher König auf die Erde, sondern als hilfloses Kind in ärmlichster Umgebung! Welch ein Signal für alle diejenigen, die ihre Bedeutung davon ableiten, reich, mächtig und anderen überlegen zu sein. Nichts wird ihnen davon bleiben, denn "das Totenhemd hat keine offenen Taschen" und der Ruhm auch der Berühmtesten verblasst irgendwann.

So freue ich mich auf Weihnachten, denn diese Botschaften bewegen mich - Jahr für Jahr - tief.

Dienstag, 30. August 2011

Mein Motto für den Monat August 2011: Über die Menschenwürde

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Endspurt! Aber es ist mir noch gelungen, rechtzeitig das Monatsmotto für meinen blog für den fast abgelaufenen August ins Netz zu stellen, zumal es an aussagekräftigen Zitaten wahrlich nicht mangelt. Heute eine sehr eindeutige Aussage des UNO-Generalsekretärs:


Solange Milliarden von Menschen in chronischer Armut leben, kann es keinen Frieden, keine Gerechtigkeit und keine Würde auf der Welt geben.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon in einer Rede vor Wissenschaftlern in Seoul

Gefunden in der MOZ v. 11.8.2011 unter der Rubrik „Gesagt ist gesagt“

Freitag, 1. Juli 2011

Richard David Prechts Sorgen um unsere Zukunft

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Schon vor einigen Wochen hatte ich diesen blog-Eintrag vorbereitet, dann aber vergessen. Ich möchte seine Veröffentlichung heute nachholen, zumal die Aktualität seiner Aussagen nicht nachgelassen hat, insbesondere im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise, den ich damals hergestellt hatte.


Precht ist berühmt geworden durch seine populäre Einführung in die Philosophie, danndurch seine Ausführungen zur Liebe und jetzt zur Moral in seinem letzten Buch "Die Kunstkein Egoist zu sein".

All das war genug Anlass für den Tagesspiegel, den Autor zu interviewen. Nachzulesen ist dies im TSP vom 22.4.2011 mit Andrea Roedig als Interviewerin: "Lieber böse als dumm" - Richard David Precht über Egoismus, realistische Moralvorstellungen und Kindererziehung

Mich hat sein Schlusswort nachdenklich gemacht, in dem er über unsere gesellschaftliche Zukunft angesichts schrumpfender Ressourcen nachdenkt. Ich will es hier zitieren:

"Wir leben in einer der am meisten privilegierten Gesellschaften, die es je in der Weltgeschichte gegeben hat. Doch die Wohlstandsentwicklung wird nicht so weitergehen können, wie das bisher der Fall war. Also müssten wir all unsere Anstrengungen darauf richten, auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum glücklich zu leben. Aber das geschieht nicht, wir sind nicht darauf vorbereitet, dass der Wohlstand sinken wird. Das wird politisch noch sehr gefährlich."

Leider dürfte er Recht haben. Die Verteilungskämpfe sind bereits in vollem Gange, das zeigt die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Die Besitzenden sind dabei, ihr Schäflein ins Trockene zu holen, noch hält das Gros der Bevölkerung still und sieht wahrscheinlich solche Zusammenhänge noch nicht. Aber das kann sich ändern ... (Und in Ländern, denen zur Abwendung einer Staatspleite das "Gesundsparen", besonders im sozialen Bereich, auferlegt wurde, wie z.B. Griechenland und Portugal, ist die Atmosphäre in der Bevölkerung schon jetzt explosiv.)


Griechenland ist leider ein hervorragendes Beispiel, wie die letzten Tage zeigen. Das neoliberale Sanierungskonzept der großen EU-Staaten und des IWF nötigen dem Land „Reformen“ auf, die eindeutig zu Lasten des ärmeren Bevölkerungsteils gehen und die Reichen und Vermögenden weitgehend schonen. Nach diesem Rezept hat der IWF schon zahlreiche Länder in dieser Welt gebeutelt. Schade, dass in der gängigen Berichterstattung in den Medien über solche Zusammenhänge fast nichts geschrieben wird. Man muss ja schon die Griechen fast für „bescheuert“ halten, die da täglich gegen ihre Regierung „anstänkern“, die doch nichts anderes im Sinn hat, als die Staatspleite zu verhindern … und die Banken zu retten, die sonst, insbesondere in Deutschland, einiges abzuschreiben hätten. Neueste Information, sofern ich sie richtig „aufgeschnappt“ habe: Da wäre auch ein großer Pensionsfonds in Deutschland mit betroffen, falls es zu einer Pleite und einem Wertverlust der Einlagen käme. Renten/Pensionen von Deutschen in Gefahr! Die bösen Griechen müssen endlich zur Vernunft kommen! (Besser kann man nicht zeigen, wie sehr das Umlageverfahren bei der Rente dem Kapital gedeckten System, bei dem Rücklagen auf dem Kapitalmarkt angelegt werden müssen, überlegen ist.)

Dienstag, 22. März 2011

Das Prekariat unter den freien Lehrkräften

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Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich 2011 nach 18 Jahren Anstellung als Dozent an einer Fachschule endgültig in Rente gehe. Reich werde ich voraussichtlich davon nicht, aber meine Existenz (und die meiner Familie, Dank sei meiner weiterhin arbeitenden Frau!) ist abgesichert.

Wieviel schlechter geht es all den vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich "frei" in diesem Bereich tummeln und für diese "Freiheit" eine miserable Bezahlung hinnehmen müssen! Skandalöse Zustände!

Darüber habe ich den folgenden Bericht in VER.DI PUBLIK 3/2011 gefunden, den ich solidarisch mit allen Betroffenen hier in Auszügen vorstellen möchte:


Hoch qualifiziert, 600 Euro netto

Arbeitsmarkt / Gegenwehr von Selbständigen: Freie Lehrkräfte werden miserabel bezahlt

von Birgit Tragsdorf

Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen /Prekäre Beschäftigung lässt zuerst an Leiharbeit, Minijobs und Teilzeit und an befristete Stellen denken: In Deutschland arbeiten 22 Prozent der Beschäfigten, das sind 6,5 Millionen Menschen, für einen Niedriglohn. 1,3 Millionen von ihnen beantragen zusätzlich Hartz IV (DGB, 2010).

Das Prekariat ist zunehmend aber auch ein Problem der Selbständigen, der Soloselbständigen. 2,3 Millionen sind es in Deutschland, etwa eine Million arbeiten in ver.di-Branchen, Tendenz steigend. Es sind Künstler/innen, freie Dozent/innen, freie Musiklehrer/innen, freiberufliche Journalist/innen - viele von ihnen leiden unter miserabler Bezahlung. Aber auch Beschäftigte im wissenschaftlichen Mittelbau an den Unis und Hochschulen gehören dazu: Drei Viertel der wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen haben befristete Verträge und davon wiederum arbeitet die Hälfte noch in Teilzeit.

Karl Kirsch unterrichtet Deutsch als Zweitsprache und leitet Integrationskurse. Zu Hause ist er in der Nähe von Dessau. Er wehrt sich dagegen, dass er und seine Kolleg/innen in der Weiterbildung und den Integrationskursen nicht von ihrer Arbeit leben können. In diesem Januar hat er mit 13 Mitstreiter/innen einen Arbeitskreis für freie Dozent/innen gegründet. [...] Sie wollen aus dem Teufelskreis der prekären Beschäftigung heraus [...]

Was ist nun so prekär an ihrer Arbeit? Karl Kirsch erklärt es: Der Honorarsatz für eine Unterrichtsstunde liegt im Osten bei durchschnittlich 15 Euro. Arbeiten dürfen die Dozent/innen maximal 25 Stunden in der Woche. So schreibt es das Bundesinnenministerium vor. Die Vor- und Nachbereitungszeit erledigen sie kostenlos, ihre Weiterbildung auch. Bei den Sozialversicherungen sind sie ebenfalls benachteiligt. Freie Dozent/innen zahlen unabhängig vom Einkommen einen festen Satz für die Kranken- und Rentenversicherung - und zwar den Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil. Eine Vollzeitstelle bringt ihnen dann nach allen Abzügen etwa 600 Euro Nettoeinkommen. Arm trotz Arbeit ist da das Fazit.

[...]

Die Verfasserin berichtet anschließend über die Versuche der Gewerkschaften ver.di und GEW, Netzwerke für die Betroffenen zu bilden, um - mäßige - Forderungen zu stellen und durchzusetzen.

Dafür werden noch zwei (regionale) Kontaktmöglichkeiten genannt:
- Arbeitskreis freie Dozent/innen: karlkirsch@gmx.de
- Fachbereich 8 (ver.di): gabriele.leonhardt@verdi.de

Im Vergleich zu diesen Konditionen hat mein früherer Arbeitgeber an meiner Fachschule Lehrbeauftragte zwar nicht üppig, aber doch noch erträglich bezahlt... Ich bin bestürzt über diesen Artikel! Es ist eine Schande für unser Land, wenn eine so hochwertige und gesellschaftlich notwendige Arbeit wie Unterricht im Integrationsbereich mit Hungerlöhnen auf dem oben genannten Niveau abgegolten wird. Es muss die schiere Not sein, die die betroffenen Dozent/innen an diesem Job festhalten lässt. Aber welche Alternative hätten sie? Außerdem sind viele - auch aus den anderen genannten Selbständigenbereichen - "Überzeugungstäter", die ihre Arbeit lieben und anderen Menschen wichtige Impulse geben können. Da sie an ihrer jeweiligen "Front" aber zumeist als Einzelkämpfer dastehen, gibt es bisher gesellschaftlich kaum ein Bewusstsein für die Nöte dieser für die Weiterentwicklung unserer Bildung und Kultur so wichtigen Personengruppe. Gut, dass sich Gewerkschaften, die ja sonst mit Selbständigen wenig am Hute haben, jetzt auch auf diesen Personenkreis einlassen. Aber werden die Betroffenen sich gewerkschaftlich orientieren wollen - und können sie von ihren 600,- € monatlich noch Gewerkschaftsbeiträge leisten? Ein großes Problemfeld ...

Mittwoch, 16. März 2011

Der Sprachenstreit um türkische Migrantenkinder

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Bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten war meine Sympathie nicht bei Christian Wulff. Mittlerweile finde ich aber, dass er einen realistischen Blick hat und sich um Verbesserungen in Deutschland sehr verdient macht. Meine höchste Anerkennung für seinen Mut in der aufgebrochenen Islam-Debatte, als er sich deutlich zur Anerkennung der Realitäten in unserem Lande bekannte, gipfelnd in seiner Aussage "Der Islam gehört zu Deutschland"!

Das hat ihm, speziell unter seinen Parteifreunden, viel Unmut eingebracht, wenn ich nur an die harsche Kritik des Union-Fraktionschefs Volker Kauder denke. Offenbar ist für viele eher konservativ Gesinnte dadurch "das Abendland in Gefahr", was für Wurzeln auch immer beschworen werden. Dass wir hingegen "im Abendland" nur deshalb wieder - nach Jahrhunderten von geistig ziemlich tristen Zeiten nach der Völkerwanderung, in der alte Kulturgüter "über Bord geworfen" wurden - Kontakt zu den philosophischen Schriften der alten Griechen bekommen haben, ist nur islamischen Gelehrten zu verdanken... Aber wer weiß schon so etwas...

Eine andere Reizfigur ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der schon mehrfach Reden in Deutschland vor Landsleuten gehalten hat. Unvorsichtigerweise hat er in ihnen immer betont, dass die Auslandstürken in Deutschland ihre Kultur nicht aufgeben und ihre Sprache bewahren sollten. Das wird ihm von entsprechenden Kreisen so ausgelegt, als würde er zur Ghettoisierung der hier lebenden türkischstämmigen Bevölkerung aufrufen und zur Verweigerung, die Deutsche Sprache zu erlernen. Dies ist sicherlich überspitzt formuliert, aber die Empörung, die ich in der Berichterstattung über seine letzte Rede herauslesen konnte, ging in diese Richtung.

Da haben alle Kritiker wohl nicht ganz aufgepasst. Immerhin hatte Erdogans Parteifreund, der türkische Präsident Abdullah Gül bereits im letzten Herbst in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, "seine Landsleute in Deutschland sollten Teil der Gesellschaft werden. Sie sollten Deutsch lernen, und zwar fließend und ohne Akzent. Die Integration müsse schon im Kindergarten beginnen, bereits dort müssten türkische Kinder Deutsch lernen." (Zitiert nach dem Artikel "Werbeträger in der Fremde" von Thomas Seibert im Tagesspiegel v. 17.10.2010)

Wie so oft: Viel Aufregung und wenig Sachliches dahinter!!!

Sehr erhellend und vieles wieder in die richtige Augenhöhe bringend finde ich da den Artikel von Eva Baumann-Lerch aus dem Publik-Forum 5/2011 v. 11.3.2011, den ich deshalb hier vorstellen möchte.


Sprache ist Seele

Erst Türkisch oder erst Deutsch? Eine Debatte ohne Sachkenntnis

Politiker sind meist schlechte Erziehungsberater. Denn ihre Ratschläge dienen weniger dem Wohl der Kinder als der eigenen Ideologie und sind von keiner Sachkenntnis getrübt. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls in der aktuellen Debatte um den Spracherwerb von Migrantenkindern.

In einer Rede in Düsseldorf hatte der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan seine Landsleute aufgefordert, mit ihren Kindern Türkisch zu sprechen. Türkische Kinder sollten zuerst die Muttersprache lernen und dann erst Deutsch. Doch das empört konservative Politiker. Hermann Gröhe und Maria Böhmer (CDU) sowie Christian Lindner (FDP) werfen Erdogan vor, die Integration seiner Landsleute zu verhindern: "Wer in Deutschland lebt, muss zuallererst die deutsche Sprache erlernen." Die Integrationsbeauftragte Böhmer erklärt: "Wo zu wenig Deutsch in den Familiren gesprochen wird, beträgt der Bildungsrückstand der Kinder bis zu zwei Jahre." Sprachforscher haben dagegen längst erkannt, dass Kinder zwei Sprachen fehlerlos erlernen können, wenn diese an unterschiedlichen Orten gesprochen werden. Am besten gelingt der bilinguale Spracherwerb, wenn zu Hause konsequent die Muttersprache und draußen die Landessprache gesprochen wird. Die Kinder der Einwanderer müssen dann allerdings viel Kontakt mit Einheimischen haben und so früh wie möglich in den Kindergarten gehen. Wenn Ausländer aber auch zu Hause in der Fremdsprache reden, ist das Resultat oft eine "doppelte Halbsprachigkeit": Die Kinder lernen keine Sprache richtig.

Die Muttersprache vermittelt zudem viel mehr als verbale Information: Koseworte, Rüttelreime, Lieder und Segenssprüche lassen sich nicht übersetzen. Wer Migrantenfamilien die Muttersprache ausredet, der nimmt ihnen die Seele und fördert ihre Entwurzelung. Die Wortführer dieser Debatte sollten sich lieber für eine Politik einsetzen, die kostenlose Kitaplätze anbietet und Ausländerghettos verhindert. Das Deutsche lernen die Kinder dann von ganz allein.
[Hervorhebungen von J.L.]

Montag, 7. März 2011

Vom Messbarkeitswahn in unserer Wettbewerbsgesellschaft

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"Sinnlose Wettbewerbe"

lautet der Titel des Buches von Mathias Binswanger, das im Herder-Vlg., Freiburg i.Br., erschienen ist. Ich wurde darauf aufmerksam durch die darauf bezogene Buchbesprechung "Der produzierte Unsinn. [...] Vom Unfug, Qualität in Quantität zu verwandeln", die Norbert Copray verfasst hat und die im Publik-Forum 56/2010 v. 3.12.2010 erschienen ist.

"Wettbewerb" als Allheilmittel in unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft! Welche Auswirkungen das wirtschaftlich hat, ist ein Hauptanliegen dieses Buches. Aber dieses Prinzip, speziell zu sehen an immer neuen Rankings, beschränkt sich ja nicht mehr nur auf den rein ökonomischen Bereich, unser ganzes Leben ist mittlerweile davon durchtränkt. Staatliche Institutionen, Bildung und Gesundheitswesen werden ebenso derartigen Forderungen unterworfen, offensichtlich mit einer Selbstverständlichkeit, dass sich mir die "Nackenhaare sträuben". Ich hätte diesen Text auch unter meiner Rubrik "Dinosauria" veröffentlichen können, so stark weicht die jetzige Praxis von den Gepflogenheiten meiner Vergangenheit ab. Als ob nur härteste Konkurrenz mit messbaren Rankings Menschen dazu brächte, etwas zu leisten. Aber sich zu bilden, kreativ zu sein, soziale Taten zu vollbringen, sich zu engagieren, das verliert dagegen an Wert, immer weniger ist die Sprache von Kooperation und Solidarität. Das macht mich zornig, ich bin aber vollkommen hilflos gegenüber dieser Tendenz, alles zahlenmäßig zu bewerten und nach Überlegenheit zu streben. Das oberste Treppchen auf der Olympiade bedeutet gleichzeitig, dass es viele Verlierer geben muss. So werden wir eine Gesellschaft von einigen Siegern und vielen Verlierern ...

Um so sympathischer finde ich den Bericht von Norbert Copray, aus dem ich deshalb hier ein längeres Stück zitieren möchte:

Die Illusion der Wettbewerbsverfechter ist laut Binswanger: Effizienz oder gar Exzellenz gebe es nur durch Wettbewerb. Und wo keiner sei, müsse er künstlich geschaffen werden. So wollten Regierungen "durch künstlich inszenierte Wettbewerbe auf Pseudomärkten" Institutionen entbürokratisieren.

Auch in den Unternehmen wurden interne Wettbewerbsmärkte geschaffen, um angeblich Leistungsergebnisse vergleichbar und verrechenbar zu machen. Instrumente dafür sind: Kennziffern, Rankings, Wettbewerbe - bis die künstliche Wettbewerbssituation sich selbst verstärkt und schließlich zum Selbstzweck wird. Dabei spielt der Messbarkeitswahn eine große Rolle. Er soll die Leistungsgesellschaft prägen und Leistungen aller Art vergleichbar machen. Binswanger kommt zu der begründeten Erkenntnis, dass "die Messung von Leistung mithilfe von Kennzahlen perverses Verhalten erzeugt". Qualitative Leistung lässt sich nicht quantitativ messen, mit keiner Methode.

Binswanger zeigt die enormen Schwächen der praktizierten Verfahren auch für Laien auf. Was effizient sein soll, gerät schnell zur Kosmetik angeblich bester Praxis. Was exzellent sein soll, entpuppt sich als Glanz einer gekonnten Verpackung. Anhand der Pseudomärkte Bildung, Wissenschaft und Gesundheitswesen analysiert und kommentiert Binswanger brillant den Unsinn der Produktion von immer mehr Abschlüssen und Studenten, von immer mehr Publikationen und Rankings, von immer mehr Untersuchungen und Medikamentenvergaben.

Das Ruder herumzureißen bedeutet: Qualität, Effizienz und Exzellenz anders zu verstehen. Anstelle von Zahlenkolonnen Verantwortung zu setzen. Wo Märkte keinen Sinn, aber viel Unsinn produzieren, Geldmittel an die Akteure anders zu verteilen. [Hervorhebungen von J.L.]


Mittwoch, 5. Januar 2011

Dinosauria XXV: Die Alten werden aktiv ...

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Mein blog bietet mir relativ viel Freiheit! Niemand zensiert meine Themenwahl (liest evtl. nur niemals wieder meinen blog). Deshalb "mische" ich weiterhin meine Beiträge und habe auch schon mehrfach Kurioses hier plaziert.

So möchte ich heute einen kleinen Artikel aus der MOZ v. 16.12.10 (aufgrund einer Meldung von dpa) zitieren, der für mich bisher ganz ungeahnte neue Tätigkeitsfelder für "uns Alte" auftut. Es soll aber wirklich keine Empfehlung sein! Eher habe ich die Assoziation, dass hier schon einmal die Altersarmut zugeschlagen hat und die Betroffenen mit ungünstigen Methoden einen Ausgleich schaffen wollten ... Nach allen Prognosen (wer hat schon nach langen Jahren von Arbeitslosigkeit und prekären Arbeitsverhältnissen später noch einen Anspruch auf eine auskömmlich Rente?) wird dieses Problem in den nächsten Jahren und Jahrzehnten aber noch deutlich ansteigen. Ebenso die "Alterskriminalität"? (M.E. übrigens ein neues Wort ...)


Senioren gingen auf Beutezug

Eine bereits in die Jahre gekommene Bande von Taschendieben ist am Dienstagabend festgenommen worden. Wie die Polizei mitteilte, waren eine 83-jährige Frau sowie ihre 63, 52 und 49 Jahre alten Komplizen am Alexanderplatz dabei beobachtet worden, wie sie versuchten, Taschen von Passanten zu stehlen. Die Bande sollte gestern einem Haftrichter vorgeführt werden.

Montag, 3. Januar 2011

Spielregeln für die Menschheit: Das Projekt "Weltethos"

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Ich möchte das in meinem letzten blog zuletzt erwähnte Thema wieder aufgreifen:

Mich hat schon immer die Frage fasziniert, nach welchen "Spielregeln" ein Zusammenleben aller Menschen auf diesem Planeten besonders gut funktionieren könnte. Alle "Heilslehren", die dies bisher der Menschheit bringen wollten, sind daran gescheitert, dass sie andere bereits existierende Lehren ersetzen wollten und deshalb auf großen Widerstand stießen. Oder dass Fanatiker und Machtlüsterne sich ihrer bemächtigten und sie "umfunktionierten" und damit gegen das Gebot von Freiheit im Denken und im Lebensvollzug verstießen. So geschehen mit den Idealen der Französischen Revolution durch ihre eifrigsten "Verfechter"!

Was könnte dagegen Abhilfe leisten? Auf der religiösen Ebene gibt es bereits das große Projekt "Weltethos", initiiert von dem katholischen Theologen Hans Küng. Er ruft die großen Religionen auf, in einen Dialog zu treten und sich auf ihre ethischen Gemeinsamkeiten zu besinnen, die die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben der Menschheit bilden könnten.

Ein großartiges Ansinnen! Mir ist es allerdings noch etwas zu theologisch, und ich würde es gern um alle anderen ethischen Grundsätze erweitern, die im Laufe der Kulturgeschichte der Menschheit von ihren Vordenkern in einem Diskurs in Jahrhunderten und Jahrtausenden entwickelt worden sind. Um die Erde auch zukünftig zu einer (ohnehin sehr gefährdeten) Heimat der Menschheit zu machen, ist es mehr als notwendig, dass alle Gutwilligen zusammenstehen und ihre Kräfte bündeln, egal aus welchem weltanschaulichen Lager sie anfangs aufgebrochen sind. Die Religiösen haben es dabei allerdings etwas leichter als die Atheisten, denn sie können hoffen, dass ihre Überzeugungen in irgendeiner Form eine göttliche Verankerung außerhalb ihrer selbst haben. Die Atheisten hingegen können sich nur auf den bisherigen Diskurs der Menschheit beziehen. Ihre Werte sind also eine menschlich-kulturelle Schöpfung, für die sie ganz allein die Verantwortung übernehmen müssen. Vielleicht fällt ihnen aber dadurch die Toleranz gegenüber Varianten im Denken etwas leichter als einem Gläubigen die Toleranz gegenüber fremden Dogmen...

Um das Projekt "Weltethos" noch etwas konkreter darzustellen, füge ich einige Erläuterungen an, die ich "Wikipedia (de)" entnommen habe:

1993 trafen sich in Chicago Vertreter vieler Religionen, die eine "Erklärung zum Weltethos" verabschiedeten. Sie formulierten folgende Leitsätze:

  • "Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit,
  • Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau."
Die Grundforderung lautet: "Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden!" Außerdem erkennen alle die "Goldene Regel" an. (Im Sinne von: "Was du nicht willst, das man dir tu', das füg auch keinem anderen zu".)

Mein Motto für den Monat Januar 2011, gleichzeitig Jahresmotto 2011

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!

lautete der Ruf der Französischen Revolution! 222 Jahre ist dies nun schon her. Vieles hat sich seither auf der Erde geändert, denn viele Menschen haben sich von diesen Aussagen beeinflussen lassen. Auch wenn ich sie für die Ausgeburt der Vernunft halte, wirken sie aber leider nicht aus sich selbst heraus, sondern müssen von den jeweils lebenden Menschen immer wieder mit realem Leben erfüllt und nicht selten erst erkämpft werden!

Wenn wir uns auf der derzeitigen Welt umsehen, sieht es dabei sogar sehr schlecht um die Realisierung dieser Wertvorstellungen aus. Wo nicht überall in der Welt werden fundamentale Menschenrechte mit den Füßen getreten oder sogar brutal von irgendwelchen Diktatoren oder allein selig machenden Regimes unterdrückt!

Dies weist allerdings auf ein Phänomen, das mich schon immer sehr bestürzt hat: Hervorragende Ideale und ethische Vorstellungen, die wunderbare "Spielregeln" für das Zusammenleben der Menschen ergeben könnten, geraten oft in die Fänge von Fundamentalisten, Fanatikern und machtgeilen Potentaten und ihren Organisationen, die sie in ihrem Sinne umfunktionieren und ihrer ursprünglichen Bedeutung entleeren, leider oft sehr wirksam. Robespierre schickte Tausende unter die Guillotine "im Namen der wahren Revolution", Napoleon Bonaparte als folgender Kaiser (und Diktator!) war aber noch wesentlich schlimmer, denn in seinen Feldzügen starben Hunderttausende ...

Es ist leicht, sich über die Vergangenheit zu beklagen. Wie aber sieht es mit uns Lebenden aus? Die Zustände an vielen Ecken der Erde sind erschreckend (vgl. oben), wir in Deutschland hingegen durchleben eine der friedlichsten Epochen unserer Geschichte, denn seit 1945 sind wir von Kriegen, jedenfalls in unserem Lebensraum, verschont geblieben. Aber im sozialen Bereich befinden wir uns in einer rasanten Abwärtsspirale, die durch den immer massiver werdenden Gegensatz von arm und reich gekennzeichnet ist und unsere Bevölkerung spaltet. Wie sieht es da mit der "Brüderlichkeit", auf "Neudeutsch" Solidarität, aus, wenn die solidarischen Sicherungssysteme wie die Rente verkommen? Die "Gleichheit" der Lebenschancen ist ebenfalls zurückgegangen, wenn ich sehe, dass zu meinen Studentenzeiten relativ viel mehr Kinder aus weniger begüterten Schichten das Abitur und ein Studium schafften, während in unseren Tagen die soziale Herkunft wieder ein viel zutreffenderes Kriterium für den Bildungserfolg/Misserfolg eines Menschen geworden ist...

Aber wie schon am Anfang gesagt, keine dieser Wertvorstellungen verwirklicht sich von alleine, die jeweils Lebenden müssen für ihre aktuelle Ausgestaltung sorgen und wahrscheinlich immer wieder kämpfen - bitte ohne Gewalt!

In meinem nächsten blog möchte ich versuchen, eine Brücke zu Hans Küng und seinem "Weltethos" zu schlagen.

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Sir Elton John junior

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Anfang Dezember habe ich hier auf meinem blog von einer 64jährigen Schweizerin berichtet, die aufgrund einer Eizellenspende ein Kind zur Welt gebracht hat ("Gott spielen", 8.12.2010).

Irgendwie liegt die folgende Nachricht (t-online, 28.12.2010) auf der gleichen Linie, dem Überschreiten bisheriger Grenzen, die durch unsere menschliche Existenz gezogen sind, sich aber mit heutigen biologischen und sozialen "Tricks" ausmanövrieren zu lassen scheinen (wenn man die Spätfolgen ausklammert):

Sir Elton John im Vaterglück

Sie sind Papa: Sir Elton John und sein Mann David Furnish sind Väter geworden - das berichtet das US-Magazin UsMagazine.com in New York. Demnach wurde der kleine Zachary Jackson Levon Furnish-John am 25. Dezember im US-Staat Kalifornien von einer Leihmutter zur Welt gebracht.

Das Gewicht des Jungen betrug 3580 Gramm. "Wir sind in diesem speziellen Moment überwältigt von Glück und Freude", erklärte das schwule britische Paar in einer gemeinsamen Mitteilung. "Zachary ist gesund und ihm geht es gut, wir sind sehr stolze und glückliche Eltern." Für das seit 2005 verheiratete Paar ist es das erste Kind.

Ein Sprecher von John (63) und Furnish (48) erklärte, dass die beiden das Privatleben der Leihmutter strikt schützen und keine Details über die mit ihr getroffenen Vereinbarungen bekanntgeben werden. Wer von den beiden der biologische Vater ist, teilte das Magazin nicht mit.

Wenn die beiden Sehnsucht nach einem Kind gehabt hätten und eine gute soziale Tat tun wollten, so hätten sie in dieser Welt sicherlich viele Gelegenheiten gefunden, dies zu verwirklichen. So haben sie sich aber wie die Schweizerin auf die mit ihr gemeinsame Ebene begeben, "Gott" zu spielen und etwas zu verwirklichen, was nicht wirklich geht, denn es reicht über die normale Form einer Adoption weit hinaus.

Ich spreche mich dabei nicht gegen Ehen zwischen homosexuellen Männern oder lesbischen Frauen aus. Es ist aber eine Sondersituation und nur durch "Mogelei" lässt sich diesen Beziehungen ein eigenes Kind hinzufügen. Gut, ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis und kenne vielleicht die verzehrenden Gefühle nach einer Erweiterung der Beziehung um ein Kind nicht. Aber zu jedem Leben gehört manchmal auch ein Verzicht, wenn die existentiellen Bedingungen es gebieten. Ein Überschreiten mit Kunstmitteln kostet immer auch einen Preis. Und den wird irgendwann in diesem Fall wahrscheinlich Zachary Jackson Levon Furnish-John zahlen: Was für ein Identitätsgefühl wird er einmal herausbilden? An seine Kindheit werden ihn tüchtige Ammen und Kinderfrauen erinnern, die ihn großgezogen haben, oder wollen Elton und David selbst seine Windeln wechseln? Nach allem meinen Wissen über Menschen, die als Kleinkind adoptiert wurden, ohne sie rechtzeitig aufzuklären, dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern/Mutter aufgewachsen sind, bleibt in ihrem Leben ein dunkles Geheimnis. Und irgendwann wird es gelüftet werden müssen oder sich eine Auflösung ereignen. Dann treibt es sie umher herauszufinden, wer denn ihre biologischen Eltern sind und warum diese sie nicht großziehen konnten oder wollten. Ein schweres Schicksal! Das Kind der beiden Männer wird sich früh dieser Problematik stellen müssen. Ich wünsche ihm sehr, dass es eine guten Weg dabei finden kann.

Samstag, 11. Dezember 2010

Pardon, Herr Sarrazin, aber Sie sind ein Flegel!

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Die neueste Botschaft über Herrn Sarrazin (t-online.de vom 10.12.2010) besagt, dass er Frau Käßmann in einem taz-Interview verspottet hat. Sie habe wohl beim Lesen seines Buches zu tief ins Glas geschaut und deshalb nicht alles verstanden. Impertinent und frech! Irgendwie eines erwachsenen Mannes nicht würdig, deshalb der "Flegel", eine Beschreibung eher für pubertierende Knaben, die sich auf diese Weise Geltung zu verschaffen suchen. Hat der Sarrazin doch eigentlich gar nicht mehr nötig, bei all den vielen Tantiemen, die ihm sein Buch eingebracht hat...

Aber vielleicht ist er es sich selbst schuldig, denn bei allen Äußerungen bzw. Beleidigungen von ihm aus der letzten Vergangenheit (ich meine nicht unbedingt sein Buch, aber seine kessen Worte aus Interviews) bleibt er offenbar seinen inneren Richtlinien treu: Sie strotzen vor Arroganz gegenüber Schwächeren und zeigen, was ich früher einmal als "schizoide Züge" zu benennen gelernt habe: Er hat offenbar einen messerscharfen Verstand für das, was anderen weh tun könnte, weil es so schön "unter die Gürtellinie" geht, und wendet es auch sehr gerne an, während bei anderen Menschen, von etwas mehr Empathie geprägt, gerade diese Erkenntnisse eher Mitgefühl und die Bereitschaft zum Unterstützen hervorrufen würden. Und daneben verfügt er offensichtlich über eine tüchtige Portion Mittelpunktstreben: Er muss wohl seine Sonderrolle immer mal wieder in Erinnerung rufen, damit die Öffentlichkeit ihn nicht vergisst. Marketing für sein Buch oder schlicht die Tatsache, dass niemand so leicht heraus kann aus seiner Haut?

Ob seine große Fan-Gemeinde auch einen Blick für diese Seite ihres Helden hat? Mögen seine Thesen viel in Bewegung gebracht haben, allein schon durch die Tatsache, dass er es "den da oben" gehörig gezeigt hat und nicht kuscht (grundsätzlich sehe ich das als positive Eigenschaften!), aber als ethisches Vorbild eignet er sich wahrlich nicht.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Gott spielen

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Gestern las ich (T-Online, dpa) von der Schweizerin, die mit 64 Jahren ein Kind aufgrund einer Eizellenspende zur Welt gebracht hat. Biologisch und medizintechnisch geht das offenbar, und was machbar ist, findet irgendwo auch einen Idioten, der es in die Tat umsetzt, seien es Waffen oder medizinische "Wundertaten".

Welche merkwürdigen Beweggründe müssen diese Frau und ihren 60jährigen Mann zu einem solchen Schritt bewogen haben? Wären sie unerfüllt kinderlieb oder wollten eine gute soziale Tat tun, gäbe es so vielfältige Möglichkeiten in dieser Welt, die jedem ethischen Anspruch genügen. Aber was tun sie ihrem Kind an, das sich später nur in dem Ruhm sonnen kann, Eltern mit "Schweizer Rekord" zu haben. Wie lange werden sie für ihr Kind sorgen können? Es wird - nach heutigem Verständnis - ja nicht nur mit Großeltern, sondern schon fast mit Urgroßeltern groß.

Ein eigenartiger, in meinen Augen egoistischer Ehrgeiz! "Späte Väter" sind in der heutigen Zeit nicht mehr so selten, ich zähle selbst dazu, aber diese Konstellation ist mehr als fragwürdig: Wenn das Kind in die Schule kommt, ist seine Mutter 70 Jahre alt ...

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Wieder einmal naht Weihnachten, das Fest des Schenkens

Wieder einmal naht Weihnachten, und ich habe bereits weitgehend mein „Pulver verschossen"! Denn in den zurückliegenden Jahren habe ich bereits alle meine Lieblingsgeschichten und Gedichte, die ich früher in Schulzeiten gern vorlas, unter der Rubrik "Weihnachten und Neues Jahr" in meinen blog gesetzt. Wer sich aber dennoch dafür interessiert, möge sie dort aufrufen.

Klüger geworden bin ich seither nicht unbedingt, neue Texte habe ich auch kaum hinzugelernt, aber ich bin bescheidener geworden. Während ich früher eher die Häme hatte, mich innerlich über diejenigen zu erheben, die einen weniger kritischen Blick auf all diese Ereignisse hatten, Weihnachten viel konventioneller begingen oder auch nur am weihnachtlichen Konsumrausch teilnahmen, den ich natürlich mit Verachtung abstrafte, sehe ich das jetzt alles viel milder und mich selbst nicht mehr so puristisch in der Rolle eines Richters über guten Geschmack oder angemessene Rituale. Meine (kritischen) Wertmaßstäbe haben sich dabei nicht sonderlich verändert, Weihnachtsrummel liegt mir weiterhin fern, aber ich halte mich nicht mehr so stark für das "Maß der Dinge".

Zu diesem Schritt hat mir sehr der folgende Text von Norbert Copray geholfen, den ich im Dezember 2009 im Publik-Forum Newsletter 9/2009 gefunden habe. Extra aufgehoben für dieses Jahr! Und jetzt von mir zitiert:

Weihnachten ist ja zu einem Fest geworden, das weltweit auch außerhalb des Christentums seine Anhänger gefunden hat und heute für viele mehr Bedeutung hat als noch vor dreißig oder vierzig Jahren. Doch was für eine Bedeutung? Man mag das störend und manchmal erschreckend kommerziell und übertrieben finden, aber im Mittelpunkt dieses Festes steht das Schenken – unabhängig von Religion und Kultur. Dabei hat man festgestellt, dass sehr viele Menschen etwas schenken, was dem anderen und ihnen selbst Freude macht. Es mag Exzesse geben, aber überwiegend hat das Schenken an Weihnachten mit so etwas zu tun wie: auf kluge Weise Freude machen. Man kann auch Zeit schenken, Gedichte, Bilder, Lieder, die Begleitung eines Menschen durch kritische Zeiten.

Wie man es auch dreht und wendet: Die Menschen haben weltweit das Richtige am Weihnachtsfest gefunden. Es ist eine Zeit des Schenkens aus einer oftmals unbewussten Erinnerung heraus an das bedeutendste Geschenk. Gott, das Göttliche, die umgreifende Weisheit, Brahman – wie immer man es sagen will -, kurz: die lebendigmachende und lebendigerhaltende Liebe schenkt sich den Menschen. Und spiegelt sich wider in den millionenfachen Geschenken, die die Menschen einander zur Freude machen. Denn das ist das Ziel des Schenkens: Freude bereiten – zur Liebe entfachen. Seien wir also nicht kleinlich, wenn’s nun bald ans Schenken geht. Auch hilfloses und kommerziell überfrachtetes Schenken ist ein Zeichen für Sehnsucht nach Liebe und Liebesversuche. Achten wir das nicht gering, dass Menschen tun und mitunter unbewusst nachahmen wollen, was Gott tat und tut: Liebe schenken. Das ereignet sich auch dort, wo geschenkt wird, selbst wenn es dabei unbeholfen zugeht.