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Sonntag, 23. Juni 2019

Lektüretip: "Das Netzwerk der Neuen Rechten"


Früher habe ich mich eher mit Literatur oder psychologischen Fragestellungen beschäftigt, jetzt ist mein Interesse mehr bei politischen und sozialen Themen gelandet.

Meine letzte "Lesefrucht" hat mich aufgerüttelt, handelt es sich doch um ein derzeit sehr aktuelles Thema: Das Erstarken des "rechten Randes" der Gesellschaft, am deutlichsten sichtbar in den Wahlerfolgen der AfD .

Christian Fuchs & Paul Middelhoff: Das Netzwerk der 
Neuen Rechten.  Wer sie lenkt, wer sie finanziert und
wie sie die Gesellschaft verändern. - Reinbek bei
Hamburg: Rowohlt 2019.

Die Autoren haben gründlich recherchiert, welche Personen hier das Sagen haben, wie sie sich untereinander vernetzen und Wirkung entfalten, mit guten Verbindungen zum rechten Flügel der AfD. Man muss es anerkennen - so wenig ich mit Menschen mit derartigen Einstellungen auch gemein habe -, dass sie eine hervorragende mediale Strategie entwickelt haben, ihre Themen in den öffentlichen Fokus zu befördern und ständig im Mittelpunkt irgendwelcher Pressekampagnen zu stehen. Ziel, eine Diskursverschiebung in der Gesellschaft hin nach rechts zu bewirken, Themen in die Öffentlichkeit zu bringen, die früher "out" waren, und das mit einer relativ kleinen Zahl von Akteuren, die aber hervorragend vernetzt sind und offenbar für die Verbreitung ihrer (Irr-)Lehren "brennen".

Dies mit Namen und Angaben zu den Hauptakteuren zu belegen, ergänzt durch die wichtigsten aktuellen Iniativen, dadurch ein nachvollziehbares Bild dieser Bewegung und ihrer  Bestrebungen zu zeichnen, ist ein großes Verdienst dieser (aufklärenden) Schrift der beiden Autoren.  

"Strategien gegen rechts" zu entwickeln ist allerdings nicht das Thema des Buches. Aber man muss seinen Gegner ja zunächst auch gut kennen, um ihm angemessen begegnen zu können. Dafür leisten die Autoren eine hervorragende Aufklärung!

Der Psychologe in mir rührt sich aber doch: Ich würde gern mehr über den sozialpsychologischen und biographischen Hintergrund der  Akteure in diesem Feld erfahren. Es ist mir sehr fremd, mich in diese Gedankenwelt einzufühlen, geschweige denn mich dafür zu engagieren. Was ist der Hintergrund, dass Menschen sich aber genau in diese Richtung entwickeln?

Freitag, 21. Juni 2019

"feuern"

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Gerade habe ich in der Zeitung gelesen, dass Trump einige Leute "gefeuert" haben soll, die in seinem Machtbereich an Umfragen beteiligt waren, die z.Zt. für Trumps Wiederwahl übereinstimmend ungünstige Ergebnisse zeigen. Grandios kleinkariert ...

Immerhin dürfen sie weiterleben... Das ist nicht selbstverständlich bei Diktatoren, die sich die Welt in ihrem Sinne (vorübergehend) "verbiegen". In Nordkorea sollen nämlich einige Köpfe gerollt sein - wohl tatsächlich mit Hinrichtungen -, als die letzte Verhandlungsrunde mit Trump kein Ergebnis gebracht hat.

Es ist offenbar tatsächlich ein Vorurteil, in der Menschheitsgeschichte gäbe es eine allmähliche Evolution hin zu mehr Klugheit und Menschlichkeit...

Da dies meine frühere Erwartung war, könnte ich den heutigen Eintrag auch unter meine Rubrik "Dinosauria" subsumieren.    

 

Mittwoch, 19. Juni 2019

Trump, ein grandioser Populist


Den folgenden Beitrag verdanke ich der Bundeszentrale für Politische Bildung, die über ihren Dienst  eurotopics-d@mailman2.bdp.de täglich eine Presseschau über wichtige Berichterstattungen, speziell von europäischen Zeitungen anbietet.

 

Heute veröffentlichte sie den folgenden Beitrag von Martin Liby Troein, der mir die Augen geöffnet hat über Trumps Strategie – und die Strategien von populistischen Herrschern insgesamt.  Anlass war Trumps Ankündigung vor einer großen Versammlung von Anhängern, für die nächste Präsidentenwahl wieder zu kandidieren. Dabei verdammte er die Demokraten aufs schärfste und beschwor den Untergang der USA, sollte er nicht wiedergewählt werden.

 

Ich zitiere:

 

 

Populistischer Dauerzustand


Eigentlich befindet sich der US-Präsident permanent im Wahlkampf, stellt Dagens Nyheter fest:

„Neue Gesetze und Verordnungen sind nicht der Kern der Politik des Präsidenten. Sie kreist vielmehr um wilde Attacken und grandiose Ankündigungen. Am liebsten auf Twitter. ... Wobei dieses Verhalten nicht mal besonders merkwürdig ist. Donald Trumps Versprechen - und die eines jeden Populisten - richten sich nicht auf die Lösung von Problemen aus, sondern auf einen Konflikt mit Gruppen, die seine Wähler nicht mögen. Das wird durch eine permanente Kampagne bedient, nicht durch Sachpolitik."


Montag, 4. Juni 2012

Arabische Revolution: Ende eines Traums?

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Zu diesem herausragenden Thema des letzten Zeitabschnitts habe ich im Publik-Forum 4/2012 v. 24.2.2012 einen hervorragenden und ermutigen Essay des Publizisten Hamed Abded-Samad unter der obigen Überschrift gefunden.

Er stellt die dortigen Ereignisse in einen größeren Zeitrahmen und zieht weltgeschichtliche Parallelen mit anderen Revolutionen, die sich z.T. erst Jahrzehnte später zu ursprünglich angestrebten Zielsetzungen nach langen Irrwegen und Rückfällen geführt haben, wie z.B. die Französische Revolution von 1789 und die deutschen Versuche von 1848.

Bitter für die "Leute der ersten Stunde" dürfte dabei aber immer sein, dass ohne ihr Engagement und ihren Mut in manchmal lebensgefährlichen Situationen nichts in die Gänge gekommen wäre, dass sie aber nach ersten Erfolgen oft von der breiten Bevölkerungsmehrheit wieder "weggefegt" wurden bis hin zur Einfluss- oder sogar Bedeutungslosigkeit. So geschehen in den neuen Bundesländern nach 1989, als sich die Aktivisten des Umbruchs nach den ersten Wahlen nur noch in Splitterparteien wiederfanden, während die große Mehrheit den Kohlschen Versprechungen glaubte und keine eigenständigen Veränderungen wünschte. Ähnlich - wenn auch unter sonst wahrscheinlich in keiner Weise vergleichbaren Bedingungen - muss es den mutigen Menschen in Ägypten ergangen sein, die den Untergang der alten Herrschaft ertrotzt haben und sich jetzt von den Muslimbrüdern regiert sehen.

Da sind dann die Ausführungen von Hamed Abdel-Samad sehr ermutigend, aus denen ich hier zitieren möchte:

[...]

Gescheitert? Ein Jahr nach Beginn der Arabischen Revolution ist kein Land der Region da, wo es sich die Bevölkerung gewünscht hätte. [...] Und in Ägypten scheinen die Menschen eine Form der Bevormundung gegen eine andere getauscht zu haben. Dort herrschen die Islamisten über das Parlament und der Militärrat über die Ressourcen des Landes. Die Jugend der Revolution bleibt außen vor. [...]

Und dennoch ist es voreilig, von einem Scheitern der Revolution zu reden. Denn die jungen Menschen, die diese Revolution initiiert haben, sind, auch wenn sie nicht die Mehrheit der arabischen Bevölkerung ausmachen, sehr stark und aktiv. Ihnen fehlen nur die Strukturen und die politischen Erfahrungen. [...]

Selbstverständlich ist die Islamisierung in Ägypten und Nordafrika beunruhigend, nur hat sie nicht das letzte Wort. Ich sehe sie als einen Umweg auf dem Weg zur Demokratisierung. [...]

Das politische Erdbeben in Arabien hat einen innerarabischen Kampf der Kulturen zustande gebracht: zwischen Facebook und Kamel,zwischen der Demokratiebewegung und der Militärherrschaft, zwischen Liberalen und Islamisten. Dieser Kampf kann zerstörerisch, aber auch fruchtbar sein. In beiden Fällen ist er unvermeidbar. Er pflügt die versteinerte Erde und bringt alles hervor, was unter der Decke der Diktatur versteckt war: die Kreativität der jungen Menschen und den Mut der Frauen, aber auch die Krankheiten der arabischen Welt, die nun ausbrechen - Intoleranz, Gewalt, Fanatismus und die politische und wirtschaftliche Planlosigkeit.

[...] Revolutionen sind weder gut noch schlecht an sich. Sie sind keine Lösungen für die Krankheiten einer Gesellschaft, sondern Motoren der Geschichte. Sie zerstören viel und verändern viel - jenseits der Erwartungen der Revolutionäre und der Konterrevolutionäre. So bleibt das erste Jahr der Arabischen Revolution nur die Eröffnungsszene in einem langen Schauspiel. [...]


Möge er recht behalten!

Sonntag, 3. Juni 2012

Noch einmal die Griechen ...

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Über Griechenland und die Schuldenkrise ist schon so viel geschrieben worden, auch ich habe mich schon darüber ausgelassen.

Hier aber ist noch einmal ein Artikel, der meine mittlerweile gebildete Meinung bestätigt und die neoliberalen Zumutungen für die griechische Bevölkerung als Folge der verordneten Sparmaßnahmen mit ihren sozialen Ungerechtigkeiten besonders treffend "aufs Korn" nimmt. Ich möchte ihn deshalb in Teilen zitieren, auch wenn er nicht mehr ganz aktuell ist (März 2012).

Wolfgang Kessler kommentierte unter dem Titel "Schrumpfkur für die Armen. In Griechenland müssen die kleinen Leute die faulen Kredite der Reichen zurückzahlen. Die Deutschen interessiert dies kaum" im Publik-Forum 5/2012 v. 9.3.2012 :

[...] Der Tenor ist einheitlich: Die Griechen haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt, jetzt sollen sie zahlen.

Was allerdings [von Merkel und co.] gefeiert wird, sind soziale Einschnitte, die die Falschen bestrafen. [...] Diese Sparmaßnahmen treffen die Griechen überaus hart, allerdings nicht jene, die über ihre Verhältnisse gelebt haben.

Auch die meisten Griechen bestreiten nicht, dass ihre "Elite" die Schuldenkrise ihres Landes maßgeblich mit verursacht hat. Seit Jahren sind Staat und Regierung quasi im Besitz weniger reicher Familien. Zusammen mit einer dünnen Oberschicht haben sie lange Zeit die günstigen Zinsen der Europäischen Zentralbank genutzt, um mit üppigen Krediten ihr Vermögen zu mehren und Prestigeobjekte zu finanzieren. Steuern haben sie nur selten entrichtet. Viele Jahre hat sich die Europäische Union nicht darum geschert, dass ihre Kredite die Taschen der reichen Grichen füllten. Jetzt fordern die europäischen Politiker die Kredite von den Ärmeren zurück. 

Die Deutschen haben zudem lange von Griechenlands Schulden profitiert: Solange keine Schulden erlassen werden, kommen die Gläubiger in den Genuss hoher Zinsen für die griechischen Staatsanleihen. [...] Die Bundesregierung hat Griechenland immer wieder zu immensen Rüstungskäufen gedrängt - gegen den angeblichen Todfeind Türkei. [...]

So sage denn niemand, es gebe keine Alternativen zu dem gegenwärtigen Sparprogramm für Griechenland. Die Steuern bei Vermögenden und Besserverdienenden konsequent eintreiben, deren Kapitalflucht mit Kontrollen verhindern und den Rüstungshaushalt scharf beschränken - das würde dem hoch verschuldeten Griechenland mehr bringen als alle Sparmaßnahmen. [...]

Doch statt die "griechische Elite" in die Pflicht zu nehmen, halten Angela Merkel und Nicolas Sarkozy an ihrer Schrumpfkur für die ärmeren Griechen fest. [...]

Nun ja, in Frankreich hat ein beachtlicher Wechsel an der Spitze stattgefunden. Ob daraus Veränderungen in der Griechenland-Strategie resultieren werden, bleibt noch abzuwarten. Vernünftig wärs ja ...

Montag, 12. März 2012

Narreteien

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Diesen Text hatte ich am 23. Februar „in Arbeit“, dann ist er liegen geblieben. Zwar war er in seiner ursprünglichen Aussage schon auf diesen engen Zeitrahmen zugeschnitten, seine Aussagen sind aber leider weiterhin brandaktuell, so dass ich mich entschlossen habe, ihn auch mit dieser zeitlichen Verzögerung doch noch zu veröffentlichen. Meine Leser und Leserinnen mögen selbst beurteilen, ob das angemessen ist …


Aschermittwoch war gestern: Die offiziellen „närrischen Tage“ sind zu Ende, die Zeit, in der es erlaubt und vorgesehen ist, dass die Narren und Jecken etwas über die Stränge schlagen dürfen, Spaß, Ärger und Kritik an „denen da oben“ in derber bis ironischer Weise ausgelassen ausgesprochen werden können, bis dann alle wieder (brav ?!) zur Tagesordnung übergehen.

Mit uralten Narren beschäftigt sich hingegen z. Zt. mein kleiner Sohn, dem ich abends die Geschichten vom Wortverdreher (eigentlich in Wirklichkeit „…Versteher“!) Till Eulenspiegel vorlese.

Allen diesen Narren gemeinsam ist, dass sie einen Weg gefunden haben, Ärger, Unmut und bissige Scherze über ein Ventil zu entladen, das „den anderen“ einen Spiegel vorhält ohne wahrscheinlich nachhaltig zu verletzen. Halt ein närrisches Treiben …

Die wirklichen Narreteien dieser Welt aber sind aber nicht mehr nur bissig ironisch, sondern Furcht erregend, schrecklich und bittere Wahrheit und gehen auch nicht nach ein paar Tagen wieder vorüber, sondern bedrohen uns, unser Leben und den Frieden dauerhaft. Dabei sind sie, intellektuell betrachtet, wesentlich dämlicher als die derben bis geschliffenen Scherze eines Eulenspiegels, liegen eher auf dem Niveau der einfältigen und dummen Schildbürger, nur dass sie konkret eine massive Bedrohung darstellen, denn in unser Welt regiert die MACHT, nicht der Verstand, und strebt danach, um jeden Preis an der Macht zu bleiben, und sei’s um den Preis, dass wir alle vor die Hunde gehen.

Ich will dafür den Beweis antreten. Dafür benötige ich nur eine Ausgabe der MOZ, nämlich die vom 21.2.2012 und die Schlagzeilen ihrer Titelseite. Ich stelle vor:

1. „Putin verspricht starkes Russland. 600 Milliarden Euro für Rüstung geplant“

Ob Putin sich nach seiner Wiederwahl etwas beruhigt hat? Diese im Artikel angekündigten Schritte sind sicherlich auch dem Wahlkampf geschuldet; wie auch immer, sind sie „starker Tobak“, dem Gestrigen verpflichtet, ein Nachwehen des Kalten Krieges und bedrohlich, denn Militär wird ja nicht nur für Maßnahmen des Katastrophenschutzes bereitgehalten…

Ich zitiere aus dem Artikel, enthalte mich allerdings der Aufzählung der geplanten neuen Waffen:

„Russland reagiere damit auch auf den von USA und NATO geplanten Raketenabwehrschirm, den er als Bedrohung ansieht. „Unsere Sicherheit kann nur garantiert sein, wenn das Land wirklich stark wird“, betonte Putin. Er zog eine Parallele zum Angriff Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion: Russland werde eine „Wiederholung der Tragödie von 1941“ nicht zulassen, als das Land „mangelnde Bereitschaft mit riesigen menschlichen Verlusten“ habe bezahlen müssen. Putin schloss auch den Einsatz der Streitkräfte zur Verteidigung von Rohstoffen nicht aus.“

Da läuft es mir schon kalt den Rücken hinunter, der Vergleich von 1941 mit der Jetztzeit ist schon von der Feindseligkeit (und Feindseligkeitserwartung) her kaum noch zu überbieten. Herr Putin beschwört ein Pulverfass wie in den schlimmsten Zeiten atomarer Bedrohung. Und ich war bisher so naiv, diese Zeit hätten wir nach Gorbatschow hinter uns gelassen …

2. „Benzinpreise klettern auf Rekordhoch“

Die aktuellen Muskelspiele in der Golfregion (der Iran drohte damals mit dem Stopp der Öllieferungen und mit der Schließung der Straße von Hormuz) sind nicht mehr in den Schlagzeilen (aber sicherlich weiterhin eine Bombe, die jeden Augenblick explodieren könnte), ich glaube aber nicht, dass die „Angstprämie“ auf den Ölpreis seither maßgeblich zurückgegangen ist. Wenn die Menschen dadurch abgehalten würden, überflüssige Touren mit dem Auto einzuschränken, hätte alles fast noch etwas Gutes. So aber bleibt der Eindruck der großen Abzocke.

3. „Berlin lehnt polnische Atompläne ab“

Die Polen scheinen aber weiterhin wild entschlossen, trotz Fukushima ihr eigenes Atomkraftwerk zu errichten. Irgendwo habe ich gelesen, sein Standort wäre so gewählt, dass es zu Berlin einen eher geringeren Abstand hat als Fukushima zu Tokio. (Und noch geringer zu Fürstenwalde, meiner Heimatstadt …) Kommentar überflüssig. Die Gestrigen haben eine sehr große Macht auf unserem Planeten, und notfalls erschlägt „die Ökonomie“ alle Vernunft und eine Lebensperspektive jenseits der Lebenserwartung der handelnden Ökonomen (nach mir die Sintflut) …

4. „Hilfspaket für Athen in greifbarer Nähe“

Dieses Thema wird noch lange nicht ausgestanden sein. Banken und Investoren haben zwar mittlerweile arg Federn lassen müssen, werden aber wahrscheinlich weiterhin schlimmstenfalls „gerettet“ von diversen Schutzschirmen, ebenso die Oberschicht in Griechenland. Die „kleinen Leute“ dort allerdings haben kaum eine Perspektive und dürfen das ausbaden, was die Geldeliten angerichtet haben.

5. „Linke attackiert Joachim Gauck“

Dies ist ein Thema, das ich sehr zwiespältig betrachte. Zwar ist es befreiend, dass die unendlichen Querelen um Christian Wulff beendet sind, aber was kommt jetzt? Nach der Meinung der anderen Parteien und vieler Kommentatoren sind es jetzt die Linken, die als „Narren“ in der Schmollecke stehen, sich bei der Kandidaten-Kür übergangen fühlen und jetzt zur Rache nicht mitmachen wollen und wieder einmal zu beweisen scheinen, dass man mit ihnen keine tragfähigen Koalitionen bilden könne …

Aber stimmt das wirklich? Die Bedenken, die ich gegenüber Joachim Gauck gelesen habe, leuchten mir ein, ich kann sie unterstützen:

Gauck habe seinerzeit die Hartz-IV-Gesetzgebung unterstützt und auch den Militäreinsatz in Afghanistan befürwortet. Mehr in der Jetztzeit spiele seine Unterstützung für Tilo Sarrazin („mutig“!) und die Abqualifizierung der Occupy-Bewegung, die gegen die Macht der Finanzmärkte kämpft („unsäglich albern“).

Das spricht alles nicht für wirkliche Größe und einen Abstand zum Ansinnen der Mächtigen und zu Auswüchsen von „Volkes Stimme“. Dabei könnten wir einen standfesten Bundespräsidenten, mit intellektuellem Niveau und einer Integrationskraft für unsere auseinanderstrebende Gesellschaft mit ihren verschiedenen „Problemgruppen“ nur zu gut gebrauchen …

Donnerstag, 8. März 2012

Denkverbote angesichts der demographischen Entwicklung

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Seit Jahren bin ich als "berufener Bürger" Teilnehmer ohne Stimmrecht im Sozialausschuss meiner jetzigen Heimatstadt in der Nähe von Berlin. Eine gute Informationsquelle! Zuletzt wurden wir ausführlich über die demographische Entwicklung allgemein und speziell in unserer Gemeinde in einem sehr ausführlichen Vortrag des Sachverständigen Wolfgang Rump unterrichtet.

Die Fülle der Fakten hat mich fast erschlagen, ich will hier nicht den Versuch wagen, konkrete Einzelheiten zu berichten, dafür gibt es bessere Quellen. Nur soviel: Meine Heimatstadt Fürstenwalde ist im nahen Umfeld von Berlin doch so gut aufgestellt, dass wir in den nächsten Jahrzehnten unsere Substanz und die Attraktivität fürs Wohnen bewahren können, keinen "Kahlschlag" befürchten müssen, wie er sich anderswo im Lande bereits ausbreitet. Der Vortragende charakterisierte es so, dass im uns umgebenden Landkreis LOS Regionen existieren, die schon jetzt aufgrund ihrer dünnen Besiedlung an Skandinavien erinnern, Tendenz zu weiterer Ausdünnung. Junge Leute ziehen weg, Läden werden immer seltener, der öffentliche Nahverkehr ist defizitär und wird weiter verringert, Ärzte werden knapp: Wer mag in einer solchen Gegend noch dauerhaft wohnen, wenn er nicht muss oder gerade die Einsamkeit sucht?

Brandenburg war auch schon in früheren Jahrhunderten unterbevölkert. Preußische Könige entwickelten daraufhin die Strategie, Menschen in allen Regionen Europas anzuwerben, um die Bevölkerung zu vermehren. Die berühmtesten Zuzügler waren die Hugenotten, aber auch ganz andere Personengruppen kamen! So ist unsere hiesige Bevölkerung über die Jahrhunderte hinweg aus einem richtigen "Schmelztiegel" entstanden.

Ähnliches dürfte wieder anstehen! Bisher war die "Wanderung" eher anders herum, weil viele Brandenburger in attraktivere Bundesländer umgezogen sind. Aber warum nicht auch unter anderen Menschengruppen werben? Die Welt ist so überbevölkert, dass es sicherlich Menschen gäbe, die gerne zu uns kämen ... Aber hier setzt das Denkverbot ein, dass ich in der Überschrift genannt habe. Immigranten, die nicht direkt unserem Kultur- und Sprachkreis entstammen, sind nicht beliebt in unseren Landen ... "Wir" wollen kein Einwanderungsland sein und schotten uns gegen die "Wirtschaftsflüchtlinge" aus anderen Erdteilen ab. Ich habe noch von keiner Studie gehört, die solche Möglichkeiten in Erwägung gezogen hätte. Wahrscheinlich denken die Verfasser nicht an solche Möglichkeiten (Denkverbot!) - oder sie fürchten, gegebenenfalls von ihren Kritikern "in der Luft zerrissen zu werden". Die Frage ist, ob wir uns dauerhaft den Luxus leisten können, derartige Möglichkeiten völlig auszuschließen - oder es wieder Wanderungsbewegungen in der Weltgeschichte geben wird, die uns aufgezwungen werden und denen wir uns deshalb nicht entziehen können. Das wäre ja auch nicht das erste Mal ...

Montag, 5. März 2012

Kabarett im realen Leben

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Ebenso könnte man mein kürzliches Erlebnis mit der Deutschen Rentenversicherung auch als Realsatire bezeichnen! Dabei finde ich das Konzept unserer solidarischen Rentenversicherung eigentlich sehr gut, es gibt nichts Besseres! Nur viel "Reklame" gegen sie aus dem Munde derjenigen, die alles in unserem Lande am liebsten privatisieren würden, um auch an der Altersversicherung der Bevölkerung mitverdienen zu können. Ebenso haben auch viele "Reformen" der letzten Jahre zu einem Vertrauensverlust in ihre Wirksamkeit geführt. Aber es ist und bleibt ein gutes System!

Daran rüttele ich nicht, aber dennoch sind meine Erlebnisse mit der DR komisch und gleichzeitig bedrückend, vielleicht auch nur, weil ein so großes System in Bürokratismus ausarten kann und die einzelnen Menschen aus dem Blick verliert.

Nach diesen vielen Vorbemerkungen jetzt endlich mein Erlebnis: Viele Jahre nach meiner Scheidung hat das Familiengericht nun doch noch den Versorgungsausgleich mit meiner früheren Ehefrau durchgeführt, in dem die Rentenansprüche für die gemeinsame Ehezeit angeglichen wurden, eine komplizierte Angelegenheit, weil es gleichzeitig um "Ost"- und "West"-Rentenpunkte ging. Im Endeffekt büße ich etwa 70 € monatlich ein, bei der geringen Höhe meiner Rente nicht unerheblich, aber was hilfts ... und es ist ok so.

Zwei Monate nach dem Gerichtsbeschluss flatterte mir nun ein Brief der Deutschen Rentenversicherung auf den Tisch, nicht die erwartete konkrete Berechnung meiner korrigierten Bezüge, sondern nur ein Computerbrief ohne Unterschrift, in dem ich allgemein über die Verrechnung dieser Wertpunkte aufgeklärt wurde und mir die Möglichkeit eingeräumt wird, diese Absenkung durch eine freiwillige Zusatz-Einzahlung wett zu machen, mit Angabe der Kontonummer für meine Überweisung.

Wenn ich alles richtig verstanden habe, könnte ich demnach jetzt gegen den kleinen Obolus von nur 24.000 € alles wieder gerade biegen und meine alte Rentenhöhe sichern. Ein Millionär würde diesen kleinen Betrag wahrscheinlich müde lächelnd aus der Portokasse bezahlen - oder doch lieber wieder Abstand nehmen, weil ihm die Rendite etwas zu mickrig wäre: Ich muss wohl weit über 90 Jahre alt werden, um diesen Betrag wieder einzuspielen. Schön, dass mir die Rentenversicherung eine solche Lebenserwartung zutraut! Bei meinem etwas geringeren Vermögen allerdings klingt das alles aber eher wie ein Hohn (oder eben eine Satire!), auch wenn alles systemimmanent völlig korrekt sein dürfte und versicherungstechnisch "up to date". Aber mit einem Computerbrief ohne Kommentar arme Mitmenschen in solcher Weise zu überfallen, spricht dafür, dass die Rentenversicherung ihre Standardbriefe einmal überdenken sollte und vielleicht doch eine Benutzerfreundlichere Öffentlichkeitsarbeit betreiben könnte... Mir hat es jedenfalls zuerst die Sprache verschlagen, dann aber eben auf die Idee gebracht, eine Vorlage fürs Kabarett zu schreiben ...

Sonntag, 12. Februar 2012

Das Kapital der Eliten

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Am 22.Januar veröffentlichte ich hier auf meinem Blog einen Leserbrief an den SPIEGEL "Wer herrscht wirklich über die Welt", in dem ich die vorherrschende Medien-Strategie anprangerte, zwar von der verantwortungslosen Über-Verschuldung von Staaten zu sprechen, den "auf der anderen Seite der Medaille" aber angehäuften Reichtum der Gläubiger zu verschweigen. Griechenland lässt grüßen! Dort werden die kleinen Leute ausgequetscht und verarmen, die Wirtschaft kollabiert, aber der Reichtum der Vermögenden und Krisengewinnler wird nicht angetastet und zur Finanzierung einer Sanierung des Gemeinwesens genutzt.

Wie schön, gleichgesinnte Gedanken zu entdecken! Hier in einem Leserbrief an das Publik-Forum 3/12 v. 10.2.2012, in dem Manfred Pietschmann daran erinnert, wie im kapitalistischsten aller kapitalistischen Ländern, den USA, Präsident F.D.Roosevelt im "New Deal" sein Land dadurch wieder stabilisierte und aus der Weltwirtschaftskrise herausführte, in dem er die Besitzenden zur Finanzierung seiner Reformen heranzog. Ich zitiere:


Das Kapital der Eliten
[...]

Seit der ersten Weltwirtschaftskrise sind die Instrumente bekannt, die man einsetzten sollte, um wieder in geordnete Bahnen zurückzukehren: Investitionen mit dem Kapital der Geldeliten! Die Brüningsche Notverordnung nach der ersten Weltwirtschaftskrise 1929 lässt grüßen: Auch damals verarmten große Teile der Bevölkerung. Das führte, wie wir alle wissen, in die Hände von Nazi-Hitler. Der Präsident der USA dagegen hat sich damals das notwendige Kapital von den Geldeliten geholt. Mit sehr hohen Spitzensteuer- und Erbschaftssteuersätzen wurde eine staatliche Beschäftigungspolitik, ein Neuaufbau der Infrastruktur und der sozialen Netze finanziert. Ein ungeheurer Aufschwung war die Folge. Kein Programm auf Pump, sondern Geld von den Besitzenden. Die jetzige Sparpolitik auf dem Rücken der kleinen Leute wird ins Verderben führen, sie ist falsch und ökonomisch unverantwortlich. Jetzt müssen die Geldeliten ran, denn Armut der Massen wird Europa zerstören und die EU wird zerbrechen.

Mögen sich diese prophetischen Worte möglichst nicht verwirklichen !!!

Ganz ähnlich positioniert sich z.Zt. attac! Der Leitartikel des Rundbriefs 01/12 ist überschrieben mit "Große Vermögen beschneiden. Öffentliche Daseinsvorsorge sichern". Werner Rätz aus dem Attac-Rat schreibt dazu u.a.:

Seit etwa vierzig Jahren kreist die kapitalistische Krise um ein einziges Problem. Es ist offensichtlich mit Händen zu greifen und doch scheint es kaum jemand zu begreifen. Die Frage heißt: Wohin mit dem vielen Geld der großen VermögensbesitzerInnen? Spätestens in der ersten Hälfte der 1970er Jahre war das so viel geworden, dass es zunehmend schwieriger wurde, Anlagemöglichkeiten mit zufriedenstellenden Renditen zu finden.

Seitdem dreht Regierungspolitik in aller Welt sich nur noch darum, die Profite der Investoren zu garantieren. Statt das Problem zu lösen, wird es auf diese Weise stetig verschärft. Immer weitere Teile des gesellschaftlichen Reichtums werden in Kapital, immer mehr Produktivkapital wird in Finanzinvestitionen umgewandelt. Ganze Lebensbereiche, die einmal der Versorgung der Menschen mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen dienten, wie etwa das Gesundheitswesen, werden in Märkte verwandelt.

[...]

Dabei wären die notwendigen Schritte klar und einfach: Die großen Vermögen müssen radikal beschnitten, die öffentlichen Schulden gestrichen, das Geld muss in die Daseinsvorsorge gesteckt werden. Vor diesen scheinbar radikalen Schritten schrecken leider auch noch viele Menschen zurück, die tatsächlich unter der Krisenpolitik von Merkel und Co. leiden. [...]

Recht haben beide zitierten Verfasser! Es steht uns einiges bevor ...

Dienstag, 20. Dezember 2011

Inklusion: geht so etwas überhaupt in unserer neoliberalen Gesellschaft?

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Inklusion: das große Thema im Schul- und Behindertenbereich der letzten Zeit. Auch ich habe mich schon mehrfach dazu geäußert, zumal es die irgendwann von Schließung bedrohte Allgemeine Förderschule meines Sohnes mit betrifft.

Theoretisch eine feine Sache, aber in der bisherigen Durchführung in Deutschland eher eine Angelegenheit, bei der Beteiligte in der Gefahr stehen, auf der Strecke zu bleiben, seien es betroffene Schüler oder sich verausgabende Lehrer, da die Rahmenbedingungen fast nirgendwo befriedigend sind und mit den notwendigen Geldern für mehr und besser ausgebildetes Personal geknausert wird.

Vordergründig hapert es "an der Knete", aber ist das wirklich das einzige tragende Element für alle Probleme? Mir kommen da mittlerweile manchmal Zweifel. "Inklusion" heißt ja im Klartext nichts weiter, als das jeder Mensch (und nicht nur Behinderte) so angenommen und gefördert wird, dass er so, wie er ist, einfach dazugehört, seine Fähigkeiten anerkannt werden und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten das Leben der Allgemeinheit bereichert. Ohne wenn und aber und mit der Maßgabe, dass Kinder und Jugendliche im Schulalter gleichwertig auf dieses gesellschaftliche Leben vorbereitet werden.

Das ist vom Menschenbild her eine Revolution!! Denn es widerspricht völlig den Gepflogenheiten, die sich in unserer neoliberalen Zeit im Leben und Denken der Menschen breit gemacht haben. Wo kommen wir hin, wenn alle eine gleichwertige Teilhabe am Leben fordern? Wo wir doch gelernt haben, dass Konkurrenz das Lebenselixier unserer Gesellschaft ist, in der es allen allmählich zur Gewohnheit geworden sein sollte, durch Ratings/Rankings/Zensuren in "gute", "weniger gute" und "kaum noch gute" Schüler, Studenten, Hochschulen, Mitarbeiter ... einsortiert zu werden. Und Reichtum und Macht haben ja schließlich auch ihre Rangordnung ... Und dann so ein Konzept, bei dem die "Habenichtse" (in welcher Hinsicht auch immer) gleichwertig neben allen anderen stehen sollen. Das muss ein neoliberales Gewissen schockieren, denn wo bleibt hier noch der Gewinn für den Tüchtigen, der alle anderen hinter sich gelassen hat?

Vielleicht ist das alles ironisch verzerrt, ich kann aber nicht davon ablassen, dass "Solidarität" in unserem Lande nach den großen importierten "Verbesserungen" der Margaret Thatcher und des Ronald Reagan als Wert sehr heruntergekommen ist. Aber wie soll ein Konzept wie die Inklusion funktionieren, wenn es nicht von einem solidarischen Unterbau getragen wird?

[Es passt nur indirekt zu den vorgetragenen Argumenten, stand aber am Anfang meiner Assoziationskette für diesen Beitrag: Bei einem Spaziergang kam ich an der hiesigen Geschäftsstelle der BARMER vorbei, die sich jetzt BARMER/GEK nennt, nachdem sie eine kleinere Krankenkasse "geschluckt" hat. Offiziell nennt sich dieser Vereinigungsprozess anders, die Wahrheit dürfte aber so sein, dass in einem "Bereinigungsprozess" nur noch die großen und finanzkräftigen Krankenkassen überleben können. Kapitalismus in Reinkultur! Und das in einem Bereich, der für die Daseinsfürsorge für alle da sein und deshalb eine reine dienende Funktion für die Bevölkerung haben sollte, mit der Idee einer solidarischen Umverteilung der Gesundheitsrisiken auf alle! Ökonomie über alles! Da ich gerade über Inklusion nachdachte, war der Schritt zu meiner obigen Gedankenkette geboren.]

Montag, 17. Oktober 2011

Die Cruise Missiles der Wall Street

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Zum beherrschenden Thema "europäische Finanzkrise" fand ich diese treffende und bissige Aussage in der MOZ v. 12.10.11 unter "Gesagt ist gesagt":

Die US-Ratingagenturen sind die wirkungsvollsten Cruise Missiles der Wall Street.

Ausgesprochen von DGB-Chef Michael Sommer über die Sprengkraft von Einschätzungen der Ratingagenturen zur Kreditwürdigkeit von Staaten und Unternehmen

Dienstag, 30. August 2011

Mein Motto für den Monat August 2011: Über die Menschenwürde

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Endspurt! Aber es ist mir noch gelungen, rechtzeitig das Monatsmotto für meinen blog für den fast abgelaufenen August ins Netz zu stellen, zumal es an aussagekräftigen Zitaten wahrlich nicht mangelt. Heute eine sehr eindeutige Aussage des UNO-Generalsekretärs:


Solange Milliarden von Menschen in chronischer Armut leben, kann es keinen Frieden, keine Gerechtigkeit und keine Würde auf der Welt geben.

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon in einer Rede vor Wissenschaftlern in Seoul

Gefunden in der MOZ v. 11.8.2011 unter der Rubrik „Gesagt ist gesagt“

Freitag, 1. Juli 2011

Richard David Prechts Sorgen um unsere Zukunft

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Schon vor einigen Wochen hatte ich diesen blog-Eintrag vorbereitet, dann aber vergessen. Ich möchte seine Veröffentlichung heute nachholen, zumal die Aktualität seiner Aussagen nicht nachgelassen hat, insbesondere im Zusammenhang mit der Griechenland-Krise, den ich damals hergestellt hatte.


Precht ist berühmt geworden durch seine populäre Einführung in die Philosophie, danndurch seine Ausführungen zur Liebe und jetzt zur Moral in seinem letzten Buch "Die Kunstkein Egoist zu sein".

All das war genug Anlass für den Tagesspiegel, den Autor zu interviewen. Nachzulesen ist dies im TSP vom 22.4.2011 mit Andrea Roedig als Interviewerin: "Lieber böse als dumm" - Richard David Precht über Egoismus, realistische Moralvorstellungen und Kindererziehung

Mich hat sein Schlusswort nachdenklich gemacht, in dem er über unsere gesellschaftliche Zukunft angesichts schrumpfender Ressourcen nachdenkt. Ich will es hier zitieren:

"Wir leben in einer der am meisten privilegierten Gesellschaften, die es je in der Weltgeschichte gegeben hat. Doch die Wohlstandsentwicklung wird nicht so weitergehen können, wie das bisher der Fall war. Also müssten wir all unsere Anstrengungen darauf richten, auch ohne weiteres Wirtschaftswachstum glücklich zu leben. Aber das geschieht nicht, wir sind nicht darauf vorbereitet, dass der Wohlstand sinken wird. Das wird politisch noch sehr gefährlich."

Leider dürfte er Recht haben. Die Verteilungskämpfe sind bereits in vollem Gange, das zeigt die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich. Die Besitzenden sind dabei, ihr Schäflein ins Trockene zu holen, noch hält das Gros der Bevölkerung still und sieht wahrscheinlich solche Zusammenhänge noch nicht. Aber das kann sich ändern ... (Und in Ländern, denen zur Abwendung einer Staatspleite das "Gesundsparen", besonders im sozialen Bereich, auferlegt wurde, wie z.B. Griechenland und Portugal, ist die Atmosphäre in der Bevölkerung schon jetzt explosiv.)


Griechenland ist leider ein hervorragendes Beispiel, wie die letzten Tage zeigen. Das neoliberale Sanierungskonzept der großen EU-Staaten und des IWF nötigen dem Land „Reformen“ auf, die eindeutig zu Lasten des ärmeren Bevölkerungsteils gehen und die Reichen und Vermögenden weitgehend schonen. Nach diesem Rezept hat der IWF schon zahlreiche Länder in dieser Welt gebeutelt. Schade, dass in der gängigen Berichterstattung in den Medien über solche Zusammenhänge fast nichts geschrieben wird. Man muss ja schon die Griechen fast für „bescheuert“ halten, die da täglich gegen ihre Regierung „anstänkern“, die doch nichts anderes im Sinn hat, als die Staatspleite zu verhindern … und die Banken zu retten, die sonst, insbesondere in Deutschland, einiges abzuschreiben hätten. Neueste Information, sofern ich sie richtig „aufgeschnappt“ habe: Da wäre auch ein großer Pensionsfonds in Deutschland mit betroffen, falls es zu einer Pleite und einem Wertverlust der Einlagen käme. Renten/Pensionen von Deutschen in Gefahr! Die bösen Griechen müssen endlich zur Vernunft kommen! (Besser kann man nicht zeigen, wie sehr das Umlageverfahren bei der Rente dem Kapital gedeckten System, bei dem Rücklagen auf dem Kapitalmarkt angelegt werden müssen, überlegen ist.)

Freitag, 8. April 2011

Vorbilder: Rolf Hochhuth


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Anfang April habe ich in der Zeitung gelesen, dass der streitbare Autor und Dramatiker Rolf Hochhuth 80 Jahre alt geworden ist. Es ist bekannt, dass sich Charakterzüge bei älteren Menschen verfestigen können, einige Menschen werden etwas starrsinnig, andere wunderlich. So berichteten die Medien vor einiger Zeit über eigenartige Querelen zwischen Hochhuth und dem Brecht-Theater in Berlin am Schiffbauerdamm. Ich weiß davon zu wenig und will mir kein Urteil erlauben.

Aber selbst wenn da einiges geschehen sein sollte, was vielleicht dem Alter geschuldet werden könnte, bleibt bei Hochhuth eine erstauliche Lebensbilanz und eine kritisch-engagierte Einstellung zu den Ereignissen in unserer Welt, die ich bewunderungswürdig finde. Deshalb mein kleiner Bericht unter der Rubrik "Vorbilder", in der ich besonders von mir geschätzte "Querdenker", die sich nicht anpassen und für ihre Ideale streiten, vorstellen möchte.

In der MOZ vom 1.4.11 fand ich eine kurze (durchaus kritische) Würdigung, aus der ich hier einige Passagen zitieren möchte:

Erfolgsautor und streitbarer Geist

Berlin (dpa/epd) Rolf Hochhuth schreibt immer noch und erregt sich auch im hohen Alter weiter über Unrecht in der Welt über "unser pervers gewordenes kapitalistisches System" - und manchmal auch über die Theater, die ihn nur noch wenig spielen. Der Dramatiker ("Der Stellvertreter") ist weiterhin erstaunlich kämpferisch, ein moderner Wutbürger mit sozialem Gewissen - auch wenn Hochhuth in den vergangenen Jahren nach einigen öffentlichen Auftritten, bei denen er sich äußerst streitbar zeigte, manchmal belächelt wurde. [...]

In dieser Würdigung werden noch verschiedene Themen genannt, die Hochhuth im Laufe seines Lebens an die Öffentlichkeit gebracht hat, indem er den Finger in noch nicht verheilte Wunden steckte und Diskussionen ins Rollen brachte: Das Schweigen des Papstes in der NS-Zeit zu den Juden-Morden, der Luftkrieg der Alliierten gegen die deutsche Zivilbevölkerung, die Karriere von NS-Richtern in der BRD (Hans Filbinger) und anderes mehr. Offenbar immer schon nach dem Motto "Viel Feind - viel Ehr"! Bewunderungswürdig!

Donnerstag, 7. April 2011

Publik-Forum-Dossier zu FUKUSHIMA

Das schon immer sehr engagierte Publik-Forum hat angesichts der Ereignisse in Fukushima in Gemeinschaftsarbeit mit einer Reihe anderer Gruppierungen, z.b. verschiedene evangelische und katholische Gruppen, aber auch attac und campact und die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, ein Dossier zusammengestellt, das über die derzeitige Situation gut informiert und Argumente für einen Atomausstieg bündelt.

Sehr empfehlenswert!!!

Zwar ist diese Schrift auch käuflich zu erwerben (über www.publik-forum.de), es gibt aber auch die kostenlose Möglichkeit, das Dossier als pdf-Datei aus dem Netz zu laden, wenn man sich persönlich beim Publik-Forum registrieren lässt:

Dafür mein Link-Tipp: https://www.publik-forum.de/dossierdownload/?nwlid=11 .

Mittwoch, 23. März 2011

Die Welt ist aus den Fugen: Anti-AKW-Demonstrationen am kommenden Samstag

Angesichts der atomaren Katastrophe in Japan muss m.E. jeder nur halbwegs einsichtige Mensch einen beschleunigten Ausstieg aus der Versorgung mit Atomstrom fordern. Die Bundesregierung ist angesichts der Stimmungslage in der Bevölkerung vor wichtigen Landtagswahlen halbherzig ein wenig "eingeknickt" und hat ein Drei-Monate-Moratorium hinsichtlich der geplanten Laufzeitsverlängerung unserer deutschen AKWs verkündet. Und hinterher??

Wer das ebenso empörend und als reine Augenwischerei empfindet wie ich, hat Gelegenheit, seinen Ärger produktiv am kommenden Samstag auf einer von vier großen geplanten Demos einzusetzen. Aber was schreibe ich da! Wahrscheinlich wissen das alle schon länger einschlägig Engagierten längst, aber vielleicht besucht auch jemand meinen blog, der bisher eher unschlüssig war und den ich auf diese Weise zusätzlich für diese Aktion gewinnen kann! Eine meiner relativ wenigen Möglichkeiten, etwas sachlich beizusteuern.

Ein großes Bündnis einschlägiger Organisationen wie attac, campact, BUND, ROBIN WOOD u.a. rufen auf zu großen Demonstrationen in Hamburg, Berlin, Köln und München am Samstag, 26.3.2011!

Ausführlichere Infos finden sich auf der Website dieses Bündnisse unter http://anti-atom-demo.de ,
genauer für den Ablauf in Berlin unter http://anti-atom-demo.de/start/ablauf/berlin .

In Berlin treffen sich die Demonstranten ab 11.00 am Potsdamer Platz, Abmarsch des Demonstrationszuges ist um 12.00, die Abschlusskundgebung beginnt um 14.00 auf der Straße des 17. Juni.

Was mich sehr freut: Zu den Rednern der Kundgebung soll auch Michael Sommer, der Bundesvorsitzende des DGB gehören! Schön, dass sich die Gewerkschaften ebenfalls einklinken!

Mittwoch, 16. März 2011

Der Sprachenstreit um türkische Migrantenkinder

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Bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten war meine Sympathie nicht bei Christian Wulff. Mittlerweile finde ich aber, dass er einen realistischen Blick hat und sich um Verbesserungen in Deutschland sehr verdient macht. Meine höchste Anerkennung für seinen Mut in der aufgebrochenen Islam-Debatte, als er sich deutlich zur Anerkennung der Realitäten in unserem Lande bekannte, gipfelnd in seiner Aussage "Der Islam gehört zu Deutschland"!

Das hat ihm, speziell unter seinen Parteifreunden, viel Unmut eingebracht, wenn ich nur an die harsche Kritik des Union-Fraktionschefs Volker Kauder denke. Offenbar ist für viele eher konservativ Gesinnte dadurch "das Abendland in Gefahr", was für Wurzeln auch immer beschworen werden. Dass wir hingegen "im Abendland" nur deshalb wieder - nach Jahrhunderten von geistig ziemlich tristen Zeiten nach der Völkerwanderung, in der alte Kulturgüter "über Bord geworfen" wurden - Kontakt zu den philosophischen Schriften der alten Griechen bekommen haben, ist nur islamischen Gelehrten zu verdanken... Aber wer weiß schon so etwas...

Eine andere Reizfigur ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, der schon mehrfach Reden in Deutschland vor Landsleuten gehalten hat. Unvorsichtigerweise hat er in ihnen immer betont, dass die Auslandstürken in Deutschland ihre Kultur nicht aufgeben und ihre Sprache bewahren sollten. Das wird ihm von entsprechenden Kreisen so ausgelegt, als würde er zur Ghettoisierung der hier lebenden türkischstämmigen Bevölkerung aufrufen und zur Verweigerung, die Deutsche Sprache zu erlernen. Dies ist sicherlich überspitzt formuliert, aber die Empörung, die ich in der Berichterstattung über seine letzte Rede herauslesen konnte, ging in diese Richtung.

Da haben alle Kritiker wohl nicht ganz aufgepasst. Immerhin hatte Erdogans Parteifreund, der türkische Präsident Abdullah Gül bereits im letzten Herbst in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" gesagt, "seine Landsleute in Deutschland sollten Teil der Gesellschaft werden. Sie sollten Deutsch lernen, und zwar fließend und ohne Akzent. Die Integration müsse schon im Kindergarten beginnen, bereits dort müssten türkische Kinder Deutsch lernen." (Zitiert nach dem Artikel "Werbeträger in der Fremde" von Thomas Seibert im Tagesspiegel v. 17.10.2010)

Wie so oft: Viel Aufregung und wenig Sachliches dahinter!!!

Sehr erhellend und vieles wieder in die richtige Augenhöhe bringend finde ich da den Artikel von Eva Baumann-Lerch aus dem Publik-Forum 5/2011 v. 11.3.2011, den ich deshalb hier vorstellen möchte.


Sprache ist Seele

Erst Türkisch oder erst Deutsch? Eine Debatte ohne Sachkenntnis

Politiker sind meist schlechte Erziehungsberater. Denn ihre Ratschläge dienen weniger dem Wohl der Kinder als der eigenen Ideologie und sind von keiner Sachkenntnis getrübt. Diesen Eindruck gewinnt man jedenfalls in der aktuellen Debatte um den Spracherwerb von Migrantenkindern.

In einer Rede in Düsseldorf hatte der türkische Ministerpräsident Recep Erdogan seine Landsleute aufgefordert, mit ihren Kindern Türkisch zu sprechen. Türkische Kinder sollten zuerst die Muttersprache lernen und dann erst Deutsch. Doch das empört konservative Politiker. Hermann Gröhe und Maria Böhmer (CDU) sowie Christian Lindner (FDP) werfen Erdogan vor, die Integration seiner Landsleute zu verhindern: "Wer in Deutschland lebt, muss zuallererst die deutsche Sprache erlernen." Die Integrationsbeauftragte Böhmer erklärt: "Wo zu wenig Deutsch in den Familiren gesprochen wird, beträgt der Bildungsrückstand der Kinder bis zu zwei Jahre." Sprachforscher haben dagegen längst erkannt, dass Kinder zwei Sprachen fehlerlos erlernen können, wenn diese an unterschiedlichen Orten gesprochen werden. Am besten gelingt der bilinguale Spracherwerb, wenn zu Hause konsequent die Muttersprache und draußen die Landessprache gesprochen wird. Die Kinder der Einwanderer müssen dann allerdings viel Kontakt mit Einheimischen haben und so früh wie möglich in den Kindergarten gehen. Wenn Ausländer aber auch zu Hause in der Fremdsprache reden, ist das Resultat oft eine "doppelte Halbsprachigkeit": Die Kinder lernen keine Sprache richtig.

Die Muttersprache vermittelt zudem viel mehr als verbale Information: Koseworte, Rüttelreime, Lieder und Segenssprüche lassen sich nicht übersetzen. Wer Migrantenfamilien die Muttersprache ausredet, der nimmt ihnen die Seele und fördert ihre Entwurzelung. Die Wortführer dieser Debatte sollten sich lieber für eine Politik einsetzen, die kostenlose Kitaplätze anbietet und Ausländerghettos verhindert. Das Deutsche lernen die Kinder dann von ganz allein.
[Hervorhebungen von J.L.]

Montag, 7. März 2011

Vom Messbarkeitswahn in unserer Wettbewerbsgesellschaft

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"Sinnlose Wettbewerbe"

lautet der Titel des Buches von Mathias Binswanger, das im Herder-Vlg., Freiburg i.Br., erschienen ist. Ich wurde darauf aufmerksam durch die darauf bezogene Buchbesprechung "Der produzierte Unsinn. [...] Vom Unfug, Qualität in Quantität zu verwandeln", die Norbert Copray verfasst hat und die im Publik-Forum 56/2010 v. 3.12.2010 erschienen ist.

"Wettbewerb" als Allheilmittel in unserer kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft! Welche Auswirkungen das wirtschaftlich hat, ist ein Hauptanliegen dieses Buches. Aber dieses Prinzip, speziell zu sehen an immer neuen Rankings, beschränkt sich ja nicht mehr nur auf den rein ökonomischen Bereich, unser ganzes Leben ist mittlerweile davon durchtränkt. Staatliche Institutionen, Bildung und Gesundheitswesen werden ebenso derartigen Forderungen unterworfen, offensichtlich mit einer Selbstverständlichkeit, dass sich mir die "Nackenhaare sträuben". Ich hätte diesen Text auch unter meiner Rubrik "Dinosauria" veröffentlichen können, so stark weicht die jetzige Praxis von den Gepflogenheiten meiner Vergangenheit ab. Als ob nur härteste Konkurrenz mit messbaren Rankings Menschen dazu brächte, etwas zu leisten. Aber sich zu bilden, kreativ zu sein, soziale Taten zu vollbringen, sich zu engagieren, das verliert dagegen an Wert, immer weniger ist die Sprache von Kooperation und Solidarität. Das macht mich zornig, ich bin aber vollkommen hilflos gegenüber dieser Tendenz, alles zahlenmäßig zu bewerten und nach Überlegenheit zu streben. Das oberste Treppchen auf der Olympiade bedeutet gleichzeitig, dass es viele Verlierer geben muss. So werden wir eine Gesellschaft von einigen Siegern und vielen Verlierern ...

Um so sympathischer finde ich den Bericht von Norbert Copray, aus dem ich deshalb hier ein längeres Stück zitieren möchte:

Die Illusion der Wettbewerbsverfechter ist laut Binswanger: Effizienz oder gar Exzellenz gebe es nur durch Wettbewerb. Und wo keiner sei, müsse er künstlich geschaffen werden. So wollten Regierungen "durch künstlich inszenierte Wettbewerbe auf Pseudomärkten" Institutionen entbürokratisieren.

Auch in den Unternehmen wurden interne Wettbewerbsmärkte geschaffen, um angeblich Leistungsergebnisse vergleichbar und verrechenbar zu machen. Instrumente dafür sind: Kennziffern, Rankings, Wettbewerbe - bis die künstliche Wettbewerbssituation sich selbst verstärkt und schließlich zum Selbstzweck wird. Dabei spielt der Messbarkeitswahn eine große Rolle. Er soll die Leistungsgesellschaft prägen und Leistungen aller Art vergleichbar machen. Binswanger kommt zu der begründeten Erkenntnis, dass "die Messung von Leistung mithilfe von Kennzahlen perverses Verhalten erzeugt". Qualitative Leistung lässt sich nicht quantitativ messen, mit keiner Methode.

Binswanger zeigt die enormen Schwächen der praktizierten Verfahren auch für Laien auf. Was effizient sein soll, gerät schnell zur Kosmetik angeblich bester Praxis. Was exzellent sein soll, entpuppt sich als Glanz einer gekonnten Verpackung. Anhand der Pseudomärkte Bildung, Wissenschaft und Gesundheitswesen analysiert und kommentiert Binswanger brillant den Unsinn der Produktion von immer mehr Abschlüssen und Studenten, von immer mehr Publikationen und Rankings, von immer mehr Untersuchungen und Medikamentenvergaben.

Das Ruder herumzureißen bedeutet: Qualität, Effizienz und Exzellenz anders zu verstehen. Anstelle von Zahlenkolonnen Verantwortung zu setzen. Wo Märkte keinen Sinn, aber viel Unsinn produzieren, Geldmittel an die Akteure anders zu verteilen. [Hervorhebungen von J.L.]


Montag, 3. Januar 2011

Mein Motto für den Monat Januar 2011, gleichzeitig Jahresmotto 2011

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Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!

lautete der Ruf der Französischen Revolution! 222 Jahre ist dies nun schon her. Vieles hat sich seither auf der Erde geändert, denn viele Menschen haben sich von diesen Aussagen beeinflussen lassen. Auch wenn ich sie für die Ausgeburt der Vernunft halte, wirken sie aber leider nicht aus sich selbst heraus, sondern müssen von den jeweils lebenden Menschen immer wieder mit realem Leben erfüllt und nicht selten erst erkämpft werden!

Wenn wir uns auf der derzeitigen Welt umsehen, sieht es dabei sogar sehr schlecht um die Realisierung dieser Wertvorstellungen aus. Wo nicht überall in der Welt werden fundamentale Menschenrechte mit den Füßen getreten oder sogar brutal von irgendwelchen Diktatoren oder allein selig machenden Regimes unterdrückt!

Dies weist allerdings auf ein Phänomen, das mich schon immer sehr bestürzt hat: Hervorragende Ideale und ethische Vorstellungen, die wunderbare "Spielregeln" für das Zusammenleben der Menschen ergeben könnten, geraten oft in die Fänge von Fundamentalisten, Fanatikern und machtgeilen Potentaten und ihren Organisationen, die sie in ihrem Sinne umfunktionieren und ihrer ursprünglichen Bedeutung entleeren, leider oft sehr wirksam. Robespierre schickte Tausende unter die Guillotine "im Namen der wahren Revolution", Napoleon Bonaparte als folgender Kaiser (und Diktator!) war aber noch wesentlich schlimmer, denn in seinen Feldzügen starben Hunderttausende ...

Es ist leicht, sich über die Vergangenheit zu beklagen. Wie aber sieht es mit uns Lebenden aus? Die Zustände an vielen Ecken der Erde sind erschreckend (vgl. oben), wir in Deutschland hingegen durchleben eine der friedlichsten Epochen unserer Geschichte, denn seit 1945 sind wir von Kriegen, jedenfalls in unserem Lebensraum, verschont geblieben. Aber im sozialen Bereich befinden wir uns in einer rasanten Abwärtsspirale, die durch den immer massiver werdenden Gegensatz von arm und reich gekennzeichnet ist und unsere Bevölkerung spaltet. Wie sieht es da mit der "Brüderlichkeit", auf "Neudeutsch" Solidarität, aus, wenn die solidarischen Sicherungssysteme wie die Rente verkommen? Die "Gleichheit" der Lebenschancen ist ebenfalls zurückgegangen, wenn ich sehe, dass zu meinen Studentenzeiten relativ viel mehr Kinder aus weniger begüterten Schichten das Abitur und ein Studium schafften, während in unseren Tagen die soziale Herkunft wieder ein viel zutreffenderes Kriterium für den Bildungserfolg/Misserfolg eines Menschen geworden ist...

Aber wie schon am Anfang gesagt, keine dieser Wertvorstellungen verwirklicht sich von alleine, die jeweils Lebenden müssen für ihre aktuelle Ausgestaltung sorgen und wahrscheinlich immer wieder kämpfen - bitte ohne Gewalt!

In meinem nächsten blog möchte ich versuchen, eine Brücke zu Hans Küng und seinem "Weltethos" zu schlagen.

Samstag, 11. Dezember 2010

Pardon, Herr Sarrazin, aber Sie sind ein Flegel!

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Die neueste Botschaft über Herrn Sarrazin (t-online.de vom 10.12.2010) besagt, dass er Frau Käßmann in einem taz-Interview verspottet hat. Sie habe wohl beim Lesen seines Buches zu tief ins Glas geschaut und deshalb nicht alles verstanden. Impertinent und frech! Irgendwie eines erwachsenen Mannes nicht würdig, deshalb der "Flegel", eine Beschreibung eher für pubertierende Knaben, die sich auf diese Weise Geltung zu verschaffen suchen. Hat der Sarrazin doch eigentlich gar nicht mehr nötig, bei all den vielen Tantiemen, die ihm sein Buch eingebracht hat...

Aber vielleicht ist er es sich selbst schuldig, denn bei allen Äußerungen bzw. Beleidigungen von ihm aus der letzten Vergangenheit (ich meine nicht unbedingt sein Buch, aber seine kessen Worte aus Interviews) bleibt er offenbar seinen inneren Richtlinien treu: Sie strotzen vor Arroganz gegenüber Schwächeren und zeigen, was ich früher einmal als "schizoide Züge" zu benennen gelernt habe: Er hat offenbar einen messerscharfen Verstand für das, was anderen weh tun könnte, weil es so schön "unter die Gürtellinie" geht, und wendet es auch sehr gerne an, während bei anderen Menschen, von etwas mehr Empathie geprägt, gerade diese Erkenntnisse eher Mitgefühl und die Bereitschaft zum Unterstützen hervorrufen würden. Und daneben verfügt er offensichtlich über eine tüchtige Portion Mittelpunktstreben: Er muss wohl seine Sonderrolle immer mal wieder in Erinnerung rufen, damit die Öffentlichkeit ihn nicht vergisst. Marketing für sein Buch oder schlicht die Tatsache, dass niemand so leicht heraus kann aus seiner Haut?

Ob seine große Fan-Gemeinde auch einen Blick für diese Seite ihres Helden hat? Mögen seine Thesen viel in Bewegung gebracht haben, allein schon durch die Tatsache, dass er es "den da oben" gehörig gezeigt hat und nicht kuscht (grundsätzlich sehe ich das als positive Eigenschaften!), aber als ethisches Vorbild eignet er sich wahrlich nicht.