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Samstag, 13. April 2019

Bücherschau

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Diese Bücher habe ich u.a. in der letzten Zeit entdeckt. Ich finde ihre Themen sehr aufschlussreich und möchte mich in Kürze genauer mit ihnen beschäftigen:

Klaus Lindner: Anfang und Ende der Welt. Eine Geschichte des Kosmos. - Leipzig u.a.: Urania 1995.

Das ist dann ja schon fast ein antiquarischer Titel! Ich habe länger nach einer derartigen Darstellung  gesucht, die eine Einordnung ermöglicht, wie besonders und kurzfristig unsere menschliche Kultur in der Weltgeschichte angesiedelt ist, unsere Erde als Nußschale im Kosmos, in der wir alle nur eine winzige Zeitspanne verbringen dürfen! Eine Mahnung zur Bescheidenheit, ein Aufruf zur Solidarität aller Menschen aller Zeitspannen aufgrund ihrer nur so kurzen Existenz und eine Mahnung an alle Despoten und "Menschheitsbeglücker", die ihre tatsächliche Bedeutung über alle Maßen überschätzen!

Carel van Schaik und Kai Michel: Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. - Reinbek: Rowohlt Taschenbuch Vlg. 4. Aufl. 2018. (= rororo 63 133). 

Dies ist kein religiöses Buch im üblichen Sinn! Es ist der Versuch, die Erzählungen der Bibel zu deuten als Grundlage für eine Betrachtung der Evolution der Natur und Kultur des Homo sapiens.
 
Steven Levitsky und Daniel Ziblatt: Wie Demokratien sterben. Und was wir dagegen tun können. - München: DVA 2018.

Ein mich beängstigendes Thema! Angesichts der politischen Verwerfungen in der Welt und der gewaltigen Aufmerksamkeit für rechte Themen allerorts in den Medien scheint aber die lange Jahre so friedliche Entwicklung bei uns nach der Wende nachhaltig gestört bzw. abgebrochen, eine Tatsache, die ich lange nicht wahrhaben wollte. 


 

Sonntag, 12. Februar 2012

Lieblingszitate CLXV: Seid unbequem! - Günter Eich

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Kommentar überflüssig! Dieses Gedicht fand ich abgedruckt im Jubiläumsheft "40 Jahre Publik-Forum", Beilage zu 3/12 v. 10.2.2012.


Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht

Nein, schlaft nicht, während die Ordner der
Welt geschäftig sind!
Seid misstrauisch gegen ihre Macht, die sie
vorgeben für
euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, dass eure Herzen nicht leer
sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man
aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im
Getriebe der Welt!

Günter Eich

Donnerstag, 1. September 2011

Lieblingszitate CLXI: James Krüss über jeden Tag im Jahr

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Dieses Gedicht hat mir vor wenigen Tagen eine liebe Freundin per Email geschenkt. Ich möchte es nicht für mich allein behalten und verschenke es so weiter. (James Krüss und das Copyright mögen es mir verzeihen, aber was kann für einen Autoren eine größere Anerkennung sein!)



James Krüss


Gedicht für jeden Tag im Jahr
Jeder wünscht sich jeden Morgen
irgend etwas - je nachdem.
Jeder hat seit jeher Sorgen,
jeder jeweils sein Problem.

Jeder jagt nicht jede Beute,
jeder tut nicht jede Pflicht.
Jemand freut sich jetzt und heute.
jemand anders freut sich nicht.

Jemand lebt von seiner Feder,
jemand anders lebt als Dieb.
Jedenfalls hat aber jeder
jeweils irgend jemand lieb.

Jeder Garten ist nicht Eden.
Jedes Glas ist nicht voll Wein.
Jeder aber kann für jeden
jederzeit ein Engel sein.

Ja, je lieber und je länger
jeder jedem jederzeit
jedes Glück wünscht, um so enger
leben wir in Einigkeit.


Zusatz v. 11.11.2017: Ein aufmerksamer Leser/in meines blogs hatte zu Recht moniert, dass ich dieses Gedicht inkorrekt wiedergegeben hatte, und zwar mit dem Schlusswort "Ewigkeit" statt "Einigkeit". Vielen Dank für diesen wertvollen Hinweis! Wahrscheinlich hatten mich der Garten Eden und der Engel auf die falsche Fährte geführt ...

Vorbilder: Astrid Lindgren

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ein spätes Reisemitbringsel von meiner Sommerreise nach Schweden!

Mit einem Kind nach Schweden gefahren zu sein, führt automatisch dazu, auf Schritt und Tritt Hinweise auf Astrid Lindgren zu finden. Aber das kann auch für Erwachsene ein Vorteil sein! Wer hat sich je so für die Rechte von Kindern eingesetzt und so kuriose und auch schöne Texte ersonnen, ein Genuss für Kinder, aber auch für Erwachsene, die ihnen vorlesen! Ich werde zwar nicht den Eindruck los, dass sie irgendwie auch das für immer verschwundene Land ihrer Kindheit verklärt und damit besonders in ihren Bullerbü-Büchern einen Mythos schafft, der ungesund ist, wenn man sich Zeit seines Lebens darin aufhalten möchte, ihn aber immer wieder einmal besuchen, das ist ein modernes Märchen zum Träumen, sollte Alt und Jung sie nicht dafür lieben!? Und es gibt noch so ganz andersartige Texte von ihr, an die ich mich zwar nur schemenhaft erinnere, die mich aber damals als Erwachsenen ganz in ihren Bann gezogen hatten, wie „Mio, mein Mio“ und „Die Brüder Löwenherz“.

Was mir aber jetzt besonders an Astrid Lindgren gefällt, ist ihre humorvoll-ironische Art und Weise, mit dem eigenen Altern und allen Gebrechlichkeiten umzugehen, wie ich es in dem folgenden Zitat gefunden habe:

Ich zitiere aus dem neuesten Baedeker über Südschweden (Ostfildern 2011, S. 351):

Für „ihren Sinn für Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Verständnis für Minderheiten und auch für ihre Liebe zur Natur“, erhält Astrid Lindgren 1994 in Stockholm den Alternativen Nobelpreis. 1996 benennt die Russische Akademie den neu entdeckten Asteroiden Nr. 3204 nach ihr, 1997 wird sie als Schwedin des Jahres ausgezeichnet. Mit einem Augenzwinkern bedankt sie sich beim Publikum: „Ihr verleiht den Preis an eine Person, die uralt, halb blind, halb taub und total verrückt ist. Wir müssen aufpassen, dass sich das nicht rumspricht.“

Als sie dies ausspricht, ist sie 90 Jahre alt (oder jung?)!!!

[Die farbliche Heraushebung folgt dem Baedeker, die Fettschrift ist hingegen meine Hinzufügung.]

Freitag, 1. Juli 2011

Günter Kunerts alter Pharao besingt das Verwelken

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Ältere Männer, die in kluger Weise über ihr Altern reflektieren oder es sogar ironisieren, haben etwas Faszinierendes für mich, wenn Frauen das tun, allerdings nicht minder! Da habe ich ein hervorragendes Beispiel aus der letzten Zeit, nämlich den Bericht über eine Dichterlesung von Günter Kunert in Frankfurt/O.

Ich zitiere aus dem Bericht von Uwe Stiehler, der unter dem Titel „Alter Pharao besingt das Verwelken – Günter Kunert zu Gast in Frankfurt“ am 5.5.2011 in der MOZ erschienen ist.

[…]

Und mit seinen Worten belächelt, verflucht und verdaut der 82-Jährige auch das eigene Älterwerden. Das hat er zum Beispiel in dem äußerst vergnüglichen Büchlein „Der alte Pharao spricht mit seiner Seele“ getan. Auch das stellte er in Frankfurt vor. Es ist eine Ode auf „Sauseschrittverweigerer“, eine Einladung, mit der Zeit stehenzubleiben, und eine ironische Beschreibung des eigenen Verwelkens, wenn der alte Mann zum Beispiel im Zugabteil von Eva träumt, ihren Apfel aber zurückweist. Weil der nicht altersgerecht ist.


„Danke Eva.

Aber mein Gebiss!

Der Dentist hat mich gewarnt.

Deswegen muss ich mich

der Sünde enthalten. Und

weiterschlafen

bis zur

Endstation.“

Mittwoch, 22. Juni 2011

Lieblingszitate CLVIII: mal wieder was Witziges!

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Unter dieser Rubrik habe ich schon mehrfach kleine Texte aufgeführt, die vielleicht im strengen Sinn keine Zitate sind, die mir aber besonders gefallen. Was macht's!

So möchte ich heute einmal erneut Witze präsentieren. Allerdings bin ich in einer Realsituation kein guter Erzähler, der andere zum Lachen bringt. Ich habe bei früheren Versuchen im Unterricht gelegentlich mal einen "zum Besten gegeben", meistens blieb es ganz still ... Aber das ändert nichts daran, dass ich einige Witze wirklich geistreich und gelungen finde und mich an ihnen freue.

Mit echter Freude ist es allerdings bei den folgenden beiden "Kostproben", die ich meiner Frau verdanke, so eine Sache. Sie machen eher nachdenklich, fast könnte man auf sie bestürzt reagieren. Aber das schmälert ja nicht ihren Wert, sie vermitteln eben Wahrheiten auf etwas andere Weise.


Nägelkauen

"Du, ich habe endlich Opa das Nägelkauen abgewöhnt!" - Toll, wie hast Du denn dieses Wunder geschafft?" - "Ganz einfach, wenn er wieder damit anfängt, nehme ich ihm einfach das Gebiss weg."



30 Jahre Altersunterschied

Ein Ehepaar, miteinander älter geworden und kurz vor der Rente, bekommt Besuch von einer freundlichen Fee, die jedem von ihnen einen Wunsch erfüllen will, weil sie so fleißig in ihrem Leben gewesen sind.

Die Frau fängt an, berichtet lang und breit von ihrem Traum, einmal gemeinsam mit ihrer Freundin ein Wellnesshotel zu besuchen, mit Blick auf den See, tollen Anwendungen, schönem Essen und womit man es sich dort sonst noch gut gehen lassen könnte. Die Fee hebt die rechte Hand, macht "bing": "Dein Wunsch sei Dir erfüllt!"

Der Mann ist über das lange Reden seiner Frau schon ungeduldig geworden: "Bei mir geht das Wünschen ganz schnell, ich muss da nicht langatmig drüber reden! Ich wünsche mir eine Frau, die 30 Jahre jünger ist als ich." "Bing! - Auch Dein Wunsch soll Dir erfüllt werden!"

Und dann ist er 90!


Wer lacht hier schadenfroh!? Das hat er nun davon, aber auch seine Frau wird darunter leiden. Zwar gibt es sehr rüstige Senioren, die geistig noch sehr fit sind und am Weltgeschehen teilnehmen. Aber gleichzeitig steigt auch die Quote von Menschen mit Demenz und Alzheimer. Aber was soll's! Der Witz seziert messerscharf und hat eine völlig unerwartete Pointe. Klasse!

Montag, 7. März 2011

Lieblingszitate CLV: Gedichte von Mascha Kaléko: Grundlos vergnügt!

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Hier nun das dritte Gedicht von Mascha Kaléko! Mir bestätigt es die Einsicht, dass nur derjenige, der einen ernsthaften Blick auf das Leben geworfen hat, auch die Fähigkeit zur Heiterkeit besitzt. Nach dem großen Ernst der ersten beiden Texte deshalb jetzt etwas Beflügelndes!

(Mascha Kaléko möge mir verzeihen, dass ich oben die männliche Sprachform gewählt habe. Es gab einmal eine Zeit, in der alle "korrekten" Leute bemüht waren, durch komplizierte Formulierungen jeweils beide Geschlechter wiederzugeben, es sieht aber fürchterlich "unheiter" aus und ich habe es mir wieder abgewöhnt.)




Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, dass am Himmel Wolken ziehen
Und dass es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
- Dass Amseln flöten und dass Immen brummen.
Dass rote Luftballons ins Blaue steigen.
Dass Spatzen schwatzen. Und dass Fische schweigen.

Ich freu mich, dass der Mond am Himmel steht
Und dass die Sonne täglich neu aufgeht.
Dass Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, dass ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter;
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
- Weil er sich selber liebt - den Nächsten lieben.
Ich freue mich, dass ich mich an das Schöne
Und an das Wunder nie gewöhne.
Dass alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, dass ich ... Dass ich mich freu.

Mascha Kaléko


Wiederum hat mir eine Blogger-Kollegin auf die Sprünge geholfen! Mein Dank an Rosinas Poesiealbum v. 31.3.2005 auf "http://poesiealbum.blogspot.com".

Lieblingszitate CLIV: Gedichte von Mascha Kaléko: Memento mori

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Ich möchte heute das zweite angekündigte Gedicht von Mascha Kaléko aufführen. Es hat mich sehr beeindruckt, dabei kann ich die mitgeteilten Gefühle und Einstellungen teilen. Es ist immer wieder ein Erlebnis für mich, wie andere das vorwegnehmen, was ich noch nicht ausdrücken könnte, aber als unfertigen Gedanken auch in mir trage. Ein Dank an Mascha Kaléko, die mir diesen Dienst erwiesen hat!



MEMENTO

Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
Und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr;
- Und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.

Mascha Kaléko

Auch dieses Gedicht verdanke ich einem anderen blog, nämlich "http://medbrain2001.wordpress.com", veröffentlicht am 8. Mai 2001.

Samstag, 5. März 2011

Lieblingszitate CLIII: Gedichte von Mascha Kaléko

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Eine echte Bereicherung für mich war der Vorschlag meiner Frau, am vergangenen Freitag einen Rezitations-Abend zu besuchen, dessen Schwerpunkt Gedichte von Mascha Kaléko bildeten. Mit Gedichten tue ich mich ohnehin eher schwer und diese jüdische Dichterin, die zu Zeiten der Weimarer Republik in Berlin ihre beste Zeit hatte, dann emigrieren musste und danach wohl weitgehend verstummte, war mir bislang nahezu unbekannt. Umso stärker mein Erlebnis, wie betroffen mich Texte dieser Frau machen. Heute und in den beiden folgenden Einträgen möchte ich deshalb die Gedichte vorstellen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

Das erste dieser Gedichte befasst sich mit einem meiner derzeitigen Hauptthemen, dem Älterwerden und dem Versuch, alles bisherige Erleben irgendwie zu begreifen und den "roten Faden" im eigenen Leben zu suchen.


Die Zeit steht still

Die Zeit steht still. Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
Scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
Wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
Mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens
An uns vorbei zu einem andern Stern
Und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
Und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
Zurücklegt die ihm zugemessnen Meilen.

Die Zeit steht still. Wir sind es, die enteilen.


MASCHA KALÉKO


Den Text verdanke ich einer Mit-Bloggerin, ich habe ihn unter "http://gabrielastagebuch.blogspot.com" als Beitrag für den 13. Juni 2007 gefunden. Danke!

Mittwoch, 5. Januar 2011

"Ein Tag mit Herrn Jules"


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Eine Buchbesprechung zu diesem bemerkenswerten Buch ist in Arbeit und wird mein nächster blog!

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Brüder Grimm: Die Boten des Todes

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Was passt besser zu meinem letzten blog-Eintrag und zu dem Thema "Lebensgrenzen anerkennen" als das folgende Märchen der Brüder Grimm? Ich habe es schon in meinem dort erwähnten uralten Artikel über "Angst vor Krankheit und Tod" in Teilen zitiert. Hier der vollständige Text:



Die Boten des Todes

Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße; da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und rief: "Halt! keinen Schritt weiter!" - "Was", sprach der Riese, "du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du , dass du so keck reden darfst?" - "Ich bin der Tod", erwiderte der andere, "mir widersteht niemand, und auch du musst meinen Befehlen gehorchen." Der Riese aber weigerte sich und fing an, mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer, heftiger Kampf, zuletzt behielt der Riese die Oberhand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, dass er neben einem Stein zusammensank. Der Riese ging seiner Wege, und der Tod lag da, besiegt, und war so kraftlos, dass er sich nicht wieder erheben konnte. "Was soll daraus werden", sprach er, "wenn ich da in der Ecke liegenbleibe? Es stirbt niemand mehr auf der Welt, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, dass sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen." Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied und warf seine Augen hin und her. Als er den Halbohnmächtigen erblickte, ging er mitleidig heran, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trunk ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam. "Weißt du auch", sagte der Fremde, indem er sich aufrichtete, "wer ich bin und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?" - "Nein", antwortete der Jüngling", "ich kenne dich nicht." - "Ich bin der Tod", sprach er, "ich verschone niemand und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, dass ich dankbar bin, so verspreche ich dir, dass ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will, bevor ich komme und dich abhole." - "Wohlan", sprach der Jüngling, "immer ein Gewinn, dass ich weiß, wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin." Dann zog er weiter, war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, bald kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn bei Tage plagten und ihm nachts die Ruhe wegnahmen. "Sterben werde ich nicht", sprach er zu sich selbst, "denn der Tod sendet erst seine Boten; ich wollte nur, die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber." Sobald er sich gesund fühlte, fing er wieder an, in Freuden zu leben. Da klopfte ihm eines Tages jemand auf die Schulter: er blickte sich um, und der Tod stand hinter ihm und sprach: "Folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen." - "Wie", antwortete der Mensch, "willst du dein Wort brechen? Hast du mir nicht versprochen, dass du mir, bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? Ich habe keinen gesehen." - "Schweig", erwiderte der Tod, "habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? Kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? Hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? Zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? Brauste dir's nicht in den Ohren? Nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? Ward dir's nicht dunkel vor den Augen? Über das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? Lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?" Der Mensch wusste nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tode fort.

Brüder Grimm


Der Anfang des Märchens gibt schon Rätsel auf, sollte er nicht nur ein Kunstgriff des Erzählers sein, einen früheren Kontakt des Menschen mit dem Tode herzustellen, weil sonst die Geschichte ihre Pointe verlieren würde. Aber wie wir auch immer den Riesen interpretieren mögen, wir sind keiner, und für uns beginnt die Geschichte erst analog im zweiten Teil ...

Ich habe dieses Märchen zitiert nach: Dietrich Steinwede (Hrsg.): Wie das Leben durch die Welt wanderte. Märchen der Menschen von Tod und Leben. - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1983. S. 16 - 18. [Ich besitze es seit 1984.]

Sonntag, 21. November 2010

Märchen und Ethik

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In meinem kleinen Literaturkreis, in dem wir hier in meiner Heimatstadt von Zeit zu Zeit die unterschiedlichsten Texte lesen und unsere Eindrücke darüber austauschen, waren in den letzten Wochen "Märchen" dran, ein Thema, das mich in seiner Vielfalt immer wieder fasziniert.

Einige meiner ältesten Erinnerungen ranken sich dabei um ein kleines, schäbiges Märchenbuch der Gebrüder Grimm, mit kaputtem Einband, Brandflecken und losen Seiten. Meine Mutter hat es wohl als Trümmerfrau 1945 in einer Ruine in Berlin gerettet. Die Auswahl der Märchen war etwas ungewöhnlich, jedenfalls waren nicht nur die üblichen berühmten Märchen abgedruckt. Wenn ich mich richtig erinnere, las ich in diesem Buch erstmalig "Die Nixe im Teich" und "Die beiden Brüder", zwei Märchen, die in ihrem "Skript" irgendetwas mit mir zu tun haben müssen, denn ich las sie immer wieder... (Ich denke jetzt, es hat etwas mit dem Motiv der Treue zu tun, die auf einer langen Lebensreise trotz größter Schwierigkeiten Bestand hat und schließlich nach vielen Plackereien doch noch zu einem guten Ende führt. Aber erst dann.)

Mittlerweile habe ich von psychologischen Ansätzen erfahren, die Märchen dafür einsetzen, Zugänge zum eigenen Erleben und der eigenen Entwicklungsgeschichte zu finden und sie dadurch therapeutisch nutzbar zu machen. Ich denke, da ist wirklich etwas dran. Jedenfalls haben mich Märchen, insbesondere Volksmärchen, nie mehr losgelassen, auch wenn dieses Buch meiner Kindheit leider schon vor vielen Jahren irgendwie abhanden gekommen ist.

Wir haben in dem Kreis darüber diskutiert, woher wohl die Märchen stammen mögen (die Wissenschaftler sind sich nicht einig) und welche Aufgabe sie ursprünglich hatten. Meine Meinung - jenseits aller Wissenschaftlichkeit: Volksmärchen dienen der Grundlegung einer Ethik! "Gut" und "Böse" werden eindeutig aufgezeigt, die dahinterstehende Ordnung ist einfach und überzeugend. (Fast) immer siegt zum Schluss das Gute! (Vielleicht gibt es Gegenbeispiele, sie sind mir aber z.Zt. nicht präsent). Kindern ist diese Ordnung in bestimmten Entwicklungsabschnitten sofort zugänglich und einleuchtend. Dabei sind die Märchen garnicht für Kinder erzählt (und später aufgeschrieben) worden, es waren ursprünglich Berichte für Erwachsene.

Samstag, 6. November 2010

Die Wurzeln der menschlichen Existenz im Märchen von Georg Büchner

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Harte Kost! Es gibt nicht wenige Leute, die dieses Märchen als nihilistisch bezeichnen. Aber vielleicht ist es nur ehrlich. Ich sehe es in gewissem Sinne als Fortsetzung meiner beiden blog-Beiträge mit den Zitaten von Bert Brecht und Erich Formm vom vergangenen Freitag (5.11.2010) über die Wurzeln der menschlichen Existenz. Zeitlich gesehen ist es allerdings ein Vorläufer, 100 Jahre älter als die Texte der beiden anderen Verfasser.


Das Märchen der Großmutter

Es war einmal ein arm Kind und hatt’ kein Vater und keine Mutter, war alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingegangen und hat gerufen Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt’s in Himmel gehen, und der Mond guckt es so freundlich an, und wie’s endlich zum Mond kam, war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie es zur Sonn kam, war’s ein verwelkt Sonneblum und wie’s zu den Sternen kam, waren’s kleine goldne Mücken, die waren angesteckt wie der Neuntödter sie auf die Schlehen steckt und wie’s wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen und war ganz allein, und da hat sich’s hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein.

Georg Büchner, Woyzeck

Gefunden in: Die schönsten Märchen. Hrsg. von Peter Härtling. – Berlin: Aufbau-Vlg. 2009. S.7.


"Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und ist ganz allein." Das ist eine traurige Situation, aber ist sie so grundlegend anders als bei Herrn Keuner, der aus dieser Einsamkeit ableitet, dass offenbar viele Menschen lieber an einen Gott glauben? Und soviel anders als die Aussage von Erich Fromm, der vom "fundamentalen Alleinsein und der Verlassenheit in einer Welt" spricht? Aber Erich Fromm formuliert gerade daraus seine Forderung, dass der Mensch tätig werden und sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen müsse, nicht aber in seiner unproduktiven Trauer verharren dürfe, wie es noch das kleine Mädchen bei Büchner tut. Und mit der Chance auf gute Resultate, denn Erich Fromm ist alles andere als ein Nihilist!!


Bemerkenswert finde ich außerdem, dass ich dieses Märchen ausgerechnet in einer Sammlung von Peter Härtling wiedergefunden habe, den ich wegen seiner einfühlsamen Bücher, besonders für Kinder und Jugendliche, hoch schätze. Auch alles andere als ein nihilistischer Autor, ganz im Gegenteil, wenn ich mir die warmherzigen Botschaften, mit denen er sich für die Belange von Kindern und solchen Menschen, die etwas anders sind, einsetzt, dabei aber immer ein sachliches Auge behält und keine Lebensbedingungen beschönigt.

Für ihn steht dieses Märchen als Erinnerung an eine historische Aufführung des "Woyzeck" im Berliner Schlossparktheater, einer Inszenierung, die er als "treffend" bezeichnet. Sie hätte etwas von einem unendlich traurigen Kasperletheater gehabt. In einer Situation, die für Härtling offenbar exemplarisch für das Erzählen von Märchen war, habe Elsa Wagner in einer unnachahmlichen Weise diese Worte von Georg Büchner vorgetragen. Dieses Erlebnis hat Peter Härtling offenbar so beeindruckt, dass er deshalb diesen Text als ersten in seiner Märchensammlung aufführt.

Eine Zumutung für Kinder? Oder das Vertrauen in die Wahrheit dieser Aussagen und in die Kraft der Sprache von Georg Büchner?

(Quelle: Das oben zitierte Buch, S. 5 - 6)

Freitag, 5. November 2010

Lieblingszitate CXXXXV: Bert Brecht und die Wurzeln der menschlichen Existenz

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Fast mit Erstaunen habe ich festgestellt, dass ich diese Keuner-Geschichte von Bert Brecht, die mir besonders viel bedeutet und die mir schon seit langer Zeit ein guter Ratgeber war, noch nicht in meinen blog gestellt habe. Ich hole es heute nach!

Die Frage, ob es einen Gott gibt

Einer fragte Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: „Ich rate dir, nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir diese Frage fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden: Du brauchst einen Gott.“

Bert Brecht, Geschichten vom Herrn Keuner

[In meiner Sammlung seit dem 19.3.1983.]

Mittwoch, 20. Oktober 2010

Lieblingszitate CXXXXI

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Immer, wenn ich anhebe, etwas Eigenes zu schreiben, sind mir die folgenden Worte von Oscar Wilde eine Warnung, nicht pathetisch zu werden und bescheiden zu bleiben. Ob es mir gelingt?


Es ist eine merkwürdige Tatsache, dass das schlechteste Werk stets mit den besten Absichten geschaffen wird und dass Leute immer am trivialsten sind, wenn sie sich selbst besonders ernst nehmen.

OSCAR WILDE


Gefunden in: Jokers-Katalog Oktober 2010, S.15

Montag, 18. Oktober 2010

Lieblingszitate CXXXIX

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Ein klassischer Fall von Galgenhumor! Mittlerweile bin ich mir nicht mehr ganz so sicher wie früher, ob ich die Haltung, die hinter diesem Gedicht steht, wirklich ganz bejahen mag. Aber es ist auch eine Erinnerung an meine Schulzeit, immerhin konnte ich es einmal auswendig!


Fabel mit Humor

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.

Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frisst,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquillieren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Wilhelm Busch

Eine Quelle habe ich mir seinerzeit beim Abschreiben nicht notiert.

[In meiner Sammlung seit dem 26.5.1980.]

Mittwoch, 13. Oktober 2010

Lieblingszitate CXXXV

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Ein "ganz frischer Fund"! Dabei besitze ich das Buch schon lange und der Autor ist uralt!


Auf ein Buch gebeugt


Es ist noch früh im Jahr. Die Gräser steigen

In Silberbüscheln zum Gezweig ums Haus.

Das Buch der Landschaft les ich nimmer aus.

Zehntausend Strophen weiß die Drossel. Schweigen


Am Abend dann. Der Acker ist gepflügt.

Ein andres Buch hat mich hinabgenommen.

Ein Wagen hält. Ein Freund ist angekommen.

Ein Buch. Ein Freund. Ein Acker. Das genügt.


Den Wein, den wir nun langsam trinken wollen,

Das Brot, die Früchte hab ich selbst gebaut

Und oft nach einem Regen ausgeschaut.

Ein Windhauch. Kühle. Ferne Donner rollen.


Es ruft das Buch uns alte Zeiten her,

Da wir die alten Seiten leise wenden,

Und langsam lesen wir so die Legenden

Von Berg und Fluß. Mein Freund, was willst du mehr?


TAU YÜAN MING


Gefunden in: Lektüre zwischen den Jahren. Vom Glück. Ausgewählt von Gottfried Honnefelder. – Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1985. S. 134.

Tau Yüan Ming lebte von 365 – 427.

Dienstag, 12. Oktober 2010

Dr. Dolittles Weisheit

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Kommentar zum Lesen dieses blogs: Es ist zum "Mäusemelken": Ich habe mehrfach versucht, diesen blog zu korrigieren! In der korrigierten Fassung laufen nicht alle Zeilen von Hugh Lofting zusammen, sondern sind schön lesbar nach Absätzen getrennt! Diese Fassung erhält man leider aber nur dann, wenn man in der Service-Leiste links diesen Artikel aufruft! Beim Normalaufruf des blogs hingegen erscheint immer die zusammengeschobene Variante. Sorry, ich weiß nicht, wie ich das ändern könnte!!


Alten Menschen wird manchmal nachgesagt, dass sie in mancherlei Hinsicht wieder "wie die Kinder" werden, erneut kindlich gefärbte Vorlieben zeigen, sich besonders gern mit Erinnerungen an ihre Kindheit beschäftigen (was Wunder, wenn das Kurzzeitgedächtnis schwach wird, die alten Gedächtnisspuren aber noch vertrefflich haften!), kurz und gut: wieder kindlich oder (die negative Variante) kindisch werden. Vielleicht ist da ja auch etwas bei mir dran, wenn ich mich wieder über Kinderbücher meiner Vergangenheit freuen kann! Eine einfachere Erklärung ist zwar, dass mein Sohn Paul Jakob gern vorgelesen bekommt und mir dabei "meine alten Bücher" am besten gefallen. Und dass es wirklich hervorragende Autoren und Autorinnen gibt, die Kinder nicht mit "kleinem Geist für kleine Geister" abspeisen, sondern all ihre Wärme, klugen Ideen und Weisheit in ihre Kinderbücher hineinpacken, Schätze, die gehoben werden können und "Kleinen und Großen gemeinsam" Gewinn versprechen! Vielleicht stimmen auch beide Erklärungsansätze ...

So lese ich Paul Jakob gerade wieder aus dem Klassiker von Hugh Lofting "Doktor Dolittle und seine Tiere" vor. Darin kommt die tolle Passage vor, wie Dr. Dolittle und seine Getreuen auf einem erbeuteten Piratenschiff einen kleinen Jungen finden, völlig verweint, denn die Piraten haben seinen geliebten Onkel auf einer winzigen Insel weit entfernt ausgesetzt. Selbst die scharfsichtigen Adler können ihn nirgendwo aufspüren. Erst Jip, dem Hund, gelingt es mit seiner phänomenalen Riechfähigkeit, wie mit einem Fernradar den nach Schnupftabak riechenden Onkel aufzuspüren und das Schiff zu seiner Rettung dorthin zu lenken. Und das alles geschrieben in einer schönen Sprache und mit eingewobenen Lebensweisheiten, nicht nur für Kinder!

Ich habe deshalb etwas davon abgeschrieben! In unserer Stadtbibliothek wurden die Dolittle-Bücher mittlerweile aussortiert. Wie schade! Vielleicht gibt es aber doch noch Eltern und Großeltern, die sich an ihre Kindheit erinnern und ihren Kindern bzw. Enkeln so ein Buch schenken. Vielleicht kann ich ja jemand dazu motivieren!

Dann ging Jip ganz nach vorn und schnupperte in den Wind; und er fing an, vor sich hin zu murmeln: „Teer; spanische Zwiebeln; Petroleum; nasse Regenmäntel; zerdrückte Lorbeerblätter; brennender Gummi; Spitzengardinen, die gewaschen werden – nein, stimmt nicht, Spitzengardinen, die zum Trocknen aufgehängt sind, und Füchse – zu Hunderten – junge Füchse, und -“

„Kannst du wirklich all die verschiedenen Dinge aus dem einen Wind herausriechen?“, fragte der Doktor.

„Aber natürlich!“, sagte Jip. „Und das sind nur ein paar von den leichten Gerüchen – den kräftigen. Die könnte doch jeder Straßenköter noch mit Schnupfen erkennen. Warten Sie mal, dann nenn ich Ihnen ein paar von den schwierigeren Gerüchen, die dieser Wind mitbringt – ein paar ganz feine.“

Dann schloss der Hund fest die Augen, reckte die Nase hoch in die Luft und schnüffelte angestrengt mit halb offener Schnauze.

Lange Zeit sagte er gar nichts. Er stand stocksteif da. Er schien kaum zu atmen. Als er endlich zu sprechen anfing, klang es fast, als sänge er traurig im Traum.

„Ziegelsteine“, flüsterte er ganz leise, „alte gelbe Ziegel in einer Gartenmauer, vom Alter schon ganz brüchig; der süße Atem junger Kühe, die in einem Gebirgsbach stehen; das Bleidach auf einem Taubenschlag – oder vielleicht einem Kornspeicher – in der Mittagssonne; schwarze Glacéhandschuhe in einer Schreibtischschublade aus Nussbaum; eine staubige Straße mit einer Pferdetränke unter Platanen; kleine Pilze, die aus morschem Laub ragen …“

„Keine Rüben?“, fragte Göb-Göb.

„Nein“, sagte Jip. „Du denkst immer nur ans Essen. Nirgends Rüben. Und kein Schnupftabak – jede Menge Pfeifen und Zigaretten, und ein paar Zigarren. Aber kein Schnupftabak. Wir müssen warten, bis der Wind von Süden kommt.“

„Also, das ist ja wohl ein armseliger Wind“, sagte Göb-Göb. „Ich glaube, du bist ein Schwindler, Jip. Wer hat je gehört, dass man einen Mann mitten im Ozean allein durch den Geruch finden kann! Ich hab doch gesagt, dass du es nicht kannst.“

„Pass mal auf“, sagte Jip; er wurde wirklich ärgerlich. „Ich beiß dir gleich in die Nase! Bild dir nur nicht ein, dass du so frech sein kannst, wie du willst, bloß weil der Doktor nicht zulässt, dass du von uns kriegst, was du verdient hättest!“

„Hört auf zu zanken!“, sagte der Doktor. „Schluss damit! Das Leben ist zu kurz dafür. Sag mir, Jip, was meinst du, woher diese Gerüche kommen?“

„Aus Devon und Wales – die meisten“, sagte Jip, „der Wind kommt von da.“

„Tja, tja, tja“, sagte der Doktor. „Das ist wirklich bemerkenswert – sehr bemerkenswert. Ich muss das für mein neues Buch aufschreiben. Ich frage mich, ob du mir wohl beibringen könntest, auch so gut zu riechen … Aber nein, vielleicht ist es besser, wenn ich bleibe, wie ich bin. ‚Genug ist genug, mehr wäre weniger’, sagt man. Lasst uns zum Abendessen hinuntergehen. Ich bin sehr hungrig.“

„Ich auch“, sagte Göb-Göb.

[Hervorhebungen von J.L.]

Zitiert nach: Hugh Lofting: Doktor Dolittle und seine Tiere. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. – München: Omnibus 2007. (= omnibus-Tb. 21835). S. 117 - 119.

Sonntag, 4. Juli 2010

"Wir Schlappschwänze ... !?"

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Mein Sohn sieht gerade seinen sonntäglichen Märchenfilm. Darin eine Situation, die mir für das Männerbild in Märchen typisch erscheint: Die neue Königin beklagt sich bei ihrem (wiederverheirateten) Ehegemahl, er mache einen Kult aus den Erinnerungen an die verstorbene erste Königin. Sofort beugt er sich ihrem (durchaus verständlichen!) Ansinnen und lässt im Umfeld alle Andenken beseitigen. Das ist nur der Einstieg, denn natürlich hängt da noch etwas mit seiner Tochter aus erster Ehe dran, und man kann schon ahnen, dass sie zu den Königstöchtern gehören wird, die Schlimmstes von ihren Stiefmüttern zu erleiden haben, bis sie zum Schluss als Schönste und Leidensfähigste doch noch den Prinzen und das ganze Reich erhalten werden.

Soweit, so gut! Ich erinnere mich aber, dass dies eine immer wiederkehrende Melodie in vielen Märchen ist: Die Frauen sind stark, sowohl im Guten als auch im Bösen. Sie retten Geschwister unter Lebensgefahr ("Die sechs Schwäne") und bleiben ihrer Liebe treu, aber sie sind auch barbarisch zu Stiefkindern ("Aschenputtel" oder "Schneewittchen") und eigenen ("Hänsel und Gretel"), wenn es das eigene Überleben betrifft. Die Männer haben ihnen nur wenig entgegenzusetzen, passen sich schnell den Forderungen ihrer Frauen an und leisten keinen Widerstand, selbst wenn sie - völlig gegen ihr Gefühl - die geliebten Kinder auf Befehl der Frau im Wald aussetzen. Schlappschwänze ... ?!

Ob dies die Rache der Märchenerzählerinnen (denn es werden vermutlich eher Frauen als Männer die Märchen in der mündlichen Überlieferung weitergereicht haben) an ihrer gegenüber den Männern zurückgesetzten Frauenrolle gewesen ist, sozusagen ein früher Akt von Feminismus? Oder haben sie einfach Recht? Es heißt ja heutzutage häufiger, dass eigentlich die Frauen das stärkere Geschlecht seien - bei den Leistungen von Schülerinnen und Schülern in Deutschland bereits ein unumstrittener Fakt.

Montag, 21. Juni 2010

Lieblingszitate CXXVIII


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Werte


Die guten Dinge des Lebens

Sind alle kostenlos:

Die Luft, das Wasser, die Liebe.

Wie machen wir das bloß,

Das Leben für teuer zu halten,

Wenn die Hauptsachen kostenlos sind?

Das kommt vom frühen Erkalten.

Wir genossen nur damals als Kind

Die Luft nach ihrem Werte

Und Wasser als Lebensgewinn,

Und Liebe, die unbegehrte,

Nahmen wir herzleicht hin.

Nur selten noch atmen wir richtig

Und atmen Zeit mit ein,

Und leben eilig und wichtig

Und trinken statt Wasser Wein.

Und aus der Liebe machen

Wir eine Pflicht und Last.

Und das Leben kommt dem zu teuer,

Der es zu billig auffasst.


Eva Strittmatter



Gefunden in dem wunderbaren Sammelband mit Gedichten und Bildern:


Eva Strittmatter und Erwin Strittmatter: Landschaft aus Wasser, Wacholder und Stein. Ein Jahreszeitenbuch. Hg. von Almut Giesecke. Mit 78 Fotos von Anke Fesel. – Berlin: Aufbau Vlg. 2005. Darin: S. 15.