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Donnerstag, 13. Juni 2019

Papst Franziskus zur Problematik sozialer Medien

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Als "Satz des Tages" fand ich in der MOZ v. 11.6.19 folgendes Zitat:


Papst Franziskus, Oberhaupt der katholischen Kirche, beklagte in seiner Pfingstpredigt eine sich ausbreitende "Kultur der Beleidigung": 

 "Je mehr wir soziale Medien nutzten, desto weniger sozial verhalten wir uns."

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Donnerstag, 7. April 2011

Publik-Forum-Dossier zu FUKUSHIMA

Das schon immer sehr engagierte Publik-Forum hat angesichts der Ereignisse in Fukushima in Gemeinschaftsarbeit mit einer Reihe anderer Gruppierungen, z.b. verschiedene evangelische und katholische Gruppen, aber auch attac und campact und die Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs, ein Dossier zusammengestellt, das über die derzeitige Situation gut informiert und Argumente für einen Atomausstieg bündelt.

Sehr empfehlenswert!!!

Zwar ist diese Schrift auch käuflich zu erwerben (über www.publik-forum.de), es gibt aber auch die kostenlose Möglichkeit, das Dossier als pdf-Datei aus dem Netz zu laden, wenn man sich persönlich beim Publik-Forum registrieren lässt:

Dafür mein Link-Tipp: https://www.publik-forum.de/dossierdownload/?nwlid=11 .

Mittwoch, 12. Mai 2010

Dinos Diakonische Realsatire

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Wahrscheinlich habe ich die Überschrift falsch gewählt und sollte realistischer so formulieren: Du bist wirklich ein Dinosaurier und hast keinen Zugang mehr zur Wirklichkeit, wie sie sich jetzt darstellt. Deine alten Wertvorstellungen und Einstellungen sind eben von Vor - Vorgestern und locken wirklich niemand mehr hinter dem Ofen hervor. Sieh es ein, sei still und begib dich in dein Schicksal. Jetzt sind andere dran, und die machen es eben ganz anders als du …


Anlass für diese sauertöpfischen Reflexionen ist meine Lektüre eines unserer einheimischen Reklameblättchens, des „Spreeboten“ v. 8.5.2010. In sehr ausführlicher Form widmet er sich der Verabschiedung unseres bisherigen Fürstenwalder Bürgermeisters Manfred Reim, der nach 20 Jahren (eine echte Leistung!) in den Ruhestand getreten ist und von Ulrich Hengst abgelöst wurde, der über viele Jahre sein Kämmerer war. (Über die Umstände der Wahl und die beschämend geringe Wahlbeteiligung habe ich mich auf dem blog schon vor einiger Zeit geäußert.)


Eine Reklamezeitung lebt von Werbung, und so sind die mehrseitigen Berichte über die Abschiedsveranstaltungen eingerahmt von Grußadressen ortsansässiger Firmen. In einer derartigen Spalte, unter Fleischereien, einem Optiker, der Kreishandwerkerschaft, Gabelstaplern, Ferienwohnungen, einer Autolackiererei und einem privaten Pflegedienst u. a. findet sich dann eine etwas größere Anzeige, deren Text ich hier vollständig zitieren möchte:



SAMARITERANSTALTEN


Ein frisches, junges Unternehmen: in dem Morgen nicht wie Heute ist – und in dem doch auch vom Gestern gelernt wird: Ein Unternehmen, in dem Arbeit und Engagement zusammenkommen, in dem Menschen auf sehr vielfältige Weise miteinander arbeiten:


Dieses frische, junge Unternehmen bedankt sich herzlich für 20 Jahre aufmerksame Begleitung bei Ihnen, Herr Bürgermeister Reim!


Dieses frische, junge Unternehmen ist gespannt auf engagierte Jahre mit Ihnen, Herr Bürgermeister Hengst!


Die Samariteranstalten. Frisch und jung seit 1892.


www.samariteranstalten.de . Tel. 03361/567-101


dazu das Logo der Samariteranstalten (mit dem winzigen Symbol der Diakonie, das aber nur von einem „Insider“ richtig gedeutet werden dürfte).



Für welche Branche steht nun dieses frische Unternehmen? Was wird in ihm hergestellt? Fotos, Frisuren, gute Laune? Oder anderes an Dienstleistungen? Darüber geben drei kleine Bildchen (nur dem Eingeweihten) Auskunft, recht unscharf, eines mit einem Gruppenfoto junger Leute, eines mit einer älteren Dame, evtl. im Rollstuhl, der eine freundliche jüngere Frau eine Pflanze reicht, das letzte mit einem Jungen und einer Betreuerin, die ihn vor einem Laptop zu irgendeiner Tätigkeit anleitet.


Jedenfalls ein Unternehmen mit Pep und Charme, funktionierender Öffentlichkeitsarbeit und einem neuen Werbetexter, der so alles in den richtigen Schwung bringt, denn am Markt muss man ein gutes Bild abgeben! Nach meinem Weggang als Dinosaurier ist wohl meine freigewordene Stelle mit einem echten Marketing-Experten besetzt worden, der sein Handwerk versteht!


Ganz im Ernst: Das Wort „Diakonie“ oder „diakonisch“ hätte dem Text wohl nicht geschadet. Immerhin haben frühere Generationen eine Menge Herzblut darin investiert. So ist der Text nur glatt und nichtssagend.


Und: Wenn sich diakonische Einrichtungen schon so marktkonform als „Unternehmen“ darstellen (und der Zweck eines Unternehmens war schon immer Effizienz auf wirtschaftlicher Ebene), dann fällt es mir sehr schwer einzusehen, warum Betriebe dieser Art eigentlich arbeitsrechtlich noch immer Sonderwege beanspruchen, durch die sie sich Gewerkschaften und Tarifversträge im üblichen Sinne weitgehend vom Halse halten können, das Streikrecht ihrer Mitarbeiter aushebeln und im Schnitt niedrigere Löhne zahlen als die soziale Landschaft drum herum. Wenn schon, denn schon …


Auf, auf, mit Frische und jungem Mut!

Montag, 12. April 2010

Wohin mit all dem Geld ...

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In meinem blog über die Fernsehnachrichten vom 8.4.2010 habe ich bereits über die Treberhilfe e.V. und ihren ehemaligen Geschäftsführer Harald Ehlers berichtet. Auch davon, welche katastrophale Wirkung diese Affäre auf alle anderen in diesem Sektor tätigen sozialen Träger haben dürfte, denn alle stehen jetzt irgendwie unter Rechtfertigungszwang. Es ist schon kurios, dass sich der Träger, der sich „den Ärmsten der Armen“, nämlich den Obdachlosen, gewidmet hat, möglicherweise am meisten an seiner Klientel bereichern konnte. Selbst bei den Armen ist etwas zu holen … Die extravaganten Dienstwagen (zur Aufbesserung des offenbar angeknacksten Selbstwertgefühls ihrer Nutzer) und gerüchteweise 35.000 € Monatsapanage für den Geschäftsführer sprechen eine eindeutige Sprache.


Hier will ich aber nicht weitermachen. Auf der moralischen Ebene ist eh’ schon alles gesagt, ansonsten ist wohl die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, und politisch hat der Senat viel Ärger wegen der bisher offenbar versagenden Kontrollen. Über alles das wird die Presse sicherlich noch ausführlich berichten.


Ich habe ein ganz anderes Thema: Wie kann man so gierig sein? Was ist das Befriedigende daran, 35.000 € im Monat zu verdienen? Das dürfte unter Managern ja gute Mittelklasse sein, also gibt es sicherlich noch manche andere in unseren Landen, die sich ebenso Gedanken machen müssen, wie sie ihr Geld anschließend wieder ausgeben… Und vor dem Finanzamt und den „ausgehungerten Hartz-IV-Empfängern“ schützen …


Hier versagt meine Einfühlungsgabe. Für mich war Geld zwar immer wichtig „als Mittel zum Zweck“, um mit meiner Familie in einer angemessenen Wohnung leben zu können, uns zu ernähren, vernünftige Kleidung zu kaufen, gelegentlich mal auszugehen, daneben Geld fürs Verreisen und für Geschenke an Freunde und Verwandte übrig zu behalten, bestenfalls auch etwas „für später“ und für die Kinder zurücklegen zu können und – meine größte Leidenschaft – Bücher und CDs zu kaufen. Dann aber Schluss!! Sicherlich ist das schon ein großer Luxus im Vergleich zu denjenigen Mitmenschen, die jeden Cent umdrehen müssen, aber es bewegt sich doch noch „im Limit unserer Gesellschaft“. Sehr, sehr viel, aber auch völlig genug!!


In einem Wagen für 20.000 € kann man doch sehr vernünftig fahren, warum brauche ich dann einen für 100.000 €? Ich habe noch nie für einen Pullover mehr als 50 € ausgegeben, offenbar gibt es aber auch welche für 250 € oder sogar 500 €. Misst eine Armbanduhr für 2.000 € die Zeit präziser als eine für 100 €? Dieser Sektor ist für mich völlig uninteressant und reizlos. Was haben die Leute bloß davon. Aber wahrscheinlich kann ich das Sozialprestige nicht richtig einschätzen und auch nicht das Machtgefühl, über Geld Besitz zu erwerben und Einfluss zu nehmen. Da bin ich wie ein Wesen von einem anderen Stern…


Ich kriege auch keine grüne Nase vor Neid. Höchstens denke ich, politisch sicherlich völlig inkorrekt, was man alles mit diesem schönen Geld anfangen könnte, wenn es für sozialere Zwecke zur Verfügung stünde …

Sonntag, 11. April 2010

Die Flut der Ereignisse am 8. April 2010

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[Ein Beitrag, den ich von meiner Reise mitgebracht habe und erst heute ins Netz stellen kann.]

Heute habe ich ausführlich ferngesehen, nicht nur die Tagesschau, sondern daneben auch das Magazin „Kontraste“ und die Tagesthemen. Es hat schon etwas von Selbstschutz, dass ich sonst eher nur Zeitung lese. Die Fülle der Informationen ist enorm. Die Bilder ziehen vorbei, und ich habe nicht die Chance, noch einmal in Ruhe alles nachzulesen. Dabei geschieht höchst Aufregendes. Ich will hier nur kurz auf drei völlig unterschiedliche Themenbereiche eingehen:

1. In „Kontraste“ wurde noch einmal der Skandal um die Berliner „Treberhilfe“ aufgerollt und die offensichtlich nicht greifenden öffentlichen Kontrollen, die es erst ermöglicht haben, dass sich Geschäftführer und Verein anscheinend maßlos an öffentlichen Hilfsgeldern bereichern konnten. Höchste Alarmstufe für alle gemeinnützigen Projekte und Einrichtungen, die in den Sog dieses Vorgangs geraten könnten! Denn ihr guter Ruf war bisher eines ihrer besten Argumente und Arbeitsmittel. Es steht viel auf dem Spiel! Das ganze Subsidiaritätsprinzip, durch das der Staat bisher die Arbeit in sozialen Brennpunkten an freie Träger weitergegeben hat, kommt durch solche Vorkommnisse in ein schlechtes Licht. „Raffke im Sozialbereich“, das ist eine für mich neue Erscheinung! Zu Harald Ehlers, dem bisherigen Leiter der Treberhilfe, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal einen kurzen blog schreiben.

2. Ebenfalls in „Kontraste“ wurde ein Filmbericht über einen Mann gezeigt, der als Kind in einem „Spezialheim“ der DDR zwangsuntergebracht war und knastähnliche Zustände und Gewalt erleiden musste. Er kämpft um seine Rehabilitation und Wiedergutmachungsleistungen. Nach Vorkommnissen in kirchlichen Heimen in Westdeutschland nach dem Krieg, den unsäglichen Ereignissen um katholische Geistliche mit täglichen Neuigkeiten über sexuelle Übergriffe in Deutschland und aller Welt, den Skandalen an der Odenwaldschule taucht nun ein neues Minenfeld der Vergangenheit auf, das noch nicht geräumt worden ist… Welche weiteren werden noch folgen?

3. Ein völlig anderes Thema, gesendet in den Tagesthemen, wahrscheinlich mit noch viel größerer Brisanz, das aber ebenfalls mit geleugneter Wahrheit zu tun hat, mit großem Leid und viel verdrängter Schuld: Der Völkermord an den Armeniern am Ende des 1. Weltkriegs, der offenbar für die Türkei als Nachfolgestaat des untergegangenen Osmanischen Reiches immer noch „ans Eingemachte“ geht, denn warum können sich die dortigen Regierenden nicht zu einer versöhnlicheren Haltung verstehen? Kein Historiker wird mehr die Zahl der Toten in Frage stellen. Es gab Befehle, die den Ereignissen zugrunde lagen. Was soll das Leugnen? Und das 90 Jahre nach den Ereignissen! Ein schwärende Wunde, die so nicht heilen kann und den Frieden miteinander zwischen den betroffenen Völkerschaften auch in Zukunft immer noch in Frage stellt. Warum? Es übersteigt mein Verstehen. Eines habe ich allerdings nach der heutigen Sendung besser verstanden: Auch die Deutschen waren beteiligt, denn die Oberste Heeresleitung des Kaiserreiches stützte ihren osmanischen Verbündeten bedingungslos, um ihn „bei der Stange zu halten“. Aber nach allen Ereignissen der Zeitgeschichte ist es heutzutage für Deutsche offensichtlich einfacher, auch zu weiterer Schuld (durch unterlassene Hilfeleistung und Kritik) zu stehen, makaber, aber wahr. Immerhin ein Lernprozess. [Dies war ein Beitrag aus den Tagesthemen, verbunden mit dem Hinweis auf eine Fernsehdokumentation vom 9.4., die allerdings erst zu mitternächtlicher Stunde gezeigt werden sollte.]

Mittwoch, 31. März 2010

Mein Motto für den Monat April 2010

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Der Marburger Professor für Sozialethik Franz Segbers erklärt in seinem Artikel "Handeln statt Jammern. Agenda 2020 oder: Wie die Armut in Deutschland bis zum Jahre 2020 halbiert werden könnte. Vorschläge eines Sozialethikers" Armut in unserer Gesellschaft als "Folge politischer Entscheidungen". Ebenso könnten von ihm aufgezeigte politische Schritte zu ihrer Verringerung führen. (In: Publik-Forum 4/2010 v. 26. 2. 2010, S. 14 - 15).

Er schließt seine Ausführungen mit den folgenden prägnanten Sätzen, die ich hiermit zu "meinem Motto des kommenden Monats April" erklären möchte:

Die Bekämpfung von Armut kostet Geld, das vorhanden ist. Deutschland ist ein reiches Land, in dem es keine Armut zu geben bräuchte, wenn der politische Wille da wäre. Die Armut bekämpfen und gleichzeitig die Steuern senken - das verträgt sich allerdings nicht.

Donnerstag, 25. März 2010

Versöhnlichkeit ist doch möglich!

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Es ist still geworden um Erika Steinbach und ihre Versuche, die Stiftung „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ von ihrem Blickwinkel und dem des Bundes der Vertriebenen her zu dominieren. Dafür sind zwischenzeitlich zu viele „Westerwellen“ über dem Publikum zusammengeschlagen, das auf seiner Suche nach immer neuen Aufregungen von der Presse gut versorgt wird. Das heißt aber nicht, dass tatsächlich Frieden in der Arbeit dieses Gremiums eingekehrt sei und es jetzt seinem Zweck gemäß arbeiten könnte. In den letzten Wochen sind nämlich die Historiker Kristina Kaiserová aus Tschechien und zuvor Tomasz Szarotta aus Polen aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung ausgetreten, weil sie in der politisierten Stimmungslage mit ihren Einseitigkeiten nicht mehr mitarbeiten mochten. Der Stiftungszweck ist aber offenkundig verfehlt, wenn nicht Vertreter aller betroffenen Nationen darin mitwirken.

Wie soll so eine tragfähige Arbeit für Frieden und Versöhnung unter den Menschen in Europa zustande kommen? Wie sollen unsere Kinder – in allen Ländern – friedlich miteinander leben können, wenn es nicht gelingt, die Schatten unserer Vergangenheit angemessen zu betrauern und a l l e n, die unsägliches Leid ertragen mussten, ein ehrendes Gedenken zu bewahren?

Es geht aber auch ganz anders!

Neben den „breiten Wegen“ gibt es nämlich Initiativen, die eher in der Stille wirken, sich dafür aber um so mehr um echtes Verständnis zwischen den Menschen und wirkliche Versöhnungsarbeit bemühen und vor allem dabei auch sichtbare Erfolge haben!

So habe ich von einem Projekt der evangelischen Jugendarbeit in meiner Nachbarstadt Frankfurt/O. erfahren, das sich zum Ziel gesetzt hat, dem Schicksal von Zwangsarbeiterinnen aus der Nazi-Zeit nachzugehen, die 1942 nach Frankfurt/O. verschleppt worden waren.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe um Matthias Dörr und Burkhardt Koller erschienen im August 2008 in einer Broschüre unter dem Titel „Briefe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen in Frankfurt (Oder)“. Die Kontakte zu diesen mittlerweile hoch betagten Frauen hatten sie durch Vermittlung der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ in Kiew/Ukraine hergestellt.

Beim Lesen der Briefe war ich überrascht, mit welcher Freundlichkeit die alten Frauen den Frankfurtern geantwortet haben. Ich hätte Verbitterung erwartet, stattdessen zeigten sie viel stärker ihre Freude darüber, noch nicht vergessen zu sein und fühlten sich offensichtlich durch das Interesse an ihrer Person gewürdigt. Diese alten Frauen, vom Schicksal hart geprüft, beweisen so, dass so etwas wie Versöhnlichkeit möglich ist!

Ohne Hass, eher sehr sachlich schildern sie die unmenschlichen Zustände, unter denen sie in Frankfurt/O. arbeiten mussten. Dabei werfen sie „die Deutschen“ nicht in „einen Topf“, was ja nicht verwunderlich wäre nach diesen Erlebnissen, sondern unterscheiden sehr wohl zwischen „Faschisten“, dem unmenschlichen Meister, der offenbar seine sadistischen Züge durch Prügeln auslebte, und anderen Menschen, die es auch noch gab, die nämlich zu helfen versuchten! (Mich erinnert das an Erlebnisse auf Polenreisen in meiner Studentenzeit, als unser Bekannter in Warschau uns die Schandtaten der „Hitlerowski“ anhand der Gedenktafeln überall im Stadtbild zeigte, uns „Nachgeborenen“ aber freundschaftlich zugewandt war. Auch dies habe ich damals schon als Akt der Versöhnlichkeit erlebt!)

So haben diese Frauen drei Jahre lang Sklavenarbeit leisten müssen unter KZ-ähnlichen Bedingungen, geführt als „Nummern“, mit miserablem Essen, ohne Lohn und in ständiger Sorge um ihre Existenz. Diejenigen, die dieses Martyrium lebend überstanden haben, kehrten, oft gesundheitlich dauerhaft geschädigt, in eine Heimat zurück, die sie nicht mit offenen Armen empfing. Denn in der Sowjetunion unter Stalin wurde ihnen mit großer Skepsis begegnet, ob sie nicht mit den Deutschen kollaboriert hätten… Ein mühevolles Leben!

Inzwischen sind die Frankfurter von zwei der betroffenen Frauen in die Ukraine eingeladen worden und haben diese 2009 auf einer einwöchigen Reise besucht.

Matthias Dörr, einer der Initiatoren des Projekts, bewertete die bisherigen Bemühungen in einem Rundbrief zum Jahresende 2009 mit den folgenden Worten:

Ich hatte vor drei Jahren den großen Wunsch, einem Menschen, der als Zwangsarbeiter in meiner Stadt sein musste, die Hand zu reichen. Dies habe ich geschafft. Was bleibt? Ist dies alles nur Geschichte? Ich merke, dass nur über diese Handreichung heute Frieden in der Zukunft möglich sein wird.

Ich selbst möchte diesen kleinen Bericht mit dem Gruß von Antonia M. aus der Briefe -Dokumentation beschließen. Er hat mich sehr beeindruckt, denn sie hat ein so großes Herz!!

Ich danke Ihnen, Matthias, dass sie uns, die ehemaligen Zwangsarbeiter, nicht vergessen haben. Sie möchten der Jugend die Wahrheit erzählen über das Leid, das die Faschisten uns gebracht haben, uns 3 Jahre unserer Jugend gestohlen haben und unsere Gesundheit. Gebe Gott Ihnen Gesundheit und Glück. Möge Frieden sein, niemals mehr sollen unsere und Eure Leute den Krieg erleben müssen.

Mit den besten Wünschen Ihnen A.M.



Hinweise:
Evangelische Jugendarbeit im Kirchenkreis An Oder und Spree, Steingasse 1a, 15230 Frankfurt/O. , Tel. 0335-5563135.

Dienstag, 16. März 2010

Diakonie: Zwei Seiten einer Medaille

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Am 5.3. habe ich einen blog zu Frau Käßmanns Rücktritt verfasst und gleichzeitig etwas darüber geschrieben, dass alle klassischen Institutionen, in vorderster Linie auch die Kirchen, z.Zt. in der Öffentlichkeit mit Anerkennungsproblemen zu kämpfen haben und teilweise in heftigen Krisen stecken.

Da war es für mich eine Wohltat, das neue Diakonie magazin 1/2010 aufzuschlagen und die engagierten Beiträge zu verfolgen. Hauptthema: "Bildung ist das beste Mittel gegen Armut" und wirkt bereits im Kita-Alter. Diesen Grundgedanken verfolgen mehrere Artikel der Zeitung. Diakonie als Hort engagierter Sozialarbeit mit einem kritischen Blick auf die sozialen Zustände in unserem Lande, parteiisch für diejenigen, die sonst keine Fürsprecher haben!

Dazu passt auch das als Leitbild vorgetragene Selbstverständnis der Diakonie:

"Diakonie ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Sie hilft Menschen in Not und in sozial ungerechten Verhältnissen.
" (Diakonie magazin 1/2010, S. 4)

So etwas gefällt mir! Für eine Organisation/Arbeitgeber, die sich solche Prämissen auf die Fahnen geschrieben hat, mag ich mich engagieren und fühle mich an der richtigen Stelle!

Tatsächlich war ich zwanzig Jahre meines Lebens bei kirchlichen Arbeitgebern angestellt, den Großteil davon in der Diakonie. Ich habe den dortigen hohen ethischen Anspruch an mich und alle Kolleginnen und Kollegen gespürt, dem alle nachzukommen versucht haben. Denn für eine so wichtige Aufgabe lohnt der Einsatz! Das war allerdings nur die "eine Seite der Medaille". Denn es gab auch eine andere: Häufiger haben uns unsere "Oberen" nämlich einen "Spagat" zwischen moralischen Ansprüchen und tatsächlich erlebten Arbeitsbedingungen zugemutet.

Denn wie soll ich ohne geistige Verrenkungen parallel zum oberen Zitat die folgende Äußerung/Anweisung aus der Führungsetage der Diakonie verstehen ?

"Diakonie geschieht durch die Mitarbeiter der diakonischen Einrichtungen, nicht aber an den Mitarbeitern."(Dieses Zitat eines "führenden Mitglieds der Diakonie" verwendete mein früherer Chef in einer Ansprache an Mitarbeiter/innen meiner damaligen diakonischen Einrichtung auf einer Mitarbeiterversammlung 2008.)

Nach meinem Verständnis von Christentum ist Diakonie in der Formulierung des ersten Zitats "gelebte Nächstenliebe", die sich auf meinen Nächsten bezieht, der in Not geraten und bedürftig ist. Stopp, da war ich wohl zu blauäugig, denn es gibt offenbar eine Ausnahme! Er darf nämlich nicht Mitarbeiter der Diakonie sein! Für alle Kollegen/innen aus der Diakonie gilt diese Aussage gemäß der zweiten Anweisung nicht! Wahrscheinlich müssen die sich im Notfall (und nur um den handelt es sich schließlich) selbst helfen, ihr Arbeitgeber schließt seine Zuständigkeit aus.

Für mich schimmert da so etwas wie "doppelte Moral" durch: Nach außen wird ein hoher Anspruch verkündet, nämlich der Auftrag zur Unterstützung von Behinderten, Armen und Kranken und zur Verteidigung ihrer gesellschaftlichen Rechte, während die eigenen Arbeitnehmer oft nach einer "anderen Elle" gemessen werden.

Das kann dazu führen, dass eine Einrichtung nach außen hin fürs Publikum sozusagen als barmherziger Samariter "ein guter Sozialarbeiter" ist, gegenüber den eigenen Bediensteten aber als knallharter Unternehmer agiert, der nach spätkapitalistischen Grundsätzen handelt und ausschließlich betriebswirtschaftlich orientiert in Konkurrenz zu anderen "Sozialanbietern" am "Sozialmarkt" um seine "Marktanteile" ringt.

Denn auch diakonische Einrichtungen beteiligen sich am "Oursourcing", wenn es sich rechnet; bedienen sich im hohen Maße der Möglichkeit von Zeitverträgen und der dadurch bequemeren "Entsorgungsmöglichkeit" überzähliger Mitarbeiter, ohne die Unannehmlichkeiten von Kündigungen auf sich nehmen zu müssen, und haben auch Mitarbeiter in ihren Reihen, die Hartz-IV-Aufstockung beantragen mussten, weil ihr Verdienst wegen Teilzeit-Verträgen oder ihrer Niedriglohngruppe nicht ausreicht. Schlagzeilen machten einige Einrichtungen, die eigene Zeitarbeitsfirmen mit schlechteren Tarifen gegründet hatten. Anderswo nennt man derartiges "Ausbeutung". Diese Einrichtungen wurden zwar "zurückgepfiffen", wenn sie nicht ihre Mitgliedschaft in der Diakonie verwirken wollten. Aber es gibt immer wieder Versuche. Wie die Leute auf den leitenden Posten dies wohl mit ihrem "diakonischen Gewissen" vereinbaren konnten? Und mit der im Tarifgefüge der Diakonie vereinbarten "Dienstgemeinschaft" all derer, die sich in der jeweiligen Einrichtung "zum Dienst am Nächsten" zusammengefunden haben?? Wie gesagt, derartige Erscheinungen erfordern schon einen gewissen geistigen Spagat...

Weiterhin ist nicht jede Einrichtungsleitung dazu bereit, mit ihrer Mitarbeitervertretung eine Regelung zu vereinbaren, die Mitarbeitern in besonders schwierigen Lebenssituationen (psychische Krankheiten und Abhängigkeitsprobleme) betriebliche Unterstützung gewährt. Da sind große Industrieunternehmen oftmals besser...

Und doch beeindruckt mich immer wieder, mit welchem hohen Engagement und guten Ideen Menschen in der Diakonie (und sicherlich ebenso in der Caritas und anderen sozialen Trägern) arbeiten, offensichtlich "nicht nur ihr Geld verdienen", sondern auch ihr "Herzblut" investieren!

Freitag, 5. März 2010

Frau Käßmanns Rücktritt

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Jetzt bin ich fast 63 Jahre alt geworden und habe mich längst von den „weißen Riesen“ und „bösen Teufeln“ meiner Kindheit verabschiedet. Das war ein sehr, sehr langer und schmerzlicher Entwicklungsprozess, in dem ich lernen musste, dass Vorbilder Vorbilder bleiben können, auch wenn sie Fehler haben, und dass auch ich mich noch akzeptieren kann, auch wenn mir vieles viel weniger perfekt gerät, als ich es mir vorgenommen hatte. Das ist nach einer depressiv getönten Kindheit mit hohen moralischen Ansprüchen gar nicht so einfach…


So kann ich Personen öffentlichen Zuschnitts und Institutionen mittlerweile zugestehen, dass auch sie Fehler machen, sich irren können, „die Weisheit nicht immer mit Löffeln gegessen haben“ müssen, ohne dass ich sie gleich total abwerten muss. Das fand früher in meiner kindlichen Weltsicht mit der praktischen Trennung zwischen Engeln und Teufeln nämlich noch schnell statt und verwirrte mich total, wenn es statt weiß oder schwarz nur graue Zwischentöne gab. Heute weiß ich, dass dies der Normalzustand ist und wahrscheinlich sogar nur dieses Grau existiert, wenn auch in den verschiedenartigsten Schattierungen. Also: Ich werfe es niemandem mehr vor, „grau“ zu sein, vorausgesetzt aber, dass er noch bereit ist, Fehler einzugestehen und dazu zu lernen und nicht dogmatisch auf dem Rechthaben zu beharren.


Vor diesem Hintergrund ist der Rücktritt eine ehrenwerte Entscheidung von Frau Käßmann. Wer weiß, was ihr alles zugesetzt haben mag; das Leben in einer derartigen Spitzenposition in der Öffentlichkeit kostet wahrscheinlich einen hohen Preis und kann Menschen verschleißen. Aber traurig finde ich es doch! Denn sie war angetreten mit einem hohen ethischen Anspruch und belebte die öffentliche Diskussion durch neue Farben… Wer wird ihr folgen? Gibt es jemand, der ebenso Charisma und gute Ideen hat?


Traurig ist es zusätzlich, weil ohnehin im Augenblick die verschiedensten Institutionen unserer Gesellschaft mit Anerkennungsproblemen und z. T. selbst inszenierten Dramen zu kämpfen haben, hier eine kleine Auswahl für die demolierte Moral auf verschiedenen Ebenen:

- Die katholische Kirche wird erschüttert durch die bekannt gewordenen Missbrauchsfälle durch Priester.

- Etwas älter, aber immer noch nicht bereinigt: Der Protest früherer Heimkinder, die nach dem Krieg viel Unrecht erleiden mussten. (Das trifft hauptsächlich wiederum kirchliche Einrichtungen.)

- Dass es in der Politik weniger ehrenvoll zugeht, verwundert niemand, aber es vermehrt die Politikverdrossenheit der Bürger. Ich sehe hier einerseits die Tiraden von Herrn Westerwelle, daneben aber auch die Unglaubwürdigkeit von Ministerpräsidenten, die sich von Sponsoren für Gespräche bezahlen ließen.

- Dass in der Wirtschaft belogen und "besch." wird, erstaunt wohl niemand mehr. Das Problem ist wahrscheinlich eher, dass es alle auch mittlerweile schon erwarten und niemand sich mehr aufregt, wenn die gerade mit Hilfe der Allgemeinheit geretteten Banken bereits wieder zocken. Irgendjemand brachte vor kurzem den Hinweis auf die „Bananenrepublik“, in die sich unser Land allmählich zu verwandeln scheint.

- Und Hinz und Kunz "besch." ebenfalls den Staat. Das geht bei Schwarzarbeit los, obwohl es sich im Einzelfall dann doch wohl noch immer um überschaubare Beträge handeln dürfte, und endet in Nummernkonten der Betuchteren mit Schwarzgeld in der Schweiz oder anderen Oasen. Wer zurzeit über die Zustände in Griechenland die Nase rümpft, kann auch bei uns eine Geruchsprobe machen.


Was soll das Ganze? Ich will nicht die ganze Gesellschaft mies machen, wie es Herr Westerwelle mit seinem Dekadenz-Vorwurf gemacht hat. Es gibt nämlich in den verschiedensten Institutionen engagierte und hervorragende Leute mit bester moralischer Integrität. Aber ich denke, sie haben es eher schwer in unserer Zeit, in der man in die Schlagzeilen leichter über „halbseidene Eigenschaften“ gerät. Besonders schwer aber dürften es die jungen Leute haben, die den Verzicht auf die „weißen Riesen“ noch nicht vollziehen konnten und bei allem „Grau“ in der Realität enttäuscht einen Bogen um Politik und Institutionen machen und im Privaten bleiben.

Montag, 30. November 2009

www.steuer-gegen-armut.org

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Eine breite Gruppierung, ausgehend von kirchlichen Gruppen über Attac bis hin zu den Gewerkschaften, ruft gemeinsam dazu auf, auf der oben genannten Website eine Petition mit zu unterzeichnen, die dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages vorgelegt werden soll.


Kommen bis zum 3.12. mindestens 50.000 Unterschriften zusammen, so muss sich der Bundestag in einer Anhörung damit befassen, wie es um die Einführung einer Börsen-Finanztransaktionssteuer steht. Unter dem Namen „Tobin-Steuer“ ist dies eine der Gründungsforderungen von Attac, aber alle anderen haben sie sich jetzt auch zu eigen gemacht.


Mit einem geringfügigen Steuersatz von z.B. 0,01 Prozent würde dann jeder Börsenumsatz besteuert. Das könnte die rasanten Börsentransaktionen etwas abbremsen, sozusagen als Krisenvorsorge für die Zukunft, gleichzeitig würden die Verursacher der Krise mehr als bisher an den Kosten beteiligt und außerdem stünde so plötzlich Kapital zur Verfügung, z.B. zur Bekämpfung der Armut auf der ganzen Welt, ein Anliegen besonders der kirchlichen Unterzeichner dieses Aufrufs! Es ist die Sprache davon, dass eine solche Steuer in Deutschland allein bereits 10 Milliarden € jährlich erbringen könnte.


Angela Merkel war zeitweilig, zu Hoch-Zeiten der Krise, durchaus angetan von solchen Vorschlägen. Beim Koalitionsvertrag dürften die Marktradikalen besonders aus der FDP aber wieder so gebremst haben, dass nichts mehr von dieser Steuer drinsteht.


Umso mehr ein Grund, sich an dieser Petition zu beteiligen! Es ist eilig! Letzter Termin ist der 3.12., also der kommende Donnerstag!

Freitag, 18. September 2009

Das Salz in der Suppe

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Als „Fast-Rentner“ sehe ich manche Vorgänge nur noch von weitem. So auch die Zeitung meiner bisherigen Einrichtung, die „Unterwegs“, für die ich in früheren Jahren viele Beiträge geschrieben habe, insbesondere für die MAV.


Ich würde mich schon als „kritischen Geist“ sehen; wer meinen blog gelegentlich liest, wird mir beipflichten. Vielleicht übertreibe ich es auch manchmal: wo bleibt da das Positive? Aber wenn nicht auch jemand die Rolle einnimmt, Kritisches zu äußern, Fragen zu stellen und Zustände auch „in Frage“ zu stellen, wird es schnell langweilig, da fehlt „das Salz in der Suppe“! Es ist auch nicht glaubwürdig, dass alle nur Schönes erleben und „eigentlich“ Harmonie herrscht, wie es in derartigen Publikationen gern ausgedrückt wird, schließlich sollen sie ja auch Außenwirkung haben und eine derartige Einrichtung in der Öffentlichkeit präsentieren.


Ich denke, dass ich früher in dieser Zeitung das Salz ausgestreut habe. Das ist nun vorüber. Zu meiner großen Freude habe ich in der neuesten Ausgabe 3/2009 aber gelesen, dass in Mitten aller „freundlichen Themen“ doch ein mutiger Mitarbeiter das Thema „Betriebsklima“ aufgegriffen hat, darüber schreibt und alle Kolleginnen und Kollegen zu größerer Offenheit auffordert. Das finde ich sehr gut, und ich wünsche ihm Erfolg und vor allem Resonanz auf diesen Vorstoß!


[Da diese Äußerung wahrscheinlich nur für „Eingeweihte“ aus meinem bisherigen beruflichen Umfeld interessant sein dürfte, enthalte ich mich genauerer Zitate und Namen. Wer etwas über meine frühere Einrichtung und über die „Unterwegs“ wissen will, findet Genaueres unter www.samariteranstalten.de .]

Samstag, 25. Juli 2009

Auch Mitarbeiter diakonischer Einrichtungen fordern mehr Lohn

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Bericht von einer Demonstration, die von der AGMV (Arbeitsgemeinschaft der Mitarbeitervertretungen) diakonischer Einrichtungen in Berlin-Brandenburg-Oberlausitz mit Unterstützung der Gewerkschaft Ver.di am 18.5.09 veranstaltet wurde


Ein alter Hut? Immerhin ist seit diesem Ereignis schon einige Zeit vergangen. Ich habe damals an dieser Demo teilgenommen und meiner alten MAV (Mitarbeitervertretung) versprochen, über dieses Ereignis noch einmal einen Bericht zu verfassen. Es haperte dann bei mir an der Technik mit der Übermittlung von Fotos, da brauche ich als „Dinosaurier“ noch Nachhilfe. Heute habe ich aber wenigstens mein Manuskript fertiggestellt, das ich zeitgleich an meine ehemalige MAV schicke.





Nach der Demo v. 18.5.09 ist vor der nächsten …

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Auch wenn jetzt schon etwas Zeit seit dieser Demonstration vergangen ist, möchte ich dennoch einen kurzen Bericht darüber verfassen und einige Fotos von damals anfügen. Denn so, wie sich uns die Situation darbietet, wird dies noch lange nicht die letzte erforderliche Demonstration sein, um den Anliegen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem diakonischen Bereich BBO [Berlin – Brandenburg – Oberlausitz] Nachdruck zu verleihen und Verbesserungen zu erzielen!


Konkretes Anliegen war es am 18.5., der Dienstgeberseite im AK (arbeitsrechtliche Kommission) die Zusage zu einer Einmalzahlung abzuringen. Überfällig wären natürlich auch prozentuale Lohnerhöhungen, denn unser Diakonie-Distrikt hinkt allen anderen im Lande weit hinterher… Immerhin hat es aber mittlerweile mit der Einmalzahlung über eine Zwangsschlichtung geklappt; das zeigt aber auch, dass die Verhandlungssituation zwischen Dienstnehmer- und Dienstgeberseite bis zum Zerreißen gespannt ist und wahrscheinlich auch bleiben wird.


Die Diakonie darf bekanntlich nach eigenen Spielregeln leben. Die in anderen Bereichen des Arbeitslebens üblichen Tarifverträge mit Gewerkschaften gibt es nicht (der sog. „zweite Weg“), stattdessen sollen in paritätisch besetzten Arbeitsrechtlichen Kommissionen Dienstgeber und Dienstnehmer sich über tarifliche Fragen einigen, zunehmend mit Sand im Getriebe und äußerst frustrierend für die Dienstnehmerseite (der sog. „dritte Weg“). Immer wieder versuchen Einrichtungen, diese ohnehin eher „lasche“ Möglichkeit der Mitbestimmung auszuhebeln und „nach Gutsherrenart“ auf dem „ersten Weg“ mit autoritären einseitigen Festlegungen Tarifliches zu regeln. Dies abzuwehren, bedeutet für die Dienstnehmerseite in den Kommissionen einen ständigen aufreibenden Kampf.


So wurde auf der Demo zur Warnung der „dritte Weg“ symbolisch zu Grabe getragen. Ob er in der Realität noch eine Zukunft hat? Seit 2002 hat es in Berlin – Brandenburg – Oberlausitz keine nennenswerte Tariferhöhung mehr gegeben. Redner auf der Versammlung schätzten den Verlust an Realeinkommen auf 10% … Es soll mittlerweile nicht selten sein, dass Diakonie-Mitarbeiter eine Hartz-IV-Aufstockung beantragen müssen. Besonders dramatisch ist die Situation in den völlig unterfinanzierten Diakoniestationen.


Die Zukunft diakonischer Mitarbeiter - immerhin über 50.000 in unserem Bereich!! – dürfte eindeutig nur darin liegen, sich stärker den Gewerkschaften gegenüber zu öffnen und sich z.B. bei Ver.di zu organisieren. Ohne deren organisatorische Hilfe hätte auch diese Demo ziemlich schwach ausgesehen.


Zwar erschien bei der Abschlusskundgebung vor dem Gebäude des Diakonischen Werks in der Paulsenstr. in Berlin-Steglitz sogar der Dienstgebervertreter Herr Rosenberg (eine Aufwertung der Demonstration, denn bei früheren, an denen ich teilgenommen hatte, hatte sich kein Vertreter der Arbeitgeberseite dazu „bequemt“, mit den protestierenden Dienstnehmern zu reden), aber Perspektiven ergaben sich daraus auch nicht, eher ein „Austausch“ der üblichen Pro- und Contra-Argumente.


Abschließend haben wir alle das folgende Lied gesungen, das auf den AGMV-Demos schon Tradition hat. Es folgt in der Melodie dem bekannten „Danke für diesen Morgen…“:


Danke


Danke für unsre Arbeitsplätze

Danke für die Geborgenheit

Danke für all das Wertgeschätzte

und die Leiharbeit

Danke für unsre Lohnerhöhung

Danke, das ist fünf Jahre her

Danke, doch seit die Preise klettern

reicht uns das nicht mehr

Bitte, dass genug Knete da wär

Bitte für unsre Arbeitskraft

Bitte – wir hoffen, Euch ist klar wer

Euch das Geld ranschafft

Bitte, wir ham auf Lohn verzichtet

Bitte, das hamwer gern getan.

Bitte – Ihr konntet jahrelang

auf unsern Knochen sparn

Schluss jetzt – es geht um unser Essen,

Schluss jetzt mit der Bescheidenheit

Schluss jetzt – wir wollen angemessnen

Lohn für die Arbeit.


Da ich mittlerweile „auf dem Altenteil“ sitze, bekomme ich die tariflichen Auseinandersetzungen in der Diakonie nur noch mit zeitlichem Abstand mit. Ich wünsche allen Kolleginnen und Kollegen Durchhaltekraft für weitere Aktionen! Lassen Sie Sich nicht unterkriegen! Organisieren Sie Sich gewerkschaftlich! (Der nicht vermeidbare Beitrag schließt immerhin eine Rechtschutzversicherung für alle arbeitsrechtlichen Probleme mit ein, sehr beruhigend in diesen Zeiten!)


Vergessen Sie nie: Sie tun eine sehr wertvolle Arbeit, aber schenken tut Ihnen dafür niemand etwas, wenn Sie nicht selbstbewusst selbst einen angemessenen Teil am „großen Kuchen“ fordern! Arbeitgeber und Politiker werden Sie immer wieder darauf hinweisen, dass dieser „Kuchen“ leider nicht wachsen kann oder sogar schrumpfen muss, da er von der Gesellschaft nicht länger im bisherigen Maße finanzierbar ist. Das ist eine Lüge!!! Es gibt z.B. von Ver.di hervorragende Konzeptionen, wie sich in unserem Land der Staat – d.h. wir !! – deutlich verbesserte Einnahmen verschaffen kann, die für verbesserte soziale Leistungen zur Verfügung stehen würden. Im September ist Bundestagswahl! Die Parteien unterscheiden sich deutlich erkennbar bei solchen Fragestellungen!!!


Mit freundlichen Grüßen Jürgen Lüder


(Dieser Artikel wurde, allerdings mit anderen Fotos, veröffentlicht in "MAV-Aktuell der Samariteranstalten Fürstenwalde, Ausgabe 2/09, Oktober 2009")

Dienstag, 21. Juli 2009

Reminiszenzen: Diakonie im Wichernjahr 2008

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Den folgenden Text habe ich vor etwa einem Jahr für die Seite der MAV (Mitarbeitervertretung) in der Zeitschrift meiner diakonischen Einrichtung in Fürstenwalde geschrieben. Sie erschien dort in „Unterwegs“ 2/2008, S. 20 – 21.


Wie das mit „Reminiszenzen“ halt so ist, sind diese Zeilen nicht mehr druckfrisch, m.E. aber in ihren Kernaussagen immer noch durchaus aktuell.


Ich veröffentliche hier meine ursprüngliche Manuskript-Version. Die Redaktion hat seinerzeit meine vorgeschlagenen Zwischenüberschriften abgewandelt. Diese Version füge ich abschließend noch hinzu.



Und sie predigen Wasser und trinken Wein.

Diakonie im Wichernjahr


JÜRGEN LÜDER


Als Wichern seine bahnbrechende Arbeit mit sozialen Randgruppen der Gesellschaft begann, war seine Absicht, Mildtätigkeit aus christlichen Motiven heraus zu üben. Er arbeitete zunächst mit Laienhelfern, gründete Diakonen-Ausbildungen und Diakonissen-Häuser, evangelische Orden, in denen Frauen aus christlicher Überzeugung heraus ihr Leben diakonischer Arbeit widmeten und für einen „Gotteslohn“ arbeiteten.


Später dann setzte eine Professionalisierung in der Behindertenarbeit und allen anderen Bereichen sozialer Arbeit ein. Es entstanden verschiedenen Berufsgruppen mit zugehörigen „Standards“ in den jeweiligen Ausbildungen, die staatlich abgesichert wurden. Diese neuen Mitarbeiter betrachteten ihre Arbeit auch als „Broterwerb“, um ihre Familien finanzieren zu können.


Auch heute noch gibt es Auswirkungen aus der „Pionierzeit“

diakonischer Einrichtungen auf die Arbeitsbedingungen von Mitarbeiter/innen


Vieles aus der Anfangszeit diakonischer Arbeit lebt weiter im heutigen Denken und Gestalten der jetzigen diakonischen Einrichtungen. Geblieben ist insbesondere der hohe ethische Anspruch, nicht nur „gute“ Arbeit zu leisten, sondern auf religiöser Ebene „Nächstenliebe“ zu praktizieren. Als erstrebenswert gilt das Bild des „barmherzigen Samariters“, der mit Freude und ohne Hintergedanken eine hohe eigene Belastung auf sich nimmt zu einem „Gotteslohn“ als Hauptbelohnung, nicht nur aufgrund von wirtschaftlichen Überlegungen. Dies dürfte ein Nachklang des Einsatzes der Diakonissen sein, für deren Lebensführung die „Ökonomie“ nachrangig war.


Aber: In welchem anderen Wirtschafts- und Sozialbereich sind Mitarbeiter so fügsam, angepasst und bescheiden, beschweren sich selten und sind ohne viel Murren lange bereit, auch ohne Gehaltserhöhung trotz steigender Preise ihre Dienste weiter zu machen? Wo stößt gewerkschaftliche Arbeit, die sich für verbesserte Arbeitsbedingungen einsetzt, auf so geringen Widerhall wie gerade in diakonischen Einrichtungen?


Hinzu kommt, dass kirchliche und diakonische Arbeitgeber eine besondere staatliche Unterstützung genießen, die ihnen Sonderrechte gegenüber ihren Mitarbeitern einräumt und als „Tendenzbetriebe“ die betriebliche Mitbestimmung erheblich einschränkt. So gibt es lediglich Mitarbeitervertretungen im kirchlichen Bereich, aber keine Betriebsräte oder Personalräte.


Im MVG („Mitarbeitervertretungsgesetz“) der Kirche wird geregelt, wie Leitungen von kirchlichen Einrichtungen mit ihren Mitarbeitern in „Dienstgemeinschaften“ zusammenwirken sollen und ihr eigenes Arbeitsrecht in paritätisch besetzten AKs („arbeitsrechtlichen Kommissionen“) gestalten. Allen bekannt sind die AVR („arbeitsvertraglichen Richtlinien“) als verbindliches Tarifwerk diakonischer Einrichtungen.


Es kriselt jedoch. Zunehmend wollen Leitungen von Einrichtungen „Fahnenflucht“ begehen, um autoritär und einseitig eigenes Arbeitsrecht zu schaffen (z.B. Haustarife, Outsourcing von Betriebsteilen, Gründung von Leiharbeitsfirmen u.a.) Alles ist im heutigen Umfeld der Diakonie zu beobachten.


Ein Prüfstein für heutige diakonische Einrichtungen ist, ob die hohen moralischen Ansprüche für die Ausübung diakonischer Arbeit auch in der „Dienstgemeinschaft“ gegenüber den eigenen Mitarbeiter/innen gelebt werden.


So erhebt sich die Frage, ob in der gegenwärtigen Zeit der hohe moralische Anspruch diakonischer Arbeit noch eingelöst wird. Denn: soll er zu keiner doppelten Moral führen, muss er sowohl gegenüber den betreuten Menschen als auch in der Behandlung der eigenen Mitarbeiterschaft erkennbar sein.


Dort sind aber deutlich Probleme zu erkennen. Bischof Huber und die theologische Leiterin unseres Diakonischen Werkes BBO, Frau Kahl-Passoth, setzen sich vorbildhaft für Menschen in Armut in unserer Gesellschaft ein, klären mit dem Gewicht ihrer Rolle/ihres Namens über deren Lebensbedingungen auf , starten Initiativen und fordern auch staatliche Verbesserungen. Ein aktuelles Thema, wenn man an den kürzlich veröffentlichten „Armutsbericht“ der Bundesregierung denkt.


Auf der anderen Seite hat aber vor wenigen Wochen das Magazin „Panorama“ im Fernsehen berichtet, dass es Mitarbeiter in diakonischen Einrichtungen gibt, die so wenig verdienen, dass sie im Amt für Grundsicherung eine Hartz-IV-Aufstockung beantragen mussten.


Das sind aber nicht nur „exotische Fälle“ irgendwo in deutschen Landen, auch in unserem direkten Umfeld gibt es Bedenkliches zu berichten. Auch in Brandenburg gibt es Einrichtungen, die Hilfskräfte mit 20 Wochenstunden einstellen. Wer kann davon leben oder eine Familie gründen? Und es gibt Neugründungen von Trägern, die möglicherweise dem Diakonischen Werk (und seiner AVR) nicht mehr beitreten wollen. So scheint es jedenfalls bei der neuen „Aufwind gGmbH“ zu sein.[Anmerkung J.L. v. 21. 7. 09: Diese Firma ist mittlerweile doch dem Diakonischen Werk beigetreten.]


Veränderte Zwischenüberschriften in der Druckfassung:


Hauptamtliches diakonisches Engagement kann heutzutage nicht nur mit „Gotteslohn“ abgegolten werden, neben der „Nächstenliebe“ ist der „Broterwerb“ wichtige Motivation für die Arbeit


Auch in Brandenburg gibt es Einrichtungen, die Hilfskräfte mit 20 Wochenstunden einstellen. Wer kann davon leben oder eine Familie gründen?

Dienstag, 13. Januar 2009

Weihnachts-Nachlese

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Ich habe noch einmal über meine „Verrenkungen“ in mehreren blog-Einträgen vor Weihnachten nachgedacht, über die Schwierigkeiten, den Sinn dieses Festes zu ergründen, sich nicht von Kommerz und Konventionen zu sehr erdrücken zu lassen und eine eigene Form des Feierns zu finden. Gerade das eher Stille dieser Tage scheint viele Menschen so anzustrengen, dass sie in „unchristlicher Ausgelassenheit“ Sylvester alle angestauten Anspannungen beim Feuerwerk – je lauter, desto besser – abreagieren müssen. So kommt es mir jedenfalls vor. „Einmal so richtig die Sau rauslassen“: ein solches Getöse geht ohne Sanktionen nur am Jahresende. Damit habe ich mich wahrscheinlich als „Sylvester-Feind“ geoutet!? Doch das stimmt nur teilweise, weil ich sehr gern bei prächtigen Feuerwerken zusehe, jedoch in mir die Wut aufsteigt, wenn bereits am Nachmittag des 30.12. Jugendliche neben mir wahrscheinlich polnische (und damit besonders laute) Kanonenschläge zünden, wenn ich mit meinem kleinen Sohn Paul Jakob vorbeigehe.

Jetzt bin ich von meinem ursprünglichen Thema ein großes Stück weggekommen, obwohl meine Beobachtungen sicherlich mit der Seelenlage vieler Menschen etwas zu tun haben. Sagen wollte ich nur, dass es ein gläubiger Christ mit Weihnachten wahrscheinlich viel leichter hat. Für ihn steht die Krippe und die Geburt Christi im Mittelpunkt aller Überlegungen, die immer wieder wiederkehrende Verheißung eines Neubeginns, der Friedensbotschaft der Engel und die Fortsetzung menschlichen Lebens auf dieser Erde, denn wofür könnte sonst die Geburt eines Kindes stehen? Dazu kommt natürlich noch die Heilserwartung der christlichen Religion, für die Ostern das viel wichtigere Fest darstellt. In einem nichtchristlichen Verständnis könnte diese Botschaft aber auch lauten, dass uns nicht das Heil von außen geschenkt wird, sondern dass wir aufgerufen sind, diesen Fortbestand des Lebens zu feiern, ihn als höchstes Gut der Menschheit zu begreifen und alle unsere Kräfte in seine Dienste zu stellen, Frieden zu schaffen, das Leben zu schützen und seine Zukunft zu sichern.

Montag, 22. Dezember 2008

Weihnachtsgeschichten vorlesen II

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In meinem letzten blog habe ich von Weihnachtsgeschichten berichtet und von der Schwierigkeit heutiger Autoren, herauszufinden, was denn wirklich Inhalt und Sinn von Weihnachten ist. Diese Frage stellt sich nicht, wenn man den ursprünglichen Bibel-Text liest, fundamental und sprachlich einmalig. Ich habe ihn im Laufe der Jahre so oft gehört, dass er regelrecht zu einem „Ohrwurm“ für mich geworden ist. Weihnachten ohne das Lukas-Evangelium – irgendwie geht das nicht, es ist wie ein Geburtstag ohne Geburtstagskind.

Übrigens ist dies ein Text, der sich im richtigen Kontext hervorragend vorlesen lässt!

Lukas-Evangelium, Kap. 2

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.

Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war.

Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,
damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.
Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;

Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat.

Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kind gesagt war.

Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten.
Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

(Lutherbibel Sonderausgabe, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 1991)



Ich habe beim vorhergehenden blog von meiner Vorliebe für „schräge“ Weihnachtsgeschichten berichtet. Das stimmt nicht in allen Fällen! Es gibt ausnahmsweise auch sehr fromme Geschichten, die ich mag und vorlese, wenn sich eine (eher seltene) Gelegenheit dafür bietet. Unnachahmlich finde ich z.B. die Bilder, die Selma Lagerlöf in ihrer Geschichte „Die Heilige Nacht“ für die Atmosphäre der Geburtsnacht Christi findet, wenn die Hunde nicht beißen, der Speer nicht tötet und das Feuer nicht brennt, weil die Nacht der Barmherzigkeit angebrochen ist. Das finde ich so starke Bilder, dass ich auch den eher etwas sentimentalen Schluss des Märchens lesen mag.


Auszüge aus: Die Heilige Nacht

Es war an einem Weihnachtstag, alle waren zur Kirche gefahren, außer Großmutter und mir. Ich glaube, wir beide waren im ganzen Hause allein. Wir hatten nicht mitfahren können, weil die eine zu jung und die andere zu alt war. Und alle beide waren wir betrübt, dass wir nicht zum Mettegesang fahren und die Weihnachtslichter sehen konnten.

Aber wie wir so in unserer Einsamkeit saßen, fing Großmutter zu erzählen an.

„Es war einmal ein Mann“, sagte sie, „der in die dunkle Nacht hinausging, um sich Feuer zu leihen. Er ging von Haus zu Haus und klopfte an. „Ihr lieben Leute, helft mir!“ sagte er. „Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer anzünden, um es und den Kleinen zu erwärmen .“

Aber es war tiefe Nacht, so dass alle Menschen schliefen, und niemand antwortete ihm.

Der Mann ging und ging. Endlich erblickte er in weiter Ferne einen Feuerschein. Da wanderte er dieser Richtung zu und sah, dass das Feuer im Freien brannte. Eine Menge weißer Schafe lag rings um das Feuer und schlief, und ein alter Hirt wachte über der Herde. Als der Mann, der Feuer leihen wollte, zu den Schafen kam, sah er, dass drei große Hunde zu Füßen des Hirten ruhten und schliefen. Sie erwachten alle drei bei seinem Kommen und sperrten ihre weiten Rachen auf, als ob sie bellen wollten, aber man vernahm keinen Laut. Der Mann sah, dass sich die Haare auf ihrem Rücken sträubten, er sah, wie ihre scharfen Zähne funkelnd weiß im Feuerschein leuchteten, und wie sie auf ihn losstürzten. Er fühlte, dass einer nach seiner Hand und dass einer sich an seine Kehle hängte. Aber die Kinnladen und die Zähne, mit denen die Hunde beißen wollten, gehorchten ihnen nicht, und der Mann litt nicht den kleinsten Schaden.

Nun wollte der Mann weitergehen , um das zu finden, was er brauchte. Aber die Schafe lagen so dicht nebeneinander, Rücken an Rücken, dass er nicht vorwärts kommen konnte. Da stieg der Mann auf die Rücken der Tiere und wanderte über sie hin dem Feuer zu. Und keins von den Tieren wachte auf oder regte sich.“

Soweit hatte Großmutter ungestört erzählen können, aber nun konnte ich es nicht lassen, sie zu unterbrechen. „Warum regten sie sich nicht, Großmutter?“ fragte ich.

„Das wirst du nach einem Weilchen schon erfahren“, sagte Großmutter und fuhr mit ihrer Geschichte fort. „Als der Mann fast beim Feuer angelangt war, sah der Hirt auf. Es war ein alter, mürrischer Mann, der unwirsch und hart gegen alle Menschen war. Und als er einen Fremden kommen sah, griff er nach seinem langen, spitzigen Stabe, den er in der Hand zu halten pflegte, wenn er seine Herde hütete, und warf ihn nach ihm. Und der Stab fuhr zischend gerade auf den Mann los, aber ehe er ihn traf, wich er zur Seite und sauste, an ihm vorbei, weit über das Feld.“

Als Großmutter soweit gekommen war, unterbrach ich sie abermals. „Großmutter, warum wollte der Stock den Mann nicht schlagen?“ Aber Großmutter ließ es sich nicht einfallen, mir zu antworten, sondern fuhr mit ihrer Erzählung fort.

„Nun kam der Mann zu dem Hirten und sagte zu ihm: „Guter Freund, hilf mir und leih mir ein wenig Feuer. Mein Weib hat eben ein Kindlein geboren, und ich muss Feuer machen, um es und den Kleinen zu erwärmen.“ Der Hirt hätte am liebsten nein gesagt, aber als er daran dachte, dass die Hunde dem Mann nicht hatten schaden können, dass die Schafe nicht vor ihm davongelaufen waren und sein Stab ihn nicht fällen wollte, da wurde ihm ein wenig bange, und er wagte es nicht, dem Fremden das abzuschlagen, was er begehrte.“Nimm, soviel du brauchst“, sagte er zu dem Manne.

Aber das Feuer war beinahe ausgebrannt. Es waren keine Scheite und Zweige mehr übrig, sondern nur ein großer Gluthaufen, und der Fremde hatte weder Schaufel noch Eimer, worin er die roten Kohlen hätte tragen können.

Als der Hirt dies sah, sagte er abermals: “Nimm, soviel du brauchst!“ Und er freute sich, dass der Mann kein Feuer wegtragen konnte. Aber der Mann beugte sich hinunter, holte die Kohlen mit bloßen Händen aus der Asche und legte sie in seinen Mantel. Und weder versengten die Kohlen seine Hände, als er sie berührte, noch versengten sie seinen Mantel, sondern der Mann trug sie fort, als wenn es Nüsse oder Äpfel gewesen wären.“

Aber hier wurde die Märchenerzählerin zum drittenmal unterbrochen. „Großmutter, warum wollte die Kohle den Mann nicht brennen?“

„Das wirst du schon hören“, sagte Großmutter, und dann erzählte sie weiter.

„Als dieser Hirt, der ein so böser, mürrischer Mann war, dies alles sah, begann er sich bei sich selbst zu wundern: “Was kann dies für eine Nacht sein, wo die Hunde die Schafe nicht beißen, die Schafe nicht erschrecken, die Lanze nicht tötet und das Feuer nicht brennt?“ Er rief den Fremden zurück und sagte zu ihm: „Was ist dies für eine Nacht? Und woher kommt es, dass alle Dinge dir Barmherzigkeit zeigen?“

Da sagte der Mann: “Ich kann es dir nicht sagen, wenn du selber es nicht siehst.“ Und er wollte seiner Wege gehen, um bald ein Feuer anzünden und Weib und Kind wärmen zu können.

Aber da dachte der Hirt, er wolle den Mann nicht ganz aus dem Gesicht verlieren, bevor er erfahren hätte, was dies alles bedeute. Er stand auf und ging ihm n ach, bis er dorthin kam, wo der Fremde daheim war. Da sah der Hirt, dass der Mann nicht einmal eine Hütte hatte, um darin zu wohnen, sondern er hatte sein Weib und sein Kind in einer Berggrotte liegen, wo es nichts gab als nackte, kalte Steinwände.

Aber der Hirt dachte, dass das arme unschuldige Kindlein vielleicht dort in der Grotte erfrieren würde, und obgleich er ein harter Mann war, wurde er davon doch ergriffen und beschloss, dem Kind zu helfen. Und er löste sein Ränzel von der Schulter und nahm daraus ein weiches, weißes Schaffell hervor. Das gab er dem fremden Manne und sagte, er möge das Kind darauf betten.

Aber in demselben Augenblick, in dem er zeigte, dass auch er barmherzig sein konnte, wurden ihm die Augen geöffnet, und er sah, was er vorher nicht hatte sehen, und hörte, was er vorher nicht hatte hören können.

Er sah, dass rund um ihn ein dichter Kreis von kleinen, silberbeflügelten Englein stand. Und jedes von ihnen hielt ein Saitenspiel in der Hand, und alle sangen sie mit lauter Stimme, dass in dieser Nacht der Heiland geboren wäre, der die Welt von ihren Sünden erlösen solle.

Da begriff er, warum in dieser Nacht alle Dinge so froh waren, dass sie niemand etwas zuleide tun wollten. Und nicht nur rings um den Hirten waren Engel, sondern er sah sie überall. Sie saßen in der Grotte, und sie saßen auf dem Berge, und sie flogen unter dem Himmel. Sie kamen in großen Scharen über den Weg gegangen, und wie sie vorbeikamen, blieben sie stehen und warfen einen Blick auf das Kind.

Es herrschte eitel Jubel und Freude und Singen und Spiel, und das alles sah er in der dunklen Nacht, in der er früher nichts zu gewahren vermocht hatte. Und er wurde so froh, dass seine Augen geöffnet waren, dass er auf die Knie fiel und Gott dankte.“

Aber als Großmutter soweit gekommen war, seufzte sie und sagte: „Aber was der Hirte sah, das könnten wir auch sehen, denn die Engel fliegen in jeder Weihnachtsnacht unter dem Himmel, wenn wir sie nur zu gewahren vermögen.“

Und dann legte Großmutter ihre Hand auf meinen Kopf und sagte: „Dies sollst du dir merken, denn es ist so wahr, wie ich dich sehe und du mich siehst. Nicht auf Lichter und Lampen kommt es an und es liegt nicht an Mond und Sonne, sondern was not tut, ist, dass wir Augen haben, die Gottes Herrlichkeit sehen können.“

Selma Lagerlöf


Aus: Selma Lagerlöf: Geschichten zur Weihnachtszeit. 2.Aufl. – Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn, 1979. (= Gütersloher Taschenbücher Siebenstern, Bd. 286). Darin: S. 59 – 65.
[Da Selma Lagerlöf bereits 1940 gestorben ist und damit wahrscheinlich die Schutzfristen für ihre Texte aufgehoben sind, hoffe ich sehr, dass ich mit dieser längeren Textpassage kein Copyright verletze.]

Weihnachtsgeschichten vorlesen I

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Überwiegend hat es mir große Vorteile gebracht, im Rahmen meiner Altersteilzeit jetzt das Leben eines Rentners führen zu können, ohne die früheren täglichen dienstlichen Verpflichtungen und mit einem größeren zeitlichen Rahmen für mich. Aber eine Ausnahme habe ich jetzt doch vor Weihnachten erlebt: Niemand wollte von mir Weihnachtsgeschichten vorgelesen bekommen! Ein herber Verlust, weil mir das Vorlesen jedes Jahr viel Freude gemacht hat. Als kleiner Ersatz werde ich deshalb hier im blog davon berichten.


Da ich schlecht übers Internet vorlesen kann, meine „Favoriten“ auch Copyright-geschützt sind, so dass ich nicht einfach eine Kopie ins Netz stellen kann, will ich hier nur einige der in meinen Augen besonders guten und auch zum Vorlesen geeigneten Geschichten vorstellen und vielleicht zum Nachlesen oder Vorlesen anregen.


Bemerkenswert finde ich, dass sich im Bereich der Weihnachtsgeschichten ein ganz anderes Bild ergibt als bei Gedichten, von denen ich vor ein paar Tagen an dieser Stelle berichtet habe. Sentimentale Geschichten kenne ich kaum (hätte sie aber auch nach drei Absätzen weggelegt); bei den zeitgenössischen Geschichten haben die Verfasser nach meiner Einschätzung oft Mühe, das Besondere an Weihnachten in irgendeiner Form einzufangen, sind sich aber meistens einig, dass es nichts mit Konsum, Sozialprestige oder hülsenhaften Konventionen zu tun haben kann. Es reizt dann besonders Satiriker, die Finger in die Wunde eines sinnentleerten Weihnachtens zu legen. Aber nur derjenige kann m.E. eine Satire schreiben, der irgendwo im Hinterkopf noch eine Idee hat, wie die Verhältnisse idealer weise anders laufen müssten.


Absoluter „Hit“ bei meinen (Vor-)Lesungen war immer die Geschichte von Robert Gernhardt „Die Falle“ (veröffentlicht 1977). Hier macht sich Gernhardt über das Weihnachten einer neureichen Konsumbürgerfamilie lustig (Vorsicht! Ähnlichkeiten mit Lebenden sind nicht ausgeschlossen, auch wenn die Geschichte mehr in der Zeit der vergangenen 68-Generation spielt). Der als Weihnachtsmann angeheuerte Student bringt nacheinander immer mehr weihnachtliche Helfer ins Spiel, die die übertölpelten Eltern nahezu um ihren Verstand bringen, den beiden Kindern aber eine kleine Ahnung davon verschaffen, wie Weihnachten auch sein könnte.


Diese Geschichte ist auch – nach vielen Jahren - immer noch ein Hit in den Buchhandlungen.

Ich selbst habe sie in den letzten Jahren immer aus dem schönen Sammelband von Regine Hildebrandt „Geschichten vom anderen Weihnachten“ vorgelesen. Dieser Band kommt meiner Vorliebe für eher „schräge“ Weihnachtsgeschichten entgegen, die offenbar auch Regine Hildebrandt, die verstorbene hoch engagierte Sozialministerin Brandenburgs, teilte. Aber wie sollte Weihnachten auch anders zu verstehen sein? Immerhin ging es ja einmal um die Geschichte der Geburt eines Kindes in großer Armut, mit Eltern ohne Bleibe, unverheiratet zu allem Überfluss auch noch, heute wahrscheinlich ein Fall für die Sozialarbeiter der Jugendfürsorge (wenn die denn genügend Zeit hätten und ihre Mittel nicht gerade wieder einmal gekürzt würden, so dass sie die Auflage hätten, nur bei den wirklich unumgänglichen Katastrophenfällen Hilfe zu organisieren, die etwas kostet.)


Eine andere, bittere und gleichzeitig sehr komische Satire ist der Klassiker von Heinrich Böll „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (veröffentlicht 1951). Alles nur wegen Tante Milla! Da sonst ihr psychotischer Zusammenbruch droht, muss die gutbürgerliche Familie ihr jeden Tag erneut Weihnachten ausrichten. Der Tante geht es dabei gut, nur die Familie zeigt in den folgenden zwei Jahren, in denen die Geschichte spielt, gewisse Verschleißerscheinungen … Ein systemischer Familientherapeut (den es 1951 noch nicht gab), könnte seine Freude daran haben … Leider ist diese Geschichte sehr lang und erfordert deshalb ein geduldiges Publikum.- „Frieden, Frieden, flüsterte der Engel." Natürlich ein mechanischer, dafür aber täglich ... Das ist eine Formulierung, die sich in meinem Gehirn festgesetzt hat.


In einem eher „schrägen Milieu“ spielend, dabei aber mehr liebenswürdig humorvoll als bissig satirisch, ist mein letzter „Weihnachtsklassiker“, nämlich „Die Leihgabe“ von Wolfdietrich Schnurre aus seinem Erzählband „Als Vaters Bart noch rot war“ (erschienen 1958). Schon das Lokalkolorit hatte es mir immer angetan: Der kleine Junge als Ich-Erzähler, der mit seinem allein erziehenden arbeitslosen Vater zur Zeit der Weltwirtschaftskrise (der aus dem letzten Jahrhundert, nicht der, auf die als mögliches zukünftiges Ereignis z.Zt. alle Medien starren!) tagsüber ins Museum für Naturkunde in die Invalidenstr. geht, um sich bei den Sauriergerippen etwas aufzuwärmen, und Frieda, die Freundin des Papas, die beide gelegentlich mit Essen versorgt, das sie als Küchenhilfe in einer Großdestille am Alexanderplatz organisieren kann. Bei so vielen Berührungspunkten muss einem Berliner ja schon fast das Herz übergehen! In ihrer großen Armut (erinnert an HARTZ IV oder weniger) ist der Wunsch des Jungen nach einem Weihnachtsbaum für den Vater ein riesiges Problem, denn „klauen“ (Vorschlag von Frieda) will er keinen. Bis er eine ungewöhnliche Idee hat …


Ich mag die Sprache dieser Geschichte und möchte deshalb eine kleine Kostprobe anführen:


Die Blautanne, auf die Vater es abgesehen hatte, stand inmitten eines strohgedeckten Rosenrondells. Sie war gut anderthalb Meter hoch und ein Muster an ebenmäßigem Wuchs.


Da der Boden nur dicht unter der Oberfläche gefroren war, dauerte es auch gar nicht lange, und Vater hatte die Wurzeln freigelegt. Behutsam kippten wir den Baum darauf um, schoben ihn mit den Wurzeln in den Sack, Vater hing seine Joppe über das Ende, das raussah, wir schippten das Loch zu, Stroh wurde drübergestreut, Vater lud sich den Baum auf die Schulter, und wir gingen nach Hause.


Hier füllten wir die große Zinkwanne mit Wasser und stellten den Baum rein.


Als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren Vater und Frieda schon dabei, ihn zu schmücken. Er war jetzt mit Hilfe einer Schnur an der Decke befestigt, und Frieda hatte aus Stanniolpapier allerlei Sterne geschnitten, die sie an seinen Zweigen aufhängte; sie sahen sehr hübsch aus. Auch einige Lebkuchenmänner sah ich hängen.


Ich wollte den beiden den Spaß nicht verderben; daher tat ich, als schliefe ich noch. Dabei überlegte ich mir, wie ich mich für ihre Nettigkeit revanchieren könnte.


Schließlich fiel mir ein: Vater hatte sich einen Weihnachtsbaum geborgt, warum sollte ich es nicht fertigbringen, mir über die Feiertage unser verpfändetes Grammophon auszuleihen? Ich tat also, als wachte ich eben erst auf, bejubelte vorschriftsmäßig den Baum, und dann zog ich mich an und ging los.


Der Pfandleiher war ein furchtbarer Mensch; schon als wir zum erstenmal bei ihm gewesen waren und Vater ihm seinen Mantel gegeben hatte, hätte ich dem Kerl sonst was zufügen mögen; aber jetzt musste man freundlich zu ihm sein.


Ich gab mir auch große Mühe. Ich erzählte ihm was von zwei Großmüttern und „gerade zu Weihnachten“ und „letzter Freude auf alte Tage“ und so, und plötzlich holte der Pfandleiher aus und haute mir eine herunter und sagte ganz ruhig:


„Wie oft du sonst schwindelst, ist mir egal; aber zu Weihnachten wird die Wahrheit gesagt, verstanden?“


Darauf schlurfte er in den Nebenraum und brachte das Grammophon an. „Aber wehe, ihr macht was an ihm kaputt! Und nur für drei Tage! Und auch bloß, weil du´s bist!“


Neugierig auf die ganze Geschichte geworden? Ich füge – für alle Fälle – meine Quellen an.


Da alle drei Geschichten zu den bekannteren gehören, vermute ich, dass es kein Problem sein sollte, sie auch in neueren Anthologien zu finden!

1. Heinrich Böll: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. – München: Deutscher Taschenbuch Vlg. 1966. (= dtv 350). Darin: „Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1951). S. 7 – 34.

2. Robert Gernhardt: Die Falle. – In: Regine Hildebrandt: Geschichten vom anderen Weihnachten. A.a.O. S.19 – 27.

3. Regine Hildebrandt (Hrsg.): Geschichten vom anderen Weihnachten.- Freiburg i.Br.: Herder 1996. (= Herder Spektrum Bd. 4486).

4. Wolfdietrich Schnurre: Als Vaters Bart noch rot war. Ein Roman in Geschichten.- Frankfurt a.M. u.a.: Ullstein 1973. (= Ullstein Buch 382). Darin: „Die Leihgabe“. S. 51 – 56. [Diese Geschichte ist auch bei R. Hildebrandt abgedruckt.]