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Ganz habe ich der Psychologie dann doch noch nicht abgeschworen, wenn ich diesen Beitrag an den vorigen anschließen möchte! Ich habe einen Leserbrief an das Publik-Forum verfasst, das einen meiner früheren "Klassiker" wieder in seine Buchauswahl für den Vertrieb über seinen Shop aufgenommen hat.
Ich besitze keine Neuauflage dieses Buches, es ist jetzt bei Klett-Cotta im Angebot. Zitieren kann ich nur meine uralte Ausgabe, mit der ich Jahrzehnte gearbeitet habe. (Also bei Interesse aktualisieren!)
Rudolf Dreikurs & Vicki Soltz: Kinder fordern uns heraus.
Wie erziehen wir sie zeitgemäß? - Stuttgart: Klett 1976.
(damals bereits 166. - 200. Tausend!)
Hier mein Leserbrief:
Liebes Publik – Forum,
mit großer Freude habe ich auf der Bücherliste des Publik –
Forum – Shops (in 4/19 und 11/19) einen „alten Bekannten“ wieder
gefunden, nämlich das Buch von Rudolf Dreikurs „Kinder fordern uns heraus“. Ich
denke, es war in den 70er/80er Jahren ein besonders weit verbreitetes
Erziehungsbuch in Deutschland. Aber auch in diesem Genre gibt es offenbar
„Moden“, und so schien mir dieses Buch schon weitgehend „vergessen“, obwohl
spätere Autoren gern auf Ideen des Dreikurs-Teams zurückgriffen…
„Kinder fordern uns heraus“ ist ein äußerst praktisches, an
vielen konkreten Beispielen anknüpfendes Buch, das Eltern zur Selbstreflexion
ermutigt und ihnen viele Ideen für die Erziehungspraxis jenseits von Zwang und
autoritärem Gehabe vermittelt. Aber es zeigt eine klare Orientierung und war
ein Gegenpol gegenüber der damals sehr gelobten „antiautoritären Erziehung“.
Als Ratgeber war dieses Buch in meinen Augen stets „1.
Wahl“, auch durch seinen Bezug auf die Individualpsychologie Alfred Adlers und
dessen soziales Menschenbild. „Kinder fordern uns heraus“ waren für mich in
meiner Zeit als Dozent in der Ausbildung von Erzieherinnen und Heilpädagoginnen
eine hilfreiche Unterstützung und haben für viele positive Rückmeldungen gesorgt.
Schön, dass Sie diesen Klassiker wieder aufleben lassen!
. Unter diesem Titel berichtete die MOZ am 24.5.2919 über die Vergabe des diesjährigenLehrerpreises in Brandenburg. Dieses Thema hat mich schon in früheren Jahren zur Kritik angeregt, vielleicht habe ich sogar schon einmal in diesem blog darüber geschrieben. Jedenfalls habe ich einen Leserbrief verfasst, der sogar abgedruckt worden ist:
MOZ, 13.6.2019 (Leserbriefseite):
Für herausragende Arbeit geehrt .
Lehrer Man sollte lieber Teams oder ganze Schulen für besonders gute Bildungsproekte prämieren.
Zu "Die Top-Lehrer Brandenburgs in diesem Jahr" (Ausgabe vom 24.Mai)
Ich kenne den harten Berufsalltag, gerade von engagierten Lehrkräften, deshalb gratuliere ich allen Preisträgern. Aber bei einer Olympiade gibt es wenigstens eine Silber- und Bronzemedaille. Hier aber gehen alle anderen im Kollegium leer aus. Das fördert das Konkurrenzdenken und kann die Stimmung beeinträchtigen. Ich kenne Kollegien, die deshalb an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen wollen.
Überthaupt: Der Lehrer als Einzelkämpfer ist bei den heutigen Vorstellungen einer zeitgemäßen Schulpädagogik ein Auslaufmodell. Sollte man nicht lieber Teams oder ganze Schulen prämieren, die besonders gute Projekte, z.B. im Bereich Integration, Inklusion und Unterstützung von Migrantenkindern durchgeführt haben?
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Bedingt durch den Schulbesuch meines kleinen Sohnes Paul Jakob verfolge ich nun schon seit geraumer Zeit das Thema "Inklusion" in Brandenburg, denn seine Allgemeine Förderschule stand lange Zeit auf der Schließungsliste des Ministeriums. Nach vielen Protesten im Lande wird jetzt eine weniger direkte Strategie verfolgt und erst einmal in einem Pilotprojekt ausprobiert, ob normale Grundschulen mit verbesserter Ausstattung überhaupt in der Lage sind, inklusiv zu arbeiten und behinderten Kindern gerecht zu werden. Mißtrauisch geworden, verfolge ich aber alle Schritte im Lande kritisch und hinterfrage sie.
Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich nämlich manch Versprechen als "Bohren eines dünnen Brettes", so denke ich leider auch über die aktuellen Ereignisse:
Zunächst möchte ich einen Artikel der MOZ v. 29.4.2012 zitieren, der über die Wahl einer Schule meiner Heimatstadt Fürstenwalde in den Kreis der Pilotschulen in Brandenburg berichtet:
Gemeinsam lernen
Fürstenwalde (IsI) Die Sonnengrundschule nimmt Teil am Pilotprojekt "Schule für alle" des Brandenburger Bildungsministeriums. [...] 84 Schulen im ganzen Land, elf davon in Oder-Spree, erproben im kommenden Schuljahr den Ausbau inklusiver Bildungsangebote. An den Pilotschulen lernen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam. Pro Klasse werden maximal 23 Schüler unterrichtet. Im Rahmen des Projektes werden insgesamt rund 100 zusätzliche Lehrer bereitgestellt.
Das hat mich nicht ruhen lassen, folgenden Leserbrief an die MOZ am 1.5.2012 zu richten:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie berichten vom Erfolg der "Sonnengrundschule", am Pilotprojekt "Schule für alle" teilnehmen zu dürfen. Nach den heftigen Protesten gegen die Inklusions-Planungen des Ministeriums (Schließung der Allgemeinen Förderschulen) war dieses Projekt zur vorsichtigeren Erprobung inklusiver Beschulung ersonnen worden. Meine Gratulation an die Schule, die sich ja schon lange um die integrative Betreuung von behinderten Kindern verdient gemacht hat.
Beim genaueren Lesen lässt sich dann der "Pferdefuß" aber nicht mehr verstecken: Rein statistisch entfällt auf jede teilnehmende Pilot-Schule gut eine Lehrerstelle zusätzlich. Ist das die großzügige Unterstützung des Ministeriums für alle zusätzlichen Arbeiten der Schulen? Es kreißte der Berg und gebar eine Maus ...
Freundliche Grüße Jürgen Lüder
Wie soll das gehen? Die Klassenstärken sind immer noch für diese Zusammensetzung in schwindelnder Höhe, und die neue Lehrkraft darf von Klasse zu Klasse hüpfen, gerade in mehrzügigen Schulen. Oder ist sie nur zum Einsatz in den neuen ersten Klassen gedacht, die nach dem neuen Modell gebildet werden? Dann wäre es evtl. noch vertretbar, aber nirgendwo war von dieser Regelung die Rede.
Bereits am 4. Juli 2011 habe ich eine neue Rubrik "Förderschulenstreit" in meinem blog eröffnet. Es geht um das leidige Thema, dass sich unsere Bildungsministerin in Brandenburg, Frau Dr. Münch, in den Kopf gesetzt hat, die UN-Konvention "Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen" so in die Tat umzusetzen, dass landesweit alle Allgemeinen Förderschulen zur Disposition gestellt sind und als Schulform auslaufen sollen. Auch in anderen Bundesländern sieht es nicht viel anders aus, nur gerade in Brandenburg "wurschteln" alle vor sich hin, denn das Ministerium hat bisher keine wirklich tragfähigen Konzepte veröffentlicht. Vielleicht liegen sie in den Schubläden ... und werden plötzlich präsentiert, ohne dass die Beteiligten dann noch viele Abwehrmöglichkeiten hätten. Diese Befürchtung habe ich sehr stark, denn nach meinen Erfahrungen mit Schulverwaltung und Ministerium hier im Lande im Rahmen dieser Debatte habe ich den Eindruck gewinnen, dass solche Abläufe in sehr autoritärer und wenig demokratischer Weise abgehandelt werden und die Öffentlichkeit höchstens hinterher informiert wird. Da mein Sohn eine derartige Schule besucht, sind wir sehr in Sorge um den Erhalt dieser Schule. Denn sie hat sich in den letzten Jahren sehr um ihn verdient gemacht - wir wüssten nicht, was aus Paul Jakob ohne diese Art der Beschulung geworden wäre ...
Im Rahmen der Diskussionen an der Schule, in der ich Teilnehmer der Schulkonferenz bin, habe ich vor zwei Monaten eine Stellungnahme in unsystematischer Form verfasst, die ich heute hier in meinen blog stellen möchte.
Jürgen Lüder30.9.2011
Anmerkungen zur Inklusionsdebatte in Brandenburg
„Inklusion“ ist z. Zt. ein Zauberwort, das die Schullandschaft aufmischt und zu Spaltungen unter den Betroffenen führt: In begeisterte Anhänger, besonders unter manchen Behinderten und ihren Eltern, die eine schnelle Umsetzung im Sinne der UN-Konvention wünschen und eine Beschulung ihrer Kinder an Sonderschulen ablehnen – und in diejenigen, die das Sonderschulwesen für sinnvoll halten und diesen Schutzbereich für Kinder „mit besonderen Bedingungen“ erhalten wollen. Ich sehe mich dabei in einem Zwiespalt mit mir selbst: Ich habe bisher alle wirklichen Reformen unterstützt, sehe mich aber entgegen meinem früheren Engagement plötzlich „in der konservativen Ecke“, weil ich Bestehendes gegen „Reformen“ schützen möchte. Das liegt aber besonders daran, dass die bisherigen Ansätze, die große Vision „Inklusion“ in die Realität umzusetzen, m. E. stümperhaft und mit Gefahren beladen sind.
Denn „Inklusion“ ist eigentlich eine großartige Idee! Aber eben auch nur eine von vielen, die ich im Laufe meiner Tätigkeit im Behindertenbereich habe an mir vorbeiziehen lassen: das Normalisierungsprinzip, die Integration, das Empowerment, das eigene Budget … Inklusion ist dabei am „modernsten“ und weitreichendsten und bezieht sich grundsätzlich nicht nur auf Schule, sondern überhaupt auf die Teilhabe des Einzelnen an der Gesellschaft. Aber eben auch gerade „in Mode“. Was kommt danach? Oder ist es schon das grundsätzlich am weitesten gefasste Konzept? Die Grundidee ist beeindruckend: Jeden bei den Möglichkeiten abzuholen, die er hat, sie zu würdigen und ihm alle Möglichkeiten anzubieten, sich weiter zu entwickeln, seine Fähigkeiten zu steigern und sich in die Gesellschaft zu integrieren.
Der Politik sitzt dabeidie UN-Konvention „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ im Nacken. Deutschland wurde dabei insbesondere für sein ausgebautes Sonderschulwesen kritisiert. Früher galt aber gerade dies als deutsches Verdienst! Eines der Argumente ist, dass Schüler an Sonderschulen weniger Impulse erhielten, einen vollwertigen Schulabschluss zu schaffen. Das halte ich z. T. für einen Artefakt. In Brandenburg wird der hohe Anteil von Schülern beklagt, der ohne Schulabschluss die Schule verlässt. Man könnte zuerst vermuten, dass dies alles Schulverweigerer sind. Weit gefehlt! Vom Ministerium wird Schülern von Sonderschulen ein regulärer Schulabschluss verweigert (und gleichzeitig auf die zu hohe Quote verwiesen, schizophren!). Der Landrat von MOL [Märkisch Oderland] hat auf der großen Versammlung mit Frau Münch am 25.5.11 darauf verwiesen, dass der Kreis schon längst den Antrag gestellt hätte, einen einschlägigen Schulabschluss einzuführen, bislang leider vergebens. Wenn alle großen inklusiven Bemühungen nun dazu führen sollten, einige bisherige Sonderschüler auf das Niveau des bisherigen niedrigsten Schulabschlusses zu hieven (und mehr ist für die meisten möglicherweise illusorisch), so ist die Frage zu stellen, wieweit das ihre Lebenschancen wirklich verbessert. In den letzten Jahren wurde von der Wirtschaft immer beklagt, dass das Niveau von Schulabgängern viel zu niedrig sei, um sie für anspruchsvollere Tätigkeiten auszubilden. Was bringt dann so ein Abschluss?
Würden alle Schulen so ausgestattet, dass an ihnen sinnvoll inklusiv gearbeitet werden könnte, würde ich nicht für den Erhalt unserer Schule kämpfen. Denn es wäre eine echte bildungspolitische Revolution! Kleine Klassen, mehr Lehrer und zusätzliches Personal, bessere Ausbildungen auch im Hinblick auf Sonderpädagogik … Ganztagsschulen oder zumindestens heilpädagogische Horte… Es ist klar, dass dies erhebliches Geld kosten würde. Auf der Versammlung vom 25.5. ging Frau Münch aber noch davon aus, dass die Umsetzung weitgehend kostenneutral geschehen müsse (ich habe sie direkt danach gefragt). Durch solche Äußerungen ist wohl auch der Eindruck entstanden, die ganze Inklusionsdebatte sei ausschließlich aus Spargründen inszeniert worden, um die besonders teuren Sonderschulen abzuschaffen und die freiwerdenden Ressourcen auf alle zu verteilen. Das ist aber nicht gerecht gegenüber Frau Münch, die offenbar doch aus der harschen Kritik an ihren Plänen etwas gelernt hat und in neueren Interviews betont, eine vernünftige Umsetzung von Inklusion sei nur mit Mehrausgaben zu leisten.
Sehr gut nachvollziehbare Forderungen an dieser Stelle hat die GEW-Brandenburg aufgestellt. Mir liegt ein Flugblatt vom 8. Juni 2011 vor, dessen Positionen ich unterstütze.
Eine wirkungsvolle inklusive Arbeit kann m. E. nicht dadurch geschehen, dass die (durchaus privilegierten !!!) Ressourcen unserer Schule auf alle anderenim Umkreis verteilt werden, sondern dass diese auf ihr Niveau angehoben werden. Solange dies nicht gewährleistet ist, werde ich mich strikt für den Erhalt der Schule einsetzen.
Ein häufiger vorgetragenes Argument lautet, "besondere" Institutionen neigten dazu, um ihre Privilegien zu kämpfen, ihren Erhalt abzusichern und ihre Klienten festzuhalten, um so ihre Lebensberechtigung nachzuweisen. Pfui! Wenn eine Lehrkraft einer Förderschule für den Weiterbestand ihrer Schule kämpft, täte sie es nur, um ihren (bequemen??!) Arbeitsplatz abzusichern. Recht tut sie!!! Ich finde es völlig legitim, wenn Menschenaus helfenden Berufen (zu denen auch Lehrer gehören!) sich selbst nicht aus den Augen verlieren, sondern sich um einen Arbeitsplatz bemühen, an dem sie vernünftig wirken und ihre Arbeitskraft bewahren können, aber Widerstand gegen jede Form von „Verheizung“ leisten:
Eine Sonderschullehrerin, die nur noch im „fliegenden Einsatz“ von Schule zu Schule eilt oder aber für eine ganze Schule zuständig wäre, hätte so einen Job! (Überlastete Schulpsychologen können von einer solchen Situation sicherlich ein Lied singen.) Gerade die Arbeit mit einer schwierigen Klientel, wie sie viele Schüler unserer Schule darstellen, kann nur gelingen, wenn es Lehrkräfte als ihre Aufgabe auffassen, Beziehungsarbeit zu leisten. Und das geht nur bei hinreichender Kontaktzeit und kleinen Klassen. (Früher hätte ich noch ein weiteres Argument hinzugefügt, das allerdings im Schulbereich wohl weitgehend illusorisch ist: jemand, der so schwere Beziehungsarbeit leistet, braucht eigentlich auch eine ständige Entlastungsmöglichkeit, z.B. über häufige einschlägige Fortbildungen und Supervision – heute modischer: Coaching!)
Unsere Schule hat große Vorteile, für deren Erhalt sich das Kämpfen lohnt: engagierte Lehrerinnen und Schulleitung, kleine Klassen, eine wunderbare Kooperation mit dem heilpädagogischen Hort, Verbindungen zu anderen Schulen, die eine Öffnung für dazu fähige Schüler bieten, Kooperationen mit anderen Stellen (Jugendamt) und Menschen mit vielen Ideen, gleichzeitig ist sie Schutzraum für solche Kinder/Schüler, die vom normalen Schulbetrieb völlig überfordert wären!
Ich schließe hier erst einmal meine Ausführungen ab, manches ließe sich ergänzen oder systematisieren, dafür bin ich offen!
Ein Nachtrag: Frau Münch plant wohl eine Vielzahl von „Runden Tischen“ im Land. Das wäre eine kluge Entscheidung. Berlin, das schon eine Runde weiter ist auf einem ähnlichen Weg, hat dies nämlich ziemlich „vermurkst“. Zwar hat dort die Schulbehörde bereits eine umfängliche Positionsbeschreibung als Parlamentsvorlage eingebracht (so etwas gibt es offenbar in Brandenburg noch nicht), erntete aber harsche Kritik, weil es ein Papier „von oben herab“ war, bei dessen Erarbeitung keiner der einschlägigen Verbände/Interessenvertreter beteiligt wurde. Also ein rein hoheitlicher Akt ohne demokratische Beteiligung. Die Ausrichtung der Regionalkonferenz mit Frau Münch am 25.5. 2011 in Fürstenwalde legt die Vermutung nahe, dass in Brandenburg die Schulverwaltung ähnlich autoritär wie in Berlin vorgehen könnte (wenn man sie lässt!), aber die Ankündigungen von Frau Münch über zukünftige Beteiligungen von anderen Betroffenen lässt Besseres hoffen!
Ich erlebe es als angenehm, dass sich bei mir mit zunehmendem Abstand von meinem Berufsleben ein größerer innerlicher Frieden einstellt: Während ich mich früher stark über Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz und Unklares im Schulalltag aufregen konnte, ist dies alles jetzt weit weg von mir, mein Zorn ist verrauscht und ebenso meine Bereitschaft, auf irgendwelche Barrikaden zu steigen.
Dachte ich ... Von einer unerwarteten Seite her habe ich wieder Anlass, mich über Schule und Schulpolitik aufzuregen und muss meinen Kampfesmut im Zaum halten, weil nur ein kühler Kopf Punkte bringt. Dabei ist der Anlass auf den ersten Blick sehr positiv: Deutschland hat 2009 eine UN-Konvention mit unterzeichnet, die für Gleichberechtigung aller Menschen eintritt und unter anderem die inklusive Beschulung behinderter Menschen fordert. "Inklusion" als neues Paradigma in der Behindertenarbeit! Grundsätzlich ein sehr positiver Ansatz und für mich zusätzlich noch "hautnah", weil mein kleiner Sohn Paul Jakob betroffen ist und eine Allgemeine Förderschule besucht, unterstützt von einem persönlichen Einzelfallhelfer.
In Berlin und Brandenburg hat dies dazu geführt, dass die dortigen Kultusminister jetzt ganz fortschrittlich sein wollen und diese UN-Konvention unbedingt umsetzen wollen. Opfer: Die Allgemeinen Förderschulen! Denn diese sollen in Brandenburg bis spätestens 2019 geschlossen und ihr Schülerklientel zukünftig "inklusiv" an Regelschulen unterrichtet werden. Grundsätzlich ja o.k., wenn diese Regelschulen von Klassenstärken und Lehrerschaft her ähnlich ausgestattet würden wie bisher die Förderschulen. Das wäre eine echte Revolution (Klassenstärken nur noch bis 16 Schüler! ausgebildete Sonderpädagogen!) und käme dann allen Schülern zugute. Es würde aber eine erhebliche Ausweitung des Schuletats erfordern, um all das dann notwendige Personal einzustellen. Weit gefehlt!!! Diese Veränderungen sollen kostenneutral durchgeführt werden, d.h., was den Förderschulen genommen werden wird, wird auf alle anderen aufgeteilt, die dann ein bißchen zulegen können, aber eben nur ein bißchen... Und der Schutzraum "Förderschule" wird nicht mehr existieren.
Zwar wird mein Sohn bis zum Greifen dieser "Reform" schon seine Schulzeit beendet haben, aber diese Planungen überschatten alles Weitere in seiner Schule. So habe ich mein neues "Kampfthema", denn diese sehr abgespeckte Variante von "Inklusion" halte ich für unvernünftig und die Art und Weise, wie sie vom Ministerium offenbar durchgepeitscht wird - entgegen allen Vorbehalten einschlägiger Lehrergewerkschaften und Fachverbände - sehr merkwürdig und undemokratisch.
Deshalb werde ich mich zukünftig für dieses Thema engagieren und habe dafür auch schon eine neue Rubrik aufgemacht: "Förderschulenstreit". Ganz neu ist das Thema dabei allerdings nicht, denn die mögliche Schließung der Allgemeinen Förderschulen geistert schon länger durch die Schullandschaft und hatte vor Jahren zur Folge, dass Schulen dieses Typs "eigentlich" keine ersten Klassen mehr aufnehmen durften. Bereits beim Jahrgang unseres Sohnes lag aber eine so große Nachfrage vor, dass das Schulamt eine Ausnahme genehmigen musste. Und die derzeitige erste Klasse seiner Schule ist fast überfüllt... Im Zusammenhang mit dieser Problematik habe ich bereits vor Jahren schon einmal einen Leserbrief an die Zeitschrift "Menschen" verfasst. Wer ihn lesen möchte, findet ihn ebenfalls unter der neuen Rubrik.
Heute folgt an dieser Stelle ein Leserbrief, den ich an unsere örtliche Zeitung MOZ am 8.4.11 geschickt habe, in Teilen dort abgedruckt am 16.4.11!
Liebe MOZ,
am 1.4.2011 berichteten Sie an mehreren Stellen über die von Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch angekündigte Schließung der Förderschulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt „Lernen“ bis 2019. Zunächst glaubte ich – vom Termin her – an einen Aprilscherz, aber Frau Münch ist es wohl bitterernst mit der Auflösung aller einschlägigen Sonderschulen. Denn der Politik sitzt dabei die von Deutschland ratifizierte UN-Konvention von 2009 im Nacken, die verbindlich die gemeinsame Beschulung aller Kinder im Sinne des neuen Paradigmas „Inklusion“ fordert. Die Brandenburger Parlamentarier waren überrascht, haben es offenbar weniger eilig als die Ministerin, die sich hier möglicherweise in „vorauseilendem Gehorsam“ übt.
Die Umsetzung von „Inklusion“ an unseren Schulen ist aber noch ein nebulöser Traum, solange in Grundschulklassen über 20 Schüler sitzen, Sonderpädagogen knapp sind und die Schulsozialarbeit rar: „Inklusion“ bleibt solange ein wohlklingendes Zauberwort ohne reale Chancen, solange keine massiven personellen und materiellen Verbesserungen an den Schulen eingeleitet werden. Davon habe ich bisher allerdings nirgendwo etwas gesehen. Es wäre eine echte Revolution! Und die würde einiges kosten, aber zeigen, ob es der Politik mit den ständig gepriesenen Verbesserungen im Bildungsbereich wirklich ernst ist.…
Da hat es mein Sohn als Förderschüler in einer Kleinklasse von 10 Kindern mit einer engagierten Lehrerin in Kombination mit einem (nichtstaatlichen!) heilpädagogischen Hort besser. Frau Münch sollte uns einmal besuchen und die realen Bedingungen an den Schulen kennen lernen, bevor sie solche großen Worte gebraucht, die uns verschrecken! Die hiesigen Grundschulen wären mit der Betreuung unseres Sohnes völlig überfordert (und sind es auch ohne ihn angesichts einer zunehmenden Zahl schwieriger Kinder schon in ihrer normalen Arbeit), unser Sohn wiederum würde rettungslos in ihnen untergehen. Was für eine Perspektive!
. Anfang Dezember habe ich hier auf meinem blog von einer 64jährigen Schweizerin berichtet, die aufgrund einer Eizellenspende ein Kind zur Welt gebracht hat ("Gott spielen", 8.12.2010).
Irgendwie liegt die folgende Nachricht (t-online, 28.12.2010) auf der gleichen Linie, dem Überschreiten bisheriger Grenzen, die durch unsere menschliche Existenz gezogen sind, sich aber mit heutigen biologischen und sozialen "Tricks" ausmanövrieren zu lassen scheinen (wenn man die Spätfolgen ausklammert):
Sir Elton John im Vaterglück
Sie sind Papa: Sir Elton John und sein Mann David Furnish sind Väter geworden - das berichtet das US-Magazin UsMagazine.com in New York. Demnach wurde der kleine Zachary Jackson Levon Furnish-John am 25. Dezember im US-Staat Kalifornien von einer Leihmutter zur Welt gebracht.
Das Gewicht des Jungen betrug 3580 Gramm. "Wir sind in diesem speziellen Moment überwältigt von Glück und Freude", erklärte das schwule britische Paar in einer gemeinsamen Mitteilung. "Zachary ist gesund und ihm geht es gut, wir sind sehr stolze und glückliche Eltern." Für das seit 2005 verheiratete Paar ist es das erste Kind.
Ein Sprecher von John (63) und Furnish (48) erklärte, dass die beiden das Privatleben der Leihmutter strikt schützen und keine Details über die mit ihr getroffenen Vereinbarungen bekanntgeben werden. Wer von den beiden der biologische Vater ist, teilte das Magazin nicht mit.
Wenn die beiden Sehnsucht nach einem Kind gehabt hätten und eine gute soziale Tat tun wollten, so hätten sie in dieser Welt sicherlich viele Gelegenheiten gefunden, dies zu verwirklichen. So haben sie sich aber wie die Schweizerin auf die mit ihr gemeinsame Ebene begeben, "Gott" zu spielen und etwas zu verwirklichen, was nicht wirklich geht, denn es reicht über die normale Form einer Adoption weit hinaus.
Ich spreche mich dabei nicht gegen Ehen zwischen homosexuellen Männern oder lesbischen Frauen aus. Es ist aber eine Sondersituation und nur durch "Mogelei" lässt sich diesen Beziehungen ein eigenes Kind hinzufügen. Gut, ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis und kenne vielleicht die verzehrenden Gefühle nach einer Erweiterung der Beziehung um ein Kind nicht. Aber zu jedem Leben gehört manchmal auch ein Verzicht, wenn die existentiellen Bedingungen es gebieten. Ein Überschreiten mit Kunstmitteln kostet immer auch einen Preis. Und den wird irgendwann in diesem Fall wahrscheinlich Zachary Jackson Levon Furnish-John zahlen: Was für ein Identitätsgefühl wird er einmal herausbilden? An seine Kindheit werden ihn tüchtige Ammen und Kinderfrauen erinnern, die ihn großgezogen haben, oder wollen Elton und David selbst seine Windeln wechseln? Nach allem meinen Wissen über Menschen, die als Kleinkind adoptiert wurden, ohne sie rechtzeitig aufzuklären, dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern/Mutter aufgewachsen sind, bleibt in ihrem Leben ein dunkles Geheimnis. Und irgendwann wird es gelüftet werden müssen oder sich eine Auflösung ereignen. Dann treibt es sie umher herauszufinden, wer denn ihre biologischen Eltern sind und warum diese sie nicht großziehen konnten oder wollten. Ein schweres Schicksal! Das Kind der beiden Männer wird sich früh dieser Problematik stellen müssen. Ich wünsche ihm sehr, dass es eine guten Weg dabei finden kann.
Gestern war ein besonderer Tag in unserem Hort, denn die engagierte Leiterin hatte einen Fortbildungsabend für Eltern organisiert! Ein anspruchsvolles und sehr unterstützenswertes Vorhaben! Als Referentin hatte sie Frau U. gewonnen, die das Hort-Team als Verhaltenstrainerin schon länger schult und begleitet. Bei meinem "Vorleben" wird es niemand verwundern, dass ich als alter Individualpsychologe dabei genau hinschaue, mit welchen Konzepten heute in der pädagogischen Praxis gearbeitet wird. Meine alten Vorbehalte gegenüber der Verhaltenstherapie sind sicherlich nicht mehr ganz zeitgemäß (sitzen aber tief in mir!); Frau U. hat die außerordentlich wirksame Hilfe heutiger Videoarbeit und Kontrolle auf ihrer Seite und versuchte darüber hinaus auch immer wieder, neurobiologische Gesichtspunkte mit einzubeziehen. Gegenüber solcher Effizienz kann ich mit meinen alten Ansätzen kaum noch "punkten", sehe aber weiterhin (halsstarrig ?!) große Vorzüge in ihnen. Aber vielleicht schafft es eine zukünftige Generation von Psychologen, Pädagogen und Psychotherapeuten ja noch, das Gute aus den verschiedenen Ansätzen zu vereinigen. Ich bin gespannt.
Ich habe mich am Vortragsabend still zurückgehalten und erst einmal meine Eindrücke sortiert. Aber einfach zu schweigen, finde ich gegenüber der Hortleiterin, die mein "einschlägiges Vorleben" kennt, unfair und nicht angemessen. Ich habe ihr deshalb folgenden kleinen Brief geschrieben (in Auszügen):
Liebe Frau B.,
herzlichen Dank für den anregenden Abend gestern mit Frau U.!
Er hat mich natürlich zum Nachdenken angeregt. Ein Resultat: Ich gehöre nunmehr wohl endgültig „zum alten Eisen“, denn in meinen Studentenjahren und danach waren Ansätze modern, die etwas mit Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatten, die über dieses Medium zum Mitmachen und sozialen Tun angeregt werden sollten. Begriffe von damals: Familienkonferenz, Schülerkonferenz, Familienrat.
Der neue Ansatz heißt jetzt ja offensichtlich „Verhaltenssteuerung“, wobei ohne Frage zu sein scheint, wer dabei „die Hosen an hat“ (aber auch die früheren Ansätze verlangten Autorität von denEltern bzw. wollten diese auf pädagogisch sinnvolle Weise stärken). Solange dies aber nicht thematisiert wird und Eltern nicht angeleitet werden, auch ihre eigenen Ziele zu hinterfragen, habe ich dabei ein ungutes Gefühl im Magen.
Ich denke, dass Frau U. als Verhaltenstrainerin ein sehr wirksames Instrumentarium vorgestellt hat, dasohnehin ständig wirkt, aber so auch bewusst eingesetzt werden kann. Besonders die Video-Arbeit und die dadurch geschaffene Möglichkeit, die eigenen nonverbalen Signale überhaupt wahrnehmen und dadurch trainieren/kontrollieren zu können, ist sicherlich hoch effizient!
. Gestern las ich (T-Online, dpa) von der Schweizerin, die mit 64 Jahren ein Kind aufgrund einer Eizellenspende zur Welt gebracht hat. Biologisch und medizintechnisch geht das offenbar, und was machbar ist, findet irgendwo auch einen Idioten, der es in die Tat umsetzt, seien es Waffen oder medizinische "Wundertaten".
Welche merkwürdigen Beweggründe müssen diese Frau und ihren 60jährigen Mann zu einem solchen Schritt bewogen haben? Wären sie unerfüllt kinderlieb oder wollten eine gute soziale Tat tun, gäbe es so vielfältige Möglichkeiten in dieser Welt, die jedem ethischen Anspruch genügen. Aber was tun sie ihrem Kind an, das sich später nur in dem Ruhm sonnen kann, Eltern mit "Schweizer Rekord" zu haben. Wie lange werden sie für ihr Kind sorgen können? Es wird - nach heutigem Verständnis - ja nicht nur mit Großeltern, sondern schon fast mit Urgroßeltern groß.
Ein eigenartiger, in meinen Augen egoistischer Ehrgeiz! "Späte Väter" sind in der heutigen Zeit nicht mehr so selten, ich zähle selbst dazu, aber diese Konstellation ist mehr als fragwürdig: Wenn das Kind in die Schule kommt, ist seine Mutter 70 Jahre alt ...
Wow! Was für ein Film! Was für eine Hauptdarstellerin! Seit ich Besprechungen dieses Films gelesen und Fotos der Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe gesehen hatte, war mir klar: Diesen Film musst du unbedingt sehen!
„Precious – Das Leben ist kostbar“. USA 2008. Regie Lee Daniels. In den Hauptrollen Gabourey Sidibe als gequälte Tochter und Mo’Nique als demütigende und schlagende Mutter, die für ihre überzeugende Darstellung einen Oscar erhielt. Drehbuch nach einem Roman von Sapphire. Insgesamt gab es sechs Oscar-Nominierungen für diesen Film. Die MOZ zählte ihn zu den besten Filmen des Jahres (25.3.2010).
Was für ein schreckliches Leben! Die farbige 16 jährige Claireece ist bereits vom Leben gezeichnet. Extrem übergewichtig, vom eigenen Vaterzweimal geschwängert, von der Mutter seelisch gequält und körperlich misshandelt, bisher überall eine Außenseiterin und ohne jeden Schulerfolg, macht sie sich dennoch auf den mühseligen Weg, ein eigenes Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. Sie findet eine Spezialschule mit einer Lehrerin, die an sie glaubt, und lernt, trotz aller Widerstände, in unglaublich kurzer Zeit Lesen und Schreiben, alles das, was ihr bisher mehr oder weniger verweigert worden war (bzw. an der vorhergehenden Normalschule hatte sie einfach keine Chance bei ihren Rahmenbedingungen). Als sich dann noch eine Sozialarbeiterin verstärkt um sie bemüht, gelingt ihr auch die Abnabelung von ihrer gewalttätigen Mutter, die sie in ein allerdings weiterhin ungewisses Schicksal verlässt.
Was können Menschen einander alles antun? Welche nur erdenkbaren Schrecken können jemand treffen? Der Film lässt nichts aus. Die Bestie von Vater, der seine Tochter bereits als Kleinkind missbraucht und ihr später zwei Kinder macht, als Andenken an ihn nach seinem Tod auch noch mit der Gewissheit, die HIV-Erkrankung des Vaters „geerbt“ zu haben. Die völlig aus der Bahn geworfene Mutter, die nur noch auf Kosten der Sozialhilfe und der Arbeitsleistung ihrer Tochter dahinvegetiert, als einzigen Dank aus Eifersucht auf ihre Tochter dieser das Leben zur Hölle machend … (Es gibt da einige schlimme Szenen im Film. Er ist freigegeben ab 12 Jahren, ich hätte diese Altersgrenze eher auf 18 heraufgesetzt.) So massiert habe ich Elend, Missbrauch und Gewalt noch nie im Kino gesehen.
Neben diesen schwärzesten Seiten hat dieser Film aber auch einen erstaunlichen Optimismus, der ansteckend ist und den Zuschauer mit der Heldin mitzittern, aber auch erleichtert aufatmen lässt, wenn Precious, wie Claireece genannt wird, diese Gewaltspirale verlassen kann und sich in ein eigenes Leben, fern ab von allen ihren bisherigen Quälgeistern, aufzumachen versucht. Ist das realistisch – oder nur ein schöner Traum? Jedenfalls ist ihre Energie bewunderungswürdig, nach jeder Demütigung erneut aufzustehen und weiterzumachen.
Ein Hoch natürlich auch auf jegliche Form von Bildung und einfühlsame Lehrer, die selbst für derartig schwierige „Fälle“ Engagement über jedes normale Maß aufbringen! Da ist dann die Frage an mich, der ich ja auch aus dem „Helferlager“ stamme: Wie machen Lehrerin und Sozialarbeiterin das bloß? Sie entwickeln eine fast übermenschliche Geduld, Mitleidensfähigkeit und ein Engagement, das weit über eine normale „Berufstätigkeit“ hinausreicht, zumal beide nur unzureichende Arbeitsbedingungen haben. (Ich denke da an das Großraumbüro der Sozialarbeiterin, in dem sie nur eine „Ecke“ zu eigen hat, in der sie aber Gespräche mit den kompliziertesten Klienten führt.) Hält das jemand wirklich länger durch? Das ständige Elend der Klienten und die wahrscheinlich nur eingeschränkten Hilfsmöglichkeiten? Werden hier nicht auch zwei Frauen gezeigt, die bei anhaltendem Engagement in diesem Ausmaß auf ihren Zusammenbruch in einem „burn out“ hinsteuern? Aber es ist ja ein Spielfilm und keine Dokumentation.
Der Film will aber offensichtlich hauptsächlich aufrütteln und für Leid und Gewalt sensibilisieren. Auch für die Botschaft, dass es in den schlimmsten Lebenssituationen noch eine Chance geben kann, wenn ein lernwilliger Mensch bereit ist, alte Bahnen zu verlassen und die echte Hilfe anderer anzunehmen (nicht nur die Leistungen der Sozialkasse).
Da bleiben dann so spezialisierte Fragen offen wie meine, wie man diese Handlung mit dem schönen neuen Konzept der Resilienz in Verbindung bringen könnte. Immerhin ein „Renner“ in den Sozialwissenschaften der letzten Jahre! Der Ansatz versucht eine Antwort darauf zu geben, warum einige Menschen, die Schlimmes in ihrem Leben durchmachen mussten, dennoch „heil“ aus dieser Misere hervorgehen, während die meisten anderen, die gleiche Bedingungen hatten, untergehen, Störungen entwickeln oder asozial werden. Die Resilienzforschung hat dafür besonders verantwortlich gemacht, dass Kinder aus schwierigsten Verhältnissen dennoch in ihrer Kindheit und Jugend Unterstützung durch einen/einige verlässliche Menschen gefunden haben, auf die sie bauen konnten. Da ist in der Biographie von Precious aber niemand zu entdecken. Dennoch ist sie offen und kann die Angebote von Lehrerin und Sozialarbeiterin annehmen, sie reagiert eher sogar wie ein „Schwamm“! Im Gegensatz zu den Forschungsergebnissen tritt diese Unterstützungbei ihr aber erstmalig im beginnenden Erwachsenenalter auf, nicht in der Kindheit. Nun, jeder, der sich mit dem Resilienz-Konzept beschäftigt, möge selber darüber nachdenken, ob dieser Film damit vereinbar ist oder nicht.
. "Gut gebildete Eltern haben zufriedene Kids", diese Beschreibung erstaunt wahrscheinlich niemand und bestätigt besonders einschlägige Eltern für die Richtigkeit ihrer Erziehungsbemühungen.
Gleichzeitig ist diese Aussage die Überschrift eines kurzen Artikels in der TAZ v. 2.6.2010 über die zweite Kinderstudien von World Vision:
Die meisten Kinder in Deutschland seien mit ihrer Lebenssituation zufrieden, ein Fünftel der Sechs- bis Elfjährigen jedoch fühle sich stark benachteiligt.
Ich zitiere aus dem Artikel, in dem besonders der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann zur Sprache kommt:
Seit der ersten Studie im Jahr 2007 habe sich die materielle Situation für die Familien nicht verschlechtert, dennoch sei die Kluft zwischen Einkommensgruppen gewachsen, sagte der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann [ ... ] Gerade in bildungsfernen Schichten hätten Kinder häufig Angst vor der Arbeitslosigkeit der Eltern, nicht genug Freizeitanregungen und trauten sich keinen höheren Bildungsabschluss zu. "Kinder fühlen sich wohl, wenn ihre Eltern zufrieden und gesellschaftlich integriert sind", so Hurrelmann. Wichtig sei ein strukturierter Tagesablauf, in dem Kinder auch Zeit für sich hätten.
In der Freizeitgestaltung gebe es bei bildungsfernen Familien eine einseitige Ausrichtung auf Fernsehen und elektronische Medien. Die Kindheitsforscherin Sabine Andresen sagte, "Wir gehen davon aus, dass auch das mit Armut zusammenhängt und viele Kinder keine anderen Gelegenheiten haben." Jungen seien besonders anfällig für passive Formen der Freizeitgestaltung.
Wer sollte angepasst werden – das Kind oder die Situation?
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Vielleicht ist dies ein ungewöhnlicher Beitrag für meinen blog. Aber er hat einen sehr persönlichen Bezug und hat mich zusätzlich noch einmal auf „mein früheres Leben“ als Dozent an einer heilpädagogisch ausgerichteten Fachschule verwiesen.
Mein kleiner Sohn, der mit mir zusammen die Startseite meines blogs ziert, ist behindert. Daran besteht kein Zweifel. Mittlerweile wissen wir auch, dass Eltern meistens die besten Experten für ihre Kinder sind, denn alle (zahlreichen) Ärzte, die wir im Laufe der Lebensgeschichte unseres mittlerweile 9jährigen Sohnes aufgesucht haben, mochten sich nicht festlegen und haben sich bisher bei einer eindeutigen Diagnose „gedrückt“. Wir sagen deshalb mittlerweile scherzhaft, er habe das „Paul-Jakob-Syndrom“, unbestritten vorhanden, aber einmalig. Bei der heute üblichen Aufweichung früherer strengerer Diagnose-Kriterien sind wir allerdings überzeugt, dass er dem Autismus-Spektrum zuzuordnen ist.
Bekanntermaßen brauchen Autisten ihre Ordnungsrituale und pflegen daneben oft Spezialthemen, in denen sie manchmal ungewöhnliches Wissen anhäufen können. So auch Paul Jakob, der Spezialist für Zirkus, Geographie und Geschichte ist. In diesen Bereichen macht ihm kaum ein Gleichaltriger etwas vor! Andererseits hat er noch seine fast kleinkindhaften festen Gewohnheiten, die ihm den Tag strukturieren und übersichtlich machen. Ein Tag, der ohne den „Sandmann“ im KIKA endet, ist ein unglücklicher Tag; es gibt Tränen und Geschrei.
Das war unser großes Drama zu Ostern, als wir Pauls Onkel und seine liebenswerte Tochter besuchten. Paul war zunächst beglückt!! Aber die beiden besitzen keinen Fernseher!! Ungewöhnlich in unserer heutigen Zeit, aber es kommt bei Überzeugungstätern noch vor! Pauls Kummer war groß und wir fürchteten schon Schlimmes für die Stimmung in den nächsten Tagen. Mit sachlichen Erklärungen zur Situation, mit Ankündigungen ungestörter Sandmann-Sendungen nach unserer Rückkehr und mit eher hilflos-autoritären „basta-Kommentaren“ wie „Es gibt nun einmal keinen Sandmann. Das weißt Du doch! Zwei Tage wirst Du das schon aushalten!“ war Paul Jakob nicht zu helfen. Wir hätten ihm auch noch sonst welche Belohnungen versprechen können. Der Abend schien „versaut“. Ein lieber Nachbar aus dem Haus hat sich dann erbarmt und die beiden Kinder an zwei Abenden für jeweils 10 Minuten an seinen Fernseher gelassen …
Schlicht und ergreifend die Frage an uns Eltern und Pädagogen: Sind wir gescheitert, wenn es uns nicht gelingt, Kindern einen „vernünftigen" Umgang in alltäglichen Situationen beizubringen? Oder wäre es nicht manchmal klüger, eine Situation an ein Kind so anzupassen, dass es sie noch aus eigener Kraft mit seinen z. Zt. verfügbaren geistigen Mitteln bewältigen kann? Beneidenswert, wer das Fingerspitzengefühl besitzt, auf „beiden Klaviaturen“ zu spielen und den Alltag so zu gestalten, dass das notwendige Vertrautsein erlebt werden kann, gleichzeitig auch alle noch etwas Spaß miteinander haben, ohne dass die Lernanreize wegfallen...
Das hat mir Paul Jakob durch seinen Sandmann inErinnerung gebracht.
. Ein Nachruf auf den guten alten Reißverschluss wird dies noch nicht, es gibt ihn weiter in vielfältigsten Formen und er ist weitgehend unverzichtbar.
Ich kenne ihn aber auch noch als pädagogische Herausforderung, und da dürfte seine Bedeutung doch nachgelassen haben: Ich erinnere mich an einen Praktikanten-Besuch in einer brandenburgischen GB-Schule, gut 10 Jahre oder länger mag es her sein. Die Praktikantin hatte als Aufgabe, mit einem kleinen geistig behinderten Mädchen das Schleife Binden zu üben und musste mir ihre Erfolge bei meiner Hospitation vorführen. Die anleitende Lehrerin zeigte stolz auf eine Vorrichtung, an der täglich alle Schritte dieser Kunst geübt werden konnten. Wer von uns normalen Erwachsenen hatte sich je klar gemacht, wie viele einzelne Handgriffe notwendig sind, bis eine Schleife sitzt! Für das kleine Mädchen ein Martyrium, aber etwas schief und mit viel Hilfe hatte sie es dann doch geschafft (und meine Praktikantin atmete auf, Hospitation bestanden!).
Dieses „Feinmotorik-Abitur“ kann heutzutage entfallen, sicherlich auch zur Erleichterung vieler Kita-Erzieherinnen und der dazugehörigen Mamas (und in gewisser Zahl auch Papas). Da mein kleiner Sohn Paul Jakob gewaltige feinmotorische Schwierigkeiten hatte, waren auch für uns Klettverschlüsse ein Segen. Eine wunderbare Erfindung!
Sonst habe ich meine „Dinosauria-Beiträge“ immer eher wehmütig bis achselzuckend oder sogar verärgert abgefasst. Bei diesem „Abgesang“ kommt als neue Nuance Erleichterung hinzu! (Oder gibt es noch Menschen, die den kulturellen Verfall beklagen, dass Kinder heute so viel leichter und mit weniger Mühe beim Anziehen fertig werden und die Kulturtechnik des Schleifebindens erst später erwerben müssen? Aber es gibt ja sogar wohl schon entsprechende Schuhe für Erwachsene; nur wer es wirklich „schick“ haben will und sich nicht als Feinmotorik-Muffel „outen“ möchte, kommt um das Binden nicht herum …)
Einmal in seinem Leben pädagogisch „aktiviert“, als Lehrer, Dozent, Erzieher, Weiterbildner, Mama und Papaaus Überzeugung (die allerdings manchmal erst aus der Notwendigkeit erwächst) – es lässt einen nicht mehr frei und hängt einem wahrscheinlich bis zum Lebensende an. Und macht sicherlich einen Unterschied zu anderen Menschen, die in anderen Lebensbereichen ihre Prioritäten suchen. Finanziell eher wackelig (Erzieherzu werden kann ich mit gutem Gewissen keinem jungen Menschen empfehlen, für den Karriere und hohes Einkommen wesentliche Werte sind), trösten sich alle Pädagogen mit dem Bewusstsein, eine besondere Tat zu vollbringen und durch die Erziehung und Belehrung ihrer jeweiligen Zöglinge (die ja durchaus auch schon ein höheres Alter erreicht haben können und dann besonders dankbare „Opfer“ sind, die disziplinarisch keine Probleme mehr machen), einen Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt zu erbringen, der eh’ so wertvoll ist, dass das eher mickrige Entgelt nicht so schmerzt. Jeder kann aus diesenZeilen ersehen, dass ich „vom Fach“ bin…
Mit diesem Zusatzlohn „auch ich gehöre zu dieser besonderen Gruppe von Menschen“ versehen, der mich mein eher schmales Portemonnaie immer ertragen ließ, habe ich bis vor kurzem gut gelebt. Aber dann hat mich mein lesewütiger kleiner Sohn geschockt. Er ist auf Erdkunde und Geschichte spezialisiert. So las ich ihm vor wenigen Tagen aus seinem „bunten Wörterbuch Geschichte“ etwas über die Kultur der alten Griechen vor.
Ich musste meine Brille zweimal putzen, aber dort stand doch wirklich (mit wunderhübschen Bildern illustriert):
Die Schüler
Nur die Jungen der reichen Bürger gingen zurSchule. Dort wurden sie auch in Sport und Musik unterrichtet. Die Mädchen blieben zu Hause.
Der Sklave, der das Kind zum Unterricht begleitete, hieß Pädagoge.
Nun wissen wir’s! Es ist heraus! Abgesehen von der elitären Bildung für wenige (aber wer heute etwas auf sich hält – und es sich leisten kann -, gibt ja auch wieder sein Kind auf eine Privatschule, um es vor überfüllten staatlichen Klassen und ?!? fragwürdigen Mitschülern zu retten…) und des Umstandes, dass da in Griechenland noch ein großes Betätigungsfeld für Feministinnen gewesen wäre, ist die dienende Rolle des Pädagogen ja hervorragend beschrieben. Pädagogik-Sklaven aller Länder, befreit euch und fordert eine bessere Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung eurer Knochenarbeit!!!
(Das Zitat habe ich entnommen dem Buch: Deinbuntes Wörterbuch Geschichte. Idee: Emilie Beaumont. Text: Marie-Renée Pimont. – Köln: Fleuros Vlg. 2005. S. 28.)
Dieser Leserbrief, der Bezug nahm auf die Berichterstattung über Vorschläge der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing, wurde in leicht abgewandelter Form am 25.7.2009 veröffentlicht. S. Bätzing befürwortete die Einführung von Unterricht zum Thema „Gefährdung durch Alkohol“.
Ich gebe den Wortlaut meines Leserbriefs in der tatsächlich abgedruckten Fassung noch
einmal wieder:
Weiter Weg zu Änderungen
Zu„Bätzing will Unterricht gegen Alkohol“ (MOZ vom 17. Juli):
Ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen ist begrüßenswert. Überfällig ist, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, dieihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserung initiieren kann. Denn Aufklärung kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“.
Da ich jetzt bei Gedichten bzw. Liedern angekommen bin, darf auch dieses nicht fehlen! Es erinnert mich an meine erste Fachschulzeit in einer niedersächsischen Schule für Erzieher und Heilpädagogen. Jeder Kollege musste von Zeit zu Zeit eine Art von Andacht gestalten, die zum Wochenbeginn am Montag veranstaltet wurde (eine gute Gepflogenheit!). Ich habe damals eine Schallplatte mit Liedern von Bettina Wegner entdeckt und „die kleinenHände“ vorgespielt. Meine jungen Schüler waren sehr berührt! Seither schätze ich dieses Lied, das wohl einige Berühmtheit erlangt hat.
Kinder
Sind so kleine Hände
winzge Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen
die zerbrechen dann.
Sind so kleine Füße
mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten
könn sie sonst nicht gehen.
Sind so kleine Ohren
scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen
werden davon taub.
Sind so schöne Münder
sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten
kommt sonst nichts mehr raus.
Sind so klare Augen
die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden
könn sie nichts verstehn.
Sind so kleine Seelen
offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen
gehen kaputt dabei.
Ist son kleines Rückgrat
sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen
weil es sonst zerbricht.
Grade, klare Menschen
wärn ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat
hab’n wir schon zuviel.
BETTINA WEGNER
Abgedruckt in: spielen und lernen. H.9, September 1979. S. 14.
. In der Märkischen Oderzeitung (MOZ) erschien am 17.7.2009 unter dem Titel:
Bätzing will Unterricht gegen Alkohol. Drogenbeauftragte schlägt neues Fach vor
der folgende Artikel, den ich hier leicht gekürzt wiedergebe:
Im Kampf gegen das Koma-Trinken bei zehntausenden Jugendlichen hat die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing [SPD] flächendeckenden Schulunterricht für gesundes Leben vorgeschlagen. […] Die Aufklärung über Gefahren von Alkoholmissbrauch müsse schon bei Kindern beginnen und sich „wie ein roter Faden“ durch die Ausbildung ziehen. „In der neunten Klasse im Biounterricht über Alkohol zu sprechen, ist eindeutig zu spät.“
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützte die neuerliche Forderung nach einem Schulfach für mehr Lebenskompetenz und Alkoholvorbeugung. „Wenn die Elternhäuser das offenbar nicht mehr leisten können, muss der Staat das teilweise übernehmen“, sagte Geschäftsführer Gerd Landsberg. Mehr als 23 000 Kinder und Jugendlichen kamen nach Koma-Besäufnissen zuletzt ins Krankenhaus. Massiv griff Landsberg die Krankenkassen an. Sie gäben nur 18 Cent pro Jahr und Versicherten für Alkoholprävention aus […].
Auf der 2. Seite folgt unter der Rubrik „Gesagt ist gesagt“ zusätzlich noch das folgende erhellende Zitat von Sabine Bätzing:
„Wenn sie kein Jugendzentrum, keine Freizeiteinrichtung mehr haben, müssen wir uns nicht wundern, wenn sie mit einem Sixpack zum Bushäuschen gehen.“
Das hat mich veranlasst, der MOZ am 22.7.09 einen kurzen Leserbrief zu schreiben: [ Dieser Leserbrief wurde tatsächlich in leicht abgewandelter Form am 25.7.09 in der MOZ veröfentlicht, vgl. meinen blog v. 3.9.2009!]
Leserbrief an die Märkische Oderzeitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich am 17.7.09 Ihre Berichterstattung über den Vorschlag der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing gelesen, ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen.
Ich finde es begrüßenswert und überfällig, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, die ihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserungen initiieren kann. Denn „Aufklärung“ kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“. In diesem Sinne finde ich die im selben Artikel zitierte Stellungnahme von Gerd Landsberg (Deutscher Städte- und Gemeindebund), der die Krankenkassen wegen zu geringer präventiver Maßnahmen angriff, an den falschen Adressaten gerichtet. Es sind andere Mächte, die ein Interesse daran haben, dass weiterhin der Alkohol in Deutschland in Strömen fließt. Aber wahrscheinlich ist es gefährlicher, sich mit denen anzulegen …
Mit freundlichen Grüßen JÜRGEN LÜDER
Ein erster Schritt! Und jetzt auch für die richtige Zielgruppe! Ich fand es nämlich vorher manchmal schon eher komisch, mit welcher Vehemenz für und gegen das Rauchen gekämpft wurde, der Alkoholkonsum aber tabu blieb. Manchmal taten mir fast die Raucher leid, weil viele Regelungen nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip gestrickt waren und keinerlei Zwischentöne erlaubten. Mir selbst tat es allerdings nicht weh, denn ich rauche seit 9 Jahren nicht mehr, ohne dass mir etwas fehlt. Beim Alkohol empfinde ich es ähnlich, nur dass der Beginn meiner Abstinenz-Zeit nun schon bald 17 Jahre zurückliegt. Für beide „Abstinenzen“ empfinde ich etwas wie Dankbarkeit, denn ich vermisse nichts mehr von diesen „Volksdrogen“ in meinem Leben und es geht mir unvergleichlich viel besser ohne sie. Ich bin dadurch aber nicht zum Moralisten geworden, möchte eher solche Bewegungen unterstützen, die speziell die Ausbreitung des Alkohols in unserer Gesellschaft eindämmen wollen. Dafür habe ich schon zuviel Elend mitbekommen, der vom Alkohol ausgelöst wurde.
Hoffentlich wird dieser Impuls von den Schulen gut aufgegriffen. Denn allein von der Schulbürokratie steht dem ja einiges entgegen: Die Stundentafel müsste geändert werden, die Lehrbefugnis von Lehrkräften für dieses neue Fach müsste geklärt werden, Stoffverteilungspläne fehlen und, und, und…
Ein Frage ans Gewissen: Konnten Lehrer, denen dieses Thema wichtig war, es nicht auch bisher schon in ihrem Unterricht unterbringen? Wäre das nicht eigentlich „ein Job“ für Klassenleiter in entsprechenden Verfügungsstunden? Allerdings würde das alles natürlich auch ein wenig Selbsterfahrung bei solchen Lehrkräften erfordern und z.B. ein Nachdenken über das Gläschen Rotwein oder den Sekt, den jeder mal so gerne trinkt?
Grundsätzlich glaube ich, dass Kindern und Jugendlichen im schulischen Bereich ohnehin viel mehr an Wissen über pädagogische und psychologische Sachverhalte beigebracht werden könnte im Sinne einer sozialen „Grundausstattung“ für kompetentes Tun und Helfen, mit grundlegenden Kenntnissen über Kindererziehung, Sexualität, Gestaltung einer Partnerschaft, seelische Probleme einschl. süchtiges Verhalten und vieles mehr, eine praktische Ethik gesunder Lebensführung, warum nicht mit einschlägigen Übungen. Zwar gibt es wohl in Gymnasien Leistungskurse im Fach „Psychologie“, aber die dienen wahrscheinlich eher der Vorbereitung auf ein Psychologie-Studium als solchen lebenspraktischen Fragen. Dies ist ein Thema, für das ich mich gerne „stark“ machen würde, wenn es dafür einen Ansatzpunkt gäbe!
Ich habe mich mit dem Thema „Jugend und Alkohol“ übrigens schon vor Jahren ausführlicher beschäftigt und seinerzeit einen Artikel darüber geschrieben. Er findet sich bereits auf meinem blog unter dem Titel „Reminiszenzen: Jugend und Alkohol“ am 30. April 2009!
Seit den 90er Jahren hat sich das „Qualitäts(un)wesen“ im sozialen Bereich breit gemacht. Qualitätsmanagement, Qualitätszirkel, Qualitätshandbücher, Zertifizierungssysteme … Jede Einrichtung, die etwas auf sich hält, macht mittlerweile bei diesem Zirkus mit. Z.T. spielt wohl auch die Sozialgesetzgebung mit hinein, die für die Abrechnung von Leistungen eine derartige Grundlage fordert.
Grundsätzlich also vielleicht sogar eine positive Idee, die es ermöglichen könnte, a´ la´ Aschenputtel gute vonschlechten Einrichtungen zu trennen. Das aber über ein Qualitätsdenken, das aus technischen Produktionsprozessen abgeleitet wurde und bei der Herstellung normgerechter Schrauben hervorragend funktioniert, nicht aber mehr bei der Bewertung von Beziehungsprozessen sozialer Arbeit.
Was wird dennoch in den Betrieben, die es auf sich genommen haben, ihre „Qualität“ zertifizieren zu lassen, auf sich genommen, um jede Einzelheit des Betreuungsablaufs zu operationalisieren! Möglicherweise kommt man sich dabei wirklich „auf die Schliche“ und kann vereinzelt Abläufe verbessern. Aber eine Kernfrage im Sozialen bleibt unlösbar, jedenfalls aus meinem Blickwinkel: Die Qualität sozialer Arbeit steht und fällt mit der Qualität der eingegangenen Beziehung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem. Wieweit ist der Helfer in der Lage (von seiner Persönlichkeit und von seiner aktuellen Bereitschaft her), sich auf sein Gegenüber einzulassen und diese Beziehung durchzustehen und zu gestalten? Dass es dafür erforderlich ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, Helfer ordentlich zu bezahlen und auszubilden, steht außer Frage. Aber wie soll man diesen Kernbereich „messen“? Und um messbare Prozesse dreht es sich im gesamten Qualitätswesen.
Ich habe überzeugte Vertreter des Qualitätsmanagementwesens kennen gelernt, die für dieses Argument völlig taub waren. Irgendwie war es für mich nicht möglich, mit ihnen in eine tiefer gehende Diskussion einzusteigen. Wie zwei Welten. Es erinnerte mich an frühere Auseinandersetzungen zwischen Tiefenpsychologen und Behavioristen. Auch in diesem Fall haben die Behavioristen „gesiegt“, in dem nämlich die von ihrem Gedankengebäude ausgehende Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie mittlerweile die Standards bestimmt, nach denen Therapieformen bei den Kostenträgern als anerkannt gelten oder nicht. Und da sind dann die aus der behavioristischen Tradition stammenden, gut operationalisierbarenVerfahren der Verhaltenstherapie immer „eine Nasenlänge“ voran …
Ein weiterer Grund, warum Vertreter des Qualitätsmanagements ihre Methode so vehement vertreten, könnte auch – schlicht und ergreifend – ökonomischer Natur sein. Es ist eine neue Welt entstanden (in anderer Terminologie „ein neuer Markt“), in der sich Ausbildungsstätten, Zertifizierungsgesellschaften, Berater und in den Institutionen zugeordnete Bereichsleiter und Fachpersonal „tummeln“, die es vor dem „Qualitätsboom“ so noch gar nicht gab. Und dieser Markt dürfte seine Fachleute gut ernähren! Wenn dies nur eine zusätzliche Sparte im sozialen Bereich wäre, könnte man es als teilweise fragwürdige, teilweise hilfreiche Ergänzung sehen, die aber im gesellschaftlichen Bereich offenbar noch irgendwie gut finanzierbar ist.
Dem ist aber nicht so!! Gleichzeitig mit der Forderung nach nachweisbarer Qualität deckelten die Leistungsträger seinerzeit die Höhe der Leistungen, die sie zu bezahlen bereit waren. Es gibt also nur einen gleich bleibend großen „Kuchen“, aus dem sich das Qualitätswesen ein schönes Stück herausgeschnitten hat. Also neue Jobs nur auf Kosten alter Ressourcen …
Die Entwickler des Qualitätswesens haben dabei gute Vorbilder. Denn es war früher im Bereich psychotherapeutischer Verfahren ganz ähnlich: Erfinde eine neue Methode, begeistere Anhänger dafür, gründe ein Ausbildungsinstitut und bilde die Leute aus. Dann hast du bis zu deinem Lebensabend ausgesorgt … Ein gutes Rezept!!
Ich bin und bleibe ein alter Dinosaurier und mache mich mit meinen Meinungen wahrscheinlich nicht beliebt. Aber vermutlich hört ohnehin kaum jemand darauf. „QM“ ist jedenfalls fest „implementiert“ und erfolgreich, es ist offensichtlich sehr nützlich für alle, die es hauptberuflich betreiben, möge es ebenfalls Nutzen haben für alle, die es nach diesen anwenden müssen …
Wenn ich bedenke, dass mein letzter blog-Eintrag etwas mit Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis zu tun hat, so liegt das folgende schöne Zitat „ganz auf dieser Linie“!
Alle Erziehung beginnt mit der Selbsterziehung der Erzieher.
A. S. MAKARENKO
Habe ich vor vielen Jahren irgendwo abgeschrieben und kann deshalb „auf die Schnelle“ keine Quellenangabe geben!
. Und wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen! Mein kleiner Sohn Paul Jakob liebt den KIKA, wirklich ein empfehlenswerter Fernseh-Sender für Kinder. Aber ich habe einmal bewusst nur auf die Ankündigungen weiterer Sendungen gehört (erfreulicherweise gibt es sonst keinerlei Werbung!), da wurde mir auf einmal ganz anders: es ging ständig um irgendwelche Ausscheidungskämpfe, um „Bester“ sein zu können, beste Klasse, bester sonst was … Überlegenheit, Ausstechen, Konkurrenz. Die Kinder und Jugendlichen werden rechtzeitig in unser gesellschaftliches Klima eingeführt. Kooperation, gemeinsames Tun ist ja gut und nett, wenn es dann aber auch an der richtigen Stelle wieder in die offenbar „betriebsnotwendige“ Konkurrenz einmündet. Was wäre Deutschland ohne diese große Kraft !!!!
Sind wir nun deshalb aber auch ein Volk von Siegern? Wenn ich in die deutsche Geschichte zurückblicke, wirkt es eher wie das Gegenteil davon. (Vielleicht machen solche Erlebnisse ja geradezu „geil“ auf Siege …) Wenn ich dann in die Gegenwart gucke, ist es eine logische Konsequenz, dass jeder Sieger einige Besiegte hinter sich lassen muss, denn sonst wäre es ja kein „Sieg“. Bei all den vielen Siegern und zwangsläufig noch viel mehr Verlierern müssten wir deshalb – statistisch betrachtet – ein Volk von Verlierern sein!!! (Jetzt habe ich mich wohl endgültig als „Nestbeschmutzer“ geoutet…)
Aber es geht wahrscheinlich immer auch noch anders. Paul Jakob erhielt gestern sein Abschlusszeugnis der 1. Klasse, wie schön, noch ohne Zensuren (also könnte man auch im angepasstesten Falle noch nicht den „besten“ Schüler über den besten Zensurenschnitt berechnen …). Die Klassenlehrerin hat für jeden Schüler und jede Schülerin eine besondere Ermutigung mit in die nächste Klasse gegeben: Jede Schülerin, jeder Schüler bekam eine Belobigung als „König“ oder „Königin“ in irgendeinem Bereich, in dem er sich im vergangenen Jahr besonders positiv verhalten oder entwickelt hatte, für seine individuelle Stärke, die nicht gemessen wurde an der Konkurrenz / Überlegenheit gegenüber den anderen. So musste niemand von den Kindern den anderen ein Königreich neiden, denn er selbst war Herrscher in seinem eigenen Land. Ich hatte den Eindruck, dass die Kinder sehr zufrieden in die Ferien gingen. Ein großes Lob für diese Lehrerin! Und für die Pädagogik, die abweichend vom „Nationalcharakter der Deutschen (s.o.)“ solche Konzepte vertritt!
Noch ein älterer Text von mir! Mit viel „Herzblut“ geschrieben, nicht aber in einer Sprache, wie ich sie heute wählen würde, halt ganz orthodox „Adlerianisch“,m. E. dennoch immer noch lesenswert! Dem Schreiber von damals fehlt offensichtlich noch die Leichtigkeit, der Humor und gelegentliche „Biss“, durch den das Leben neben allen ängstlichen Bahnen auchspannend und farbig wird. Offenbar habe ich etwas dazugelernt! Zumindest kann ich heute so etwas wahrnehmen.
Trotzdem ist es schade, dass mir langsam meine „Konserven“ an älteren Texte ausgehen, dennin jedem dieser Texte, gleich welcher sprachlicher Qualität,steckte eine Menge Vorbereitung, auch mal eine Nachtschicht. Für neue Texte werde ich deshalb ziemlich fleißig sein müssen! Nachtschichten allerdings werde ich mir nicht mehr antun, dafür fehlen glücklicherweise drängende Abgabetermine, meine Kondition ließe es auch überhaupt nicht mehr zu – und vielleicht der wichtigste Grund: meine Familie braucht mich am nächsten Morgen in einem frischen Zustand, damit unser kleiner Sohn Paul Jakob rechtzeitig in die Schule kommt! Ein völlig anderes Leben als vor 25 Jahren. Dafür belohnt mich Paul Jakob, der sonst große Probleme durch eine schwere Sprachbehinderung hat, durch eine schöne Eigenschaft, die ich im Zusammenhang mit diesem Artikel sehr zu schätzen weiß: er ist wissbegierig, mutig, zwar kein „Draufgänger“, aber gewiss nicht so ängstlich wie sein Vater im selben Alter! Hut ab!
Der folgende Aufsatz erschien erstmalig in dem Themenheft „Erziehungsfragen und Elternberatung“ von MITEINANDER LEBEN LERNEN, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 10. Jahrgang, H.4. Juli 1985, S. 30 – 33.
Das ängstliche Kind
Jürgen Lüder
Kinderängste sind ein so weit verbreitetes Phänomen, dass der kundige Beobachter sie hinter vielen Tarnungen entdecken kann. Nicht nur das offensichtlich schüchterne und furchtsame Kind leidet unter ihnen. Die vielfältigsten Kinderfehler und Verhaltensauffälligkeiten wie etwa Aggressivität, Aufsässigkeit und Trotz oder Rückzug, Leistungsverweigerung und Schulversagen sind oft nur ein Überbau, durch den sich das Kind vor Ängsten zu schützen sucht.
Während Angst in geringer Stärke geradezu einen Entwicklungsanreiz darstellt, Wege zu ihrer Überwindung zu suchen, führt sie in starkem Maße in eine seelische Sackgasse, da sie das Lernen blockiert: Das eine Kind erstarrt wie gelähmt, während das andere nur die aggressive Verteidigung nach vorn kennt; beides Reaktionen, die eine freie, sachgerechte Entscheidung und das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen unmöglich machen.
Am Beispiel eines betont furchtsamen Kindes soll in diesem Artikel untersucht werden, wie es zur Ausbildung starker Ängste kommen kann, wie sie das Lebensgefühl des Kindes prägen und welche Möglichkeiten bestehen, ein solches Kind aus seiner Entwicklungs-Sackgasse herauszuführen.
Joachim, der „Angsthase“
„Meine Mutter nannte mich bevorzugt ihr ‚Häschen’, und ähnlich war auch mein Lebensgefühl: Überall drohten Gefahren, vor denen ich mich nur durch Flüchten zu schützen wusste. Ich wuchs überwiegend unter Erwachsenen auf, auch meinBruder war sehr viel älter als ich; sie empfand ich als groß und stark, mich als klein und hilflos. Hinzu kam, dass meine besorgten Eltern, insbesondere meine selbst ängstliche Mutter, alle meine Schritte im Auge behielten. So traute ich mir eigenständiges Tun nur wenig zu, und jede Trennung von meiner Mutter versetzte mich in Schrecken. Besonders stark erlebte ich dies bei einem Krankenhausaufenthalt, beim Eintritt in den Kindergarten und in den ersten Schulwochen.
Während mir die Mutter durch ihr Vorbild deutlich machte, dass man vorsichtig und zurückhaltend sein müsse, bewertete sie mein Verhalten anders, wenn es ihr zuviel wurde, dass ich schon wieder weinend zu ihr gelaufen kam. Sie äußerte dann ihre Besorgnis und ihrenKummer, wie es später mit mir weitergehen solle, wenn ich mich nicht wehrte, kaum mit anderen Kindern spielte und auf dem Spielplatz unten am Kletterbaum stehen blieb, während die anderen Kinder fröhlich im Gipfel herumturnten. In der Tat war ich besonders im Sport sehr unbeholfen und hatte in der Schule mehrfach kleine Unfälle, nach denen ich immer verkrampfter wurde; wie gelähmt stand ich vor den Turngeräten. Erst spät lernte ich Radfahren und Schwimmen.
In der Schule war ich nur so lange gut, wie ich den Stoff ohne Mühe bewältigen konnte. Fehler fürchtete ich und traute mich nicht, schlechte Noten den Eltern zu zeigen. Für die Mitschüler blieb ich eher ein Sonderling, den sie in den ersten Jahren wegen seiner Empfindlichkeit gern hänselten. Mir selbst wurden meine Kontaktprobleme erst in der Pubertät bewusst. Jetzt hätte ich gern einen Zugang zu den anderen gefunden, wusste aber keinen Weg, weil mir ihre Interessen und Einstellungen fremd waren. Insgesamt blieb ich auf Erwachsene fixiert, passte mich ihnen brav und altklug an, aggressive Gefühle waren in unserer Familie tabuisiert. Als Spätfolge meiner Erziehung zur Angst sehe ich besonders meine Hemmungen im vitalen Bereich, so dass ich erst durch die Therapie gelernt habe, mir mutiger Kontakt zu erschließen, mich mit meinem Körper durch Sport anzufreunden, auch heftigere Gefühle als mir zugehörig zu erleben und erstmalig wirkliches Leben in mir zu spüren.“
Der Charakter des ängstlichen Kindes
Auch eine andere Familienatmosphäre als diejenige bei Joachim kann ein Kind ängstlich machen, wenn etwa die Eltern sich oft aggressiv und strafend verhalten. Bei ihm treffen aber mehrere Faktoren zusammen, die oft bei der Ausbildung ängstlicher Charakterzüge bei Kindern zu finden sind: Er schildert seine Mutter selbst als ängstlich. Seine starken Trennungsängste beim Verlassen der Mutter deuten auf eine zu enge, symbiotische Beziehung hin, in der es leicht zu Gefühlsansteckungen kommen kann. Atmosphärisch überträgt sich dann die Angst auf das Kind.
Joachim, ein Nachkömmling, wird bei allen seinen Schritten behütet. Dies bedeutet viel Verwöhnung und mangelndes Ausprobieren eigener Kräfte, was ihn dazu verleitet, lieber in der beschützten „Sanatoriumsluft“ der Familie zu bleiben. Er schreckt vor der härteren Umwelt zurück, die in Kindergarten und Schule höhere Anforderungen an Selbständigkeit und Selbstbehauptung gegenüber Gleichaltrigen stellt, und möchte lieber in die Arme der tröstenden Mutter zurücklaufen. Trost allein ohne Ermutigung und Hilfestellung für ein eigenständiges Tun ist jedoch schädlich, da er das Kind wiederum in seiner Meinung bestärkt, klein und hilflos zu sein.
So hat Joachim mit allen Entwicklungsschritten große Mühe, die ein Loslassen der Familie und ein Hineingehen in die Welt bedeuten: Kindergarten, Kinderfreundschaften, Schule, sich mit anderen messen und einen Platz in der Gemeinschaft erringen . Dies ist ihm zu hart, er ist nicht neugierig auf die Welt, die ihn nur wenig verlocken kann. Er spürt, dass er auf ihre Aufgaben schlecht vorbereitet ist, ihm Erfahrungen und Wissen fehlen.
Hinzu kommt, dass ein ängstliches Kind durch seine Ungeübtheit und Unbeholfenheit leicht in Situationen geraten kann, die es durch negative Erfolge immer stärker in Hemmungen und Vermeidungshaltungen hineintreiben, wenn es sich doch einmal hervortraut oder gefordert wird. Ein solcher Teufelskreis zeigte sich bei Joachim beim Sport. Hier kann man mit Freude und Lockerheit viel erreichen, mit Hemmungen und Steifheit hingegen nur Niederlagen einstecken, die als Erwartungsangst das Kind in der nächsten Situation noch steifer machen.
Am Anfang der Angstentwicklung mag bei Joachim die Gefühlsansteckung durch die Mutter gestanden haben, im Laufe der Zeit wird sie aber auch zu seiner eigenen „Errungenschaft“, die er als Schutz vor den natürlichen Härten des Lebens unbewusst in seinen Lebensplan einfügt. Adler zählt die Angst zu den trennenden Affekten, durch sie kann man Distanz zu Menschen und Aufgaben einlegen, aber zu welchem Preis! Die andere Wirkung der Angst, zu deren Absicherung ängstliche Kinder ebenfalls Charakterzüge wie Schüchternheit, Bravheit, Vorsicht und auch Misstrauen entwickeln, ist ein Appell an nahe Kontaktpersonen um Hilfestellung und Verwöhnung. „Durch ihre Furcht können sie die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, … um ihr Ziel zu sichern, die Verbindung mit der Mutter wiederzugewinnen. Ein furchtsames Kind ist immer ein Kind, dasverzärtelt worden ist und wieder verzärtelt werden will“ (1). Eltern, die selbst ängstlich sind, werden sich meist nur schwer solchenkindlichenSignalen entziehen können.
Ermutigung des ängstlichen Kindes
Wer besorgt über die ängstlichen Züge seines Kindes ist,muss mehrere schwierige Aufgaben überdenken, um dem Kind ein angstfreieres Verhalten zu ermöglichen: Welches Vorbild leben wir, stecken wir das Kind mit unserer eigenen Angst an oder zeigen wir ihm, dass wir als Erwachsene sie ebenfalls kennen, uns aber dennoch um ihre Überwindung bemühen? Dann wird es wichtig sein, die Beziehung zwischen Kind und Erwachsenem besser zu verstehen, um nicht allen Angstappellen nachzugeben und das Kind immer wieder in seiner irrtümlichen Meinung über sich, seine Möglichkeiten und Kräfte zu bestätigen. Möglicherweise gehört dazu, ihm einen größeren Lebensraum zuzubilligen und die “verhakelte“ Beziehung zu lockern.
In der dann entstehenden angstfreieren Atmosphäre wird die Lernbereitschaft des Kindes wieder stärker angeregt. Direkte Schritte gegen seine Ängste sind wenig hilfreich, Fortschritte werden wir nur erzielen, wenn wir sein geringes Selbstwertgefühl in kleinen Schritten fördern und ihm durch viel Zuwendung und Ermutigung Hilfestellung geben, seine Lücken in Umweltkenntnissen und Lebenstechniken zu verringern.
Dann wird das Kind auch dazu in der Lage sein, vermehrt Beziehungen zu anderen Menschen aufzunehmen. Wie schon Adler betonte, gibt es kein besseres „Heilmittel gegen das den Menschen jederzeit bedrohende Angstgefühl“ als „die Förderung menschlicher Verbundenheit, die Einfügung in die Gemeinschaft, die allein ein mutiges und schöpferisches Leben möglich macht“ (2).
(1)zit. nach: Heinz L. u. Rowena R. Ansbacher (Hrsg.): Alfred Adlers Individualpsychologie, München 1972, S. 358.
(2)Josef Rattner: Erziehe ich mein Kind richtig? Frankfurt a. M. 1978, S. 68.
Ich habe länger über einen treffenden Namen für diesen Blog nachgedacht. Mein Blick auf die Welt im Zusammenhang mit meinem Älterwerden sollte das Thema sein. An "Methusalem" habe ich gedacht, habe diese Wahl dann aber verworfen. "Methusalem" erinnert mich an Menschen, die im höheren Alter ein von anderen bewundertes Leben führen und deren Meinung besonderes Gewicht genießt. Was ich aber tatsächlich erlebe, ist eher, dass sich derzeit technische Möglichkeiten, Wertvorstellungen und Lebensentwürfe in einem rasanten Tempo verändern. Ältere Wertvorstellungen, soziale Tugenden (jedenfalls das, was ich dafür halte) und Handlungsziele scheinen mir in Gefahr, vergessen zu werden. Da lag mir der eher wehmütige Vergleich mit den "Dinosauriern" nahe, einst herrschend auf der Erde, dann ausgestorben. Allerdings z.Zt. unter Kindern wieder modern, die in Ausstellungen staunend vor Gerippen und Rekonstruktionen stehen.
So will ich mit meinen Aufzeichnungen an Werte erinnern, die ich vor dem Verschwinden bewahren möchte, ein Aufbäumen mit sicherlich nur geringem Einfluss, aber vielleicht finde ich ja Gleichgesinnte und Mitstreiter!
Ich bin Jahrgang 1947.