In meiner Studentenzeit in den 70er Jahren waren Traumata kaum ein Thema. Ich las allerdings über die Alpträume von Holocaust-Opfern. Später wurde über traumatisierte US-Soldaten aus Vietnam berichtet. Danach löste sich der Bann und auch über die ungeheuren Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im II. Weltkrieg gab es nun Berichte und Analysen.
Im gleichen Sinn werden heute auch die Leiden der Menschen in früheren und anderen Kriegen und in Katastrophenzeiten als Trauma anerkannt.
Eine wirkliche Bearbeitung scheint aber nur zeitversetzt möglich zu sein, weil die zunächst Betroffenen nur zu oft ins Schweigen verfallen sind.
Im Hinblick auf den II. Weltkrieg gibt es nun mittlerweile eine größere Reihe von Büchern, die sich Kriegseltern, -kinder und -enkeln widmen und deutlich machen, dass nicht bearbeitete Auswirkungen der Kriegsereignisse in ihrer prägenden Kraft noch Generationen später wirksam sein können.
Einen dieser Titel möchte ich jetzt vorstellen:
Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel. Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. - München: Penguin 2018. (1. Ausgabe Gütersloh 2016).
In einer sehr persönlichen Weise, in der Lohre seine Familie darstellt, seine Spurensuche bei der Erforschung der Familiengeschichte und sein eigenes Erleben, verbunden mit den Erkenntnissen aus einer eigenen Psychoanalyse, zeigt der Autor exemplarisch die Auswirkungen der Kriegszeit über die Generationen hin bis heute, gestützt von einer fundierten Wiedergabe einschlägiger Fachliteratur. Und zeigt auch seinen persönlichen Weg, den "Nebel" der Familienatmosphäre, unausgesprochene aber sehr wirksame Erwartungen der Eltern und einen Leistungsethos, in dem alles bei ihm gipfelte, zu erkennen und gegenzusteuern. ("Überwinden" halte ich für einen Euphemismus, solche tiefen Spuren dürften Lebensschicksal bleiben.)
Diese Analyse erweitert für mich den Hintergrund, auf dem ich noch einmal über meine eigene Kindheit als Flüchtlingskind (Jahrgang 1947) nachdenken kann und meine Eltern und meine Familie in einem erweiterten Licht sehe: meinen schweigsamen Vater und meine emotional wahrscheinlich sehr überforderte, ängstliche Mutter, die mir immer die Botschaft vermittelte, als "Sonnenscheinchen" der Familie doch bitte keine weiteren Probleme hinzuzufügen. Dazu der Heimatverlust meiner Eltern, die nie in Schleswig-Holstein wirklich heimisch wurden, so dass ich mich dort in meiner Kindheit ebenfalls immer etwas fremd gefühlt habe - bis ich nach der Wende jetzt in Brandenburg lebe, der Herkunftsgegend meiner Sippe, und erstmalig in meinem Leben nach vielen Umzügen das Gefühl habe, heimisch geworden zu sein.
Mein Dank an Matthias Lohre und die Offenheit in seinem Buch!
Ich sehe allerdings auch ein Problem: Lohre leitet seine Lebensproblme fast monokausal aus dieser Kriegs-Eltern-Problematik her. Ich denke, dass es da eine größere Zahl weiterer Ansätze / Bezugsgrößen gibt, wie ich sie über viele Jahre in verschiedenen Formen von Psychotherapie praktisch und theoretisch sehen und erleben konnte. Alles, was ich über Matthias Lohre erfahren und nacherleben konnte, ist aber ein wesentlicher erhellender Baustein, der mein Bild von mir und meinem Werden vervollständigt.
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Nachsatz zum Phänomen des Schweigens:
Offenbar ist die jeweils von derartigen Ereignissen/Umwälzungen direkt betroffene Generation noch nicht bereit oder fähig, ihre Erlebnisse in Offenheit zu verarbeiten. Und ihre Nachfolger/innen haben das zu "verdauen". Ob es nicht vielleicht mit weniger kriegerischen aber doch umgreifenden Umwälzungen, die das bisherige Leben umkrempeln, ähnlich sein wird? Ich denke an die Langzeitwirkungen der friedlichen Revolution von 1989. Die Kinder und Enkel dieser Zeitenwende werden auch daran "zu verdauen" haben, nicht nur die damals Erwachsenen, über deren Erleben bisher nicht sonderlich viel zu hören ist. Vielleicht gibt es darüber später auch einmal Literatur - von den Kindern und Enkeln!
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Es gab schon immer Todesanzeigen in der Zeitung und Nachrufe auf verstorbene Persönlichkeiten aus Politik, Literatur und allen möglichen kulturellen Bereichen.
Früher habe ich mich allerdings nicht sonderlich dafür interessiert, aber das hat sich grundsätzlich gewandelt. Mittlerweile sind nämlich vom Lebensalter all die Jahrgänge "dran", die in meiner Jugend und Studentenzeit meine "Gewährsleute" waren und mich seitdem mit ihren Ansichten und Werken begleitet haben. Und nun verlassen sie mich plötzlich und hinterlassen eine Leerstelle in meinem geistigen Umfeld. Gerade diese "Alten" waren prägend für mich. Ich habe dann versäumt, mir weiterhin neue geistige Freunde zu suchen, denn Jüngere habe ich mir viel weniger zu eigen gemacht und in meinem Gedächtnis "eingegraben", also mich nie wieder so leicht auf Botschaften und Werke eingelassen. So erlebe ich jetzt einerseits einen Verlust, denn ein Stück vertrauter Welt verschwindet, in der ich mich zu Hause gefühlt habe, gleichzeitig zeigt es mir aber auch an, wie alt ich mittlerweile doch schon geworden bin.
In diesem Sinne, schon etwas länger zurückliegend, möchte ich an Peter Härtling erinnern, der 2017 gestorben ist. Seine wunderbaren Kinderbücher und seine Texte für Erwachsene haben mich tief beeindruckt und sehr bereichert. Ich denke da insbesondere an die "Nachgetragene Liebe", seine späte Annäherung an seinen früh verstorbenen Vater.
Und ganz aktuell aus neuester Zeit ist mir in Erinnerung, dass Tomi Ungerer gestorben ist, der Illustrator und Schöpfer "frecher Bilder". Weitere werden folgen, es ist der Lauf der Welt ...
. In diesem Sinne eines "Neustarts" will ich mich nicht mit vielen "Nacharbeitungen" aufhalten, lasse einfach ein paar Monate aus der Systematik ausfallen und beginne mit dem laufenden Monat neu!
Das folgende Zitat verdanke ich meiner Frau, die mir ein älteres GEO-Heft mit einer wunderbaren Bilddokumentation zum Thema "Freundschaft, Glück, Geborgenheit" zeigte. Aus dem Begleittext von James McBride der folgende kurze Auszug!
Irgendwann müssen wir alle aus
diesem Leben scheiden. Ob wir dann das Gefühl haben, in diesem Leben
erfolgreich gewesen zu sein, hängt nicht davon ab, was wir der Welt durch
unseren Beruf gegeben haben, sondern wie viel Zuneigung und Liebe wir nach unserem
Tod zurücklassen. Wärme, Freundschaft, Geborgenheit zu geben: Das ist der
demokratischste Akt überhaupt. [...]
Das ist es, woran wahre Größe
gemessen wird. Das ist die wahre Freiheit.
Gefunden in: James McBride:
Freundschaft. Glück. Geborgenheit. – In: GEO 11/November 2001. S. 18 – 42.
Zitat S. 42. [Über das M.I.L.K. – Fotoprojekt „Moments of
Intimacy, Laughter and Kinship“]
. Ich möchte heute das zweite angekündigte Gedicht von Mascha Kaléko aufführen. Es hat mich sehr beeindruckt, dabei kann ich die mitgeteilten Gefühle und Einstellungen teilen. Es ist immer wieder ein Erlebnis für mich, wie andere das vorwegnehmen, was ich noch nicht ausdrücken könnte, aber als unfertigen Gedanken auch in mir trage. Ein Dank an Mascha Kaléko, die mir diesen Dienst erwiesen hat!
MEMENTO
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang, Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind. Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?
Allein im Nebel tast ich todentlang Und lass mich willig in das Dunkel treiben. Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.
Der weiß es wohl, dem gleiches widerfuhr; - Und die es trugen, mögen mir vergeben. Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, Doch mit dem Tod der andern muss man leben.
Mascha Kaléko
Auch dieses Gedicht verdanke ich einem anderen blog, nämlich "http://medbrain2001.wordpress.com", veröffentlicht am 8. Mai 2001.
. Was passt besser zu meinem letzten blog-Eintrag und zu dem Thema "Lebensgrenzen anerkennen" als das folgende Märchen der Brüder Grimm? Ich habe es schon in meinem dort erwähnten uralten Artikel über "Angst vor Krankheit und Tod" in Teilen zitiert. Hier der vollständige Text:
Die Boten des Todes
Vor alten Zeiten wanderte einmal ein Riese auf der großen Landstraße; da sprang ihm plötzlich ein unbekannter Mann entgegen und rief: "Halt! keinen Schritt weiter!" - "Was", sprach der Riese, "du Wicht, den ich zwischen den Fingern zerdrücken kann, du willst mir den Weg vertreten? Wer bist du , dass du so keck reden darfst?" - "Ich bin der Tod", erwiderte der andere, "mir widersteht niemand, und auch du musst meinen Befehlen gehorchen." Der Riese aber weigerte sich und fing an, mit dem Tode zu ringen. Es war ein langer, heftiger Kampf, zuletzt behielt der Riese die Oberhand und schlug den Tod mit seiner Faust nieder, dass er neben einem Stein zusammensank. Der Riese ging seiner Wege, und der Tod lag da, besiegt, und war so kraftlos, dass er sich nicht wieder erheben konnte. "Was soll daraus werden", sprach er, "wenn ich da in der Ecke liegenbleibe? Es stirbt niemand mehr auf der Welt, und sie wird so mit Menschen angefüllt werden, dass sie nicht mehr Platz haben, nebeneinander zu stehen." Indem kam ein junger Mensch des Wegs, frisch und gesund, sang ein Lied und warf seine Augen hin und her. Als er den Halbohnmächtigen erblickte, ging er mitleidig heran, flößte ihm aus seiner Flasche einen stärkenden Trunk ein und wartete, bis er wieder zu Kräften kam. "Weißt du auch", sagte der Fremde, indem er sich aufrichtete, "wer ich bin und wem du wieder auf die Beine geholfen hast?" - "Nein", antwortete der Jüngling", "ich kenne dich nicht." - "Ich bin der Tod", sprach er, "ich verschone niemand und kann auch mit dir keine Ausnahme machen. Damit du aber siehst, dass ich dankbar bin, so verspreche ich dir, dass ich dich nicht unversehens überfallen, sondern dir erst meine Boten senden will, bevor ich komme und dich abhole." - "Wohlan", sprach der Jüngling, "immer ein Gewinn, dass ich weiß, wann du kommst, und so lange wenigstens sicher vor dir bin." Dann zog er weiter, war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein. Allein Jugend und Gesundheit hielten nicht lange aus, bald kamen Krankheiten und Schmerzen, die ihn bei Tage plagten und ihm nachts die Ruhe wegnahmen. "Sterben werde ich nicht", sprach er zu sich selbst, "denn der Tod sendet erst seine Boten; ich wollte nur, die bösen Tage der Krankheit wären erst vorüber." Sobald er sich gesund fühlte, fing er wieder an, in Freuden zu leben. Da klopfte ihm eines Tages jemand auf die Schulter: er blickte sich um, und der Tod stand hinter ihm und sprach: "Folge mir, die Stunde deines Abschieds von der Welt ist gekommen." - "Wie", antwortete der Mensch, "willst du dein Wort brechen? Hast du mir nicht versprochen, dass du mir, bevor du selbst kämest, deine Boten senden wolltest? Ich habe keinen gesehen." - "Schweig", erwiderte der Tod, "habe ich dir nicht einen Boten über den andern geschickt? Kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? Hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? Zwickte dich nicht die Gicht in allen Gliedern? Brauste dir's nicht in den Ohren? Nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? Ward dir's nicht dunkel vor den Augen? Über das alles, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? Lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?" Der Mensch wusste nichts zu erwidern, ergab sich in sein Geschick und ging mit dem Tode fort.
Brüder Grimm
Der Anfang des Märchens gibt schon Rätsel auf, sollte er nicht nur ein Kunstgriff des Erzählers sein, einen früheren Kontakt des Menschen mit dem Tode herzustellen, weil sonst die Geschichte ihre Pointe verlieren würde. Aber wie wir auch immer den Riesen interpretieren mögen, wir sind keiner, und für uns beginnt die Geschichte erst analog im zweiten Teil ...
Ich habe dieses Märchen zitiert nach: Dietrich Steinwede (Hrsg.): Wie das Leben durch die Welt wanderte. Märchen der Menschen von Tod und Leben. - Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1983. S. 16 - 18. [Ich besitze es seit 1984.]
Dies hier ist eine wunderbare Parabel auf das menschliche Leben:
Die Lebenszeit
Als Gott die Welt geschaffen hatte und allen Kreaturen ihre Lebenszeit bestimmen wollte, kam der Esel und fragte: "Herr, wie lange soll ich leben?" - "Dreißig Jahre", antwortete Gott, "ist dir das recht?" - "Ach Herr", erwiderte der Esel, "das ist eine lange Zeit. Bedenke mein mühseliges Dasein: vom Morgen bis in die Nacht schwere Lasten tragen, Kornsäcke in die Mühle schleppen, damit andere das Brot essen, mit nichts als mit Schlägen und Fußtritten ermuntert und aufgefrischt zu werden! Erlass mir einen Teil der langen Zeit." Da erbarmte sich Gott und schenkte ihm achtzehn Jahre. Der Esel ging getröstet weg, und der Hund erschien. "Wie lange willst du leben?" sprach Gott zu ihm. "Dem Esel sind dreißig Jahre zuviel, du aber wirst damit zufrieden sein." - "Herr", antwortete der Hund, "ist das dein Wille? Bedenke, was ich laufen muss, das halten meine Füße so lange nicht aus; und habe ich erst die Stimme zum Bellen verloren und die Zähne zum Beißen, was bleibt mir übrig, als aus einer Ecke in die andere zu laufen und zu knurren?" Gott sah, dass er recht hatte, und erließ ihm zwölf Jahre. Darauf kam der Affe. "Du willst wohl gerne dreißig Jahre leben?" sprach der Herr zu ihm. "Du brauchst nicht zu arbeiten wie der Esel und der Hund und bist immer guter Dinge." - "Ach Herr", antwortete er, "das sieht so aus, ist aber anders. Wenn's Hirsebrei regnet, habe ich keinen Löffel. Ich soll immer lustige Streiche machen, Gesichter schneiden, damit die Leute lachen; und wenn sie mir einen Apfel reichen und ich beiße hinein, so ist er sauer. Wie oft steckt Traurigkeit hinter dem Spaß! Dreißig Jahre halte ich das nicht aus." Gott war gnädig und schenkte ihm zehn Jahre.
Endlich erschien der Mensch, war freudig, gesund und frisch und bat Gott, ihm seine Zeit zu bestimmen. "Dreißig Jahre sollst du leben", sprach der Herr, "ist dir das genug?" - "Welch eine kurze Zeit!" rief der Mensch. "Wenn ich mein Haus gebaut habe und das Feuer auf meinem eigenen Herde brennt, wenn ich Bäume gepflanzt habe, die blühen und Früchte tragen, und ich meines Lebens froh zu werden gedenke, so soll ich sterben! O Herr, verlängere meine Zeit." - "Ich will dir die achtzehn Jahre des Esels zulegen", sagte Gott. "Das ist nicht genug", erwiderte der Mensch. "Du sollst auch die zwölf Jahre des Hundes haben." - "Immer noch zu wenig." - "Wohlan", sagte Gott, "ich will dir noch die zehn Jahre des Affen geben, aber mehr erhältst du nicht." Der Mensch ging fort, war aber nicht zufriedengestellt.
Also lebte der Mensch siebenzig Jahr. Die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre, die gehen schnell dahin; da ist er gesund, heiter, arbeitet mit Lust und freut sich seines Daseins. Hierauf folgen die achtzehn Jahre des Esels, da wird ihm eine Last nach der andern aufgelegt; er muss das Korn tragen, das andere nährt, und Schläge und Tritte sind der Lohn seiner treuen Dienste. Dann kommen die zwölf Jahre des Hundes, da liegt er in den Ecken, knurrt und hat keine Zähne mehr zum Beißen. Und wenn diese Zeit vorüber ist, so machen die zehn Jahre des Affen den Beschluss. Da ist der Mensch schwachköpfig und närrisch, treibt alberne Dinge und wird ein Spott der Kinder.
Brüder Grimm
aus: Paul Alverdes (Hrsg.): Das Nashorn als Erzieher. Fabeln der Welt. dtv 439.
[in meiner Sammlung seit dem 16.9.1980]
Ich hoffe, noch nicht so bald in den Affen-Zustand zu geraten! Mit Würde alt zu werden ist hingegen eine Kunst, in deren Einübung jedermann sich frühzeitig üben sollte, wie ich immer mehr merke.
Erneut ein älterer Artikel von mir. Ich überlasse die Beurteilung meinen Lesern, ob er noch zeitgemäß ist oder sich überholt hat, wie es zunächst das Alter der Literaturangaben vermuten ließe …
Der folgende Aufsatz erschien erstmalig in dem Themenheft „Angst“ von MITEINANDER LEBEN LERNEN, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 9. Jahrgang, H.4.Juli 1984, S. 24 – 29.
Angst vor Krankheit und Tod
JÜRGEN LÜDER
Beschäftigt man sich mit der Bedeutung des Todes in unserer heutigen Gesellschaft, so stößt man auf ein bemerkenswertes Phänomen: Zeitungen und Fernsehen scheinen sich regelrechtauf Kriege, Verbrechen und Unglücksfälle spezialisiert zu haben. Von der gefühlsmäßigen Seite her aber stellt der heutige Mensch einen solchen Abstand zu diesen Ereignissen her, als passierten sie auf einem anderen Stern und hätten mit dem eigenen Leben nichts zu tun. Oft erzeugen sie sogar noch einen lustvollen Schauer, wenn man an die Beliebtheit von Krimis und Western denkt, von den Auswüchsen moderner Videofilme ganz zu schweigen.
Es ist, als wäre der Tod seiner gefühlsmäßigen Bedeutung entkleidet, als würden die Gefühle vom Ereignis abgespalten, ein Zeichen für eine sich ausbreitende Entfremdung von tieferem Erleben in unserer Gegenwart.
In der Tat spricht Philippe Ariès, der den Wandel der Einstellungen zum Tode im Abendland untersucht hat, vom „verbotenen Tod“ in unserem Zeitalter, der im Gegensatz zu früheren Epochen nur noch als Störfaktor betrachtet und aus dem Bewusstsein ausgeschlossen wird (1).
Vergleicht man die schwerwiegendsten Tabus heute mit denjenigen vor 100 Jahren, so hat sich oberflächlich betrachtet geradezu eine Umkehrung vollzogen. Wurde über Sexualität in der Wilhelminisch-Viktorianischen Zeit peinlich geschwiegen, so erlebten damals Kinder noch unmittelbar mit, dass Angehörige in der Familie starben, konnten also noch direkte Erfahrungen mit dem Tode sammeln. Heute ist es eher so, dass über Sexualität offen zumindest gesprochen werden kann, während Sterbende ihre letzten Tage oft isoliert im Krankenhaus verbringen müssen, getrennt von ihrer bisherigen Lebenswelt. Elisabeth Kübler-Ross, die durch ihre Erforschung der Psyche sterbender Patienten bekannt geworden ist, weist auf die häufige Hilflosigkeit von Pflegepersonen und Angehörigen hin, die aufgrund eigener Ängste dem Sterbenden nicht beistehen können (2).
Erfahrungen in einem Kurs über dieses Thema bestätigten mir diese Einschätzung. Immerhin wollten alle Teilnehmer sich mit dieser Problematik auseinandersetzen, waren also grundsätzlich schon aufgeschlossen. Als aber die Frage auftauchte, welchen Tod jeder einzelne sich selbst wünschte, wurde am häufigsten geäußert: „Ohne Vorwarnung, möglichstohne es selbst noch zu merken, am liebsten durch Herzschlag mitten im Alltag, ohne längere Krankheit“, was gleichbedeutend ist mit dem Verzicht auf ein Abschiednehmen von sich und den Mitmenschen. Welch ein Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, in denen sich wie selbstverständlich die gesamte Umwelt am Sterbelager versammelte und der Sterbende sich sogar durch „Sterbehilfe-Bücher“ auf seinen Tod vorbereitete!
Die Gründe für diese Veränderungen sind vielfältig und können hier nur angedeutet werden: ökonomische, soziale und wissenschaftliche Wandlungen, besonders im Bereich der Medizin und ihrer Behandlungserfolge, die Ablösung der Groß- durch die Kleinfamilie, in der nur noch selten mehrere Generationen zusammenleben, die Ausweitung von Institutionen, in denen Schwache und Kranke fern der Familie versorgt werden, und insbesondere der Wandel der gesellschaftlichen Wertvorstellungen, die H. E. Richter heute für lebensfeindlich hält, da in ihnen nur „Größe, Stärke, ewige Fitness und Jugendlichkeit“ etwas gelten. Nur die „Höhe des Lebens“ habe einen Wert, gegenüber dem derjenige aller anderen Lebensalterverblasse (3).
Grenzerfahrungen
Schon früher haben Menschen nur ungern an den Tod gedacht, wie das schöne Märchen „Die Boten des Todes“ der Brüder Grimm zeigt: Der Tod wird in einem Zweikampf von einem Riesen besiegt, liegt ohnmächtig da, bis ihn ein junger Mensch findet und pflegt. Er offenbart sich dem erstaunten Jünglingund verspricht als Dank, ihm erst seine Boten zu senden, bevor er ihn abholen werde, da er bei niemandem eine Ausnahme machen könne. Der Jüngling „war lustig und guter Dinge und lebte in den Tag hinein“, fühlte sich sicher und störte sich nicht an Krankheiten und Schmerzen, die er überstand. Zu seinem großen Erstaunen tritt eines Tages plötzlich der Tod an ihn heran und erwidert, als der Mensch dessen Wortbruch beklagt: „Schweig, habe ich dir nicht einen Boten über den anderen geschickt? Kam nicht das Fieber, stieß dich an, rüttelte dich und warf dich nieder? Hat der Schwindel dir nicht den Kopf betäubt? … Nagte nicht der Zahnschmerz in deinen Backen? Über alles das, hat nicht mein leiblicher Bruder, der Schlaf, dich jeden Abend an mich erinnert? Lagst du nicht in der Nacht, als wärst du schon gestorben?“ (4).
Durch die verlängerte Lebenszeit und die großen Erfolge der Medizin können wir heute zumeist die Beschäftigung mit dem Tode weit hinauszögern; viele Krankheiten, die früher lebensgefährlich waren, sind heute keine „Boten“ mehr, weil wir sie leicht bekämpfen können. Aber gibt es nicht genügend „Boten“ auch im Leben eines jeden Menschen in unserer Zeit, die ihn an seine Grenzen gemahnen, an die Beschränktheit der eigenen Kräfte und der zur Verfügung stehenden Lebenszeit, die damit zum Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit führen könnten?
So schmerzhaft Erlebnisse des Älterwerdens sind, die sich für manche Menschen zu richtigen Lebenskrisen auswachsen, so bergen sie doch die Chance in sich, mit einem klareren Verständnis für sich selbst und die eigenen Zielsetzungen daraus hervorzugehen, wenn man einer Auseinandersetzung mit der Situation und den eigenen Ängsten standhält. Viele Menschen fühlen sich aber dieser Belastung nicht gewachsen, gehen einige Zeit nach dem schmerzlichen Erlebnis wieder „zur Tagesordnung“ über und greifen somit auf die bewährte Methode der Verdrängung zurück.
Ängste vor dem Tod
Was schreckt die Menschen so, dass sie die Vorstellung an den eigenen Tod lieber verdrängen? M. E. ist hier eine wichtige Unterscheidung erforderlich. Da ist zunächst die sehr verständliche Angst vor Siechtum und Schmerzen, vor einem einsamen Tod im Krankenhaus, verlassen von Angehörigen, die nicht die seelische Kraft haben, dem Sterbenden beizustehen. Auch der Gedanke an manche “Wundermittel“ der heutigen Medizin kann erschrecken, die Vorstellung, an zahlreiche Apparaturen angeschlossen, um jeden Preis am Leben erhalten zu werden¸ auch wenn der Lebenswille des Patienten längst erloschen ist. Dies sind schwierige Fragen der medizinischen Ethik, aber auch der Gesetzgebung, die Ärzten enge Grenzen hinsichtlich einer „Sterbehilfe“ für unheilbar Kranke setzt. Bekannt geworden ist hier der Fall der Amerikanerin Anne Quinlan, deren Eltern 1976 per Gerichtsbeschluss erstritten, die Apparaturen abzustellen. In Deutschland hat sich besonders die „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben“ (DGHS) der Frage angenommen, wie der einzelne wieder Einfluss auf sein eigenes Sterben nehmen kann, z.B. über eine schriftliche Verfügung, in einem unheilbaren Krankheitsstadium Methoden der Intensivmedizin abzulehnen.
Die Gründe der Verdrängung der Todesgedanken liegen jedoch tiefer. Hinter den Todesängsten verbergen sich Lebensängste, Ängste vor der Leere eines Lebens, dem der Sinn entzogen ist. Was die Menschen wirklich bewegt, dürfte damit ebenfalls weniger die Frage sein, ob es für sie ein Leben nach, sondern vordem Tod gibt, das wirklich lebenswert ist. So formulierte schon Spinoza: „Der freie Mensch denkt an nichts weniger als an den Tod, und seine ganze Weisheit ist auf das Leben gerichtet“ (5). Die Frage nach dem Tod ist somit eigentlich die nach dem Leben: Was habe ich bisher aus meinem Leben gemacht, was möchte ich noch erreichen? Eine Übung, die viele Menschen zu Sylvester oder an Geburtstagen pflegen, um die Gedanken daran dann schnell wieder wegzuwischen, weil die Begegnung mit sich selbst bei halbwegs objektivem Blick schmerzhaft und desillusionierend ist.
So müssten sich viele Menschen eingestehen, dass sie „die ihnen zugemessene Lebenszeit gar nicht richtig genutzt haben. Aus Angst vor Entscheidungen und Verantwortungsübernahme flohen sie stets aus den jeweils gegebenen Situationen und vertrösteten sich mit Zukunftsträumereien und Vergangenheitsreprisen. Das Leben findet aber immer ‚im Augenblick’ statt. Wer es da nicht erhascht und ergreift, ist auch um seine Zukunft betrogen, da diese ja ebenfalls in Form von Augenblicken heranrollt oder heranreift“ (6).
Sich der Krise stellen
Es ist aber verständlich, dass viele Menschen eine tiefergehende Auseinandersetzung m it der Frage nach dem eigenen Leben und Sterben scheuen, weil sie sich hilflos fühlen. Durch die Tabuisierung des Todes in unserer Gesellschaft fehlen im normalen Alltag Hilfestellungen und besonders Vorbilder, an denen man sich in dieser Frage orientieren könnte, zumal die Religion ihre frühere stützende Funktion weitgehend eingebüßt hat.
Ermutigend kann hingegen die Beschäftigung mit Psychologie, Psychotherapie, Philosophie, Literatur und manchen Biographien sein, insbesondere, wenn hierbei der Entwicklungsgedanke, die Idee der Selbstverwirklichung und des seelischen Wachstums bis zum Tod als Lebensaufgabe des Menschen deutlich wird. Sich seinenÄngsten stellen hieße in diesem Sinne, nach neuen Wegen zu suchen, im eigenen Leben höhere Werte anzustreben und durch die Bemühung um mehr echte Nähe sich selbst und anderen gegenüber zufriedener zu werden, eine Seelenlage, aus der heraus ein Abschiednehmen und Loslassen erst möglich wird.
Tobias Brocher betont in einem autobiographischen Bericht, dass niemand im Leben zu kurz komme, der sich ernsthaft mit seinen Selbsttäuschungen und Illusionen auseinandersetze, zumal die Aufgabe des Lebens in einem ständigen Wandel bestehe: „Es ist uns viel Zeit gegeben, uns auf jene letzte Änderung vorzubereiten, die wir Tod nennen, aber wir müssen sie nutzen, um die Angst vor der Veränderung auf dieser langen Strecke zu verlieren, indem wir uns ändern“ (7).
Für wen kann das Nachdenken über sich eine stärkere Krise bedeuten als für einenSchwerkranken, der einsehen muss, dass seine Lebenszeit bald ablaufen wird? Neigten früher Ärzte und Verwandte in den meisten Fällen dazu, z.B. einem Krebskranken seinen Zustand zu verschweigen, so gibt es zunehmend mehr Berichte von Betroffenen, die das Wissen um ihre Krankheit als Wende betrachten, die sie zu mehr Bewusstsein über ihre Lebensführung gebracht hat. Sei es anklagend unversöhnlich wie in Fritz Zorns „Mars“ oder mehr sensibel wahrnehmend wie in Maxie Wanders „Leben wär` eine prima Alternative“.
H. E. Richter hat bei unheilbar Kranken, die ihr Sterben akzeptierten, beobachten können, dass sich die Qualität ihres Lebens änderte, sie Konflikte mit ihnen wichtigen Menschen klärten und noch positive Gemeinsamkeiten verwirklichten.
„Man kann nur schwer sterben oder einen anderen sterben lassen, wenn in der Beziehungunbewältigte Ängste, Rivalitäten, Hass- und Schuldgefühle angestaut sind. Dann verbleibt man unausgesöhnt mit dem Partner wie mit sich selbst. Und das macht eine definitive Trennung unmöglich“ (8).
Dennoch: Ist es nicht vielleicht für ein Umdenken schon zu spät, kann eine gegebenenfalls nur kurze Spanne intensiv gestalteten Lebens überhaupt ein Gegengewicht gegen viele verstrichene Jahre sein? Ich denke, dass die Qualität des Lebens einen höheren Wert darstellt als seine Quantität. Wir haben zwar überwiegend nicht mehr das Gottvertrauen, das einen Luther zu dem Ausspruch bewegte, er würde heute noch einen Baum pflanzen, selbst wenn er wüsste, dass morgen die Welt unterginge. Aus atheistischer Sicht kommt Bertrand Russell aber zu einer ähnlichen Bewertung, das Wertvolle im Leben betonend: „Das Glück ist wahr, auch dann, wenn es ein Ende finden muss, und auch das Denken und die Liebe verlieren nicht ihren Wert, weil sie nicht ewig währen“ (9).
Das schönste literarische Beispiel dafür, welche qualitativen Veränderungen hin zu einer eigenständigen Persönlichkeit auch noch für einen alten Menschen gegeben sein können, der die Führung seines Lebens aus jahrzehntelanger Fremdbestimmung in Eigenverantwortung übernimmt, ist für mich Bertolt Brechts Erzählung „Die unwürdige Greisin“. Brecht schildert hier die letzten zwei Lebensjahre einer 72jährigen Frau, die nach dem Tode ihres Mannes entgegen den Erwartungen der Verwandtschaft ein völlig unabhängiges unkonventionelles Leben in einem neuen Bekanntenkreis zu führen beginnt. Brecht schließt seinen Bericht: „Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.“
Literatur
(1)Philippe Ariès, Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München 1981.
(2)Elsabeth Kübler-Ross, Gespräche mit Sterbenden, Stuttgart 1969.
(3)Horst E. Richter, Vom Umgang mit der Angst, in: Sich der Krise stellen, Reinbek 1981, S. 136 ff.
(4)Zit. nach: Dietrich Steinwede (Hrsg.), Wie das Leben durch die Welt wanderte, Märchen der Menschen vonTod und Leben, Gütersloh 1980.
(5)Zit. nach: Josef Rattner, Psychoanalyse und Gruppenpsychotherapie der Angst, München 1972, S. 83.
(6)Josef Rattner, Weisheit als Charakterzug, in: Jahrbuch für verstehende Tiefenpsychologie und Kulturanalyse Bd. 1, Berlin 1881, S. 143.
(7)Tobias Brocher, Gegen die Tugend der Beharrlichkeit, in: G. Rein (Hrsg.), Warum ich mich geändert habe, Stuttgart 1971, S. 14.
(8)Horst E. Richter (1981), S. 143.
(9)Bertrand Russell, Warum ich kein Christ bin, Reinbek 1968, S. 62.
Ich habe länger über einen treffenden Namen für diesen Blog nachgedacht. Mein Blick auf die Welt im Zusammenhang mit meinem Älterwerden sollte das Thema sein. An "Methusalem" habe ich gedacht, habe diese Wahl dann aber verworfen. "Methusalem" erinnert mich an Menschen, die im höheren Alter ein von anderen bewundertes Leben führen und deren Meinung besonderes Gewicht genießt. Was ich aber tatsächlich erlebe, ist eher, dass sich derzeit technische Möglichkeiten, Wertvorstellungen und Lebensentwürfe in einem rasanten Tempo verändern. Ältere Wertvorstellungen, soziale Tugenden (jedenfalls das, was ich dafür halte) und Handlungsziele scheinen mir in Gefahr, vergessen zu werden. Da lag mir der eher wehmütige Vergleich mit den "Dinosauriern" nahe, einst herrschend auf der Erde, dann ausgestorben. Allerdings z.Zt. unter Kindern wieder modern, die in Ausstellungen staunend vor Gerippen und Rekonstruktionen stehen.
So will ich mit meinen Aufzeichnungen an Werte erinnern, die ich vor dem Verschwinden bewahren möchte, ein Aufbäumen mit sicherlich nur geringem Einfluss, aber vielleicht finde ich ja Gleichgesinnte und Mitstreiter!
Ich bin Jahrgang 1947.