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Samstag, 22. Juni 2019

ethische Dünnbrettbohrer

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Ich weiß nicht mehr genau, was der konkrete Anlass war, wahrscheinlich eine Fernsehdokumentation über Populisten in Europa, plötzlich war dieser Begriff in meinem Kopf: ethische Dünnbrettbohrer! Nicht gerade wohlklingend, keine sprachliche Sonderleistung, inhaltlich aber so, dass ich mir sage: Genau das ist es! Diejenigen, die über ihre ausschließlich eigenen Interessen hinweg keinen Blick mehr auf andere Menschen haben, die Welt nur noch aus dieser eingeengten Perspektive betrachten und keinerlei Verantwortung für ein gelingendes Miteinander übernehmen wollen, aber alle diejenigen, die diese Idylle stören und andere Wünsche und Bedürfnisse haben, am liebsten auf den Mond schießen würden. Mein Mütchen gekühlt für diesen Morgen ...

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Es ist zum Schämen ...

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Mir aus der Seele gesprochen hat Norbert Copray, der in seinem Vorwort zum neuesten Publik-Forum-newsletter sich über die Unmoral der derzeitigen Regierung beklagt, die "den da Oben" gibt, was sie sich von "denen da Unten" nimmt. So treffend könnte ich es nicht ausdrücken, deshalb zitiere ich seinen Anfangskommentar - zum Nachlesen und weiter Verfolgen empfohlen!

Sehr geehrter Herr Lüder,

haben sich die Bundesbürger im letzten Jahr wirklich eine Regierung der Egoisten gewählt? Dafür spricht, wie unter anderem Hoteliers, Atom-Konzerne, Banken und Investmentbanker, private Krankenversicherungen und die Pharmaindustrie bevorzugt, geringfügig Verdienende, Hartz-IV-Berechtigte und sogenannte Leih- und Zeitarbeiter benachteiligt werden. Dabei wird sogar von der Bundesregierung Neid und Streit zwischen Hartz-IV-Berechtigten und Niedriglohnempfängern angezettelt. Mit dem Scheinargument, die Hartz-IV-Sätze dürften nicht deutlich steigen, damit das Lohnabstandsgebot gegenüber den Niedriglöhnen, die nicht zum Leben reichen, gewahrt bleibe. Sozialhilfeempfänger kontra Niedrigverdiener – was für eine Regierung, die das mal offensichtlich, mal subtil anstachelt. Ich muss mich dieser Regierung schämen!

»Aufstocker« – dieses Wort war vor geraumer Zeit noch völlig unbekannt. Es verschleiert die Tatsache, dass die Regierung ordentlich verdienenden Firmen indirekt die Löhne subventioniert. »Tafel« – dieses Ende des letzten Jahrhunderts aufgekommene Wort verschleiert, dass Hartz-IV-Sätze und Niedriglöhne nicht zum Leben reichen. Und dann müssen sich »Aufstocker« und »Tafelgäste« gefallen lassen, von Ministern verhöhnt – »wer Arbeit sucht, der findet auch welche« – und von der Bild-Zeitung runtergemacht zu werden. In diese Art von Gesellschaft möchte ich nicht integriert sein.

Von Heinrich Böll, dem deutschen Literaturnobelpreisträger, der sich nie christlich zu nennen wagte, gibt es die treffliche Aussage: »Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.« Demnach leben wir definitiv nicht mehr in einer christlichen Gesellschaft, und CDU und CSU sind definitiv keine Parteien, die sich mit Recht christlich nennen können.

Es wird Zeit, aktiv zu werden. Andere Bürger machen es schon und machen es vor. Aktiv werden, seine Meinung gebündelt mit anderen Gleichgesinnten kundtun, Lobby werden für eine andere Gesellschaft, für eine andere Art des Regierens und des sozialen Ausgleichs – und das Feld nicht den egoistischen Lobbys überlassen. Damit wir uns in Zukunft nicht schämen müssen vor unseren Kindern und Enkeln.

In diesem Newsletter finden Sie Impulse zum Mitmachen. Ich bin gespannt, ob Sie dabei sind.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Herbst-, Aktions- und Lesezeit!


Ihr Norbert Copray



Quelle: Publik-Forum newsletter 6/2010 v. 30.9.2010, über: www.publik-forum.de bzw. newsletter@publik-forum-news.de !

Dienstag, 29. Juni 2010

„Precious – Das Leben ist kostbar“


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Wow! Was für ein Film! Was für eine Hauptdarstellerin! Seit ich Besprechungen dieses Films gelesen und Fotos der Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe gesehen hatte, war mir klar: Diesen Film musst du unbedingt sehen!


Precious – Das Leben ist kostbar. USA 2008. Regie Lee Daniels. In den Hauptrollen Gabourey Sidibe als gequälte Tochter und Mo’Nique als demütigende und schlagende Mutter, die für ihre überzeugende Darstellung einen Oscar erhielt. Drehbuch nach einem Roman von Sapphire. Insgesamt gab es sechs Oscar-Nominierungen für diesen Film. Die MOZ zählte ihn zu den besten Filmen des Jahres (25.3.2010).


Was für ein schreckliches Leben! Die farbige 16 jährige Claireece ist bereits vom Leben gezeichnet. Extrem übergewichtig, vom eigenen Vater zweimal geschwängert, von der Mutter seelisch gequält und körperlich misshandelt, bisher überall eine Außenseiterin und ohne jeden Schulerfolg, macht sie sich dennoch auf den mühseligen Weg, ein eigenes Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. Sie findet eine Spezialschule mit einer Lehrerin, die an sie glaubt, und lernt, trotz aller Widerstände, in unglaublich kurzer Zeit Lesen und Schreiben, alles das, was ihr bisher mehr oder weniger verweigert worden war (bzw. an der vorhergehenden Normalschule hatte sie einfach keine Chance bei ihren Rahmenbedingungen). Als sich dann noch eine Sozialarbeiterin verstärkt um sie bemüht, gelingt ihr auch die Abnabelung von ihrer gewalttätigen Mutter, die sie in ein allerdings weiterhin ungewisses Schicksal verlässt.


Was können Menschen einander alles antun? Welche nur erdenkbaren Schrecken können jemand treffen? Der Film lässt nichts aus. Die Bestie von Vater, der seine Tochter bereits als Kleinkind missbraucht und ihr später zwei Kinder macht, als Andenken an ihn nach seinem Tod auch noch mit der Gewissheit, die HIV-Erkrankung des Vaters „geerbt“ zu haben. Die völlig aus der Bahn geworfene Mutter, die nur noch auf Kosten der Sozialhilfe und der Arbeitsleistung ihrer Tochter dahinvegetiert, als einzigen Dank aus Eifersucht auf ihre Tochter dieser das Leben zur Hölle machend … (Es gibt da einige schlimme Szenen im Film. Er ist freigegeben ab 12 Jahren, ich hätte diese Altersgrenze eher auf 18 heraufgesetzt.) So massiert habe ich Elend, Missbrauch und Gewalt noch nie im Kino gesehen.


Neben diesen schwärzesten Seiten hat dieser Film aber auch einen erstaunlichen Optimismus, der ansteckend ist und den Zuschauer mit der Heldin mitzittern, aber auch erleichtert aufatmen lässt, wenn Precious, wie Claireece genannt wird, diese Gewaltspirale verlassen kann und sich in ein eigenes Leben, fern ab von allen ihren bisherigen Quälgeistern, aufzumachen versucht. Ist das realistisch – oder nur ein schöner Traum? Jedenfalls ist ihre Energie bewunderungswürdig, nach jeder Demütigung erneut aufzustehen und weiterzumachen.


Ein Hoch natürlich auch auf jegliche Form von Bildung und einfühlsame Lehrer, die selbst für derartig schwierige „Fälle“ Engagement über jedes normale Maß aufbringen! Da ist dann die Frage an mich, der ich ja auch aus dem „Helferlager“ stamme: Wie machen Lehrerin und Sozialarbeiterin das bloß? Sie entwickeln eine fast übermenschliche Geduld, Mitleidensfähigkeit und ein Engagement, das weit über eine normale „Berufstätigkeit“ hinausreicht, zumal beide nur unzureichende Arbeitsbedingungen haben. (Ich denke da an das Großraumbüro der Sozialarbeiterin, in dem sie nur eine „Ecke“ zu eigen hat, in der sie aber Gespräche mit den kompliziertesten Klienten führt.) Hält das jemand wirklich länger durch? Das ständige Elend der Klienten und die wahrscheinlich nur eingeschränkten Hilfsmöglichkeiten? Werden hier nicht auch zwei Frauen gezeigt, die bei anhaltendem Engagement in diesem Ausmaß auf ihren Zusammenbruch in einem „burn out“ hinsteuern? Aber es ist ja ein Spielfilm und keine Dokumentation.


Der Film will aber offensichtlich hauptsächlich aufrütteln und für Leid und Gewalt sensibilisieren. Auch für die Botschaft, dass es in den schlimmsten Lebenssituationen noch eine Chance geben kann, wenn ein lernwilliger Mensch bereit ist, alte Bahnen zu verlassen und die echte Hilfe anderer anzunehmen (nicht nur die Leistungen der Sozialkasse).


Da bleiben dann so spezialisierte Fragen offen wie meine, wie man diese Handlung mit dem schönen neuen Konzept der Resilienz in Verbindung bringen könnte. Immerhin ein „Renner“ in den Sozialwissenschaften der letzten Jahre! Der Ansatz versucht eine Antwort darauf zu geben, warum einige Menschen, die Schlimmes in ihrem Leben durchmachen mussten, dennoch „heil“ aus dieser Misere hervorgehen, während die meisten anderen, die gleiche Bedingungen hatten, untergehen, Störungen entwickeln oder asozial werden. Die Resilienzforschung hat dafür besonders verantwortlich gemacht, dass Kinder aus schwierigsten Verhältnissen dennoch in ihrer Kindheit und Jugend Unterstützung durch einen/einige verlässliche Menschen gefunden haben, auf die sie bauen konnten. Da ist in der Biographie von Precious aber niemand zu entdecken. Dennoch ist sie offen und kann die Angebote von Lehrerin und Sozialarbeiterin annehmen, sie reagiert eher sogar wie ein „Schwamm“! Im Gegensatz zu den Forschungsergebnissen tritt diese Unterstützung bei ihr aber erstmalig im beginnenden Erwachsenenalter auf, nicht in der Kindheit. Nun, jeder, der sich mit dem Resilienz-Konzept beschäftigt, möge selber darüber nachdenken, ob dieser Film damit vereinbar ist oder nicht.


Egal wie: Unbedingt ansehen!

Montag, 3. Mai 2010

Die armen Griechen ...

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Die Nachrichten überschlagen sich. Eines steht für mich fest: Es wird über die wahren Hintergründe bestimmt wieder viel gelogen - und: ich möchte nicht in der Haut eines durchschnittlichen Griechens stecken. Denn die Einsparungen, von denen in den Zeitungen steht, betreffen mal wieder die "kleinen Leute": Sparen bei den Staatsbediensteten, Sparen bei Rentenansprüchen, eine kräftige Anhebung der Mehrwertsteuer, die vor allem die Ärmeren trifft, die ihr Einkommen im Wesentlichen für den täglichen Konsum ausgeben müssen. Und wo spart die Finanzelite des Landes, Banken, Konzerne, Unternehmer und Reiche? Davon habe ich noch nichts gelesen.


Für mich "riecht es danach", als wäre diese dramatische Zuspitzung wieder das Produkt der Finanzspekulanten, die sich jetzt ein neues Betätigungsfeld für einen "schönen Reibach" ausgesucht haben: den Euro, und zunächst seine größte Schwachstelle, Griechenland. Kaum vorstellbar, dass die anderen Euro-Länder Griechenland "hängen lassen" und noch weitere kranke Kandidaten dem Scharmützel auf den Anleihe-Märkten aussetzen wollen. Die Gemeinschaft wird sich das schon etwas kosten lassen ... D.h. die Bevölkerungen der anderen Länder werden es durch ihre Steuerzahlungen irgendwie finanzieren, dass die Finanzspekulation kräftig absahnt. (Oder es gilt der 2. Absatz der unteren Ausführungen, dann bezahlt nur die Bevölkerung Griechenlands, auch nicht besser.)

Sehr erhellend für mich fand ich ich den folgenden Artikel in der Berliner Zeitung v. 27.4.2010: "Sieben Mythen über Griechenland - und was dran ist" von Stephan Kaufmann und Anna Sleegers. Ich zitiere daraus einige Teile:

1. Griechenland ist pleite.

[...] Griechenland bedient - wie auch Deutschland - seine alten Kredite mit neuen Krediten. Noch kann sich Athen an den Märkten verschulden. Das Problem ist nur: Die Spekulation auf eine Pleite des Landes hat die Zinsen so hochgetrieben, dass die Verschuldung prohibitiv teuer geworden ist. [...]

2. Deutschland zahlt für die Griechen

Durch die Kredite für Griechenland wird Deutschland nicht ärmer. Sondern reicher. Denn die Bundesregierung müsste die rund acht Milliarden Euro nicht aus dem Bundeshaushalt holen, sondern ihrerseits als Kredit aufnehmen. Dafür müssen zwar Zinsen gezahlt werden, aber deutlich weniger, als Griechenland für die Kredithilfen in Rechnung gestellt wird. Sofern Griechenland den Kredit zurückzahlt - woran es alles setzen wird, um nicht auf den Status eines Entwicklungslandes zurückzufallen - würde Deutschland also einen Zinsgewinn von mehreren hundert Millionen Euro machen.

[...]

5. Griechenland hat in der Währungsunion nichts mehr verloren

Wenn Griechenland die Drachme wieder einführte, wäre eine Entschuldung durch eine drastische Abwertung möglich, die gleichzeitig den Export ankurbeln würde. Zudem könnte das Land wieder eine eigene Geldpolitik betreiben. Besonders Euro-Kritiker machen sich für diese Lösung stark - wohlwissend, dass ein Austritt Griechenlands höchstwahrscheinlich das Ende der Währungsunion bedeuten würde. [...] Damit wäre der Spekulation gegen die restlichen Mitgliedsstaaten Tür und Tor geöffnet, der Euro würde zur Weichwährung. [...]

6. Die Griechen sollen erstmal ihre Hausaufgaben machen.

Sitzen sie schon dran. Und die Hausaufgaben sind schwer. Im laufenden Jahr soll das Haushaltsdefizit um satte vier Prozentpunkte sinken. Das bedeutet harsche Sparmaßnahmen und für die Bevölkerung heftigen Verzicht: Die Netto-Gehälter der Staatsbediensteten werden um etwa zehn Prozent reduziert. Nicht nur die Einkommen sinken, auch das Leben wird für die Griechen kostspieliger: Der Haupt-Mehrwertsteuersatz steigt von 19 auf 21 Prozent, Zigaretten und Benzin werden teurer. Das Sparprogramm ist so rigoros, dass selbst die EU-Kommission befand: Mehr ist erst einmal nicht drin. Denn sonst drohen einerseits Verarmung und soziale Unruhen. Gleichzeitig schrumpft die Wirtschaft aufgrund der Sparmaßnahmen allein im laufenden Jahr um etwa vier Prozent.

7. Der Markt fürchtet einen griechischen Staatsbankrott.

Der Markt ist kein Wesen, sondern die Summe der Anleger, die ihr Geld auf der Basis ihrer Annahmen und Erwartungen anlegen. Wer wirklich einen Staatsbankrott Griechenlands fürchtet, investiert natürlich nicht in griechische Staatspapiere. Alle anderen hoffen darauf, dass Hellas gerettet wird und sie riesige Zinsgewinne einstreichen können.

(Hervorhebungen im Text - außer den Kapitel-Überschriften - von J.L.)

Dienstag, 16. März 2010

Diakonie: Zwei Seiten einer Medaille

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Am 5.3. habe ich einen blog zu Frau Käßmanns Rücktritt verfasst und gleichzeitig etwas darüber geschrieben, dass alle klassischen Institutionen, in vorderster Linie auch die Kirchen, z.Zt. in der Öffentlichkeit mit Anerkennungsproblemen zu kämpfen haben und teilweise in heftigen Krisen stecken.

Da war es für mich eine Wohltat, das neue Diakonie magazin 1/2010 aufzuschlagen und die engagierten Beiträge zu verfolgen. Hauptthema: "Bildung ist das beste Mittel gegen Armut" und wirkt bereits im Kita-Alter. Diesen Grundgedanken verfolgen mehrere Artikel der Zeitung. Diakonie als Hort engagierter Sozialarbeit mit einem kritischen Blick auf die sozialen Zustände in unserem Lande, parteiisch für diejenigen, die sonst keine Fürsprecher haben!

Dazu passt auch das als Leitbild vorgetragene Selbstverständnis der Diakonie:

"Diakonie ist die soziale Arbeit der evangelischen Kirchen. Sie hilft Menschen in Not und in sozial ungerechten Verhältnissen.
" (Diakonie magazin 1/2010, S. 4)

So etwas gefällt mir! Für eine Organisation/Arbeitgeber, die sich solche Prämissen auf die Fahnen geschrieben hat, mag ich mich engagieren und fühle mich an der richtigen Stelle!

Tatsächlich war ich zwanzig Jahre meines Lebens bei kirchlichen Arbeitgebern angestellt, den Großteil davon in der Diakonie. Ich habe den dortigen hohen ethischen Anspruch an mich und alle Kolleginnen und Kollegen gespürt, dem alle nachzukommen versucht haben. Denn für eine so wichtige Aufgabe lohnt der Einsatz! Das war allerdings nur die "eine Seite der Medaille". Denn es gab auch eine andere: Häufiger haben uns unsere "Oberen" nämlich einen "Spagat" zwischen moralischen Ansprüchen und tatsächlich erlebten Arbeitsbedingungen zugemutet.

Denn wie soll ich ohne geistige Verrenkungen parallel zum oberen Zitat die folgende Äußerung/Anweisung aus der Führungsetage der Diakonie verstehen ?

"Diakonie geschieht durch die Mitarbeiter der diakonischen Einrichtungen, nicht aber an den Mitarbeitern."(Dieses Zitat eines "führenden Mitglieds der Diakonie" verwendete mein früherer Chef in einer Ansprache an Mitarbeiter/innen meiner damaligen diakonischen Einrichtung auf einer Mitarbeiterversammlung 2008.)

Nach meinem Verständnis von Christentum ist Diakonie in der Formulierung des ersten Zitats "gelebte Nächstenliebe", die sich auf meinen Nächsten bezieht, der in Not geraten und bedürftig ist. Stopp, da war ich wohl zu blauäugig, denn es gibt offenbar eine Ausnahme! Er darf nämlich nicht Mitarbeiter der Diakonie sein! Für alle Kollegen/innen aus der Diakonie gilt diese Aussage gemäß der zweiten Anweisung nicht! Wahrscheinlich müssen die sich im Notfall (und nur um den handelt es sich schließlich) selbst helfen, ihr Arbeitgeber schließt seine Zuständigkeit aus.

Für mich schimmert da so etwas wie "doppelte Moral" durch: Nach außen wird ein hoher Anspruch verkündet, nämlich der Auftrag zur Unterstützung von Behinderten, Armen und Kranken und zur Verteidigung ihrer gesellschaftlichen Rechte, während die eigenen Arbeitnehmer oft nach einer "anderen Elle" gemessen werden.

Das kann dazu führen, dass eine Einrichtung nach außen hin fürs Publikum sozusagen als barmherziger Samariter "ein guter Sozialarbeiter" ist, gegenüber den eigenen Bediensteten aber als knallharter Unternehmer agiert, der nach spätkapitalistischen Grundsätzen handelt und ausschließlich betriebswirtschaftlich orientiert in Konkurrenz zu anderen "Sozialanbietern" am "Sozialmarkt" um seine "Marktanteile" ringt.

Denn auch diakonische Einrichtungen beteiligen sich am "Oursourcing", wenn es sich rechnet; bedienen sich im hohen Maße der Möglichkeit von Zeitverträgen und der dadurch bequemeren "Entsorgungsmöglichkeit" überzähliger Mitarbeiter, ohne die Unannehmlichkeiten von Kündigungen auf sich nehmen zu müssen, und haben auch Mitarbeiter in ihren Reihen, die Hartz-IV-Aufstockung beantragen mussten, weil ihr Verdienst wegen Teilzeit-Verträgen oder ihrer Niedriglohngruppe nicht ausreicht. Schlagzeilen machten einige Einrichtungen, die eigene Zeitarbeitsfirmen mit schlechteren Tarifen gegründet hatten. Anderswo nennt man derartiges "Ausbeutung". Diese Einrichtungen wurden zwar "zurückgepfiffen", wenn sie nicht ihre Mitgliedschaft in der Diakonie verwirken wollten. Aber es gibt immer wieder Versuche. Wie die Leute auf den leitenden Posten dies wohl mit ihrem "diakonischen Gewissen" vereinbaren konnten? Und mit der im Tarifgefüge der Diakonie vereinbarten "Dienstgemeinschaft" all derer, die sich in der jeweiligen Einrichtung "zum Dienst am Nächsten" zusammengefunden haben?? Wie gesagt, derartige Erscheinungen erfordern schon einen gewissen geistigen Spagat...

Weiterhin ist nicht jede Einrichtungsleitung dazu bereit, mit ihrer Mitarbeitervertretung eine Regelung zu vereinbaren, die Mitarbeitern in besonders schwierigen Lebenssituationen (psychische Krankheiten und Abhängigkeitsprobleme) betriebliche Unterstützung gewährt. Da sind große Industrieunternehmen oftmals besser...

Und doch beeindruckt mich immer wieder, mit welchem hohen Engagement und guten Ideen Menschen in der Diakonie (und sicherlich ebenso in der Caritas und anderen sozialen Trägern) arbeiten, offensichtlich "nicht nur ihr Geld verdienen", sondern auch ihr "Herzblut" investieren!

Freitag, 5. März 2010

Wie der Öffentliche Dienst sich kaputtspart - und uns alle mit dazu

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Die Zeichen mehren sich, dass der Öffentliche Dienst an den Grenzen seiner Leistungsfähigkeit angekommen ist und trotzdem noch unter dem Druck steht, weiter "abzuspecken", damit endlich der erträumte "schlanke Staat" entsteht, wie ihn die Politik der letzten zwanzig Jahre auch aus ideologischen Gründen gewollt hat. Jetzt reden alle allerdings nur noch von den fehlenden Finanzen und der Armut der Kommunen und Länder. Von wegen, alles hausgemacht! Von den Gewerkschaften, insbesondere Ver.di, gibt es hervorragende Konzepte, wie der Staat seine ruinierten Finanzen, nämlich durch Geschenke an reiche Mitbürger und umsatzstarke Großfirmen und an die bereits wieder enorme Gewinne einfahrenden Finanzunternehmen und Spekulanten, wieder sanieren und die Lasten auf "breitere Füße" stellen könnte, um für die Allgemeinheit bessere Dienste anzubieten.

Von dieser Personalnot scheinen besonders wir Brandenburger betroffen zu sein, wahrscheinlich sieht es anderenorts aber auch nicht viel besser aus. Ich gebe ein paar Beispiele, z.T. frisch aus der heutigen Zeitung, z.T. aber auch gerade persönlich erlebt:
  • Die Steuergewerkschaft kritisiert in einer aktuellen Zeitungsmeldung, die Finanzämter in Brandenburg seien personell völlig unterbesetzt. Das steigere natürlich den Krankenstand, gleichzeitig entgingen dem Land durch die unzureichenden Kontrollen aber auch viele Steuern. Eine von der Landesregierung in Auftrag gegebene Studie, über die vor einer Woche in der MOZ berichtet wurde, schlägt hingegen noch eine weitere Verringerung der Personalstärke um Hunderte von Stellen vor.
  • Ähnlich sieht es bei den Lehrern aus. Die Lehrerschaft ist stark überaltert, junge Lehrkräfte werden nur unzureichend eingestellt, und die Belastung und damit die Krankheitsanfälligkeit der älteren wächst immer mehr. Lt. MOZ v. 5.3.2010 hat der Landeselternrat in Brandenburg auf die hohe Zahl von ausfallenden Stunden verwiesen, für die es nur völlig unzureichend Vertretungsmöglichkeiten gäbe.
  • Ein Erlebnis aus dem privaten Bereich, aber nicht minder belastend: Die Deutsche Rentenversicherung, zuständig für REHA-Maßnahmen, vertröstet Antragsteller auch in dringenden Fällen. So sei es völlig normal, dass bei beantragten Kuren im Widerspruchsverfahren (im ersten Anlauf erhält nach meinen Erfahrungen ohnehin niemand eine Bewilligung!!) die Wartefrist drei Monate betragen könne, bis ein Bescheid ergehe. Allein die hausinterne Post brauche schon 10 Tage, sagte die Auskunft gebende Mitarbeiterin offensichtlich genervt (wie viele unzufriedene und quengelnde Anfrager hatte sie wohl schon an diesem Tag abfertigen müssen...). So etwas fängt auch kein besseres EDV-Programm auf.
  • Aus meiner Heimatstadt wurde berichtet, dass theoretisch noch mehr öffentliche Investitionsvorhaben realisiert werden könnten, da es noch offene Fördermittel gäbe. Dagegen stünde jedoch einerseits die Finanznot der Stadt, da in solchen Fällen immer ein Anteil aus eigenem Geld aufgebracht werden müsse (Argument o.k.) und andererseits aber auch, dass zu wenig Personal in der Verwaltung sei, um diesen Zuwachs an Projekten zu organisieren: Warum wird dann niemand zusätzlich eingestellt, frage ich mich als naiver Zeitgenosse...
So bleibt es dabei, der Öffentliche Dienst ist einer der größten Arbeitsplatzvernichter der letzten Jahre. Eine Abkehr von dieser Strategie ist nicht erkennbar. O.K., es ist eine Milchmädchenrechnung: jede Stelle kostet Geld. Aber sie bringt gleichzeitig auch eine Menge: Ein verbessertes Angebot für die Allgemeinheit im Rahmen der Aufgaben der Dienststelle, einen Arbeitslosen weniger, der dem Staat nicht mehr auf der Tasche liegt, dafür jemand, der Steuern zahlt, Sozialabgaben entrichtet und die Rentenversicherung stützt, stolz auf seine Arbeit sein kann und seinen Verdienst zu Gunsten der Binnenwirtschaft ausgibt. Ein Erfolg auf allen Ebenen!! Im Sinne von Herrn Westerwelle ist meine Sichtweise aber wohl schon wieder "sozialistisch"...

Dienstag, 2. März 2010

Campact-Kampagne gegen Kopfpauschale

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Eine der Kampagnen von Campact (vgl. meinen vorhergehenden blog-Eintrag!) möchte ich gleich noch näher vorstellen: Es geht um die "heilige Kuh" der Liberalen, nämlich die Kopfpauschale, die nach ihrem neoliberalen Konzept die bisherige solidarische Krankenversicherung ablösen soll. Damit wären die Liberalen bereit, ebenfalls eine "heilige Kuh", nämlich die der Gegenseite, die sich über Generationen hin bewährt hat, zu metzeln. Hintergrund sind somit auch ideologische Kämpfe um Glaubensgrundsätze der zukünftigen sozialpolitische Orientierung in unserem Land und Verteilungskämpfe um gewaltige Finanzmassen, die dann zusätzlich zugunsten der eh' schon reicheren Bevölkerungsschichten "von unten nach oben" verschoben würden. Der große Gewinner wäre die Versicherungs- und Finanzwirtschaft, die von den propagierten und dann dringend nötigen privaten Zusatzversicherungen profitieren könnte und entsprechend an einer Umsetzung dieser neuen Regelung interessiert ist.

Wehret den Anfängen !

Eine Aufforderung, sich an dieser Kampagne zu beteiligen, fand ich im Publik-Forum 3/10 v. 12.2.2010. Ich zitiere:

Schon wenige Tage nach Beginn der Kampagne hatten bereits 40.000 Menschen einen Aufruf der Initiative campact gegen die geplante Kopfpauschale im Gesundheitswesen und für eine solidarische Gesundheitsversorgung unterzeichnet. Der zuständige Minister Philip Rösler (FDP) beharrt auf der Einführung eines Einheitsbetrages für alle unabhängig vom Einkommen. Kritiker sehen darin eine Entlastung der Besserverdienenden zu Lasten der Geringverdiener.
Kontakt: www.campact.de. Das Unterschriftenformular finden Sie auf der Startseite.

Ich selbst habe heute ebenfalls diesen Aufruf unterzeichnet und kann nur allen Lesern nahelegen, sich meinem Beispiel anzuschließen!

Dienstag, 2. Februar 2010

www.sanktionsmoratorium.de

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Hinter dieser website verbirgt sich eine Aktion zugunsten von Hartz-IV-Empfängern, die von der Arbeitsagentur oft schon wegen kleinerer Probleme Sanktionen ausgesprochen bekommen, d.h. Straf-Kürzungen ihrer eh' schon sehr bescheidenen Zahlungen.

Die "üblichen Verdächtigten", d.h. kritische Künstler und Intellektuelle, Linke und Gewerkschafter haben bisher diesen Aufruf unterstützt, der schon seit Monaten im Netz steht. Aber für eine Unterstützung ist es nie zu spät! Meine Unterschrift vom 29.1.2010 war die 17.216.!

Zur Erläuterung zitiere ich eine Kurznachricht aus ver.di Publik (8/9 v. 2009).

Sanktionen aussetzen

Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske gehört ebenso wie der Kabarettist Dieter Hildebrandt, der Musiker Sebastian Krumbiegel (Die Prinzen), der Journalist Günter Wallraff und der Schriftsteller Günter Grass zu den Erstunterzeichner/innen eines Aufrufs, in dem sie sich für ein Aussetzen des Sanktionsparagrafen bei Arbeitslosengeld-II-Bezieher/innen einsetzen. Sie fordern, dass das Existenzminimum nicht angetastet werden dürfe.

Auf www.sanktionsmoratorium gibt es weitere Hinweise und Begründungen! Unterschreiben sicherlich sehr sinnvoll!!

Donnerstag, 14. Januar 2010

Vom Sinn psychologischer Forschung

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Der amerikanische Psychologie-Professor Laurence Steinberg hat den Forschungspreis der Jacobs-Stiftung in Zürich erhalten, und zwar für seine Erkenntnisse darüber, dass sich Jugendliche in ihrer Gehirnentwicklung noch fundamental von Erwachsenen unterscheiden. So konnte er hirnphysiologisch nachweisen, dass bei den jungen Leuten durch die Anwesenheit von Gleichaltrigen, also wenn sie sich in ihrer Clique befinden, Hirnareale aktiviert werden, die sie besonders zu riskanten und verbotenen Verhaltensweisen anregen. Bei Erwachsenen tritt dies in dieser Form nicht mehr auf. Sie können die Konsequenzen ihres Tuns besser einschätzen und lassen sich nicht so leicht von anderen Personen aus dem Konzept bringen.

Offenbar haben seine Forschungen dazu beigetragen, das Jugendlichen-Strafrecht in den USA zu entschärfen und sind ein Argument dafür gewesen, dass dort 2005 (endlich!!!) die Todesstrafe für Minderjährige abgeschafft wurde.

Im ZEIT - Interview äußerte er sich zur Frage jugendlichen Fehlverhaltens in folgender Weise: „Ein Teil des Problems ist doch, dass wir jugendliche Gewalttäter wie kleine Kriminelle behandeln und viel weniger als Heranwachsende, die etwas falsch gemacht haben.“

Das Preisgeld von immerhin 1 Million Schweizer Franken will er in weitere Forschungen zu der Fragestellung investieren, ob seine Ergebnisse nur bezogen auf Jugendliche der USA gelten, oder aber universell für diese Altersgruppe zutreffen.

Was mir an Steinberg imponiert, ist, dass es ihm offenkundig bei seinem Forschen nicht um irgendwelche „akademischen Weihen“ geht, sondern um eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Menschen, für die die psychologische Wissenschaft dienstbar gemacht werden soll:

„Natürlich geht es mir als Wissenschaftler um gute, fundierte Forschung. Sinnvoll wird sie für mich aber erst dann, wenn sie einen klaren Bezug zum Alltagsleben der Menschen hat.“

Hut ab vor so viel Verzicht auf den Elfenbeinturm!

(Quelle: Suche nach Verbotenem. Mit seiner Forschung hat der Psychologe Laurence Steinberg das Jugendstrafrecht in den USA verändert. Im Interview erklärt er, warum Jugendliche ganz anders sind als Erwachsene. Interview: Jeanette Otto. – In: DIE ZEIT Nr. 51 v. 10.12.2009. S. 70.)

Dienstag, 24. November 2009

Sarrazin und kein Ende ...

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Noch immer sind die Zeitungen voll von Verweisen auf das Sarrazin-Interview mit dem „Lettre International“. Das ist nicht verwunderlich, denn er hat eine vielschichtige Debatte losgebrochen, in der es nur noch vordergründig um Thilo Sarrazin geht.


Ich habe versucht, die verschiedenen Ebenen auseinander zu dividieren, die dabei m. E. im Spiel sind:


  1. geht es natürlich um den Protagonisten, Thilo Sarrazin. Er war ja schon als Berliner Finanzsenator dafür bekannt, kräftig vom Leder zu ziehen. Das ist ihm auch jetzt wieder in einigen Teilen des Interviews gelungen, in denen er hemdsärmelig, ohne einen Anspruch auf diplomatische Vermittlung seine „sozialen Wahrheiten“ unters Volk bringt. Da er krass verallgemeinert, verletzt er viele Migranten, die sich in diesen pauschalisierenden Vorwürfen nicht wiederfinden können.

  1. Er ist hart dafür angegangen worden; sein Dienstgeber, die Bundesbank, schränkte seinen Arbeitsbereich ein, vom Zentralrat der Juden kam ein „Nazi-Vorwurf“. Dagegen haben wiederum viele Stimmen ihn verteidigt: Muss es unsere Demokratie nicht aushalten, dass auch extreme Meinungen geäußert werden können, solange sie nicht verfassungsfeindlich sind? Ist damit nicht das Grundrecht auf Meinungsfreiheit berührt? Das führt m. E. dann zu Parallelen wie der mit der Diskussion um die unseligen Mohammed-Karikaturen. (Ich fand sie damals absolut geschmacklos, eine unnötige Provokation, aber die Reaktionen in der arabischen Welt waren auch überaus unmäßig, jedenfalls in unserem Verständnis …Ähnliche Persiflagen auf das Christentum erlebe ich aber ebenso als unappetitlich und würdelos. Ich erinnere mich dabei an den Film der englischen Gruppe „Monty Python“, gerühmt für ihren angeblichen „schwarzen Humor“, die in ihrem Film „Das Leben des Brian“ Jesus veräppelt haben. Ich treffe dann meine private Entscheidung und schalte so etwas aus. Aber mehr?)

  1. Besonders berührt hat mich aber der lang anhaltende Beifall, der ihm immer noch gespendet wird: Endlich einmal die Wahrheit! Endlich nennt jemand Ross und Reiter, Erkenntnisse, die bisher von den „Gutmenschen“ unterdrückt wurden!! Da graust es mich etwas, eine kühle Luft weht um mich. Gleichzeitig lässt es sich nicht leugnen, dass an dieser Stelle großer Diskussionsbedarf besteht. Es klingt aber streckenweise eine Radikalität mit an, bei der man fürchten muss, „das Kind könnte mit dem Bade ausgeschüttet werden“.

  1. Gleichzeitig leitet dies zu der wichtigsten Frage über: was tun? Kein vernünftiger Sozialwissenschaftler und Politiker, kein Vertreter von einschlägigen Wohlfahrtsverbänden und Organisationen wird leugnen, dass es eine brisante Zuspitzung in der Bevölkerung gibt, zu deren Behebung es bisher politisch keinerlei tragfähige Modelle für die Zukunft gibt, die aber unser Gemeinwesen auseinander reißen könnte. Nicht integrationswillige Migranten, die es sicherlich auch gibt, sind aber nur eine Teilgruppe des Problems. Die zunehmende Verarmung in unserem Lande schafft immer weitere Problempopulationen. Bildungsferne gibt es auch unter „reinrassigen“ Deutschen (aber wer ist das schon: wahrscheinlich heißt das nicht viel mehr, als dass der individuelle Migrationshintergrund bereits ein paar Generationen zurückliegt.). Ich habe die genaueren Angaben nicht zur Hand, die sich aber mit Leichtigkeit verschaffen ließen: Vor zwei oder drei Jahren wurde eine Studie über das Erziehungsverhalten von Eltern und das Leben der heutigen Jugend veröffentlicht, die der Jugendforscher HURRELMANN mit den Worten kommentierte, dass mittlerweile 10 – 15% der Eltern unfähig seien, ihre Kinder angemessen zu erziehen. Sicherlich gehäuft in der sog. „Unterschicht“, aber auch in anderen Kreisen unserer Gesellschaft. Es ist nicht schwer sich auszumalen, was mit den Kindern der Kinder dieser Eltern einmal geschehen wird und auf welche soziale Katastrophe wir zusteuern, wenn in unserem Lande kein Konzept gegen dieses Problem gefunden wird. Da wird es nicht reichen, 1. Klassen mit 23 statt 24 Kindern laufen zu lassen … (Ein Thema zum Haareraufen angesichts der Untätigkeit und offensichtlichen Unfähigkeit der Bildungspolitik bundesweit …)

Im Hinblick auf meinen 4. Punkt muss man Theo Sarrazin fast dankbar sein, dass er in eine Wunde gepiekt und eine Diskussion entfacht hat, auch wenn noch nicht klar ist, welche Geister er wachgerufen hat…

Mittwoch, 22. Juli 2009

Dinosauria VI: "Qualität" und "Qualitätsmanagement"

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Seit den 90er Jahren hat sich das „Qualitäts(un)wesen“ im sozialen Bereich breit gemacht. Qualitätsmanagement, Qualitätszirkel, Qualitätshandbücher, Zertifizierungssysteme … Jede Einrichtung, die etwas auf sich hält, macht mittlerweile bei diesem Zirkus mit. Z.T. spielt wohl auch die Sozialgesetzgebung mit hinein, die für die Abrechnung von Leistungen eine derartige Grundlage fordert.


Grundsätzlich also vielleicht sogar eine positive Idee, die es ermöglichen könnte, a´ la´ Aschenputtel gute von schlechten Einrichtungen zu trennen. Das aber über ein Qualitätsdenken, das aus technischen Produktionsprozessen abgeleitet wurde und bei der Herstellung normgerechter Schrauben hervorragend funktioniert, nicht aber mehr bei der Bewertung von Beziehungsprozessen sozialer Arbeit.


Was wird dennoch in den Betrieben, die es auf sich genommen haben, ihre „Qualität“ zertifizieren zu lassen, auf sich genommen, um jede Einzelheit des Betreuungsablaufs zu operationalisieren! Möglicherweise kommt man sich dabei wirklich „auf die Schliche“ und kann vereinzelt Abläufe verbessern. Aber eine Kernfrage im Sozialen bleibt unlösbar, jedenfalls aus meinem Blickwinkel: Die Qualität sozialer Arbeit steht und fällt mit der Qualität der eingegangenen Beziehung zwischen Helfer und Hilfsbedürftigem. Wieweit ist der Helfer in der Lage (von seiner Persönlichkeit und von seiner aktuellen Bereitschaft her), sich auf sein Gegenüber einzulassen und diese Beziehung durchzustehen und zu gestalten? Dass es dafür erforderlich ist, die Rahmenbedingungen zu verbessern, Helfer ordentlich zu bezahlen und auszubilden, steht außer Frage. Aber wie soll man diesen Kernbereich „messen“? Und um messbare Prozesse dreht es sich im gesamten Qualitätswesen.


Ich habe überzeugte Vertreter des Qualitätsmanagementwesens kennen gelernt, die für dieses Argument völlig taub waren. Irgendwie war es für mich nicht möglich, mit ihnen in eine tiefer gehende Diskussion einzusteigen. Wie zwei Welten. Es erinnerte mich an frühere Auseinandersetzungen zwischen Tiefenpsychologen und Behavioristen. Auch in diesem Fall haben die Behavioristen „gesiegt“, in dem nämlich die von ihrem Gedankengebäude ausgehende Wirksamkeitsforschung in der Psychotherapie mittlerweile die Standards bestimmt, nach denen Therapieformen bei den Kostenträgern als anerkannt gelten oder nicht. Und da sind dann die aus der behavioristischen Tradition stammenden, gut operationalisierbaren Verfahren der Verhaltenstherapie immer „eine Nasenlänge“ voran …


Ein weiterer Grund, warum Vertreter des Qualitätsmanagements ihre Methode so vehement vertreten, könnte auch – schlicht und ergreifend – ökonomischer Natur sein. Es ist eine neue Welt entstanden (in anderer Terminologie „ein neuer Markt“), in der sich Ausbildungsstätten, Zertifizierungsgesellschaften, Berater und in den Institutionen zugeordnete Bereichsleiter und Fachpersonal „tummeln“, die es vor dem „Qualitätsboom“ so noch gar nicht gab. Und dieser Markt dürfte seine Fachleute gut ernähren! Wenn dies nur eine zusätzliche Sparte im sozialen Bereich wäre, könnte man es als teilweise fragwürdige, teilweise hilfreiche Ergänzung sehen, die aber im gesellschaftlichen Bereich offenbar noch irgendwie gut finanzierbar ist.


Dem ist aber nicht so!! Gleichzeitig mit der Forderung nach nachweisbarer Qualität deckelten die Leistungsträger seinerzeit die Höhe der Leistungen, die sie zu bezahlen bereit waren. Es gibt also nur einen gleich bleibend großen „Kuchen“, aus dem sich das Qualitätswesen ein schönes Stück herausgeschnitten hat. Also neue Jobs nur auf Kosten alter Ressourcen …


Die Entwickler des Qualitätswesens haben dabei gute Vorbilder. Denn es war früher im Bereich psychotherapeutischer Verfahren ganz ähnlich: Erfinde eine neue Methode, begeistere Anhänger dafür, gründe ein Ausbildungsinstitut und bilde die Leute aus. Dann hast du bis zu deinem Lebensabend ausgesorgt … Ein gutes Rezept!!


Ich bin und bleibe ein alter Dinosaurier und mache mich mit meinen Meinungen wahrscheinlich nicht beliebt. Aber vermutlich hört ohnehin kaum jemand darauf. „QM“ ist jedenfalls fest „implementiert“ und erfolgreich, es ist offensichtlich sehr nützlich für alle, die es hauptberuflich betreiben, möge es ebenfalls Nutzen haben für alle, die es nach diesen anwenden müssen …