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Mittwoch, 22. Juni 2011

Lieblingszitate CLVIII: mal wieder was Witziges!

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Unter dieser Rubrik habe ich schon mehrfach kleine Texte aufgeführt, die vielleicht im strengen Sinn keine Zitate sind, die mir aber besonders gefallen. Was macht's!

So möchte ich heute einmal erneut Witze präsentieren. Allerdings bin ich in einer Realsituation kein guter Erzähler, der andere zum Lachen bringt. Ich habe bei früheren Versuchen im Unterricht gelegentlich mal einen "zum Besten gegeben", meistens blieb es ganz still ... Aber das ändert nichts daran, dass ich einige Witze wirklich geistreich und gelungen finde und mich an ihnen freue.

Mit echter Freude ist es allerdings bei den folgenden beiden "Kostproben", die ich meiner Frau verdanke, so eine Sache. Sie machen eher nachdenklich, fast könnte man auf sie bestürzt reagieren. Aber das schmälert ja nicht ihren Wert, sie vermitteln eben Wahrheiten auf etwas andere Weise.


Nägelkauen

"Du, ich habe endlich Opa das Nägelkauen abgewöhnt!" - Toll, wie hast Du denn dieses Wunder geschafft?" - "Ganz einfach, wenn er wieder damit anfängt, nehme ich ihm einfach das Gebiss weg."



30 Jahre Altersunterschied

Ein Ehepaar, miteinander älter geworden und kurz vor der Rente, bekommt Besuch von einer freundlichen Fee, die jedem von ihnen einen Wunsch erfüllen will, weil sie so fleißig in ihrem Leben gewesen sind.

Die Frau fängt an, berichtet lang und breit von ihrem Traum, einmal gemeinsam mit ihrer Freundin ein Wellnesshotel zu besuchen, mit Blick auf den See, tollen Anwendungen, schönem Essen und womit man es sich dort sonst noch gut gehen lassen könnte. Die Fee hebt die rechte Hand, macht "bing": "Dein Wunsch sei Dir erfüllt!"

Der Mann ist über das lange Reden seiner Frau schon ungeduldig geworden: "Bei mir geht das Wünschen ganz schnell, ich muss da nicht langatmig drüber reden! Ich wünsche mir eine Frau, die 30 Jahre jünger ist als ich." "Bing! - Auch Dein Wunsch soll Dir erfüllt werden!"

Und dann ist er 90!


Wer lacht hier schadenfroh!? Das hat er nun davon, aber auch seine Frau wird darunter leiden. Zwar gibt es sehr rüstige Senioren, die geistig noch sehr fit sind und am Weltgeschehen teilnehmen. Aber gleichzeitig steigt auch die Quote von Menschen mit Demenz und Alzheimer. Aber was soll's! Der Witz seziert messerscharf und hat eine völlig unerwartete Pointe. Klasse!

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Sir Elton John junior

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Anfang Dezember habe ich hier auf meinem blog von einer 64jährigen Schweizerin berichtet, die aufgrund einer Eizellenspende ein Kind zur Welt gebracht hat ("Gott spielen", 8.12.2010).

Irgendwie liegt die folgende Nachricht (t-online, 28.12.2010) auf der gleichen Linie, dem Überschreiten bisheriger Grenzen, die durch unsere menschliche Existenz gezogen sind, sich aber mit heutigen biologischen und sozialen "Tricks" ausmanövrieren zu lassen scheinen (wenn man die Spätfolgen ausklammert):

Sir Elton John im Vaterglück

Sie sind Papa: Sir Elton John und sein Mann David Furnish sind Väter geworden - das berichtet das US-Magazin UsMagazine.com in New York. Demnach wurde der kleine Zachary Jackson Levon Furnish-John am 25. Dezember im US-Staat Kalifornien von einer Leihmutter zur Welt gebracht.

Das Gewicht des Jungen betrug 3580 Gramm. "Wir sind in diesem speziellen Moment überwältigt von Glück und Freude", erklärte das schwule britische Paar in einer gemeinsamen Mitteilung. "Zachary ist gesund und ihm geht es gut, wir sind sehr stolze und glückliche Eltern." Für das seit 2005 verheiratete Paar ist es das erste Kind.

Ein Sprecher von John (63) und Furnish (48) erklärte, dass die beiden das Privatleben der Leihmutter strikt schützen und keine Details über die mit ihr getroffenen Vereinbarungen bekanntgeben werden. Wer von den beiden der biologische Vater ist, teilte das Magazin nicht mit.

Wenn die beiden Sehnsucht nach einem Kind gehabt hätten und eine gute soziale Tat tun wollten, so hätten sie in dieser Welt sicherlich viele Gelegenheiten gefunden, dies zu verwirklichen. So haben sie sich aber wie die Schweizerin auf die mit ihr gemeinsame Ebene begeben, "Gott" zu spielen und etwas zu verwirklichen, was nicht wirklich geht, denn es reicht über die normale Form einer Adoption weit hinaus.

Ich spreche mich dabei nicht gegen Ehen zwischen homosexuellen Männern oder lesbischen Frauen aus. Es ist aber eine Sondersituation und nur durch "Mogelei" lässt sich diesen Beziehungen ein eigenes Kind hinzufügen. Gut, ich gehöre nicht zu diesem Personenkreis und kenne vielleicht die verzehrenden Gefühle nach einer Erweiterung der Beziehung um ein Kind nicht. Aber zu jedem Leben gehört manchmal auch ein Verzicht, wenn die existentiellen Bedingungen es gebieten. Ein Überschreiten mit Kunstmitteln kostet immer auch einen Preis. Und den wird irgendwann in diesem Fall wahrscheinlich Zachary Jackson Levon Furnish-John zahlen: Was für ein Identitätsgefühl wird er einmal herausbilden? An seine Kindheit werden ihn tüchtige Ammen und Kinderfrauen erinnern, die ihn großgezogen haben, oder wollen Elton und David selbst seine Windeln wechseln? Nach allem meinen Wissen über Menschen, die als Kleinkind adoptiert wurden, ohne sie rechtzeitig aufzuklären, dass sie nicht bei ihren leiblichen Eltern/Mutter aufgewachsen sind, bleibt in ihrem Leben ein dunkles Geheimnis. Und irgendwann wird es gelüftet werden müssen oder sich eine Auflösung ereignen. Dann treibt es sie umher herauszufinden, wer denn ihre biologischen Eltern sind und warum diese sie nicht großziehen konnten oder wollten. Ein schweres Schicksal! Das Kind der beiden Männer wird sich früh dieser Problematik stellen müssen. Ich wünsche ihm sehr, dass es eine guten Weg dabei finden kann.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Das starke Geschlecht in der Physiotherapie

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Ich gehe z.Zt. einmal wöchentlich mit meinem Sohn zur Physiotherapie. Er freut sich darauf, denn er darf ins Schwimmbecken! Es ist für ihn mit seiner muskulären Hypotonie eine wichtige Vorübung, um beim Schwimmunterricht, der im zweiten Schulhalbjahr beginnen wird, besser mithalten zu können. Könnte er danach schwimmen, welche Stärkung seines Selbstwertgefühls! Und ein stolzes Gefühl für seine Eltern, welche Entwicklungsschritte unser Sohn doch noch schafft, die ihm in den ersten Lebensjahren niemand zugetraut hätte.

Aber ich will jetzt keinen Vortrag über Paul Jakob halten, vielmehr auf eine Beobachtung hinweisen, die mir plötzlich bewusst wurde: Paul ist immer allein mit Jungen! Weit und breit kein Mädchen in den Schwimmgruppen! Dafür sind die Frauen beim "Begleitpersonal" weit in der Überzahl (in dieser Praxis ausschließlich Physiotherapeutinnen, dazu "Muttis" als Begleitung, allerdings gelegentlich auch ein "Vati" wie ich).

Die Physiotherapeutin, darauf angesprochen, klärte mich dann darüber auf, dass bei den "ganz Kleinen" noch beide Geschlechter vertreten seien, Mädchen allerdings etwas weniger als Jungen. Aber bei den Dreijährigen sind es dann fast nur noch Jungen, die eine physiotherapeutische Betreuung im Wasser nötig haben, erst recht dann bei Neunjährigen wie Paul Jakob.

Das starke Geschlecht!

Mittwoch, 13. Oktober 2010

"Familienassistent " !?

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Ich habe ein Problem, jedenfalls eines verbaler Natur!

Seitdem ich in Altersteilzeit bin und dadurch schon fast ein "Rentnerdasein" führe, kümmere ich mich logischerweise viel mehr um alle möglichen Vorgänge bei uns zu Hause, bin Kindermädchen, gelegentlich Putzfrau, repariere kleine Schäden, alles was "Mann" so tut, wenn er nicht arbeiten geht. Außer Kochen; das kann ich nicht gut und überlasse es lieber meiner Frau.

Früher hat man so etwas wohl "Hausmann" genannt. Einmal eine Wortableitung "anders herum", weil sonst immer nur die Frauen Männerrollen zugewiesen bekommen mit einer weiblichen Endung dran (Chef zu Chefin, Psychologe zu Psychologin, Arbeiter zu Arbeiterin, Angestellter zu Angestellte). Da haben sich Feministinnen schon kräftig aufgeregt, wie Frauen nur in abgewandelter Form mit der "Männersprache" abgespeist werden.

Ich finde das berechtigt, wobei gerade hier bei uns "im Osten" aber viele Frauen mit DDR-Vergangenheit darunter nicht zu leiden scheinen. Wie oft habe ich nach dem Examen früher Schülerinnen erlebt, die z.B. stolz auf ihren Titel "Heilpädagoge" waren und nicht aufschrien, weil es korrekt doch "Heilpädagogin" heißen müsste!

Ich bin da viel empfindlicher. Abgesehen davon, dass ich alle Hochachtung vor Frauen habe, die als "Hausfrau" Kinder, Mann (wenn vorhanden) und Haushalt "managen" und sich selbst nicht dabei verlieren (denn es ist ein 25-Stunden-Job), möchte ich nicht gern das Pendant "Hausmann" sein. Irgendwie hat es einen (ungerecht, denn auch das ist eine Leistung!) schlechten Ruf. So als täten das nur "Softies", bei denen man Zweifel an ihrer Männlichkeit haben könnte. Aber ich gehe allein in diesen Aufgaben auch nicht auf und tue gern noch anderes daneben, wie z.B. Beiträge für meinen blog schreiben.

Einen wirklich treffenden Begriff für meine Rolle habe ich noch nicht, wie wäre es mit "Familienassistent"?! Für gute Anregungen bin ich dankbar, geht es doch irgendwie auch um die "Emanzipation der Männer" und zukunftsweisende Rollenbeschreibungen. Hausmann, wie gesagt, finde ich da nur bedingt eine anstrebenswerte Bezeichnung. Männliche Überheblichkeit oder berechtigt? Ich bin aber auch mit der neueren Männer-Diskussion nicht sonderlich vertraut - sofern es sie überhaupt gibt, denn in den üblichen Medien wird Derartiges nicht thematisiert. Schade.

Sonntag, 4. Juli 2010

"Wir Schlappschwänze ... !?"

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Mein Sohn sieht gerade seinen sonntäglichen Märchenfilm. Darin eine Situation, die mir für das Männerbild in Märchen typisch erscheint: Die neue Königin beklagt sich bei ihrem (wiederverheirateten) Ehegemahl, er mache einen Kult aus den Erinnerungen an die verstorbene erste Königin. Sofort beugt er sich ihrem (durchaus verständlichen!) Ansinnen und lässt im Umfeld alle Andenken beseitigen. Das ist nur der Einstieg, denn natürlich hängt da noch etwas mit seiner Tochter aus erster Ehe dran, und man kann schon ahnen, dass sie zu den Königstöchtern gehören wird, die Schlimmstes von ihren Stiefmüttern zu erleiden haben, bis sie zum Schluss als Schönste und Leidensfähigste doch noch den Prinzen und das ganze Reich erhalten werden.

Soweit, so gut! Ich erinnere mich aber, dass dies eine immer wiederkehrende Melodie in vielen Märchen ist: Die Frauen sind stark, sowohl im Guten als auch im Bösen. Sie retten Geschwister unter Lebensgefahr ("Die sechs Schwäne") und bleiben ihrer Liebe treu, aber sie sind auch barbarisch zu Stiefkindern ("Aschenputtel" oder "Schneewittchen") und eigenen ("Hänsel und Gretel"), wenn es das eigene Überleben betrifft. Die Männer haben ihnen nur wenig entgegenzusetzen, passen sich schnell den Forderungen ihrer Frauen an und leisten keinen Widerstand, selbst wenn sie - völlig gegen ihr Gefühl - die geliebten Kinder auf Befehl der Frau im Wald aussetzen. Schlappschwänze ... ?!

Ob dies die Rache der Märchenerzählerinnen (denn es werden vermutlich eher Frauen als Männer die Märchen in der mündlichen Überlieferung weitergereicht haben) an ihrer gegenüber den Männern zurückgesetzten Frauenrolle gewesen ist, sozusagen ein früher Akt von Feminismus? Oder haben sie einfach Recht? Es heißt ja heutzutage häufiger, dass eigentlich die Frauen das stärkere Geschlecht seien - bei den Leistungen von Schülerinnen und Schülern in Deutschland bereits ein unumstrittener Fakt.

Dienstag, 18. Mai 2010

Vorbilder: Bettine von Arnim


Vielleicht wird es meine Leser/innen erstaunen, dass ich als Mann meine neue Rubrik "Vorbilder" mit der Vorstellung einer Frau beginne. Warum aber nicht! Bettine von Arnim hat einige Eigenschaften, die ich schon immer bewunderungswürdig fand: sie hat ihr Leben offensichtlich selbst gestaltet, dabei übliche Konventionen und Rollenvorstellungen nicht akzeptiert und wohl auch überwunden, und das zu einer Zeit, in der von "Frauenemanzipation" vermutlich noch niemand redete. Sie hat nicht vor Autoritäten gekuscht und mutig den Repräsentanten der Staatsmacht die Stirn gezeigt und unerwünschte Wahrheiten ausgesprochen. Sie hat sich bis ins Alter hin gewandelt und gerade im höheren Alter ihr Engagement für die Schwachen in der Gesellschaft entwickelt und zum Hauptthema ihrer Arbeit gemacht. Das ist doch was!!

Ein wenig war der Zufall aber doch an meiner Wahl beteiligt. Ich suchte für eine gute Freundin ein Geburtstagsgeschenk und stieß über eine Rezension auf die folgende Biographie von Bettine von Arnim:

Michaela Diers: Bettine von Arnim. - München: Deutscher Taschenbuch Vlg. 2010. (= dtv premium 24 772).

Aus den beiden Klappentexten des Buches habe ich den folgenden Text zusammengestellt, der z.T. wörtliches Zitat ist, z.T. von mir sinngemäß ergänzt:

"Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln."

Für Bettine Brentano, 1785 - 1859, war das Schreiben Schicksal: Sie war die Enkelin einer Dichterin, die Schwester eines Dichters (Clemens Brentano) und die Frau eines Dichters, nämlich von Achim von Arnim, und hatte auch Kontakt zu Goethe. Als sie Achim von Arnim heiratete, erfüllte sie mit Liebe und Fürsorge ihre Pflichten als Ehefrau und Mutter. Doch war sie sich immer sicher, dass es noch ein anderes Leben geben müsse. Ihre kreative Energie, bisher durch Konventionen und Pflichten gefesselt, brach sich nach dem frühen Tod ihres Mannes Bahn und machte sie zur Publizistin und politisch engagierten Frau. Das brachte ihr auch viel Ärger ein, denn sie nutzte ihre priviligierte Position als Dame von Stand dafür, um die Zustände im Lande anzuprangern. Das tat sie sogar in einem Buch, das sie dem König widmete, der "not amused" war. Eine kluge, mutige und sehr moderne Frau!

Empfehlung: Lesen !!!






Donnerstag, 4. März 2010

Mein sexistischer Computer

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Vorhin tippte ich für einen zukünftigen Eintrag das Wort "Pionierin" mit meinem Word-Schreibprogramm in den Computer. "Fehler" signalisierte das mitlaufende Rechtschreibprogramm und unterkringelte das Wort rot. Da ich seit Schulzeiten gut in Rechtschreibung bin und mich frei von Fehl und Tadel fühlte, war ich zunächst ratlos. Dann machte ich den Test mit dem "Pionier". Das schluckte mein Computer klaglos. So ein sexistischer Spitzbube! Oder hat er etwa recht? Ist dies eines der letzten Männerrefugien, in denen sie noch Artenschutz genießen (wollen)? Oder nur, weil ein Mann das RS-Programm programmiert hat und sich derartiges nicht vorstellen konnte?

Für mich sind das mittlerweile "olle Kamellen", nachdem mich meine damalige frauenbewegte Partnerin sehr engagiert und vorwurfsvoll schon vor 25 Jahren über die Ungerechtigkeiten der üblichen "Männersprache" mit ihren Diskriminierungen weiblicher Lebensformen und Leistungen aufgeklärt hatte. Ich gab mir fortan Mühe, einschlägige Redewendungen zu korrigieren, denn weiteren Ärger mit ihr wollte ich nicht mehr riskieren, außerdem hatte mich ihre "Bibel" der Frauensprache ohnehin überzeugt. Ich denke, es ist immer noch ein lesenswertes Buch:

Senta Trömel-Plötz: Frauensprache - Sprache der Veränderung. - Frankfurt a.M.: Fischer Tb. Vlg. 1982. (= Fischer-Tb. 3725)

Nach diesen feministischen Vorerfahrungen war ich dann allerdings als "Wessi" sehr erstaunt, dass sich Frauen "im Osten" für diese Fragestellungen viel weniger interessierten und sich weibliche Absolventinnen meiner damaligen Fachschule ohne irgendwelche Skrupel selbst als "Heilpädagoge" oder "Heilerziehungspfleger" bezeichneten und meine Einwände milde belächelten, eigentlich seien sie doch "Heilpädagoginnen" und "Heilerziehungspflegerinnen". Ich sehe jetzt alles nicht mehr so verbissen, aber es ist mir ohnehin eine Selbstverständlichkeit geworden, über die ich nicht mehr nachdenke, männliche und weibliche Formen zu verwenden.

Samstag, 27. Februar 2010

Mein tägliches Dilemma, II. Teil: Die Flut der Themen

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Am 16.2.2010 habe ich unter dem Titel "Mein tägliches Dilemma" launig von meinen Entscheidungsschwierigkeiten berichtet, aus der Flut von Nachrichten mich für ein Thema für meinen blog zu entscheiden, denn mehr überfordert mich im Regelfall - und wer soll und will das auch alles lesen?? Dabei hatte ich meine "Lesefrüchte" vom 15.2. im Auge und von ihnen bereits ein Manuskript vorbereitet, das ich aber in den Folgetagen nicht mehr vernünftig ausarbeiten konnte. Das habe ich jetzt nachgeholt! Die Themen sind alle noch mehr oder weniger aktuell, und so kann ich exemplarisch einmal meine "Herausgeberprobleme" aufzeigen.

Dies waren für mich die interessantesten Themen des Tages:

1. Guido Westerwelles Aussagen über die "sozialistischen Züge" der Debatte um die Hartz-IV-Sätze, kombiniert mit seiner Warnung vor "spätrömischer Dekadenz" werden bekannt. Ich finde, mit Verlaub, seine Aussagen derart zum K., dass sie mich provozieren, sozusagen "in Notwehr" bösere Worte zu produzieren, als ich sie zuletzt von mir gewohnt war. Denn eigentlich befinde ich mich auf dem Weg, über Ereignisse und Zeitgenossen milder zu urteilen und versöhnlicher zu sein, als es mir früher gelungen war. Ein Rückfall, dabei weiß ich, dass Kampfgefühle und Groll mir persönlich nicht gut tun. Andere fühlten sich offenbar ähnlich "angemacht": Frank-Walter Steinmeier soll gesagt haben, die Äußerungen des Vizekanzlers zum Thema würden "von Tag zu Tag unerträglicher und zynischer". (MOZ, 15.2.2010)

2. Aus der Schweiz wird uns Rache angedroht für den Ankauf der CDs mit den Daten über Steuersünder. Der Nationalrat Alfred Heer droht (nach entsprechenen Gesetzesänderungen) mit der Veröffentlichung von Daten deutscher Politiker und Richter, die in der Schweiz Konten und Stiftungen unterhalten sollen, auf die sie ihr unversteuertes Geld gerettet haben. Ob er denkt, dass jetzt die Landesregierungen in Deutschland in Panik geraten und nichts mehr gegen die Steuersünder unternehmen werden? Irgendwie könnte das auch Stoff fürs Kabarett oder eine schöne Satire sein: Wurden nach der Wende (teilweise) Staatsbedienstete und Politiker "gegauckt", um ihre reine Weste gegenüber der Stasi nachzuweisen, könnte man jetzt ja damit anfangen, Politiker zu "schwyzern", um ihre Freiheit von Steuersünden zu überprüfen. Im Gegensatz zu IM-Tätigkeiten, die ihren Tätern "nur" als moralische Sünden angekreidet werden konnten, zwar mit erheblichen Konsequenzen für ihre jeweiligen Karrieren, aber ohne strafrechtliche Relevanz, könnten die Steuerhinterziehungen ja auch juristisch verfolgt werden... Eine interessante Frage, ob unsere Parlamente dann schrumpfen würden bzw. mancher Nachrücker plötzlich doch noch eine späte Chance bekäme??? Aber wer wird so Böses denken, es sei denn, er ist der Sketche-Schreiber für ein Kabarett und auf der Suche nach einem neuen Gag... (MOZ, 15.2.2010)

3. Abseits der "großen Politik" war für mich als Psychologen die eher beiläufige Nachricht "auf den hinteren Seiten" interessant, man habe jetzt in Amerika das Gen entdeckt, das Schuld am Stottern sei. Das entlaste viele betroffene Eltern von Schuldgefühlen, denn an Fehlern in der Erziehung könne es dann ja nicht mehr liegen ... Für die Propagandisten der Erbtheorie ein weiterer Etappensieg beim Vormarsch der Biologie in Bereiche, die früher Psychologie und Pädagogik beherrscht hatten. Auf den ersten Blick scheint es jedenfalls so, denn in den Medien werden neue Erkenntnisse meistens in einer Weise vermittelt, dass "der normale Sterbliche" immer mehr an die Wirkung der Vererbung glauben muss - oder darf.

Dagegen haben einschlägige Forscher aus dem Bereich der Neurowissenschaften, die aufgrund ihres weiteren geistigen Horizonts auch in der Lage sind, die Erkenntnisse ihrer Disziplin in größere Zusammenhänge einzuordnen, längst festgestellt, dass Gene nur dann "eingeschaltet" werden, wenn entsprechende Umwelteinflüsse sie dazu veranlassen. Also existiert zumindestens eine Wechselwirkung zwischen beiden Ursachenkomponenten. Ohne "Biologie" richtet die Umwelt wahrscheinlich nichts an, während die "Biologie" vermutlich nur dann wirksam werden kann, wenn sie von der Umwelt "eingeschaltet" wird. "Schuld" sind also immer beide gemeinsam.

Ich finde, der (von den Forschungsergebnissen her nicht gerechtfertigte) Wunsch, frei von Verantwortung für bestimmte Entwicklungen zu sein, weil sie ja "in der Natur des Menschen" lägen, ist ziemlich typisch für unsere Zeit und die in ihr bevorzugten Forschungsparadigmen. Es ist nicht gerade eine glänzende Periode für die Anerkennung des Blickwinkels von Tiefenpsychologie und den psychologischen Richtungen, die biographische/lebensgeschichtliche Forschungen in den Mittelpunkt des Interesses stellen - und damit auch die eigene Verantwortlichkeit und Veränderbarkeit. (MOZ, 15.2.2010)

4. Ebenfalls am 15.2. veröffentlicht, aber von völlig anderer Qualität: Ich lese in der MOZ eine Buchbesprechung unter dem Titel "Verbrechen auf allen Seiten - Norman Davies sieht in 'Die große Katastrophe' das Stalin-Regime keinen Deut besser als das Dritte Reich". Dieser Historiker hat gerade ein 800-Seiten-Werk über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht. Neue Fakten standen ihm wohl nicht zur Verfügung, aber er hat sich um eine Gesamtschau bemüht, die Einseitigkeiten vermeidet und alle "Akteure" neutral miteinander vergleicht. Die für uns Nachgeborenen kaum fassbaren Sünden und Abgründe des Hitler-Naziregimes werden dadurch nicht verringert, aber die Sünden der anderen Mächte, speziell der Stalin-Sowjetunion und des Mussolini-Italiens, die sich für ihre Macht-Bedürfnisse geschickt in die Handlungen "eingeklinkt" hatten, erhalten ihren angemessenen Stellenwert.

Der Zweite Weltkrieg lässt mich nicht los. Ich werde wohl bis zu meinem Ende darüber weiter rätseln, wie die Menschen in Deutschland mit der Katastrophe umgehen konnten. Heimat futsch, eine Welt von Ruinen, Millionen Söhne und Väter für einen Aberwitz geopfert, viele Mütter, Kinder und Alte in der Zivilbevölkerung ebenso, und alles für einen Verbrecher und seine Schergen, nichts, gar nichts für die "Nation" und die Kultur außer großer Schmach. Bewunderungswürdig, wie meine Elterngeneration trotzdem weitergemacht hat! (Wahrscheinlich mit einem "Augen zu und durch!") Ich bin ihr dankbar dafür, denn ich lebe gern, aber das Entsetzen über all die Taten und vorsätzlichen Täter (auf allen Seiten!!) dieser Zeit wird mich immer begleiten.

(MOZ, 15.2.2010. Buchbesprechung von: Norman Davies: Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945. München 2009.)

5. Noch einmal ein ganz anderes Thema, das aber auch zu meinen "Hobby-Interessen" gehört: Männer! Offenbar hat gerade in Düsseldorf ein Kongress stattgefunden, über den die MOZ unter dem Titel "Das gefährdete Geschlecht" berichtete. Ich zitiere der Einfacheit wegen einfach eine Passage dieses Artikels:

Düsseldorf (dpa) Männer in Deutschland sterben fünf Jahre jünger als Frauen, begehen dreimal so häufig Selbstmord, und Jungen sind die eindeutig schlechteren Schüler. Vielfach fehlten den Söhnen in den Familien "emotional präsente Väter" und in Kindergärten und Schulen verständnisvolle männliche Erzieher, kritisierte der Düsseldorfer Psychoanalytiker Prof. Matthias Franz. "Es ist höchste Zeit, die kollektive Verleugnung dieser Problemzusammenhänge aufzubrechen", forderte der Experte vom Institut für Psychosomatische Medizin der Universität Düsseldorf. Rund 350 Wissenschaftler diskutieren in dieser Woche über den "gefährdeten Mann". (MOZ, 15.2.2010)

Dem ist (leider) wenig hinzuzufügen. In meinem blog über Frauen- und Männerkultur vom vergangenen Donnerstag klingt aber dieselbe "Melodie" an.

6. Das waren noch nicht alle Themen, die an diesem Tag in der Zeitung standen und mich bewegten. Ich langweile aber wahrscheinlich langsam meine Leser. Deshalb führe ich Weiteres nur noch als Aufzählung an:
  • Der Streit um die Gesundheitsprämie und die Entsolidarisierung in Deutschland
  • Dresden und die Gegendemonstration gegen den "braunen Aufmarsch": Warum wird sie so schlechtgemacht?
7. Das stand zwar (noch) nicht in der Zeitung, dafür aber auf meinem Terminplan und war mindestens ebenso beschreibungswürdig: Am 15. 2. hielt Marianne Birthler in der Berliner Urania einen Vortrag über "Das Ende der Stasi und der Umgang mit ihren Akten" im Rahmen der Urania-Reihe "20 Jahre Mauerfall".

Vielleicht ist es meinenLesern jetzt verständlicher, warum ich am 16.2. nur eine allgemeine, vergleichsweise nichtssagende Glosse geschrieben habe. Es war einfach zuviel! Stoff für einen ganzen Monat! Aber ich bin dankbar dafür, alles miterleben zu können und hoffe auf noch viele Jahre mit einem wachen Geist, der mir meine eigenen Gedanken zu den vielen Botschaften ermöglicht.

Donnerstag, 25. Februar 2010

Frauenkultur: !!! - Männerkultur: Fehlanzeige !?

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Im Sozialausschuss meiner Heimatgemeinde stellte heute unsere Gleichstellungsbeauftragte das Fürstenwalder Kulturprogramm anlässlich der 20. Brandenburgischen Frauenwoche vor. Ein bunter Korb verschiedenartigster Angebote von Lesungen, Konzerten, Feiern, Fortbildungen. Für jede etwas. Ihr Etat reiche kaum, weil in diesem Jahr so viele Angebote an sie herangetragen worden seien wie nie zuvor. Für Männer würde sie gern auch etwas organisieren, aber da gäbe es keinerlei Nachfragen...

"Die Kultur" ist lexikalisch ein weiblicher Begriff. Also haben es unsere Altvorderen wohl auch schon gewusst, dass die "Männerherrschaft" nur eine Überkompensation tatsächlicher maskuliner Schwäche ist, denn offenbar sind uns die Damen weit überlegen. Alle neueren Studien belegen die Überlegenheit von Mädchen bei den Schulerfolgen, älter werden die Damen dann schließlich auch noch im Schnitt, was bleibt da den Männern noch an Möglichkeiten besonderer Leistungen, wo sie noch nicht einmal Kinder kriegen können? Gefühle zeigen und kommunizieren gelingt ihnen auch nur viel schlechter; spätestens seit "Caveman" ist bekannt, dass uns arme maskuline Geschöpfe solche Defizite schon seit Urzeiten begleiten. Das ganze Patriarchat war wohl nur ein Versuch, von dieser durchgängigen Unterlegenheit abzulenken und so zu tun als ob ...

Aber im Ernst: Die Frauenbewegung der letzten Jahrzehnte hatte ein festes Ziel und hat etwas bewegt, auch wenn es immer noch viele Ungerechtigkeiten im Vergleich zu Männern gibt und Alice Schwarzer heute nicht mehr den Ton angibt. Frauen haben dazugewonnen und gestalten unsere Gesellschaft zunehmend, Männer stehen in einem Abwehrkampf gegenüber wiedersprüchlichsten Anforderungen und haben bisher kein rechtes Bild dafür entwickelt, welchen Beitrag sie dauerhaft in unserer Kultur leisten wollen und was ihnen dabei guttut.

Lernt von den Frauen! Sie sind uns ein gutes Stück voraus!

Wäre das nicht ein tolles Projekt: Männerwochen!?

Freitag, 11. Dezember 2009

Dinosauria X : Cool sein

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Als ich ein junger Mann war und Psychologie studierte , empfand ich es gleichzeitig als Befreiung, aber auch als schwierige Aufgabe, dass Männer im Rahmen von Selbsterfahrungsgruppen und gemäß anderer Ideen aus der Humanistischen Psychologie Gefühle haben (mussten) und auch zeigen durften. Ich hatte damit meine liebe Not, aber es tat mir offensichtlich gut. Später merkte ich, dass diese „Modernisierung des alten Männerbildes“ dennoch an den meisten Männern ziemlich wirkungslos vorbeigegangen zu sein schien; der „Macho“ war zwar nicht mehr so modern, über „Softies“ wurde aber allgemein eher gewitzelt. Da ich mich in jeder Weise untypisch fühlte, bin ich dann meinen eigenen Weg gegangen, habe versucht, mir meine Fähigkeit zur Empathie zu bewahren und gleichzeitig etwas mehr Durchsetzungskraft zu entwickeln (mit eher bescheidenen Erfolgen).


Heute hätte ich es als Junge wahrscheinlich wieder schwer. Abgesehen davon, dass es immer mehr zweifelhaft ist, ob junge Männer wirklich „das starke Geschlecht“ darstellen und es aufgrund der Schulabschlüsse sehr deutlich ist, dass auch in diesem Bereich Mädchen offenkundig erfolgreicher sind, dürfen Jungen heute – wie eh’ und je – keine Gefühle zeigen und sich nicht anmerken lassen, wie jämmerlich es ihnen manchmal gehen mag: „cool sein“ ist alles, garniert mit einem oft inflationärem „Scheiße!“ (dabei hat dieses Wort wirklich eine befreiende Wirkung, nutzt sich aber irgendwann auch ab!). Bloß keine Schwäche zeigen! Keine Verletztheit zugeben! Ich bin doch souverän! Mich kann keiner!


Welch mühsames Leben! Ich wünsche den jungen Leuten, nicht in dieser modischen Stimmung stecken bleiben zu müssen, die offensichtlich zu unserer jetzigen Jugendkultur dazugehört. Es ist so unbefriedigend, anstrengend, unecht und aussichtslos! Aber jeder muss wahrscheinlich seine eigenen Erfahrungen machen, um sich schließlich von irgendwelchem Gruppendruck emanzipieren zu können, seinen eigenen Stil zu finden und zu sich selbst stehen zu lernen.


Dieses Thema gehört zu den Beispielen, wo ich es sogar schöner finde, schon älter zu sein! Ich beneide die Jungen nicht um ihre Coolness, ohne Gefühle ist es so langweilig auf dieser Welt. Und deren ganzes Spektrum kann man ja nur kennen lernen, wenn man die Welt um sich herum mit offenen Augen ansehen darf und keine starre, „coole“ Brille aufsetzen muss. Aber die stimmt ja sowieso nicht, ist wahrscheinlich nur eine vorübergehende „Krücke“.

Montag, 4. Mai 2009

Reminiszenzen - Mann und Frau im Patriarchat

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Wiederum ein älterer Artikel von mir. Ich erinnere mich noch, dass ich damals recht stolz war, als er wirklich gedruckt vor mir lag. Das ist jetzt immerhin 23 Jahre her. Macht es da noch einen Sinn, ihn wieder aufleben zu lassen? Immerhin werden wir jetzt von einer Bundeskanzlerin regiert!


Ich behaupte aber, dass mein Thema weiterhin Brisanz hat, auch wenn es schon Bemühungen um den „neuen deutschen Mann“ gab und die Bewegung des Feminismus, die zur Zeit meines Artikels sehr lautstark war, eher leise geworden ist. So hatten in meinem jetzigen Lebensumfeld im Osten unseres Landes in der DDR Frauen andere Lebenserfahrungen und z.T. auch Probleme als ihre Geschlechtsgenossinnen im Westen. Meine davon geprägten Schülerinnen waren stolz darauf, ihren Abschluss als „Heilpädagoge“ geschafft zu haben, bezeichneten sich selbst nicht als „Heilpädagogin“ und konnten mit meinen diesbezüglichen Hinweisen – als Mann! – wenig anfangen.


Aber sind Männer im Durchschnitt wirklich gefühlvoller geworden, bewahren sich „Power-Frauen“, die sich einen Platz in der Gesellschaft erkämpfen, dabei auch noch ihre positive weibliche „Beziehungsseite“? Da gibt es sicherlich noch sehr viel Aufräumarbeiten zu leisten.


Eine wunderbare Analyse zu den notwendigen Entwicklungsschritten unserer Gesellschaft gibt auf aktuellem Niveau Horst-Eberhard Richter in seinem Buch „Die Krise der Männlichkeit in der unerwachsenen Gesellschaft“, erschienen 2006 im Psychosozial-Vlg. in Gießen.

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Der folgende Aufsatz erschien erstmalig in dem Themenheft „Psychologie des Zeitgeistes“ von MITEINANDER LEBEN LERNEN, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 11. Jahrgang, H.3. März 1986, S. 24 – 30.

Die Beziehungen zwischen Mann und Frau im Patriarchat

JÜRGEN LÜDER



Schenkt man dem STERN Glauben, so hat in unserer Gesellschaft eine Kehrtwendung stattgefunden; nach Jahren einer gepriesenen Freizügigkeit jetzt die Suche nach Gefühl und Geborgenheit: „Hungrige Herzen überall“(1). Privates Glück als Flucht vor den Schwierigkeiten der Gegenwart, vor Kriegsgefahr, Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, neuen Bedrohungen wie AIDS?


Dem aufgeklärten Zeitgenossen muss aber gerade eine einfache Erfüllung dieses Wunsches als Illusion erscheinen, da individuelles Glück untrennbar verbunden ist mit gesellschaftlichen Bedingungen. In der Tat spricht die Zahl der Ehescheidungen und Partnerschaftsprobleme, deretwegen immer mehr Menschen Hilfe von Psychotherapeuten und Beratern erhoffen, dafür, dass befriedigende und friedliche Beziehungen zwischen Mann und Frau eher eine Ausnahme darstellen und erst in mühevoller gemeinsamer Arbeit errungen werden müssen.


Als tieferliegende Ursache dieser Schwierigkeiten der Geschlechter miteinander sah bereits Adler den starken Vorrang der Männlichkeit, gewachsen in Jahrtausenden des Patriarchats, den er als „Krebsschaden unserer Kultur“ bezeichnete (2). Dieser bedeute ein fortwährendes Streben des Mannes nach Überlegenheit über die Frau, die ihm wiederum seine Privilegien neide: „Bei der engen Zusammengehörigkeit beider Geschlechter ist es begreiflich, dass eine derartige Spannung, eine stete Erschütterung ihrer psychischen Harmonie zu weitgehenden Störungen führt, woraus eine allgemeine Psyche resultiert, die von beiden Teilen des Menschengeschlechts als außerordentlich qualvoll empfunden werden muss“ (3).



Konfrontation mit der eigenen Geschlechtsrolle


Offen oder verdeckt steht damit für jedes Paar die Frage an, wie Frau und Mann zur Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der Geschlechter Stellung beziehen.


Im Gefolge der Frauenbewegung haben viele Frauen dabei eher erkannt, welche gesellschaftlichen Einstellungen und realen Bedingungen ihre Entwicklungsmöglichkeiten einschränken, und Zielvorstellungen für Veränderungen entwickelt. Die traditionelle Frauenrolle, Hausfrau und Mutter, ist stark ins Wanken geraten. Ihre Expansion in Ausbildung und Beruf bedeutet aber gleichzeitig für die Frau, sich in einem von männlichen Werten beherrschten Raum behaupten und oft eine Doppelbelastung in Beruf und Haushalt auf sich nehmen zu müssen. Denn nur zögernd greifen Männer die Anregungen der Frauen auf, ihre Rolle zu überdenken und ihr partnerschaftliches Verhalten zu ändern, z.B. die Frau in Kindererziehung und Haushalt wenigstens zu entlasten oder – viel besser – im gleichen Umfang mitzutun.


Was hindert den Mann, die Entwicklungsimpulse der Frau aufzunehmen und eben so für sich Ziele zu formulieren, etwa im gefühlsmäßigen oder freundschaftlichen Bereich hinzuzulernen? Offenbar ängstigen ihn Veränderungen viel stärker, fürchtet er, vor anderen Männern oder im Berufsleben sein Gesicht zu verlieren, wenn er sich weicher und weniger konkurrenzbetont zeigt, denn solche Wandlungen „greifen tief in die Psyche des Mannes ein, zumal sie in entscheidenden Punkten seiner in früher Kindheit erworbenen Geschlechtsidentität entgegenlaufen“ (4). Oder mag es Trotz sein, nicht kampflos bisherige Privilegien aufzugeben, nicht mehr allein bestimmen zu können? Im positiven Fall könnte es der Mann als eine, wenn auch schmerzliche, Chance auffassen, all die menschlich-weiblichen Züge in seine Persönlichkeit zu integrieren, die er bisher verdrängen musste, oft bis hin zur Karikatur eines unzärtlichen Geschöpfs.



Übermacht männlicher Werte


Trotz der sich langsam anbahnenden Veränderungen leben wir weiterhin in einer patriarchalisch von männlichen Werten bestimmten Welt. Die Ursprünge des Patriarchats reichen weit in die Vorgeschichte der Menschheit zurück, so dass es lange, festverankert in realen Machtverhältnissen, aber auch im Bewusstsein der Menschen, als selbstverständlich und unhinterfragbar galt. Zwar wird die Vorstufe eines Matriarchats mit Überwiegen weiblicher Werte angenommen, aber bereits die Schöpfungsgeschichte der Bibel zeigt die Welt fest in der Hand der Männer, die nunmehr dank ihrer physischen Überlegenheit Besitz, Erbrecht, Moral und Macht an sich gerissen haben: Eva entsteht aus Adams Rippe, außerdem ist sie schuld an der Vertreibung aus dem Paradies.


Bis in die heutige Zeit schloss sich eine Unterdrückung und Diskriminierung der Frau an, galt „weiblich“ als schwach, unten und zweitrangig, „männlich“ hingegen als stark, oben und bevorzugt.


Lange wurden solche Vorurteile auch von der Wissenschaft unterstützt, die Geschlechtsunterschiede in charakterlicher und geistiger Hinsicht beweisen zu können glaubte. Adlers Individualpsychologie bildet hier eine rühmliche Ausnahme. Erst in neuerer Zeit wird in empirischen Untersuchungen immer deutlicher, dass diese Unterschiede, sofern sie überhaupt zu beobachten sind, nicht der unterschiedlichen „Natur“ von Frau und Mann entspringen, sondern Erziehungsprodukt sind. So beruht auch die früher behauptete größere intellektuelle Leistungsfähigkeit des Mannes nur darauf, dass Mädchen oft frühzeitig entmutigt wurden, sich in diesem Bereich zu behaupten und sich etwas zuzutrauen.


Vor diesem Hintergrund erscheint es geradezu als Ungeheuerlichkeit, dass sich die Frau erst in diesem Jahrhundert die formale Gleichstellung zum Mann erkämpfen konnte, der die tatsächliche Chancengleichheit in Berufsleben, Politik und einflussreichen Gremien noch immer nicht gefolgt ist.


Die Bevorzugung des männlichen Prinzips hat auch ihren Niederschlag in der Sprache gefunden, die subtil Herrschaftsverhältnisse widerspiegelt. Neben dem allgegenwärtigen „man“ (wäre eine Wortbildung wie „mensch“ nicht viel logischer?) zeigt sie sich z.B. darin, dass weibliche Berufs- und Gattungsnamen oft aus der männlichen Grundform abgeleitet werden: Herr – Herrin, Gott – Göttin, Arbeiter – Arbeiterin. Eine so moderne und gleichzeitig seltene Wortbildung in anderer Richtung wie „Hausmann“ hingegen lässt viele Menschen eher an der Männlichkeit ihres Trägers zweifeln. Eine ausführliche Analyse dieser Phänomene findet sich bei S. Trömel-Plötz (5).


Aber hat dieser Machtvorsprung dem Mann wirkliche Vorteile gebracht? Von der Verdrängung seiner gefühlshaften Seite war bereits die Rede. Daneben hat die Übersteigerung männlicher Werte bis hin zu einem regelrechten Männlichkeitswahn, bei dem nur noch Stärke, Überlegenheit, Konkurrenz und Ausbeutung zählen, Lebensbedingungen geschaffen, unter denen alle Menschen leiden müssen. Umweltzerstörung durch Ausplünderung unseres Planeten, Errichtung unwirtlicher Städte und Anhäufung atomaren Selbstvernichtungspotentials sind hier zu nennen, während die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaftsform zwangsläufig zur Ausbeutung des einzelnen durch entfremdete Arbeit führte, durch die er nicht mehr selbstbestimmt und kooperativ mit Gleichgesinnten durch sein Tun ein stabiles Selbstwertgefühl aufbauen kann. Scheinbaren Ausgleich bietet nur der Konsum oder die Befriedigung der Geltungsbedürfnisse in anderen Lebensbereichen. Im Gegensatz zur Frau konnte sich aber der Mann bisher oft für die erlittene Unterdrückung am Arbeitsplatz kompensatorisch in der Familie Erleichterung und Bedeutung verschaffen und wenigstens dort seine Macht und Autorität ausspielen. „Die feigsten, widerstandsunfähigsten Menschen werden unerbittlich, sobald sie die absolute elterliche Autorität geltend machen können. Der Missbrauch derselben ist gleichsam ein roher Ersatz für viele Unterwürfigkeit und Abhängigkeit, denen sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft mit oder ohne Willen unterwerfen“ (Marx) (6).



Ungleichheit schafft Unfrieden


Durch die ungleiche Machtverteilung entsteht offen oder verdeckt ein Konfliktpotential zwischen Mann und Frau, das Liebesgefühle abtöten, partnerschaftliches Verhalten vereiteln und sexuelles Glück unmöglich machen kann, sobald nicht mehr die gegenseitige Bereicherung und Hingabe im Vordergrund steht, sondern die Frage: „Kann ich mich behaupten? Wer ist oben, wer ist unten in unserer Beziehung?“


Anfängliche Glücksgefühle verschwinden, Frustrationen und in ihrem Gefolge Aggressionen und Schuldgefühle machen sich breit. So wird der einzelne im Interesse der herrschenden gesellschaftlichen Strukturen nicht nur aus dem Arbeitsbereich heraus gut lenkbar, denn unbefriedigte, unfreie und schuldbewusste Individuen verlieren ihre Lernfähigkeit und sind kaum noch in der Lage, über den engen Horizont ihres persönlichen Unglücks hinaus gesellschaftliche Bedingungen zu durchschauen und für Veränderungen einzutreten. Vielmehr werden sie vermittels ihrer angestauten Aggressionen und Ängste für entlastende Feindbilder empfänglich und manipulierbar.


Es muss hier jedoch der Irrtum ausgeräumt werden, die Probleme von Mann und Frau entstünden allein durch die in der Beziehung wirkende Macht: „Wer Macht nur als verdammenswertes Übel ansieht, verkennt deren positive Seite. Bereits Nietzsche und Adler haben nachdrücklich betont, dass Selbstvertrauen, Lebensfreude und Liebesfähigkeit nicht aus Kleinmut und Minderwertigkeitsgefühlen, sondern aus einem gesunden ‚Machtwillen’ entspringen“ (7).


Seine Macht steigern heißt, so verstanden, sich entwickeln und sein Selbstwertgefühl erweitern. Verfügen Frau und Mann über gleiche Macht, haben sie auch gleiche Entwicklungschancen. Probleme entstehen erst dann, wenn z.B. der Mann seine Macht auf Kosten der Frau zu steigern sucht und ihre Abwehr herausfordert, die sie aktiv oder mehr passiv-masochistisch führen kann.


Wählt sie den aktiven Weg, so kann es zu offenen Kämpfen kommen; die Partner werden zu Feinden, die sich rechthaberisch durch gegenseitige Schuldzuweisungen zu übertrumpfen suchen, oft damit aber nur ihre Ohnmacht der Situation gegenüber verbergen. Auch indirekte Methoden können gewählt werden, etwa dem Partner Anerkennung und Unterstützung verweigern oder sich der Sexualität entziehen. Verlierer sind beide, da sie ihre Kraft im Kampf verzehren, die sie sonst für ihre persönliche und gemeinsame Weiterentwicklung einsetzen könnten.


Aber auch die sich masochistisch unterordnende Frau wird ihrem Mann nicht die Anerkennung geben, die er sich erhofft. Denn Machtlosigkeit erzeugt notwendigerweise Feindseligkeitsgefühle gegenüber dem Mächtigen. Auch verdrängt entfalten sie ihre Wirksamkeit, führen zu Ressentiment und Neid und machen Solidarität mit dem Partner unmöglich.


Aus diesen Überlegungen folgt zwingend, dass der heute von manchen Paaren praktizierte Rollentausch keine Lösung des Problems bringt; es ist, als würden gleichsam nur die Vorzeichen umgekehrt. Bezeichnend hierfür sind die folgenden Schilderungen eines Hausmannes, der ein regelrechtes „Hausfrauensyndrom“ entwickelt: „Man ist eben von einem Teil der Welt abgeschnitten und kann quasi nur noch über das Kind reden. Die Decke fällt einem auf den Kopf. Man muss raus aus den vier Wänden und bekommt eine unwahrscheinliche Kauflust, der man nicht widerstehen kann“ (8).


Auch der Versuch, machtfrei in völliger Harmonie miteinander zu leben, muss scheitern, da Konflikte in Beziehungen unausweichlich sind und verdrängt gegenseitige Feindseligkeit erzeugen müssen. Auch verzichten die Partner auf die positiven Möglichkeiten der Machtsteigerung und werden sich keine Entwicklungsimpulse geben.


Für die in diesem Abschnitt geschilderten aktiven Abwehrformen von Machtlosigkeit prägte Adler den Begriff „männlicher Protest“, den er zunächst auf Männer und Frauen im Sinne des Überlegenheitsstrebens bezog, später aber einschränkte auf Frauen, die die Frauenrolle ablehnen. Protest kann dabei solange durchaus positiv verstanden werden, wie es um eine entwicklungsfördernde Haltung gegen Unterdrückung geht. Erst wenn er sich überkompensatorisch ohnmächtig die pathologischen Strukturen zu eigen macht, die er ursprünglich abwehren wollte, wird er zum Problem. Erst dann entsteht z.B. die Karikatur einer Frau, die unter Leugnung aller ihrer weiblichen Eigenschaften männlicher sein möchte als der Mann und damit ihre vollen Entwicklungsmöglichkeiten verrät.



Gemeinsame Emanzipation als Beitrag zum Frieden


Wie lassen sich angesichts der genannten Schwierigkeiten Wege finden, friedlichere Beziehungen zwischen Mann und Frau zu gestalten? Das Geschlechterverhältnis ist eng verwoben mit ökonomischen Grundlagen und gesamtgesellschaftlichen Bewertungen, die allesamt veränderungsbedürftig erscheinen. Zu Wandlungen wird es aber nur dann kommen, wenn immer mehr Frauen und insbesondere auch Männer aus Betroffenheit heraus ihre Sensibilität für diese Probleme weiterentwickeln, um gemeinsam Widerstand zu leisten, wo sich Anzeichen von Männlichkeitswahn und ökonomischer Ausbeutung in unserer Gesellschaft zeigen. Dazu wird ein langer Weg notwendig sein.


Der einzelne kann aber in seiner unmittelbaren Umgebung Veränderungen schaffen, die dieses Ziel vorbereiten, indem er sich um mehr Frieden in seiner eigenen Partnerschaft bemüht, auch Freundschaften mit dem anderen Geschlecht pflegt und seine Kinder zu mutigen Menschen zu erziehen versucht, die männliche und weibliche Züge in sich vereinigen können.


Positive Weiterentwicklung in einer Partnerschaft wird nur denjenigen Frauen und Männern möglich sein, die sich gegenseitig gleiche Macht zugestehen, Konflikten nicht ausweichen, diese vielmehr als Ausgangspunkt für notwendige Auseinandersetzungen und gemeinsame Lernprozesse auffassen. Unruhe und Betroffenheit können zu mehr Frieden führen als scheinbare Harmonie, wenn die Partner Auseinandersetzungsmethoden entwickeln können, die eine Verständigung jenseits von Kampf und Schuldzuweisungen ermöglichen. Dabei wird besonders die Aufteilung der Aufgaben zwischen Frau und Mann im Mittelpunkt stehen, insbesondere zur Aufhebung der Doppelbelastung vieler Frauen. Vielleicht könnte hier die Anregung aus einer Befragung von 1985 richtungsweisend sein: „Mann und Frau arbeiten halbtags und betreuen die Kinder wechselweise“, die jedoch bisher noch stark auf Widerstand der Männer stieß (9).


Männer und Frauen, die in dieser Weise an ihrer Partnerschaft arbeiten, leisten damit einen Beitrag zu ihrer Persönlichkeitsbildung und schaffen gleichzeitig ein Stück Beziehungskultur. Sie stützen sich bei ihrer gegenseitigen Emanzipation von der Unvernunft bisheriger Rollenerwartungen und stärken sich so in ihrer Widerstandskraft gegen krankmachende und kriegsfördernde Einflüsse in Staat und Gesellschaft. Denn der befriedigte, in Sexualität und Arbeit ausgefüllte Mensch hat Lebenswillen, das Bedürfnis, sein Dasein sinnvoll zu gestalten und über seinen persönlichen Bereich hinaus auch an einer Verbesserung der Lebensbedingungen aller Menschen mitzuarbeiten.



Literatur

(1) Paula Almqvist, Zurück zur Liebe, in: STERN 49/84.

(2) Alfred Adler, zit. n. Heinz und Rowena Ansbacher, Alfred Adlers Individualpsychologie, München 1975, S. 72.

(3) Alfred Adler, Menschenkenntnis, Frankfurt a.M. 1966, S. 116.

(4) Jürgen Schmitz, Psychologie des Mannes, in: G. Rexilius u. S. Grubitzsch (Hrsg.), Handbuch psychologischer Grundbegriffe, Reinbek 1981, S. 822.

(5) Senta Trömel-Plötz, Frauensprache – Sprache der Veränderung, Frankfurt a.M. 1982.

(6) Karl Marx, zit. n. Henry Jacoby, Alfred Adlers Individualpsychologie und dialektische Charakterkunde, Frankfurt a.M. 1974, S. 102.

(7) Günter Gödde, Masochismus und Moral, Wien 1983, S. 101.

(8) Uwe Behringer, Väter `86, in: STERN 4/86.

(9) Ursula Lebert, Brigitte-Untersuchung 1985, Der Mann, in: BRIGITTE 24/85.