. Unter diesem Titel berichtete die MOZ am 24.5.2919 über die Vergabe des diesjährigenLehrerpreises in Brandenburg. Dieses Thema hat mich schon in früheren Jahren zur Kritik angeregt, vielleicht habe ich sogar schon einmal in diesem blog darüber geschrieben. Jedenfalls habe ich einen Leserbrief verfasst, der sogar abgedruckt worden ist:
MOZ, 13.6.2019 (Leserbriefseite):
Für herausragende Arbeit geehrt .
Lehrer Man sollte lieber Teams oder ganze Schulen für besonders gute Bildungsproekte prämieren.
Zu "Die Top-Lehrer Brandenburgs in diesem Jahr" (Ausgabe vom 24.Mai)
Ich kenne den harten Berufsalltag, gerade von engagierten Lehrkräften, deshalb gratuliere ich allen Preisträgern. Aber bei einer Olympiade gibt es wenigstens eine Silber- und Bronzemedaille. Hier aber gehen alle anderen im Kollegium leer aus. Das fördert das Konkurrenzdenken und kann die Stimmung beeinträchtigen. Ich kenne Kollegien, die deshalb an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen wollen.
Überthaupt: Der Lehrer als Einzelkämpfer ist bei den heutigen Vorstellungen einer zeitgemäßen Schulpädagogik ein Auslaufmodell. Sollte man nicht lieber Teams oder ganze Schulen prämieren, die besonders gute Projekte, z.B. im Bereich Integration, Inklusion und Unterstützung von Migrantenkindern durchgeführt haben?
.
Bedingt durch den Schulbesuch meines kleinen Sohnes Paul Jakob verfolge ich nun schon seit geraumer Zeit das Thema "Inklusion" in Brandenburg, denn seine Allgemeine Förderschule stand lange Zeit auf der Schließungsliste des Ministeriums. Nach vielen Protesten im Lande wird jetzt eine weniger direkte Strategie verfolgt und erst einmal in einem Pilotprojekt ausprobiert, ob normale Grundschulen mit verbesserter Ausstattung überhaupt in der Lage sind, inklusiv zu arbeiten und behinderten Kindern gerecht zu werden. Mißtrauisch geworden, verfolge ich aber alle Schritte im Lande kritisch und hinterfrage sie.
Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich nämlich manch Versprechen als "Bohren eines dünnen Brettes", so denke ich leider auch über die aktuellen Ereignisse:
Zunächst möchte ich einen Artikel der MOZ v. 29.4.2012 zitieren, der über die Wahl einer Schule meiner Heimatstadt Fürstenwalde in den Kreis der Pilotschulen in Brandenburg berichtet:
Gemeinsam lernen
Fürstenwalde (IsI) Die Sonnengrundschule nimmt Teil am Pilotprojekt "Schule für alle" des Brandenburger Bildungsministeriums. [...] 84 Schulen im ganzen Land, elf davon in Oder-Spree, erproben im kommenden Schuljahr den Ausbau inklusiver Bildungsangebote. An den Pilotschulen lernen Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsam. Pro Klasse werden maximal 23 Schüler unterrichtet. Im Rahmen des Projektes werden insgesamt rund 100 zusätzliche Lehrer bereitgestellt.
Das hat mich nicht ruhen lassen, folgenden Leserbrief an die MOZ am 1.5.2012 zu richten:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Sie berichten vom Erfolg der "Sonnengrundschule", am Pilotprojekt "Schule für alle" teilnehmen zu dürfen. Nach den heftigen Protesten gegen die Inklusions-Planungen des Ministeriums (Schließung der Allgemeinen Förderschulen) war dieses Projekt zur vorsichtigeren Erprobung inklusiver Beschulung ersonnen worden. Meine Gratulation an die Schule, die sich ja schon lange um die integrative Betreuung von behinderten Kindern verdient gemacht hat.
Beim genaueren Lesen lässt sich dann der "Pferdefuß" aber nicht mehr verstecken: Rein statistisch entfällt auf jede teilnehmende Pilot-Schule gut eine Lehrerstelle zusätzlich. Ist das die großzügige Unterstützung des Ministeriums für alle zusätzlichen Arbeiten der Schulen? Es kreißte der Berg und gebar eine Maus ...
Freundliche Grüße Jürgen Lüder
Wie soll das gehen? Die Klassenstärken sind immer noch für diese Zusammensetzung in schwindelnder Höhe, und die neue Lehrkraft darf von Klasse zu Klasse hüpfen, gerade in mehrzügigen Schulen. Oder ist sie nur zum Einsatz in den neuen ersten Klassen gedacht, die nach dem neuen Modell gebildet werden? Dann wäre es evtl. noch vertretbar, aber nirgendwo war von dieser Regelung die Rede.
Ich erlebe es als angenehm, dass sich bei mir mit zunehmendem Abstand von meinem Berufsleben ein größerer innerlicher Frieden einstellt: Während ich mich früher stark über Ungerechtigkeiten am Arbeitsplatz und Unklares im Schulalltag aufregen konnte, ist dies alles jetzt weit weg von mir, mein Zorn ist verrauscht und ebenso meine Bereitschaft, auf irgendwelche Barrikaden zu steigen.
Dachte ich ... Von einer unerwarteten Seite her habe ich wieder Anlass, mich über Schule und Schulpolitik aufzuregen und muss meinen Kampfesmut im Zaum halten, weil nur ein kühler Kopf Punkte bringt. Dabei ist der Anlass auf den ersten Blick sehr positiv: Deutschland hat 2009 eine UN-Konvention mit unterzeichnet, die für Gleichberechtigung aller Menschen eintritt und unter anderem die inklusive Beschulung behinderter Menschen fordert. "Inklusion" als neues Paradigma in der Behindertenarbeit! Grundsätzlich ein sehr positiver Ansatz und für mich zusätzlich noch "hautnah", weil mein kleiner Sohn Paul Jakob betroffen ist und eine Allgemeine Förderschule besucht, unterstützt von einem persönlichen Einzelfallhelfer.
In Berlin und Brandenburg hat dies dazu geführt, dass die dortigen Kultusminister jetzt ganz fortschrittlich sein wollen und diese UN-Konvention unbedingt umsetzen wollen. Opfer: Die Allgemeinen Förderschulen! Denn diese sollen in Brandenburg bis spätestens 2019 geschlossen und ihr Schülerklientel zukünftig "inklusiv" an Regelschulen unterrichtet werden. Grundsätzlich ja o.k., wenn diese Regelschulen von Klassenstärken und Lehrerschaft her ähnlich ausgestattet würden wie bisher die Förderschulen. Das wäre eine echte Revolution (Klassenstärken nur noch bis 16 Schüler! ausgebildete Sonderpädagogen!) und käme dann allen Schülern zugute. Es würde aber eine erhebliche Ausweitung des Schuletats erfordern, um all das dann notwendige Personal einzustellen. Weit gefehlt!!! Diese Veränderungen sollen kostenneutral durchgeführt werden, d.h., was den Förderschulen genommen werden wird, wird auf alle anderen aufgeteilt, die dann ein bißchen zulegen können, aber eben nur ein bißchen... Und der Schutzraum "Förderschule" wird nicht mehr existieren.
Zwar wird mein Sohn bis zum Greifen dieser "Reform" schon seine Schulzeit beendet haben, aber diese Planungen überschatten alles Weitere in seiner Schule. So habe ich mein neues "Kampfthema", denn diese sehr abgespeckte Variante von "Inklusion" halte ich für unvernünftig und die Art und Weise, wie sie vom Ministerium offenbar durchgepeitscht wird - entgegen allen Vorbehalten einschlägiger Lehrergewerkschaften und Fachverbände - sehr merkwürdig und undemokratisch.
Deshalb werde ich mich zukünftig für dieses Thema engagieren und habe dafür auch schon eine neue Rubrik aufgemacht: "Förderschulenstreit". Ganz neu ist das Thema dabei allerdings nicht, denn die mögliche Schließung der Allgemeinen Förderschulen geistert schon länger durch die Schullandschaft und hatte vor Jahren zur Folge, dass Schulen dieses Typs "eigentlich" keine ersten Klassen mehr aufnehmen durften. Bereits beim Jahrgang unseres Sohnes lag aber eine so große Nachfrage vor, dass das Schulamt eine Ausnahme genehmigen musste. Und die derzeitige erste Klasse seiner Schule ist fast überfüllt... Im Zusammenhang mit dieser Problematik habe ich bereits vor Jahren schon einmal einen Leserbrief an die Zeitschrift "Menschen" verfasst. Wer ihn lesen möchte, findet ihn ebenfalls unter der neuen Rubrik.
Heute folgt an dieser Stelle ein Leserbrief, den ich an unsere örtliche Zeitung MOZ am 8.4.11 geschickt habe, in Teilen dort abgedruckt am 16.4.11!
Liebe MOZ,
am 1.4.2011 berichteten Sie an mehreren Stellen über die von Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch angekündigte Schließung der Förderschulen mit dem sonderpädagogischen Schwerpunkt „Lernen“ bis 2019. Zunächst glaubte ich – vom Termin her – an einen Aprilscherz, aber Frau Münch ist es wohl bitterernst mit der Auflösung aller einschlägigen Sonderschulen. Denn der Politik sitzt dabei die von Deutschland ratifizierte UN-Konvention von 2009 im Nacken, die verbindlich die gemeinsame Beschulung aller Kinder im Sinne des neuen Paradigmas „Inklusion“ fordert. Die Brandenburger Parlamentarier waren überrascht, haben es offenbar weniger eilig als die Ministerin, die sich hier möglicherweise in „vorauseilendem Gehorsam“ übt.
Die Umsetzung von „Inklusion“ an unseren Schulen ist aber noch ein nebulöser Traum, solange in Grundschulklassen über 20 Schüler sitzen, Sonderpädagogen knapp sind und die Schulsozialarbeit rar: „Inklusion“ bleibt solange ein wohlklingendes Zauberwort ohne reale Chancen, solange keine massiven personellen und materiellen Verbesserungen an den Schulen eingeleitet werden. Davon habe ich bisher allerdings nirgendwo etwas gesehen. Es wäre eine echte Revolution! Und die würde einiges kosten, aber zeigen, ob es der Politik mit den ständig gepriesenen Verbesserungen im Bildungsbereich wirklich ernst ist.…
Da hat es mein Sohn als Förderschüler in einer Kleinklasse von 10 Kindern mit einer engagierten Lehrerin in Kombination mit einem (nichtstaatlichen!) heilpädagogischen Hort besser. Frau Münch sollte uns einmal besuchen und die realen Bedingungen an den Schulen kennen lernen, bevor sie solche großen Worte gebraucht, die uns verschrecken! Die hiesigen Grundschulen wären mit der Betreuung unseres Sohnes völlig überfordert (und sind es auch ohne ihn angesichts einer zunehmenden Zahl schwieriger Kinder schon in ihrer normalen Arbeit), unser Sohn wiederum würde rettungslos in ihnen untergehen. Was für eine Perspektive!
. Es ist kein neues Thema, darum habe ich es unter die Überschrift "Reminiszenzen" gestellt. Für Abschiede entwickle ich mich ansonsten z.Zt. zum Experten, es muss wohl mit meinem Alter und meiner jetzigen Rolle in der Gesellschaft zusammenhängen...
Der konkrete Abschied war mein Austritt aus dem Verband der Psychologielehrerinnen und Lehrer, denn nach meinem Abschied von der Schule habe ich in einschlägigen Verbänden und ihren unumgänglichen Mitgliedsbeiträgen keinen Sinn mehr für mich gesehen, irgendwie aber auch sehr schade... In meinem Abschiedsbrief habe ich aber noch einmal zu meiner Psychologie-Lehrer-Sitation an meiner früheren Fachschule Stellung bezogen und den m.E. unsinnigen "Reformen" in diesem Bereich, die uns "von oben" ohne Rücksprachen (ich bin - trotz langjähriger Erfahrungen - niemals in diesem Zusammenhang zu einer beratenden Kommission eingeladen worden) aufgezwungen wurden. Ich zitiere aus meinem eigenen Brief (v. 10.1.2009): [...]
Seit Sept 2008 bin ich aus dem aktiven Schuldienst ausgeschieden. [...] Ich beende deshalb meine Mitgliedschaft [...]
Falls es jedoch irgendwann einmal die Möglichkeit/Notwendigkeit geben sollte, für die Existenzberechtigung des Faches "Psychologie" einzutreten, könnten sie weiterhin mit mir rechnen! In meiner Sonderform von Schule ("Fachschule für Sozialwesen") wurde "Psychologie" bereits vor Jahren im Zuge der "Reformen" um die Lernfelddidaktik abgeschafft und als eine der "Früchte" in die große "Fruchtmarmelade" des jetzigen Unterrichts eingerührt. Ohne klare Verortung und Qualifizierung der einschlägigen Lehrkräfte m.E. eine deutliche Verschlechterung für die Vermittlung weiterhin bedeutsamer psychologischer Inhalte.
Einmal in seinem Leben pädagogisch „aktiviert“, als Lehrer, Dozent, Erzieher, Weiterbildner, Mama und Papaaus Überzeugung (die allerdings manchmal erst aus der Notwendigkeit erwächst) – es lässt einen nicht mehr frei und hängt einem wahrscheinlich bis zum Lebensende an. Und macht sicherlich einen Unterschied zu anderen Menschen, die in anderen Lebensbereichen ihre Prioritäten suchen. Finanziell eher wackelig (Erzieherzu werden kann ich mit gutem Gewissen keinem jungen Menschen empfehlen, für den Karriere und hohes Einkommen wesentliche Werte sind), trösten sich alle Pädagogen mit dem Bewusstsein, eine besondere Tat zu vollbringen und durch die Erziehung und Belehrung ihrer jeweiligen Zöglinge (die ja durchaus auch schon ein höheres Alter erreicht haben können und dann besonders dankbare „Opfer“ sind, die disziplinarisch keine Probleme mehr machen), einen Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt zu erbringen, der eh’ so wertvoll ist, dass das eher mickrige Entgelt nicht so schmerzt. Jeder kann aus diesenZeilen ersehen, dass ich „vom Fach“ bin…
Mit diesem Zusatzlohn „auch ich gehöre zu dieser besonderen Gruppe von Menschen“ versehen, der mich mein eher schmales Portemonnaie immer ertragen ließ, habe ich bis vor kurzem gut gelebt. Aber dann hat mich mein lesewütiger kleiner Sohn geschockt. Er ist auf Erdkunde und Geschichte spezialisiert. So las ich ihm vor wenigen Tagen aus seinem „bunten Wörterbuch Geschichte“ etwas über die Kultur der alten Griechen vor.
Ich musste meine Brille zweimal putzen, aber dort stand doch wirklich (mit wunderhübschen Bildern illustriert):
Die Schüler
Nur die Jungen der reichen Bürger gingen zurSchule. Dort wurden sie auch in Sport und Musik unterrichtet. Die Mädchen blieben zu Hause.
Der Sklave, der das Kind zum Unterricht begleitete, hieß Pädagoge.
Nun wissen wir’s! Es ist heraus! Abgesehen von der elitären Bildung für wenige (aber wer heute etwas auf sich hält – und es sich leisten kann -, gibt ja auch wieder sein Kind auf eine Privatschule, um es vor überfüllten staatlichen Klassen und ?!? fragwürdigen Mitschülern zu retten…) und des Umstandes, dass da in Griechenland noch ein großes Betätigungsfeld für Feministinnen gewesen wäre, ist die dienende Rolle des Pädagogen ja hervorragend beschrieben. Pädagogik-Sklaven aller Länder, befreit euch und fordert eine bessere Bezahlung und gesellschaftliche Anerkennung eurer Knochenarbeit!!!
(Das Zitat habe ich entnommen dem Buch: Deinbuntes Wörterbuch Geschichte. Idee: Emilie Beaumont. Text: Marie-Renée Pimont. – Köln: Fleuros Vlg. 2005. S. 28.)
Immer lauter werden die Rufe, Förderschulen in Deutschland abzuschaffen; internationale Gremien schelten unser Schulsystem, das so viele Formen von Sonderschulen „pflege“ wie sonst nirgendwo. Unter den Prämissen von „Integration“, mittlerweile lautet das Zauberwort „Inklusion“, seien sie nicht mehr zeitgemäß und schmälerten die Zukunftsaussichten aller Kinder und Jugendlichen, die in ihnen beschult würden. Natürlich hätten sie auch große Fürsprecher, denn alle dort arbeitenden Lehrkräfte würden gern an diesem Modell festhalten, aber das sei ja Eigennutz ...
Ich sehe das sehr zwiespältig.
Einerseits habe ich lange im Fachschulbereich gearbeitet und dort durch meine Tätigkeit viel von moderner Behindertenpädagogik (oder wie sie sich sonst noch nennt, die Fachleute sind oft sehr empfindlich, dass man ihre Richtung auch mit dem akzeptierten Namen benennt …) und Heilpädagogik gehört, also auch von dem Paradigmenwechsel hin zu Normalisierung, Integration und Inklusion. Von meinen praktischen Erfahrungen in Behinderteneinrichtungen weiß ich allerdings auch um die Probleme, speziell bei Geistig Behinderten, wenn „reinrassig“ diese Prinzipien umgesetzt werden und meistens dadurch höhere Anforderungen an die Betroffenen gestellt werden, die nicht selten einen alt vertrauten „Schonraum“ dadurch einbüßen. Hätten die Betroffenen, in deren Namen alle Reformen geschehen, selbst im Vorfeld ihnen zugestimmt (sofern sie dessen mächtig sind)? Das wird von den Reformern immer als selbstverständlich angenommen – aber auch abgefragt?
Aber es soll hier ja vorrangig um Förderschulen gehen. Da bin ich besonders betroffen, weil unser kleiner Sohn Paul Jakob mit seiner schweren Sprach- und Entwicklungsstörung uns längere Zeit Rätsel aufgegeben hat, ob überhaupt und an welcher Schule er beschulbar sein könnte. Mittlerweile geht er – mit Einzelfallhelfer – in eine kleine Klasse in unserer hiesigen Allgemeinen Förderschule. Wir sind erleichtert, er vermittelt uns deutlich, dass er sehr gern zur Schule geht. In seiner Klasse sind 10 Kinder. Es ist uns unvorstellbar, wie es in einer größeren Klasse, auch als Integrationsklasse, mit ihm gehen könnte. Haben Integrationsbefürworter auch einen Paul Jakob im Blick? Da müssten die Bedingungen an Schulen hier zu Lande aber noch revolutionär verändert werden …
Diese Bedenken im Rahmen der Förderschul-Debatte trage ich schon lange mit mir herum. Vielen Befürwortern der Abschaffung von Förderschulen werde ich damit vermutlich als „Bremser“ erscheinen, aber alle meine Argumente haben einen lebenspraktischen Hintergrund.
Bereits vor knapp zwei Jahren habe ich einen diesbezüglichen Leserbrief an die Zeitschrift „Menschen“ geschrieben, die ebenfalls ein Plädoyer zur Abschaffung der Förderschulen veröffentlicht hatte.
Mein Leserbrief an die Redaktion „Menschen“ c/o Aktion Mensch v. 5.1.2008
Betrifft: „Menschen“ 1/2008, Beitrag über Förderschulen
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen, in dem Sie ausdrücklich für die integrative Beschulung von behinderten Kindern werben.
Ich kann mich in die Situation gut einfühlen, weil mein kleiner behinderter Sohn im Sommer eingeschult werden muss und wir aufgeklärt wurden, dass die allgemeinen Förderschulen in Brandenburg keine 1. Klassen mehr einschulen.
So weit so gut. Doch bis zu einer erfolgreichen Integration sind dann die Hürden bei uns in Brandenburg noch hoch: Alle Kinder werden in „normale“ 1. Klassen der Grundschulen eingeschult (Ausnahmen: Förderschulen für geistig behinderte und für körperbehinderte Kinder), nehmen gegebenenfalls an einem „sonderpädagogischen Feststellungsverfahren“ teil und sollen „maßgeschneiderte Hilfe“ bekommen. Das klingt schön. Bis aber alles abgeklärt ist, verbringen auch die Kinder mit eingeschränkten Möglichkeiten Wochen, Monate, vielleicht noch länger in der Regelklasse und werden sicherlich einigen Frust aushalten müssen, wenn sie nicht mithalten können.
Denn das schöne Konzept hat einen großen Pferdefuß: Offensichtlich laufen 1. Klassen weiterhin mit 25 – 28 Schülern, es dürfte auch keinen 2. Lehrer geben, vielleicht einmal einen Kollegen, der ein Kind im Rahmen des Feststellungsverfahrens stundenweise beobachtet.
Wie soll das laufen? Ich halte dies für eine Zumutung sowohl für Lehrkräfte als auch Kinder. Denn es wird am Notwendigsten gespart, trotzdem soll es nach einer pädagogischenNeuerung aussehen. Dafür wären aber kleine Klassen und mehr Lehrkräfte bzw. weiteres Personal notwendig. Grundsätzlich gibt es mehr als genug Lehrer in Brandenburg; wegen der verringerten Schülerzahl müssen sich Lehrkräfte auf Stundenkürzungen bzw. Versetzungen im Land einstellen.
Darum: Mehr schöner Schein als Sein! Bildung darf bei uns nicht mehr kosten. Traurig aber wahr.
Vielleicht sollten Sie auch über diese sozialen/ökonomischen Rahmenbedingungen berichten, in denen Deutschland offenbar in vielen Bundesländern sehr rückständig ist.
Dieser Leserbrief, der Bezug nahm auf die Berichterstattung über Vorschläge der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing, wurde in leicht abgewandelter Form am 25.7.2009 veröffentlicht. S. Bätzing befürwortete die Einführung von Unterricht zum Thema „Gefährdung durch Alkohol“.
Ich gebe den Wortlaut meines Leserbriefs in der tatsächlich abgedruckten Fassung noch
einmal wieder:
Weiter Weg zu Änderungen
Zu„Bätzing will Unterricht gegen Alkohol“ (MOZ vom 17. Juli):
Ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen ist begrüßenswert. Überfällig ist, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, dieihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserung initiieren kann. Denn Aufklärung kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“.
. In der Märkischen Oderzeitung (MOZ) erschien am 17.7.2009 unter dem Titel:
Bätzing will Unterricht gegen Alkohol. Drogenbeauftragte schlägt neues Fach vor
der folgende Artikel, den ich hier leicht gekürzt wiedergebe:
Im Kampf gegen das Koma-Trinken bei zehntausenden Jugendlichen hat die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing [SPD] flächendeckenden Schulunterricht für gesundes Leben vorgeschlagen. […] Die Aufklärung über Gefahren von Alkoholmissbrauch müsse schon bei Kindern beginnen und sich „wie ein roter Faden“ durch die Ausbildung ziehen. „In der neunten Klasse im Biounterricht über Alkohol zu sprechen, ist eindeutig zu spät.“
Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützte die neuerliche Forderung nach einem Schulfach für mehr Lebenskompetenz und Alkoholvorbeugung. „Wenn die Elternhäuser das offenbar nicht mehr leisten können, muss der Staat das teilweise übernehmen“, sagte Geschäftsführer Gerd Landsberg. Mehr als 23 000 Kinder und Jugendlichen kamen nach Koma-Besäufnissen zuletzt ins Krankenhaus. Massiv griff Landsberg die Krankenkassen an. Sie gäben nur 18 Cent pro Jahr und Versicherten für Alkoholprävention aus […].
Auf der 2. Seite folgt unter der Rubrik „Gesagt ist gesagt“ zusätzlich noch das folgende erhellende Zitat von Sabine Bätzing:
„Wenn sie kein Jugendzentrum, keine Freizeiteinrichtung mehr haben, müssen wir uns nicht wundern, wenn sie mit einem Sixpack zum Bushäuschen gehen.“
Das hat mich veranlasst, der MOZ am 22.7.09 einen kurzen Leserbrief zu schreiben: [ Dieser Leserbrief wurde tatsächlich in leicht abgewandelter Form am 25.7.09 in der MOZ veröfentlicht, vgl. meinen blog v. 3.9.2009!]
Leserbrief an die Märkische Oderzeitung
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse habe ich am 17.7.09 Ihre Berichterstattung über den Vorschlag der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing gelesen, ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen.
Ich finde es begrüßenswert und überfällig, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, die ihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserungen initiieren kann. Denn „Aufklärung“ kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“. In diesem Sinne finde ich die im selben Artikel zitierte Stellungnahme von Gerd Landsberg (Deutscher Städte- und Gemeindebund), der die Krankenkassen wegen zu geringer präventiver Maßnahmen angriff, an den falschen Adressaten gerichtet. Es sind andere Mächte, die ein Interesse daran haben, dass weiterhin der Alkohol in Deutschland in Strömen fließt. Aber wahrscheinlich ist es gefährlicher, sich mit denen anzulegen …
Mit freundlichen Grüßen JÜRGEN LÜDER
Ein erster Schritt! Und jetzt auch für die richtige Zielgruppe! Ich fand es nämlich vorher manchmal schon eher komisch, mit welcher Vehemenz für und gegen das Rauchen gekämpft wurde, der Alkoholkonsum aber tabu blieb. Manchmal taten mir fast die Raucher leid, weil viele Regelungen nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip gestrickt waren und keinerlei Zwischentöne erlaubten. Mir selbst tat es allerdings nicht weh, denn ich rauche seit 9 Jahren nicht mehr, ohne dass mir etwas fehlt. Beim Alkohol empfinde ich es ähnlich, nur dass der Beginn meiner Abstinenz-Zeit nun schon bald 17 Jahre zurückliegt. Für beide „Abstinenzen“ empfinde ich etwas wie Dankbarkeit, denn ich vermisse nichts mehr von diesen „Volksdrogen“ in meinem Leben und es geht mir unvergleichlich viel besser ohne sie. Ich bin dadurch aber nicht zum Moralisten geworden, möchte eher solche Bewegungen unterstützen, die speziell die Ausbreitung des Alkohols in unserer Gesellschaft eindämmen wollen. Dafür habe ich schon zuviel Elend mitbekommen, der vom Alkohol ausgelöst wurde.
Hoffentlich wird dieser Impuls von den Schulen gut aufgegriffen. Denn allein von der Schulbürokratie steht dem ja einiges entgegen: Die Stundentafel müsste geändert werden, die Lehrbefugnis von Lehrkräften für dieses neue Fach müsste geklärt werden, Stoffverteilungspläne fehlen und, und, und…
Ein Frage ans Gewissen: Konnten Lehrer, denen dieses Thema wichtig war, es nicht auch bisher schon in ihrem Unterricht unterbringen? Wäre das nicht eigentlich „ein Job“ für Klassenleiter in entsprechenden Verfügungsstunden? Allerdings würde das alles natürlich auch ein wenig Selbsterfahrung bei solchen Lehrkräften erfordern und z.B. ein Nachdenken über das Gläschen Rotwein oder den Sekt, den jeder mal so gerne trinkt?
Grundsätzlich glaube ich, dass Kindern und Jugendlichen im schulischen Bereich ohnehin viel mehr an Wissen über pädagogische und psychologische Sachverhalte beigebracht werden könnte im Sinne einer sozialen „Grundausstattung“ für kompetentes Tun und Helfen, mit grundlegenden Kenntnissen über Kindererziehung, Sexualität, Gestaltung einer Partnerschaft, seelische Probleme einschl. süchtiges Verhalten und vieles mehr, eine praktische Ethik gesunder Lebensführung, warum nicht mit einschlägigen Übungen. Zwar gibt es wohl in Gymnasien Leistungskurse im Fach „Psychologie“, aber die dienen wahrscheinlich eher der Vorbereitung auf ein Psychologie-Studium als solchen lebenspraktischen Fragen. Dies ist ein Thema, für das ich mich gerne „stark“ machen würde, wenn es dafür einen Ansatzpunkt gäbe!
Ich habe mich mit dem Thema „Jugend und Alkohol“ übrigens schon vor Jahren ausführlicher beschäftigt und seinerzeit einen Artikel darüber geschrieben. Er findet sich bereits auf meinem blog unter dem Titel „Reminiszenzen: Jugend und Alkohol“ am 30. April 2009!
. Und wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen! Mein kleiner Sohn Paul Jakob liebt den KIKA, wirklich ein empfehlenswerter Fernseh-Sender für Kinder. Aber ich habe einmal bewusst nur auf die Ankündigungen weiterer Sendungen gehört (erfreulicherweise gibt es sonst keinerlei Werbung!), da wurde mir auf einmal ganz anders: es ging ständig um irgendwelche Ausscheidungskämpfe, um „Bester“ sein zu können, beste Klasse, bester sonst was … Überlegenheit, Ausstechen, Konkurrenz. Die Kinder und Jugendlichen werden rechtzeitig in unser gesellschaftliches Klima eingeführt. Kooperation, gemeinsames Tun ist ja gut und nett, wenn es dann aber auch an der richtigen Stelle wieder in die offenbar „betriebsnotwendige“ Konkurrenz einmündet. Was wäre Deutschland ohne diese große Kraft !!!!
Sind wir nun deshalb aber auch ein Volk von Siegern? Wenn ich in die deutsche Geschichte zurückblicke, wirkt es eher wie das Gegenteil davon. (Vielleicht machen solche Erlebnisse ja geradezu „geil“ auf Siege …) Wenn ich dann in die Gegenwart gucke, ist es eine logische Konsequenz, dass jeder Sieger einige Besiegte hinter sich lassen muss, denn sonst wäre es ja kein „Sieg“. Bei all den vielen Siegern und zwangsläufig noch viel mehr Verlierern müssten wir deshalb – statistisch betrachtet – ein Volk von Verlierern sein!!! (Jetzt habe ich mich wohl endgültig als „Nestbeschmutzer“ geoutet…)
Aber es geht wahrscheinlich immer auch noch anders. Paul Jakob erhielt gestern sein Abschlusszeugnis der 1. Klasse, wie schön, noch ohne Zensuren (also könnte man auch im angepasstesten Falle noch nicht den „besten“ Schüler über den besten Zensurenschnitt berechnen …). Die Klassenlehrerin hat für jeden Schüler und jede Schülerin eine besondere Ermutigung mit in die nächste Klasse gegeben: Jede Schülerin, jeder Schüler bekam eine Belobigung als „König“ oder „Königin“ in irgendeinem Bereich, in dem er sich im vergangenen Jahr besonders positiv verhalten oder entwickelt hatte, für seine individuelle Stärke, die nicht gemessen wurde an der Konkurrenz / Überlegenheit gegenüber den anderen. So musste niemand von den Kindern den anderen ein Königreich neiden, denn er selbst war Herrscher in seinem eigenen Land. Ich hatte den Eindruck, dass die Kinder sehr zufrieden in die Ferien gingen. Ein großes Lob für diese Lehrerin! Und für die Pädagogik, die abweichend vom „Nationalcharakter der Deutschen (s.o.)“ solche Konzepte vertritt!
Eine schwere Geburt! Ich habe nicht geahnt, wie viel Arbeit es mir machen würde, dieses alte Manuskript in eine lesbare Form zu bringen. Vom Anliegen her lohnt es sich, denn hier steht meine ganze „Weltanschauung“ zum Thema „Ausbildung von Fachleuten/Praktikern im psychosozialen Bereich“ drin, also eine Menge „Herzblut“ und grundlegende Überzeugung, die ich auch heute (Juni 2009) noch teile. Leider ist vieles meiner Ausführungen Programm geblieben, da ich an meiner Schulezwar den Ruf als „Adler-Fan“ weghatte, damit aber trotzdem weitgehend ein Einzelkämpfer blieb und meine Kollegen nicht für eine wirkliche Zusammenarbeit gewinnen konnte. Die Ausbildung blieb m. E. weiterhin überwiegend „kopflastig“/kognitiv.
Heilpädagogik und Unterricht im Blickwinkel der Individualpsychologie
Referat von Jürgen Lüder auf der Klausurtagung der Korczak-Schule am 15.1.2000
(anschließende Verschriftlichung des Manuskripts unter Berücksichtigung der Diskussion im Kollegium)
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
das Thema „Heilpädagogik und Unterricht“ beschäftigt mich – mit Unterbrechungen – schon seit 20 Jahren, denn es hat mich seit meiner Fachschullehrerzeit in einer ähnlich gelagerten westdeutschen Schule nie ganz losgelassen. Für mich sind seitdem Fragen entstanden, auf die ich weiterhin vernünftige Antworten suche. Dazu will ich heute meine ganz subjektiven Aussagen machen und deshalb keinen Fachvortrag z.B. über heilpädagogische Psychologie halten.
Ein Problem ist dabei für mich, dass ich kein Heilpädagoge bin, kein spezieller Fachmann. Wie kann ich da der Aufgabe gerecht werden, etwas zur Qualifizierung von Fachkräften einer anderen Disziplin glaubwürdig beizutragen?
Zwei grundlegende Gesichtspunkte zur Heilpädagogik
Bei meinen Versuchen, mir ein Verständnis von Heilpädagogik anzueignen, ergaben sich für mich zwei grundlegende Gesichtspunkte:
Ich sehe Heilpädagogik als eine Fachdisziplin, die wie jede andere Spezialwissen erfordert und dabei, wie alle anderen pädagogischen Fachrichtungen auch, aus Nachbargebieten schöpft, also unter anderem auch auf psychologisches Wissen zurückgreift. Da könnte ich, mit neumodischer Wortwahl, bei der es mich persönlich aber graust, ein Modul „psychologisches Grund-/Spezialwissen“ beisteuern, so als setzte sich Heilpädagogik aus unabhängigen Bausteinen zusammen. (vgl. Anmerkung 1)
Als zweiten Gesichtspunkt möchte ich nennen, dass mir Heilpädagogik immer verbunden mit einem besonderen, typischen Berufsethos erschienen ist. Es geht um eine ganzbestimmte Grundhaltung der Aufgabe des „Heilens“ / „Helfens“ / „Förderns“ / meinetwegen, mit einem moderneren Ausdruck belegt, auch des „Assistierens“ gegenüber, sehr engagiert, aber nicht eindeutig fassbar (vgl. auch Anmerkung 2).Das war jedenfalls immer wieder dann mein Erlebnis, wennwir in meiner damaligen westdeutschen Schule als Kollegium gemeinsam mit der jeweiligen HP-Klasse zu den Jahrestagungen der Heilpädagogen nach Bad Lauterberg fuhren.
In den Vorträgen dort stand dann plötzlich der „pädagogische Bezug“, die Gestaltung einer Beziehung zwischen dem Heilpädagogen und den ihm Anvertrauten unter voller Einbringung der Person des Heilpädagogen im Vordergrund, also nicht der Spezialist mit dem detaillierten Fachwissen (das man natürlich auch braucht), der gezielte „Techniken“ anwendet, sondern der Heilpädagoge, der sich selbst als Person voll ins Geschehen mit einbringt und darauf einlässt.
Das hat mich sehr berührt, aber irgendwo auch beruhigt, weil mir plötzlich die Heilpädagogik nicht mehr so fremd war. Es lief nicht mehr so stark auf die Konfrontation „Du bist Heilpädagoge – ich bin Psychologe“ und eine säuberliche Aufteilung der Kompetenzbereiche hinaus, sondern stärker auf ein verbindendes Band des Handelns im Auftrag für die anvertrauten Menschen, nur mit unterschiedlicher Akzentuierung (vgl. auch Anmerkung 3).
Meine Orientierung an der Individualpsychologie
Mir hat seinerzeit zusätzlich geholfen, dass ich begonnen hatte, mich mit der Individualpsychologie Alfred Adlers zu beschäftigen, der von seiner Ausbildung, seinem Wissen und Tun her zwar Arzt und Psychologe war, seine Aufgabe aber besonders auch im pädagogischen Bereich gesehen hat. Eine seiner frühen Schriften heißt z.B. „Heilen und Bilden“! Speziell war er tätig in der Ausbildung von Lehrern und Helfern, damit sie ihr Wissen und Können zum Nutzen der ihnen Anvertrauten weitergeben könnten, in direkter Arbeit mit Kindern, aber auch in der Beratung von Eltern. (Vielleicht würde man das heute „Multiplikatoren-Training“ nennen …)
Von diesem theoretischen Hintergrund, der mich sehr geprägt hat, möchte ich einige Thesen ableiten, die mir besonders am Herzen liegen. Es ist mir allerdings klar, dass ihre Umsetzbarkeit im Rahmen einer Fachschule mit Lehrplänen und Zensuren erschwert ist.
Vier Thesen, formuliert aus dem Blickwinkel der Individualpsychologie
1. These:
Eine Kernaussage von Alfred Adler ist m. E. (sinngemäß zitiert): „Man erzieht mehr durch das, was man [als Persönlichkeit] ist, als durch das, was man weiß.“
Adler hat den Erziehungsbegriff insgesamt sehr weit gefasst, so dass man alle Formen des Beeinflussens subsumieren kann, die auftreten, wenn in einer pädagogischen/therapeutischen Situation ein Mensch einen anderen erziehen/lehren/fördern/therapeutisch beeinflussen/ … will, in einer Situation also, die ich ganz allgemein durch das Verhältnis „Lehrer“ – „Schüler“/“Anvertrauter“ (im weitesten Sinne) charakterisieren möchte (vgl. dazu auch Anmerkung 4).
Das hat natürlich Konsequenzen! Da meine Persönlichkeit also (mit)prägend für das Lerngeschehen ist, ebenso für das heilpädagogische Handeln, muss ich um sie wissen und ihre Wirkung einschätzen können. Ganz einfach formuliert: ich muss mich selbst kennen! Diese uralte Forderung der Psychologie ist in der Praxis allerdings nicht leicht einzulösen: Was für eine Stimmung verbreite ich, welche Erwartungen lasse ich in meinen Umgang mit anderen einfließen, wie vorurteilsfrei kann ich anderen begegnen, welche Bedürfnisse habe ich selbst bei meinem Tun und sorge – unbewusst – dafür, dass sie zum Tragen kommen, … ? Wer weiß das schon wirklich, wenn er ehrlich sich selbst gegenüber ist?
Wie aber vermittelt man solche Selbsterfahrung an einer Schule, deren Lehrpläne vorrangig gefüllt sind mit rein kognitiven Lerninhalten? Das ist sehr schwierig, doch darauf ganz zu verzichten, halte ich für einen schweren Fehler, da zukünftige heilpädagogische Praxis untrennbar mit der „persönlichen Gleichung“ jeder/s Heilpädagogin/en verbunden ist.
Auf der Ebene der Lehrenden ist es nicht anders, denn ich als Lehrer stehe meinen(erwachsenen) Schülern auch in einer derartigen Situation gegenüber. Ich bin ein Modell für sie! Mache ich es ihnen also so vorbildhaft vor, dass sie etwas für ihre eigene spätere Praxis daraus mitnehmen können? Lehrer haben einen solchen Blickwinkel in ihrer Ausbildung meistens nicht gelernt, Psychologen haben da manchmal (je nach Ausrichtung) schon einige Vorteile ...
2. These:
Die Individualpsychologie betont die Ganzheitlichkeit der Persönlichkeit, die das Bindeglied aller Teilaspekte ist. Erst durch die Zusammenschau aller dieser Teilaspekte kann ein „Verstehen“ gelingen, das jenseits eines reinen Anhäufens von Details liegt. Und diese Persönlichkeit hat eine Geschichte, hat sich entwickelt, jetzt einen aktuellen Stand erreicht und wird sich weiter entwickeln, aber immer im Rahmen der von früher mitgebrachten Voraussetzungen.(vgl. Anmerkung 5)
Ich verfolge diese These jetzt nicht weiter unter dem Gesichtspunkt einer einzelnen Persönlichkeit, aber unter der Leitidee eines ganzheitlichen Denkens, das dem Charakter einer so großen Disziplin wie der Heilpädagogik besser gerecht wird. Durch die Aufsplitterung in einzelne Fächer laufen Ausbildungen dagegen leicht in das Anhäufen von unverbundenem Detailwissen hinaus.
Wie könnten wir hingegen an unserer Schule mehr von der oben angesprochenen Ganzheitlichkeit vermitteln, dem sich Ergänzen der verschiedenen Teildisziplinen, die sicheiner grundlegenden Gesamtidee unterordnen?
Traditionell „macht“ jeder Kollege sein Fach, wir wissen nur ungenau, was gerade bei anderen „läuft“. In der Tat ist bessere Information mit einem hohen Aufwand verbunden. Es ist ja auch das Anliegen unseres heutigen Treffens, an diesem Punkt mehr Abstimmung zu erzielen.
Könnten wir nicht einen solchen übergreifenden Aspekt richtig in unsere Ausbildungsordnung aufnehmen – und wie!? Dass die Schüler begreifen könnten, dass alles erworbene Wissen einem übergeordneten Zweck dient, dem heilpädagogisch sinnvollen Tun! Manchmal habe ich abschließend von Absolventinnen gehört,jetzt sähen sie auch, wie Fächer sich ergänzten und das Bild sich abrunde. Das fand ich schön! Aber war es bisher nicht eher ein Zufallsprodukt als unsere bewusste Steuerung?
3. These:
Die Individualpsychologie betont die Kooperation zwischen Menschen als Zeichen eines entwickelten „Gemeinschaftsgefühls“, sowohl als Ausdruck für den „Sinn des Lebens“ (so lautet der Titel einer Schrift von Alfred Adler im Sinne einer ethischen Grundlegung) als auch in ihrer Verbesserung als Ziel von Kindererziehung und Psychotherapie. Dabei können Kinder am Beispiel ihrer Eltern, Analysanden am Beispiel ihres Therapeuten erlernen, wie „man so etwas macht“. (Und wen man liebt bzw. wertschätzt, von dem lernt man!!)
Können wir nicht auch etwas davon lernen? Kooperation statt Einzelkämpfertum? Allerdings wird gerade das Letztere von der Berufsrolle eines Lehrers sehr unterstützt und soll überhaupt in „helfenden Berufen“ nicht selten sein. Das hat m. E.W. Schmidbauer, der sich ja mit „Helfern“ intensiv befasst hat, gut beschrieben: In Institutionen sind sich oft die „Helfer“ gegenseitig nicht „grün“ und konkurrieren um ihre Schützlinge. Das könnten wir besser machen!
4.These:
Und „last not least“ ein mir immer wieder wichtiger Punkt:
Die Individualpsychologie sieht, speziell bei Kindern, aber nicht nur bei ihnen!, hinter auffälligem Verhalten die „Entmutigung“, das Aufgeben nützlicher Verhaltensweisen mit sozialer Zielrichtung angesichts fehlender Fertigkeiten und eines nicht mehr zugetrauten Tuns. Deshalb ist für sie die „Ermutigung“ und das Vermeiden entmutigender Handlungen ein vorrangiges pädagogisches Element.
Aber gilt das nur für Kinder ?
Wir alle brauchen „Mut“ für die anstehenden Aufgaben des Lebens, besonders auch die Heilpädagogen, die wir ausbilden, die dannspäter als vornehmste Aufgabe ihre Betreuten ermutigen sollen zu einer eigenständigenLebensführung.
Aber kann jemand ermutigen, der selbst entmutigt ist bzw. nie erlebt hat, wie man „das tut“?
Wieweit können wir das unseren Schülern vermitteln und vor allem selbst vormachen? Dass sie sich etwas zutrauen, etwas lernen können, sich aufmachen, diese gute Erfahrung weiterzugeben?
Hierbei habe ich immer große Mühe, denn die Notwendigkeit des Zensierens und damit Klassifizierens (a´ la´ Aschenputtel und den hilfreichen Tauben) erleichtert diese Aufgabe nicht.
[An dieser Stelle habe ich zur Illustration in meinem Vortrag die Geschichte von Helmut erzählt, der als Legastheniker eingestuft war und den ich über Jahre hinweg als Familienhelfer betreut habe. Ich bewundere rückblickend seine Durchhaltekraft und seinen Einsatz, trotz ständiger schulischer Misserfolge nicht aufzugeben und immer weiter zu üben, sicherlich kein Regelfall! Immerhin schaffte er es, in einem „Regeldiktat“ seine Fehlerzahl zu halbieren, eine große Leistung! Aber seine anfänglichen 30 Fehler ergaben eine „6“, seine späteren 15 Fehler waren immer noch eine „6“. Kommentar zur pädagogischen Wirkung überflüssig …]
Nachwort
Im Anschluss an mein Referat haben wir um Fragen der Notwendigkeit eines „Ethos“ diskutiert, ja regelrecht gestritten. Beim Ausarbeiten meines Manuskripts merke ich jetzt selbst, dass derartiges den „roten Faden“ meiner Ausführungen bildet, was ursprünglich gar nicht von mir geplant war! Das gilt sowohl im Hinblick auf einen möglichen „Berufsethos“ von Heilpädagogen, als besonders aber auch auf den Ethos, d.h. den Anspruch, den wir als Lehrkräfte an die von uns vermittelte Ausbildungstellen können/sollten/wollen. Dies ist zu verstehen im Sinne eines übergeordneten Ziels, eines „Sinns“ unserer Ausbildung.
Vielleicht kannman viel davon „operationalisieren“ und einem verbindlichen Lehrplan unterordnen. Ich meine, dass dann aber immer noch eine Menge an Motiven und „gelebtem Leben“ an unserer Schule bleibt, die sie auszeichnet und mir das Gefühl gibt (neben der Möglichkeit, hier meinen Lebensunterhalt zu verdienen), dass hier ein Ort ist, eine Aufgabe, für die ich gerne arbeite und wo ich meine Ideen und mein Engagement einbringen möchte.
Anmerkungen
Anmerkung 1: Ich sehe beim „Denken in Modulen“ die Gefahr, dass ich nur noch meinen in sich abgerundeten „Baustein“ sehe, nicht mehr aber die gesamte Struktur im Auge habe, aus der heraus sich seine Notwendigkeit überhaupt erst ergibt und ihm seine besondere Prägung und Verzahnung verleihen sollte. So wie schon vor langer Zeit die Gestaltpsychologen erkannt haben, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“, eine Melodie mehr ist als eine Aneinanderreihung von Tönen. Ohne ein Verständnis der besonderen Merkmale von Heilpädagogik, ihres besonderen „Wesens“, kann ich m. E. nichts wirklich Vernünftiges beitragen. Sehen das die „Modul“- Lehrtechniker anders?!
Anmerkung 2: Ich habe bewusst darauf verzichtet, eine Definition von Heilpädagogik zu versuchen, denn ich möchte mich nicht in die dortige kontroverse Diskussion einschalten, die mich auch überfordert. Ich gehe vielmehr von einem pragmatischen Verständnis aus, wie es sich für mich durch das Zusammentreffen mit Heilpädagogen und der von ihnen benutzten Argumente/Redeweisen ergibt.
Anmerkung 3: Wir haben am Klausurtagauch über die wiss. Heimat von Heilpädagogik diskutiert, damit über ihre „Kernfächer“. M.E. ist für unsere doch ganz pragmatische Ausbildung aber dieses „Handeln“ der Kern- und Angelpunkt. Deshalb würde ich diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, dem alle Fächer zu dienen hätten.
Anmerkung 4: In der Diskussion kam die Frage auf, ob wir als Schule für erwachsene Schüler überhaupt einen „Erziehungsauftrag“ hätten. In diesem weiteren Sinne, wie oben ausgeführt, halte ich dies nicht für eine Frage, sondern eine Tatsachenfeststellung!
Anmerkung 5: Auch hier trifft wieder die Aussage der Gestaltpsychologie zu, dass alle Teile einer Ganzheit strukturhaft aufeinander bezogen sind! Vgl. Anmerkung 1.
. Praxis der Menschenkenntnis: Einsatz von Deutungen: Möglichkeiten und Gefahren
Wie bereits gestern, möchte ich auch heute mit diesem Eintrag ein altes Manuskript aus meiner Dozententätigkeit durch die Veröffentlichung hier im blog „retten“. Es stammt aus dem Februar 1993, ganz zu Beginn meiner Tätigkeit in der Heilpädagogen-Ausbildung in der Fachschule in Fürstenwalde. Ich habe damals versucht, meine tiefenpsychologischen und therapeutischen Kenntnisse auf die Praxis meiner erwachsenen Schülerinnen und Schüler zu übertragen.
Wir kamen dabei u.a. zu der Fragestellung, in welcher Form und mit welcher Legitimation eine Heilpädagogin Eltern ihre Einschätzung über die Ursachen und möglichen Beeinflussungsmöglichkeiten bei Verhaltensproblemen der Kinder mitteilen darf. Im Sinne einer analytischen Kindertherapie wäre so etwas eine „Deutung“. Aber auch ein „Nicht-Therapeut“ im Erziehungsalltag hat Ansichten, Einsichten, Vorstellungen, die für sein Gegenüber sehr wertvoll sein können, wenn sie auf einer gesunden „Menschenkenntnis“ und fundierten Beobachtungen beruhen. (Nicht ohne Grund trägt eines der Bücher von Alfred Adler diesen Titel!) Lernen kann er aber von Therapeuten insbesondere etwas über die Feinfühligkeit, mit der derartige Bemerkungen gemacht werden sollten, um vom Gegenüber akzeptiert werden zu können.
Daran hapert es offensichtlich häufiger. Eine der Mütter aus dem Kurs, zukünftige Heilpädagogin, wusste davon „ein Lied zu singen“. Eines ihrer eigenen Kinder im Kindergarten verhielt sich in der letzten Zeit etwas auffällig. Ein Betreuer klärte sie darüber auf, dass ihr Kind nur deshalb so schwierig sei, weil es gerade ein weiteres Geschwisterchen bekommen habe, machte aber keine Hilfsangebote. Sachlich war daran vermutlich wenig zu rütteln, aber sie fühlte sich durch den Tonfall verletzt, zumal sie ja auch „vom Fach“ war und ähnliche Gedanken auch schon selbst gehabt hatte.
Dieses Beispiel nahm ich damals zum Ausgangspunkt für meinen kleinen Vortrag:
Unser Thema hat sich entzündet an dem Beispiel von Frau Z., die sich über eine deutende Äußerung eines Erziehers im Kindergarten aufregte. („Ihr Sohn reagiert jetzt so, weil Sie ein weiteres Kind gekriegt haben.“)
Ich habe dabei herausgehört, dass vermutlich folgende Gründe für den Ärger mitgespielt haben:
(a) ist es eine „platte“ Interpretation nach Schablone, die gern einfach so angewendet wird. Ich bin aber nicht nach Schablone zu verstehen, mein Kind auch nicht, die Verhältnisse sind komplizierter. Aber das versteht dieser Mann nicht! (b) Irgendwie klingt auch ein Vorwurf dabei mit durch, als hätte ich mein Kind mutwillig in eine schwierige Situation gebracht. Aber was soll ich denn anders tun?
Stimmt das so?
Missbrauch von Deutungen:
Wissen oder als Wissen Angenommenes (Vermutungen, Halbwissen, das zur „Wahrheit“ stilisiert wird) können regelrecht zur Kampfmethode im Umgang mit Eltern gemacht werden: Mögliche „begleitende“ Botschaften könnten sein:
- Sieh her, wie klug ich bin – im Gegensatz zu dir, denn du verstehst dich ja selbst nicht. ( = du bist dumm!) - Siehst du, du brauchst mich, weil nur ich kapiere, was mit dir los ist. - Wie konntest du nur so etwas machen? Muss das sein? Siehst du nicht, was du angerichtet. hast? - Ich habe recht, du hast unrecht.
Damit dürfte dann eine erquickliche Zusammenarbeit beendet sein.
Verantwortungsvoller Gebrauch von Deutungen:
Auch wenn wir keine Therapeuten sind, können wir von ihren Grundsätzen lernen, wie sie mit Deutungen umgehen, nämlich sehr sparsam!
- Ein Therapeut wird seinen Klienten dabei unterstützen, wie auch immer nur möglich, seine Lebenssituation selbst zu verstehen. - Wenn der Klient dabei zu einer eigenen Deutung kommt („Jetzt habe ich endlich verstanden…“), so ist dies sicherlich die günstigste Möglichkeit, weil sie dann auch gefühlsmäßig vom Klienten mitgetragen wird und akzeptiert werden kann. Diese Form bringt am meisten! - Wenn er aber doch Interpretationen/Deutungen bringt, wird er dies wahrscheinlich in einer der folgenden Formen tun, die auch eine Ablehnung ohne Gesichtsverlust ermöglichen, z.B.
(a) als Frage: „könnte es sein, dass …“ oder (b) als Formulierung einer eigenen Wahrnehmung: „Als ich von ihnen hörte, ging mir . durch den Kopf / habe ich erlebt / gesehen … / dass… Ist da etwas dran?
==> So bleibt dem anderen die Freiheit, sich verstanden zu fühlen oder diese Möglichkeit abzulehnen ohne deshalb schlechter dazustehen . Die Deutung bleibt ein Angebot.
- Entscheidend für die Akzeptanz der Deutung ist dabei das Gefühl des Klienten, nicht die „objektive Wahrheit“: egal, wie „richtig“ eine Deutung ist, sie wird beim Klienten nur dann etwas positiv verändern, wenn er sie gefühlsmäßig sich zu eigen machen kann.
- Wie kann es dabei zu einer Ablehnung der Deutung kommen?
(a) Entweder liegt sie ganz falsch und löst im Klienten gar keine Gefühle aus („kann nichts mit anfangen“) oder das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
(b) Oder die Deutung ist inhaltlich schon berechtigt, zielt aber auf eine Wunde, die unbewusst noch geschützt werden muss. ==> Dann ist die Zeit für diese Interpretation noch nicht gekommen, denn sie kann noch nicht verarbeitet werden.
Es ist also ein sehr behutsames Vorgehen gefordert!
Wie können wir unser Wissen nutzen?
==> für ein angemessenes Verhalten gegenüber dem Kind oder den Eltern (was braucht es wirklich, was kann ich ihm geben)
==> Verständnis hilft Wege suchen, wie man Eltern und Kinder zur Mitarbeit gewinnen . kann (sich nicht zu den besseren „Ersatzeltern“ hochstilisieren!)
==> immer im Bewusstsein behalten, dass unsere Einsichten nur Arbeitshypothesen sind, die . wir immer wieder überprüfen müssen!
(In meinem Original-Manuskript als Word-Dokument hatte ich alles etwas schöner eingegeben, diese bessere graphische Anordnung des Textes hat aber leider nicht die Übertragung auf den vom Schreibprogramm her viel schlichter gestrickten blog überstanden, sorry!)
Beim Aufräumen meiner alten Schulunterlagen habe ich Manuskripte von mir gefunden, die mir immer noch gefallen und die ich deshalb hier auf meinem Blog aufbewahren möchte. Der folgende Text stammt aus dem Januar 1999.
Wie unsere Kindheit in uns weiterwirktbzw. welche Spuren unsere Eltern in uns hinterlassen
Im positivsten Falle
haben wir von unseren Eltern viel mitbekommen (Liebe, Bestätigung, Ermutigung, Ermöglichung von Lebensperspektiven); dann sind wir ihnen weiterhin verbunden, aber frei in unserer Persönlichkeit und Lebensführung.
Wir fühlen uns tüchtig und kompetent, sind innerlich stabil und können auf uns selbst zählen und einen eigenen Weg gehen. Das macht die innere Freiheit aus, d.h. unsere Wahlmöglichkeit in jeder Lebenssituation, die Verhaltensalternative zu ergreifen, die uns selbst – aus eigener Entscheidung – für die richtige dünkt.
Im negativen / negativeren Fall
bleiben wir an unsere Eltern gebunden, im Sinne von: wir behalten einen hohen Grad an Kindlichkeit und werden nicht richtig erwachsen.
Dafür ein erstes Bespiel: Wir leben weiterhin im Blick auf die Eltern, die u.E. uns entweder zu sehr eingeengt haben oder uns bitte(der Wunsch kann auch eindrücklicher ausgedrückt werden) endlich die Zuneigung und Liebe geben sollten, die uns so bitter in der Kindheit gefehlt haben. „Wenn ihr anders gewesen wärt, dann könnte ich …“ (weniger Ängste haben, weniger Hemmungen haben, mutiger sein, weniger Unsicherheiten zeigen …). Viele Menschen laufen ihr ganzes Leben mit solchen Haltungen herum, die ihnen als Begründung dienen, dass sie für ihr eigenes Verhalten oder ihre Versäumnisse ihrer Meinung nach nur bedingt oder gar nicht verantwortlich sind. Und hoffen – manchmal trotz vieler „Backpfeifen“ – immer noch, dass ihre greisen Eltern dies vielleicht eines Tages doch noch tun und sich für ihre Versäumnisse entschuldigen … (auch wenn sie vielleicht schon längst gestorben sind …). Damit bleiben die Betroffenen irgendwie immer auf einer kindlichen Entwicklungsstufe stehen und verweigern sich selbst eine selbstverantwortliche erwachsene Lebensführung.
Das andere Beispiel: Andere Menschen bewahren sich den Trotz ihrer frühen und späteren Kindheit, den sie damals vielleicht gegen die übermäßige Strenge und die fehlende Einfühlsamkeit der Eltern gegenüber kindlichenBedürfnissen entwickelt hatten.
Das führt dann zu einer generellen Anti-Haltung gegenüber den Eltern. Alles, was diese jemals gesagt haben, muss von mir gegenteilig beantwortet werden; ich mache immer etwas, was mich von ihnen abhebt.
Auch das ist kein Zustand von Freiheit! Denn nicht mehr die Situation gibt mir vor, die für mich angemessensteReaktion zu wählen (die erwachsene Variante in Eigenverantwortlichkeit), sondern der Blick auf das (jetzige oder frühere) Verhalten der Eltern, von dem ich mich abheben will, um mir „meine Freiheit“ von ihrem Zwang zu beweisen. Auch so bleibe ich dauerhaft gebunden und finde zu keiner eigenständigen Lebensführung.
Es ist wie bei Ehepartnern oder getrennten Partnern im Clinch: Solange ich mit dem anderen kämpfe, bin ich nicht wirklich frei. Denn Kampf setzt im gewissen SinneNähe voraus, auch wenn diese alles andere als angenehm und befriedigend sein dürfte.
. Liebe Absolventinnen und Absolventen, sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schülerinnen und Schüler!
Ich stehe hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge vor Ihnen, freue mich auf die zukünftige größere Freiheit ohne schulische Belastungen, ahne aber bereits den Verlust an Einfluss, Anregungen und Beziehungen, den mein Abschied mit sich bringen wird.
15 Jahre lang war ich hier an der Korczak-Schule in Fürstenwalde. Das ist gleichzeitig die längste Arbeitsphase meines Lebens am selben Ort. Alle Klassen ab der "1" habe ich kennengelernt: die HEP 1, die HP 1, einiges später die BFS 1 und schließlich zuletzt auch die SP 1.
Ich möchte die Gelegenheit nutzen, den mit mir abschließenden Klassen zu gratulieren, allen auf Wiedersehen zu sagen, der Schule und damit allen Betroffenen, Lehrern und Schülern, Herrn Prof.Dr.P., allen Kolleginnen und Kollegen für die gemeinsame Zeit zu danken, jedem für das Ausmaß an Beziehung, das zwischen uns möglich war. Bildlich gesprochen für den Garten voller kleiner Blumen, großer Blumen und Disteln.
Als Dozent habe ich natürlich die Hoffnung, dass meine Schüler und Studenten auch etwas von mir profitiert haben. Das kann ich allerdings sehr viel weniger einschätzen als meinen eigenen Lernzuwachs, den mir die vielen Jahre praktischer Beziehungsarbeit und auch die notwendige Beschäftigung mit neuen Themen gebracht hat.
Eines hoffe ich allerdings auf jeden Fall, nämlich dass es mir gelungen ist, die richtige Fahrtroute zu finden zwischen den Ungeheuern Skylla und Charybdis, ich meine damit den schmalen Grat zwischen autoritärem Gehabe einerseits und Fraternisieren und Kumpelei andererseits. Jedenfalls war es immer mein Anliegen, mich um einen partnerschaftlichen Stil zu bemühen, möglichst sachlich, möglichst gerecht und nach Möglichkeit auch großzügig, wenn es angezeigt war.
Denn so bin ich 1993 hier angetreten. Und wenn auch die Schüler allmählich immer jünger wurden, so bleibt es doch dabei, dass unsere Schule ein Ort der Erwachsenenbildung ist, wobei alle sich zumindestens im anstrengenden Übergang in dieses Stadium befinden. Am Rande vermerkt: manche Menschen werden auch mit 80 noch nicht ganz erwachsen und außerdem lassen die Rahmenbedingungen einer Schule auch Erwachsene gelegentlich wieder in uralte, eher der Kindheit und Jugend zuzuordnende Schülerrollen rutschen.
Eine abschließende Botschaft möchte ich aber allen hier noch mitgeben. Dafür muss ich anfangs eine kleine Anekdote erzählen.
In den 90er Jahren fuhr eine HEP-Teilzeitklasse kurz vor ihrem Examen auf Studienreise nach Dänemark. Beseelt kamen alle zurück, denn sie hatten dort eine Arbeitsform kennengelernt, die sie tief beeindruckt hatte. Die Arbeit stand dort nämlich unter dem Motto:
"Wenn es den Betreuern gut geht, geht es auch den Behinderten gut!"
Und die Dänen beherzigten diese Aussage und hatten entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen.
Objektiv betrachtet, könnte man hier sogar die uralte Bibelweisheit "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" wiederentdecken. Nur wem es selbst gut geht, hat die physische und psychische Kraft, andere zu unterstützen, zu pflegen und zu fördern. Nahezu eine Grundregel für Helfer in jeglicher Form!
Auf meine Anregung für die Studierenden, dies sei ja eine tolle These, die könnten sie doch alle jetzt hier in ihre Einrichtungen weitertragen, folgte zunächst betretenes Schweigen und dann die Antwort, diesen Ärger wollten sie sich lieber nicht einhandeln. Auch meine Ermutigung, dies müssten sie doch nicht einzeln vortragen, sondern könnten es solidarisch tun, stimmte sie nicht um.
Ich habe das - als alter "Wessi" - damals nicht verstanden.Nach all den Jahren hier weiss ich jetzt aber mehr um die Angst der Menschen um ihren Arbeitsplatz, ebenso von dem zunehmenden Rationalisierungsdruck - trotz schönklingender Neuerungen -, dem die Träger sozialer Einrichtungen ausgesetzt sind. Begründet wird dies stets mit wirtschaftlichen Zwängen. Verschwiegen wird dabei allerdings immer, dass die Finanzarmut des Staates auf grundlegende politische Entscheidungen zurückzuführen ist, nämlich auf den Verzicht wesentlicher Einnahmen. Die Finanzschwäche ist damit ein hausgemachtes Problem und keine Naturkatastrophe, wirkt sich jetzt aber massiv im Bereich des Sozialen und der Bildung aus.
Leider solidarisieren sich die Einrichtungsträger kaum gegenüber den politischen Entscheidungsträgern und fordern viel zu selten finanzielle und soziale Verbesserungen gemeinschaftlich ein. Wenn man bedenkt, dass Diakonie und Caritas in Deutschland über Hunderttausende von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verfügen, die sie gewisslich unterstützen würden ... Lieber geben die Einrichtungen als Einzelne den Druck einfach nach unten an ihre Mitarbeiter weiter nach dem Radfahrerprinzip ("nach oben buckeln, nach unten treten").
Deutlich sichtbar wird dies an der zunehmenden Zahl prekärer Arbeitsverhältnisse, zahllosen befristeten Verträgen, nicht nur für Berufseinsteiger, und schwierigen Arbeitszeiten, wenn Einrichtungen immer mehr nur noch Teildienste fahren.
Wer von den jungen Absolventen kann sich unter solchen Bedingungen irgendwo niederlassen, eine längerfristige Perspektive entwickeln, die z.B. für eine Familiengründung notwendig ist - und welcher behinderte Mensch kann sich noch vertrauensvoll auf neue Mitarbeiter einlassen, die doch bald wieder gehen?
Meine Botschaft an alle in diesem Zusammenhang ist: Lassen Sie Sich nicht weismachen, dass es nicht anders geht! Engagieren Sie Sich für bessere Arbeitsbedingungen, zu Ihrem eigenen Nutzen und zum Nutzen der Ihnen anvertrauten behinderten Menschen! Und machen Sie das nicht einzeln, sondern solidarisieren Sie Sich!
Ich wünsche Ihnen die Kraft zu kritischer Reflexion, Solidarität und Zivilcourage! Das ist zwar für alle Beteiligten unbequem, aber gibt es einen besseren Weg?
Verlassen Sie Sich dabei nie darauf, dass doch "die anderen" anfangen könnten, beherzigen Sie stattdessen lieber den schönen Satz von Erich Kästner:
"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."
In diesem Sinne danke ich Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen noch eine schöne Feier!
Ich habe länger über einen treffenden Namen für diesen Blog nachgedacht. Mein Blick auf die Welt im Zusammenhang mit meinem Älterwerden sollte das Thema sein. An "Methusalem" habe ich gedacht, habe diese Wahl dann aber verworfen. "Methusalem" erinnert mich an Menschen, die im höheren Alter ein von anderen bewundertes Leben führen und deren Meinung besonderes Gewicht genießt. Was ich aber tatsächlich erlebe, ist eher, dass sich derzeit technische Möglichkeiten, Wertvorstellungen und Lebensentwürfe in einem rasanten Tempo verändern. Ältere Wertvorstellungen, soziale Tugenden (jedenfalls das, was ich dafür halte) und Handlungsziele scheinen mir in Gefahr, vergessen zu werden. Da lag mir der eher wehmütige Vergleich mit den "Dinosauriern" nahe, einst herrschend auf der Erde, dann ausgestorben. Allerdings z.Zt. unter Kindern wieder modern, die in Ausstellungen staunend vor Gerippen und Rekonstruktionen stehen.
So will ich mit meinen Aufzeichnungen an Werte erinnern, die ich vor dem Verschwinden bewahren möchte, ein Aufbäumen mit sicherlich nur geringem Einfluss, aber vielleicht finde ich ja Gleichgesinnte und Mitstreiter!
Ich bin Jahrgang 1947.