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Montag, 17. Juni 2019

Homöopathie-Schelte



In der letzten Zeit habe ich immer häufiger von Angriffen auf die Homöopathie gelesen. Da ich selbst mit mir und meinen Söhnen sehr gute Erfahrungen mit dieser Behandlungsform gemacht habe – in der Betreuung durch einen engagierten Arzt, der gleichzeitig im notwendigen Falle auch schulmedizinisch behandelte – widerspricht dies aber meinen eigenen Erlebnissen.

Kürzlich fand ich in der MOZ erneut einen vehementen Angriff auf diese Behandlungsform.
(Hajo Zenker: Eine Frage des Glaubens. Medizin. Homöopathie ist ein Millionengeschäft, das von Vertrauen lebt. Umso empfindlicher reagiert ein Pharmaunternehmen auf Kritik und mahnt eine Ärztin ab – Dazu ein Interview mit der Ärztin und Homöopathie-Kritikerin Natalie Grams. – Beides in MOZ, 11.6.2019)

Das hat mich veranlasst, an die MOZ einen Leserbrief zu schreiben, den ich hier veröffentlichen will:

Liebe MOZ,

Homöopathie-Schelte ist „in“, irgendwie muss diese alternative Methode gestandene Naturwissenschaftler kränken! Mag ja sein, dass ein häufiger Heilaspekt auch „Einbildung“ ist, warum nicht, wenn es den Menschen dann besser geht als mit hoch dosierten Medikamenten!

Es gibt aber auch andere Wirkzusammenhänge, die sich nicht so leicht abwerten lassen: Mein kleiner Sohn litt in seinen ersten Lebensmonaten unter einer schrecklichen Verschleimung. Die Klinikärzte waren ratlos: ihre Medikamente hätten jegliche Schleimbildung unterbunden, auch diejenige, die offenbar funktional erforderlich ist. Unser damaliger homöopathischer Arzt forschte etwas für uns und fand dann ein Mittel, das den klebrigen Schleim innerhalb kurzer Zeit verschwinden ließ. Einbildung im 1. Lebensjahr?! Das Argument kann wohl nur schwer treffen!

Ebenso wenig im folgenden Bereich: Soweit ich weiß, gibt es gute Erfolge von homöopathischen Behandlungen in der Veterinärmedizin. Vielleicht sollten Sie das einmal herausfinden. Placebo – Effekte bei Hunden und Katzen, Pferden und Schweinen? Das würde mich als Psychologe doch sehr verwundern.

Mit freundlichen Grüßen        J.L. 


Der Hauptvorwurf gegenüber der Homöopathie besteht ja in der Behauptung, auftretende Erfolge seien nur auf den Placebo-Effekt zurückzuführen, denn die Medikamentenwirkung sei – in der üblichen großen Verdünnung – völlig indiskutabel.

Dass jenseits aller Placebo-Behauptungen auch Heilerfolge mit organischer Heilung möglich sind, habe ich bereits in meinem Leserbrief formuliert. Dabei fehlt dort noch eine weitere eigene, sehr eindrucksvolle Erfahrung: Bei einem Sturz hatte ich einen Nerv im linken Oberarm verletzt und konnte meinen Arm nicht mehr heben. Nach umfänglichen Untersuchungen in einer Klinik (einschl. MRT)  wurde mir eröffnet, wenn ich großes Glück hätte, dann könnte der Nerv wieder zusammenwachsen, das könne aber im günstigsten Falle Monate dauern. Ein von mir aufgesuchter angeblich naturkundlich orientierter Neurologe wollte mir Cortison verordnen. Mein Homöopath war entsetzt, forschte für mich und fand schließlich ein Medikament, das mir in drei Wochen wieder zu meinen normalen Funktionen verhalf – auch hier kann Einbildung wohl kaum der Heilfaktor gewesen sein…

Was die hohen Verdünnungen betrifft, durch die angeblich kein Wirkstoff mehr in den Präparaten enthalten sei, bin ich mit meinem nur kleinen Wissen überfordert, eine exakte Erklärung zu geben. Jedenfalls geht es um keine Medikamentenwirkung wie im traditionellen medizinischen Kontext. Eher, dass homöopathische Medikamente auf der Ebene arbeiten, den Körper mit heilenden Informationen zu versorgen, nicht mit fehlenden Stoffen. Und diese Informationshaltigkeit wird mit jedem Verdünnungsgrad (dem „Schütteln“ bzw. Potenzieren der Lösung) verstärkt. So sind die höchsten Verdünnungen am informationsreichsten und helfen am meisten. Eine andere Weltsicht!  
    

Dienstag, 20. Dezember 2011

Inklusion: geht so etwas überhaupt in unserer neoliberalen Gesellschaft?

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Inklusion: das große Thema im Schul- und Behindertenbereich der letzten Zeit. Auch ich habe mich schon mehrfach dazu geäußert, zumal es die irgendwann von Schließung bedrohte Allgemeine Förderschule meines Sohnes mit betrifft.

Theoretisch eine feine Sache, aber in der bisherigen Durchführung in Deutschland eher eine Angelegenheit, bei der Beteiligte in der Gefahr stehen, auf der Strecke zu bleiben, seien es betroffene Schüler oder sich verausgabende Lehrer, da die Rahmenbedingungen fast nirgendwo befriedigend sind und mit den notwendigen Geldern für mehr und besser ausgebildetes Personal geknausert wird.

Vordergründig hapert es "an der Knete", aber ist das wirklich das einzige tragende Element für alle Probleme? Mir kommen da mittlerweile manchmal Zweifel. "Inklusion" heißt ja im Klartext nichts weiter, als das jeder Mensch (und nicht nur Behinderte) so angenommen und gefördert wird, dass er so, wie er ist, einfach dazugehört, seine Fähigkeiten anerkannt werden und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten das Leben der Allgemeinheit bereichert. Ohne wenn und aber und mit der Maßgabe, dass Kinder und Jugendliche im Schulalter gleichwertig auf dieses gesellschaftliche Leben vorbereitet werden.

Das ist vom Menschenbild her eine Revolution!! Denn es widerspricht völlig den Gepflogenheiten, die sich in unserer neoliberalen Zeit im Leben und Denken der Menschen breit gemacht haben. Wo kommen wir hin, wenn alle eine gleichwertige Teilhabe am Leben fordern? Wo wir doch gelernt haben, dass Konkurrenz das Lebenselixier unserer Gesellschaft ist, in der es allen allmählich zur Gewohnheit geworden sein sollte, durch Ratings/Rankings/Zensuren in "gute", "weniger gute" und "kaum noch gute" Schüler, Studenten, Hochschulen, Mitarbeiter ... einsortiert zu werden. Und Reichtum und Macht haben ja schließlich auch ihre Rangordnung ... Und dann so ein Konzept, bei dem die "Habenichtse" (in welcher Hinsicht auch immer) gleichwertig neben allen anderen stehen sollen. Das muss ein neoliberales Gewissen schockieren, denn wo bleibt hier noch der Gewinn für den Tüchtigen, der alle anderen hinter sich gelassen hat?

Vielleicht ist das alles ironisch verzerrt, ich kann aber nicht davon ablassen, dass "Solidarität" in unserem Lande nach den großen importierten "Verbesserungen" der Margaret Thatcher und des Ronald Reagan als Wert sehr heruntergekommen ist. Aber wie soll ein Konzept wie die Inklusion funktionieren, wenn es nicht von einem solidarischen Unterbau getragen wird?

[Es passt nur indirekt zu den vorgetragenen Argumenten, stand aber am Anfang meiner Assoziationskette für diesen Beitrag: Bei einem Spaziergang kam ich an der hiesigen Geschäftsstelle der BARMER vorbei, die sich jetzt BARMER/GEK nennt, nachdem sie eine kleinere Krankenkasse "geschluckt" hat. Offiziell nennt sich dieser Vereinigungsprozess anders, die Wahrheit dürfte aber so sein, dass in einem "Bereinigungsprozess" nur noch die großen und finanzkräftigen Krankenkassen überleben können. Kapitalismus in Reinkultur! Und das in einem Bereich, der für die Daseinsfürsorge für alle da sein und deshalb eine reine dienende Funktion für die Bevölkerung haben sollte, mit der Idee einer solidarischen Umverteilung der Gesundheitsrisiken auf alle! Ökonomie über alles! Da ich gerade über Inklusion nachdachte, war der Schritt zu meiner obigen Gedankenkette geboren.]

Montag, 17. Oktober 2011

Mein Motto für den Monat Oktober 2011: Wege zum Glück

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Z.Zt. sehe ich meine vielen Bücher durch, was von ihnen wirklich aufhebenswert ist und von welchen Titeln ich mich auch trennen könnte. Bei dieser Gelegenheit ist mir auch ein Buch des Psychosomatikers Arthur Jores in die Hände gefallen, das mich seit meiner Studentenzeit begleitet. Darin fand ich das folgende schöne Zitat wieder:


Glück erlebt der Mensch immer dann, wenn er sich in Übereinstimmung befindet mit dem Lebensgeschehen, das Leben in sich oder in anderen fördert. [a.a.O. S. 175]

Eigentlich wollte ich es bei diesem Kernsatz belassen. Aber da heute "Glück"sbücher verbreitet und beliebt sind, geradezu ein Modethema, kann Herr Jores gut darüber Auskunft geben, ob die heutigen Autoren wirklich originell sind oder vielleicht sogar Wesentliches auslassen. Ich zitiere deshalb auch noch die anschließenden Erläuterungen:

Glück erlebt der Mensch demnach in der gekonnten und um ihrer selbst vollzogenen Leistung, im Spiel, im Tanz. Glück erlebt er, wenn er das Leben einer Pflanze, eines Tieres oder seines Nächsten fördert. Glück erlebt er in der Liebesbeziehung und in der Zeugung neuen Lebens. Dieses wären die aktiven Seiten, aber Glück kann der Mensch auch in der Passivität erleben. Schon zu all den oben genannten Glückserlebnissen ist er nur fähig, wenn er in den genannten Handlungen einen Teil seines eigenen Ichs überwindet und sich selbst verliert. Wenn er es nicht tut, dann ist das, was ihm gegben wird, Lust, aber nicht Glück. Glück erlebt der Mensch weiter in dem Genuß der Natur, in dem Genuß eines Kunstwerkes und schließlich wohl die höchste Form des Glückserlebens, die nur wenigen Menschen möglich ist, in der mystischen Versenkung, in dem Erlebnis des Einswerdens mit dem Schöpfer. Zum Glück gehört also ein Teil Selbsthingabe. Ichverstrickung macht glücksunfähig, Überwindung der Ichverstrickung ist aber [...] auch der Weg, der zur Gesundheit führt. Geld ist nur dann ein Glücksbringer, wenn es genutzt wird zur Entfaltung auf bis dahin verschlossenen Gebieten. [a.a. O. S. 175-76; wenn ich mich richtig erinnere, war A.J. bekennender Katholik!]

Gefunden in: Arthur Jores: Der Mensch und seine Krankheit. Grundlagen einer anthropologischen Medizin. 3., erw. Aufl. - Stuttgart: Klett 1962.

Wenn man das so liest, liegt der Zeitbezug nahe: alle, die z.Zt. an den Kapitalmärkten zocken und ihre Gier ausleben, werden dadurch evtl. reicher, mächtiger, wahrscheinlich gieriger (Gier macht weiteren Hunger, aber nicht satt!), mit Sicherheit aber nicht glücklich. Ist das jetzt nur die Rationalisierung der Neidgefühle eines Habenichts? Wohl nicht, denn vor etwa 20 Jahren hat mich einmal das Börsengeschehen fasziniert (als Kleinstkapitalist); ich weiß, wieviel "Libido" für bereicherndere Dinge im Leben mir wieder zur Verfügung stehen, nachdem ich mich radikal aus diesem Bereich gelöst habe.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Das starke Geschlecht in der Physiotherapie

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Ich gehe z.Zt. einmal wöchentlich mit meinem Sohn zur Physiotherapie. Er freut sich darauf, denn er darf ins Schwimmbecken! Es ist für ihn mit seiner muskulären Hypotonie eine wichtige Vorübung, um beim Schwimmunterricht, der im zweiten Schulhalbjahr beginnen wird, besser mithalten zu können. Könnte er danach schwimmen, welche Stärkung seines Selbstwertgefühls! Und ein stolzes Gefühl für seine Eltern, welche Entwicklungsschritte unser Sohn doch noch schafft, die ihm in den ersten Lebensjahren niemand zugetraut hätte.

Aber ich will jetzt keinen Vortrag über Paul Jakob halten, vielmehr auf eine Beobachtung hinweisen, die mir plötzlich bewusst wurde: Paul ist immer allein mit Jungen! Weit und breit kein Mädchen in den Schwimmgruppen! Dafür sind die Frauen beim "Begleitpersonal" weit in der Überzahl (in dieser Praxis ausschließlich Physiotherapeutinnen, dazu "Muttis" als Begleitung, allerdings gelegentlich auch ein "Vati" wie ich).

Die Physiotherapeutin, darauf angesprochen, klärte mich dann darüber auf, dass bei den "ganz Kleinen" noch beide Geschlechter vertreten seien, Mädchen allerdings etwas weniger als Jungen. Aber bei den Dreijährigen sind es dann fast nur noch Jungen, die eine physiotherapeutische Betreuung im Wasser nötig haben, erst recht dann bei Neunjährigen wie Paul Jakob.

Das starke Geschlecht!

Dienstag, 2. März 2010

Campact-Kampagne gegen Kopfpauschale

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Eine der Kampagnen von Campact (vgl. meinen vorhergehenden blog-Eintrag!) möchte ich gleich noch näher vorstellen: Es geht um die "heilige Kuh" der Liberalen, nämlich die Kopfpauschale, die nach ihrem neoliberalen Konzept die bisherige solidarische Krankenversicherung ablösen soll. Damit wären die Liberalen bereit, ebenfalls eine "heilige Kuh", nämlich die der Gegenseite, die sich über Generationen hin bewährt hat, zu metzeln. Hintergrund sind somit auch ideologische Kämpfe um Glaubensgrundsätze der zukünftigen sozialpolitische Orientierung in unserem Land und Verteilungskämpfe um gewaltige Finanzmassen, die dann zusätzlich zugunsten der eh' schon reicheren Bevölkerungsschichten "von unten nach oben" verschoben würden. Der große Gewinner wäre die Versicherungs- und Finanzwirtschaft, die von den propagierten und dann dringend nötigen privaten Zusatzversicherungen profitieren könnte und entsprechend an einer Umsetzung dieser neuen Regelung interessiert ist.

Wehret den Anfängen !

Eine Aufforderung, sich an dieser Kampagne zu beteiligen, fand ich im Publik-Forum 3/10 v. 12.2.2010. Ich zitiere:

Schon wenige Tage nach Beginn der Kampagne hatten bereits 40.000 Menschen einen Aufruf der Initiative campact gegen die geplante Kopfpauschale im Gesundheitswesen und für eine solidarische Gesundheitsversorgung unterzeichnet. Der zuständige Minister Philip Rösler (FDP) beharrt auf der Einführung eines Einheitsbetrages für alle unabhängig vom Einkommen. Kritiker sehen darin eine Entlastung der Besserverdienenden zu Lasten der Geringverdiener.
Kontakt: www.campact.de. Das Unterschriftenformular finden Sie auf der Startseite.

Ich selbst habe heute ebenfalls diesen Aufruf unterzeichnet und kann nur allen Lesern nahelegen, sich meinem Beispiel anzuschließen!

Joachim Bauer und die Gene

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Am 27.2. habe ich mich noch - halb belustigt, halb verärgert - über die neueste Forschungs-Überraschung aus Amerika ausgelassen, die Entdeckung des Stotterer-Gens! Ich bin dann eine genauere Angabe schuldig geblieben, welche Autoren heute im Bereich der Neurowissenschaften ganzheitliche Ansätze vertreten, die die einseitige Bevorzugung einer rein biologischen Sichtweise in Frage stellen. Das möchte ich an dieser Stelle nachholen.

Ich habe gerade eine Kurzbeschreibung des Buches von Joachim Bauer "Das Gedächtnis des Körpers" gefunden, die ich wegen ihrer Prägnanz einfach zitieren möchte:

Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern: Joachim Bauer zeigt, wie diese Einflüsse in unserem Gehirn zu biologischen Veränderungen führen und welche Konsequenzen dies für die Entstehung körperlicher und seelischer Erkrankungen hat. Der Neurobiologe macht deutlich: Gene sind Kommunikatoren und Kooperatoren, sie stehen in fortwährendem Dialog mit der Umwelt. Der Pseudogegensatz zwischen Genen und Umwelt gehört der Vergangenheit an. Bauers mittlerweile zum Klassiker der Gesundheitsliteratur avanciertes Buch liefert die Basis für ein neues Krankheitsverständnis.

(Quelle: Prospekt des Rothacker-Buchversands Frühjahr 2010 über: Joachim Bauer, Das Gedächtnis des Körpers, erw. u. akt. Neuausgabe 2010, Eichborn-Vlg; farbliche Hervorhebung im Zitat durch J.L.)

Samstag, 27. Februar 2010

Mein tägliches Dilemma, II. Teil: Die Flut der Themen

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Am 16.2.2010 habe ich unter dem Titel "Mein tägliches Dilemma" launig von meinen Entscheidungsschwierigkeiten berichtet, aus der Flut von Nachrichten mich für ein Thema für meinen blog zu entscheiden, denn mehr überfordert mich im Regelfall - und wer soll und will das auch alles lesen?? Dabei hatte ich meine "Lesefrüchte" vom 15.2. im Auge und von ihnen bereits ein Manuskript vorbereitet, das ich aber in den Folgetagen nicht mehr vernünftig ausarbeiten konnte. Das habe ich jetzt nachgeholt! Die Themen sind alle noch mehr oder weniger aktuell, und so kann ich exemplarisch einmal meine "Herausgeberprobleme" aufzeigen.

Dies waren für mich die interessantesten Themen des Tages:

1. Guido Westerwelles Aussagen über die "sozialistischen Züge" der Debatte um die Hartz-IV-Sätze, kombiniert mit seiner Warnung vor "spätrömischer Dekadenz" werden bekannt. Ich finde, mit Verlaub, seine Aussagen derart zum K., dass sie mich provozieren, sozusagen "in Notwehr" bösere Worte zu produzieren, als ich sie zuletzt von mir gewohnt war. Denn eigentlich befinde ich mich auf dem Weg, über Ereignisse und Zeitgenossen milder zu urteilen und versöhnlicher zu sein, als es mir früher gelungen war. Ein Rückfall, dabei weiß ich, dass Kampfgefühle und Groll mir persönlich nicht gut tun. Andere fühlten sich offenbar ähnlich "angemacht": Frank-Walter Steinmeier soll gesagt haben, die Äußerungen des Vizekanzlers zum Thema würden "von Tag zu Tag unerträglicher und zynischer". (MOZ, 15.2.2010)

2. Aus der Schweiz wird uns Rache angedroht für den Ankauf der CDs mit den Daten über Steuersünder. Der Nationalrat Alfred Heer droht (nach entsprechenen Gesetzesänderungen) mit der Veröffentlichung von Daten deutscher Politiker und Richter, die in der Schweiz Konten und Stiftungen unterhalten sollen, auf die sie ihr unversteuertes Geld gerettet haben. Ob er denkt, dass jetzt die Landesregierungen in Deutschland in Panik geraten und nichts mehr gegen die Steuersünder unternehmen werden? Irgendwie könnte das auch Stoff fürs Kabarett oder eine schöne Satire sein: Wurden nach der Wende (teilweise) Staatsbedienstete und Politiker "gegauckt", um ihre reine Weste gegenüber der Stasi nachzuweisen, könnte man jetzt ja damit anfangen, Politiker zu "schwyzern", um ihre Freiheit von Steuersünden zu überprüfen. Im Gegensatz zu IM-Tätigkeiten, die ihren Tätern "nur" als moralische Sünden angekreidet werden konnten, zwar mit erheblichen Konsequenzen für ihre jeweiligen Karrieren, aber ohne strafrechtliche Relevanz, könnten die Steuerhinterziehungen ja auch juristisch verfolgt werden... Eine interessante Frage, ob unsere Parlamente dann schrumpfen würden bzw. mancher Nachrücker plötzlich doch noch eine späte Chance bekäme??? Aber wer wird so Böses denken, es sei denn, er ist der Sketche-Schreiber für ein Kabarett und auf der Suche nach einem neuen Gag... (MOZ, 15.2.2010)

3. Abseits der "großen Politik" war für mich als Psychologen die eher beiläufige Nachricht "auf den hinteren Seiten" interessant, man habe jetzt in Amerika das Gen entdeckt, das Schuld am Stottern sei. Das entlaste viele betroffene Eltern von Schuldgefühlen, denn an Fehlern in der Erziehung könne es dann ja nicht mehr liegen ... Für die Propagandisten der Erbtheorie ein weiterer Etappensieg beim Vormarsch der Biologie in Bereiche, die früher Psychologie und Pädagogik beherrscht hatten. Auf den ersten Blick scheint es jedenfalls so, denn in den Medien werden neue Erkenntnisse meistens in einer Weise vermittelt, dass "der normale Sterbliche" immer mehr an die Wirkung der Vererbung glauben muss - oder darf.

Dagegen haben einschlägige Forscher aus dem Bereich der Neurowissenschaften, die aufgrund ihres weiteren geistigen Horizonts auch in der Lage sind, die Erkenntnisse ihrer Disziplin in größere Zusammenhänge einzuordnen, längst festgestellt, dass Gene nur dann "eingeschaltet" werden, wenn entsprechende Umwelteinflüsse sie dazu veranlassen. Also existiert zumindestens eine Wechselwirkung zwischen beiden Ursachenkomponenten. Ohne "Biologie" richtet die Umwelt wahrscheinlich nichts an, während die "Biologie" vermutlich nur dann wirksam werden kann, wenn sie von der Umwelt "eingeschaltet" wird. "Schuld" sind also immer beide gemeinsam.

Ich finde, der (von den Forschungsergebnissen her nicht gerechtfertigte) Wunsch, frei von Verantwortung für bestimmte Entwicklungen zu sein, weil sie ja "in der Natur des Menschen" lägen, ist ziemlich typisch für unsere Zeit und die in ihr bevorzugten Forschungsparadigmen. Es ist nicht gerade eine glänzende Periode für die Anerkennung des Blickwinkels von Tiefenpsychologie und den psychologischen Richtungen, die biographische/lebensgeschichtliche Forschungen in den Mittelpunkt des Interesses stellen - und damit auch die eigene Verantwortlichkeit und Veränderbarkeit. (MOZ, 15.2.2010)

4. Ebenfalls am 15.2. veröffentlicht, aber von völlig anderer Qualität: Ich lese in der MOZ eine Buchbesprechung unter dem Titel "Verbrechen auf allen Seiten - Norman Davies sieht in 'Die große Katastrophe' das Stalin-Regime keinen Deut besser als das Dritte Reich". Dieser Historiker hat gerade ein 800-Seiten-Werk über den Zweiten Weltkrieg veröffentlicht. Neue Fakten standen ihm wohl nicht zur Verfügung, aber er hat sich um eine Gesamtschau bemüht, die Einseitigkeiten vermeidet und alle "Akteure" neutral miteinander vergleicht. Die für uns Nachgeborenen kaum fassbaren Sünden und Abgründe des Hitler-Naziregimes werden dadurch nicht verringert, aber die Sünden der anderen Mächte, speziell der Stalin-Sowjetunion und des Mussolini-Italiens, die sich für ihre Macht-Bedürfnisse geschickt in die Handlungen "eingeklinkt" hatten, erhalten ihren angemessenen Stellenwert.

Der Zweite Weltkrieg lässt mich nicht los. Ich werde wohl bis zu meinem Ende darüber weiter rätseln, wie die Menschen in Deutschland mit der Katastrophe umgehen konnten. Heimat futsch, eine Welt von Ruinen, Millionen Söhne und Väter für einen Aberwitz geopfert, viele Mütter, Kinder und Alte in der Zivilbevölkerung ebenso, und alles für einen Verbrecher und seine Schergen, nichts, gar nichts für die "Nation" und die Kultur außer großer Schmach. Bewunderungswürdig, wie meine Elterngeneration trotzdem weitergemacht hat! (Wahrscheinlich mit einem "Augen zu und durch!") Ich bin ihr dankbar dafür, denn ich lebe gern, aber das Entsetzen über all die Taten und vorsätzlichen Täter (auf allen Seiten!!) dieser Zeit wird mich immer begleiten.

(MOZ, 15.2.2010. Buchbesprechung von: Norman Davies: Die große Katastrophe. Europa im Krieg 1939-1945. München 2009.)

5. Noch einmal ein ganz anderes Thema, das aber auch zu meinen "Hobby-Interessen" gehört: Männer! Offenbar hat gerade in Düsseldorf ein Kongress stattgefunden, über den die MOZ unter dem Titel "Das gefährdete Geschlecht" berichtete. Ich zitiere der Einfacheit wegen einfach eine Passage dieses Artikels:

Düsseldorf (dpa) Männer in Deutschland sterben fünf Jahre jünger als Frauen, begehen dreimal so häufig Selbstmord, und Jungen sind die eindeutig schlechteren Schüler. Vielfach fehlten den Söhnen in den Familien "emotional präsente Väter" und in Kindergärten und Schulen verständnisvolle männliche Erzieher, kritisierte der Düsseldorfer Psychoanalytiker Prof. Matthias Franz. "Es ist höchste Zeit, die kollektive Verleugnung dieser Problemzusammenhänge aufzubrechen", forderte der Experte vom Institut für Psychosomatische Medizin der Universität Düsseldorf. Rund 350 Wissenschaftler diskutieren in dieser Woche über den "gefährdeten Mann". (MOZ, 15.2.2010)

Dem ist (leider) wenig hinzuzufügen. In meinem blog über Frauen- und Männerkultur vom vergangenen Donnerstag klingt aber dieselbe "Melodie" an.

6. Das waren noch nicht alle Themen, die an diesem Tag in der Zeitung standen und mich bewegten. Ich langweile aber wahrscheinlich langsam meine Leser. Deshalb führe ich Weiteres nur noch als Aufzählung an:
  • Der Streit um die Gesundheitsprämie und die Entsolidarisierung in Deutschland
  • Dresden und die Gegendemonstration gegen den "braunen Aufmarsch": Warum wird sie so schlechtgemacht?
7. Das stand zwar (noch) nicht in der Zeitung, dafür aber auf meinem Terminplan und war mindestens ebenso beschreibungswürdig: Am 15. 2. hielt Marianne Birthler in der Berliner Urania einen Vortrag über "Das Ende der Stasi und der Umgang mit ihren Akten" im Rahmen der Urania-Reihe "20 Jahre Mauerfall".

Vielleicht ist es meinenLesern jetzt verständlicher, warum ich am 16.2. nur eine allgemeine, vergleichsweise nichtssagende Glosse geschrieben habe. Es war einfach zuviel! Stoff für einen ganzen Monat! Aber ich bin dankbar dafür, alles miterleben zu können und hoffe auf noch viele Jahre mit einem wachen Geist, der mir meine eigenen Gedanken zu den vielen Botschaften ermöglicht.

Dienstag, 2. Februar 2010

Spielend gesund bleiben

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Dass das Spielen für Kinder ganz wesentliche entwicklungsfördernde Funktionen hat, ist in Psychologie und Pädagogik schon "ein alter Hut". Dass es aber auch für Erwachsene sehr bedeutsam sein kann, dürfte eher eine neue - sehr sympathische!! - Entdeckung sein.

Darüber berichtete Anna Gielas in einem der letzten Hefte von Psychologie Heute im Jahr 2009 (leider habe ich "gefuscht" und mir die genauere Quelle nicht notiert) in dem Artikel:

Spiel mal wieder!
Erwachsene, die das Spielen für sich wiederentdecken,
können dem Burn-out entgehen

Spielen hat allerdings bei Erwachsenen weniger mit Lernprozessen wie bei den Kindern als vielmehr mit einer verbesserten Stressbewältigung im Alltag zu tun. Der Amerikaner Marc Bekoff schlägt dafür Spielformen vor, denen allen gemeinsam ist, kreativ zu sein, keine üblichen festen Regeln einhalten zu müssen und Spaß zu empfinden, sei es nun im Bewegungsbereich, z.B. beim Tanzen, beim kreativen Herstellen irgendeines Objekts oder bei einer lustigen Beschäftigung mit Freunden.

Das erinnert mich dann allerdings an das schöne Thema "Muße", über das ich in meinem blog bereits einen eigenen Artikel "aus früheren Jahren" veröffentlicht habe (Eintrag vom 23. Juni 2009: "Reminiszenzen - Erziehung zur Mußefähigkeit" ), also insofern doch "ein alter Hut"! Egal, Hauptsache es wirkt!

Noch als wörtliches Zitat der letzte Absatz des vorgestellten Artikels von A. Gielas:

Wer nach wie vor nicht weiß, welcher Spielart er nachgehen soll, für den hat Brown einen weiteren Tipp: Man solle sich an seine Lieblingsspiele aus der Kindheit erinnern und sie an heutige Gegebenheiten anpassen. So können sie erneut zu einem unterhaltsamen Zeitvertreib werden. "Es kommt nicht darauf an, wie man spielt, sondern dass man überhaupt spielt", betont Bekoff. "Denn die Energie und Motivation, die man aus den Spielen schöpft, sind wertvolle Ressourcen für die Herausforderungen des Alltags." [Hervorhebung von J.L.]

Na, dann spielt mal schön!!


Dienstag, 26. Januar 2010

Wir Internet-Süchtige

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Eva Tenzer hat in der aktuellen Ausgabe von Psychologie Heute (Januar 2010) einen Artikel unter dem Titel „Permanent online: Wie die neuen Medien das Leben verändern“ (S. 32 – 36) veröffentlicht, in dem sie Vorzüge, vor allem aber auch Gefahren der immer rasanter anwachsenden Internetnutzung darstellt. Ist unser Gehirn überhaupt für eine solche Datenflut gebaut? Welche sozialen Konsequenzen haben die neuen Internetdienste wie „Twitter“ und „Facebook“ und all die anderen Möglichkeiten? Sie hat die Meinungen einiger Koryphäen zusammengetragen und mit dem Psychotherapeuten Götz Mundle ein Interview geführt. Ich zitiere hier einige Stellen, in denen mir die aufscheinenden Probleme besonders gut dargestellt erscheinen:


- Was da auf allen Diensten an uns herangetragen wird, ist eine gewaltige Datenmenge: „Die Crux an der Sache: Um die Rosinen herauszupicken, muss man sich durch eine Menge Datensalat hindurcharbeiten.“ (S. 33)

- Günter Weick und Wolfgang Schur verstehen die Attraktivität der Botschaften darin, dass sie eine Art „Steinzeitreflex“ aktivierten. „Neue Informationen, das hat uns die Evolution gelehrt, sind lebenswichtig. Wir können deshalb nicht anders, als beim Auftauchen einer neuen Nachricht den Eingangskanal automatisch ein- und alle anderen Prozesse auf Standby zu schalten.“ (S. 34)

- Alle Experten seien sich einig, dass das Gehirn Ruhepausen brauche, um Aufgaben optimal zu bewältigen. Werde man durch eingegangene Nachrichten ständig aus der aktuellen Tätigkeit gerissen, leide auf Dauer die Konzentration. (S. 34)

- Die dann eintretenden Auswirkungen benennt besonders Ernst Pöppel: „Wenn man kontinuierlich sozial vernetzt ist und sich keine Zeit mehr für sich selbst nimmt, zum eigenen Nachdenken, dann können sich keine kreativen Prozesse entfalten. Wir vernichten unsere kreativen Potenziale durch den Terror der Kommunikation“. (S. 34) Und: Ein echtes Multitasking könne es aufgrund unserer Hirnorganisation nicht geben. (S. 35)

- Noch schwerwiegender scheinen aber die sozialen Wirkungen zu sein, wenn Pöppel als Gefahr sieht, dass Nutzer zunehmend in einer virtuellen Welt leben, zu „funktionellen Autisten werden und nicht mehr in der Lage sind, in der Wirklichkeit einem Gegenüber in die Augen zu schauen. Der Verlust an empathischen Bezügen scheint mir durchaus möglich.“ So könne aus der Sicht von Sozialpsychologen das Internet niemals reale Beziehungen ersetzen, und es bestehe die Gefahr, dass mancher Nutzer dauerhaft in einer Pseudowelt lebe. (S. 35)

- Diese Befürchtung wird noch verstärkt durch die folgende Äußerung von Gerald Hüther: “Wenn jemand ständig im virtuellen Raum kommuniziert, hat es offenbar mit den realen Beziehungen nicht geklappt. Jemand, der drei gute Freunde hat und täglich sieht, braucht keine Internetplattformen.“ (S.35)


Im Folgenden zitiere ich jetzt die Kernaussagen von Götz Mundle aus dem abschließenden Interview, das vieles noch einmal „auf den Punkt“ bringt (alles S. 36):


- Grundsätzlich bieten sie [die neuen Internetplattformen, J.L.] hervorragende Möglichkeiten, sich zu vernetzen. Wie bei jeder neuen Technik liegt die Gefahr im exzessiven Umgang. Wir bemerken, dass im Onlinezeitalter viele Menschen die Fähigkeit verlernt haben, geistig und seelisch offline zu gehen, also abzuschalten, sich zu besinnen und die Seele baumeln zu lassen.

- Seelische Gesundheit entsteht nicht durch das Immermehr, sondern eher durch das bewusste Immerweniger. Aber das haben viele Daueronliner verlernt.

- Süchtiges Verhalten ist oft eine Kompensation für den Mangel an Verbundenheit mit anderen und sich selbst. Manche Menschen stürzen sich in das mediale Dauerfeuer, um persönliche Probleme zu verdrängen. Statt auf ihre innere Stimme und Warnsignale ihres Körpers zu hören, betäuben sie sich. In der Therapie stellen wir fest, dass die Antworten und Lösungen in den Patienten verborgen liegen, jedoch ganz häufig mit Müll aus dem Internet zugeschüttet sind.

- Die neuen Medien erfordern neue Wege des Stressmanagements und der Entspannung: geistigen Leerlauf, Übungen der Stille, Zeiten der Kontemplation. Wer online sein möchte, muss auch aktiv offline gehen können. Hierfür sind aktive Innenschau und die Kommunikation mit den eigenen Bildern notwendig.

- Künftige Generationen werden sicher einen noch unverkrampfteren Umgang mit den neuen Medien haben. Dennoch: Notwendig wird die Fähigkeit sein, auch ohne diese Medien leben zu können. Allerdings wird die Geschwindigkeit eher noch zunehmen, der Arbeitsstress weiter steigen. Die Zahl derjenigen, die da nicht mehr mithalten können, nimmt zu. Das macht es umso wichtiger, diese Fähigkeiten zu trainieren.


Eva Tenzer hat dies sehr ernst genommen und deshalb ihrem Artikel fünf „Strategien gegen den Infostress“ beigefügt (S. 34). Wer sie lesen möchte, möge sich den ganzen sehr instruktiven Artikel im Original beschaffen. Es lohnt sich!

Mittwoch, 23. September 2009

Eine Lanze für Psychoanalyse und Psychotherapie!

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Älter werden heißt auch immer häufiger Abschied nehmen, von Menschen, Orten, Aufgaben, Möglichkeiten, Illusionen … Keine ganz einfache Übung, aber wer sich gegen sie sperrt, wird von Veränderungen überrollt und verbittert im schlimmsten Fall, wenn er nicht bereit ist, sich auf die neue Situation nach dem Abschied einzulassen.

Vor einigen Tagen habe ich so einen Einschnitt erlebt, wir haben ihn aber in ruhiger Form gefeiert, so dass seine Bedeutung gewahrt blieb und gewürdigt wurde: Ich habe mich nämlich von meinem Psychoanalytiker verabschiedet, der mich, unterbrochen von längeren Pausen, über 16 Jahre begleitet hat. Bei einer so langen Zeit verschwimmen manche Konturen, ich kann deshalb nicht sagen, zu welchen Zeiten es Therapie, Supervision, Beratung oder auch ein Gespräch über gemeinsame Themen war, wahrscheinlich eine Mischung aus allem!

Ich werde ihn sehr vermissen! Denn wie findet man so leicht einen Menschen, der zuhört, versteht, weitergehende Fragen stellt, in Notsituationen Zeit hat und sich auch noch mit über Erfolge und positive Veränderungen freut? Er hat mein „Lebensschiff“ in turbulenten Zeiten durch Untiefen und Felsen hindurch begleitet, war Lotse und Unterstützer, auch wenn alle Einsichten erst dann wirksam wurden, wenn ich sie innerlich umsetzen konnte. Und: Handeln musste ich immer für mich selbst alleine, aber das ist ja ein Grundmerkmal von Psychotherapie. Vieles hat sich für mich in dieser Zeit verändert, äußerlich und sehr stark auch innerlich. Wer weiß, wo ich ohne diese Begleitung jetzt stünde…

Dies sind natürlich sehr private Bemerkungen, allerdings ohne jede inhaltliche Akzentuierung. Denn meine Hauptabsicht beim Verfassen dieses Textes war es weniger, hier so etwas wie eine „Lebensbeichte“ abzulegen, sondern vielmehr erneut eine Lanze für Psychoanalyse und Psychotherapie zu brechen!

Für viele Menschen dürfte es weiterhin ein eher geheimnisvoller Bereich sein, unheimlich, dazu mit sehr problematischer gesellschaftlicher Akzeptanz: was muss jemand für schlimme Probleme haben, der so etwas nötig hat! Also lieber verschweigen und niemanden davon informieren, wenn man einmal selbst betroffen ist, bestenfalls hinter vorgehaltener Hand. So erlebte ich die Situation vor Jahren, und ich glaube nicht, dass sich die Grundhaltung in der Bevölkerung schon sehr gewandelt hat, auch wenn sich in lobenswerter Weise verschiedene Medien in den vergangenen Jahren sehr um Aufklärung bemühen.

Ich möchte nur durch mein eigenes Beispiel Menschen ermutigen, sich in seelischen und sozialen Krisen Beistand zu holen! Für Angehörige sozialer Berufe halte ich es dagegen fast für ein „Muss“, sich über eine psychotherapeutisch angeleitete Form von Selbsterfahrung / Reflexion selbst „auf die Schliche“ zu kommen, um mit den eigenen Klienten besser arbeiten zu können, die Übersicht auch in Konfliktsituationen zu behalten und vor allem nicht Klienten die eigenen Probleme „ausbaden“ zu lassen. (In psychoanalytischer Terminologie ist das das Problem einer Kontrolle der Gegenübertragung.)

Noch etwas zu meinen konkreten Erfahrungen: Durch unseren gemeinsamen „Grundberuf“, z. T. gemeinsame Studienorte und ein ähnliches Alter, gab es für mich und meinen Analytiker auch gemeinsame Wegstücke auf dieser Strecke, auf denen wir uns z.B. manchmal über einschlägige psychologische Themen austauschen konnten. So waren wir uns irgendwie – wenn auch mit ungleicher Rollenverteilung – Wegbegleiter über eine längere Zeit.

Vieles hat sich in der Psychotherapie in diesem Zeitraum verändert. Einschneidend war das Psychotherapeutengesetz, durch das erstmalig psychologische Psychotherapeuten Medizinern gleich gesetzt und außerdem überhaupt eindeutige „Standards“ für die gesetzliche Anerkennung in diesem Berufsfeld geschaffen wurden. Gleichzeitig war noch nie so deutlich, welche handfesten ökonomischen Interessen auch in diesem Sektor herrschen: Da nur wenige Therapie-Richtungen im Anerkennungsstreit „gesiegt“ haben (Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Verfahren, VT) und sich damit „den Kuchen“ der Krankenkassenerstattungen teilen dürfen, gehen andere, ebenfalls renommierte Verfahren leer aus, wie Gesprächstherapie, Gestalttherapie, Transaktionsanalyse … Ungerecht und eine Verarmung!

Wenn ich in populären einschlägigen Zeitungen lese (z.B. Psychologie Heute), so haben Verfahren, die das Antrainieren erwünschter einzelner Verhaltensweisen versprechen und dabei ganz in der Gegenwart arbeiten, ihren Siegeslauf angetreten gegenüber allen Ansätzen, die – mehr tiefenpsychologisch orientiert – auf Aufarbeitung der individuellen Vergangenheit und eine mögliche Versöhnung mit ihr setzen und eine fortlaufende Persönlichkeitsbildung anstreben. „Systemisch“ ist heutzutage sowieso alles, aber das dürfte ein sehr schillerndes Gebiet ohne eindeutige „Schulen“ sein, eher eine Metatheorie, eben die z. Zt. herrschende Mode. Mal sehen, wie es in 20 Jahren aussieht …

Das allmähliche Verschwinden mehr ganzheitlich orientierter Verfahren, die sich der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung verschrieben haben, empfinde ich aber schon als herben Verlust. Da sich deren Wirkung nie ganz eindeutig wird operationalisieren lassen (welch Glück!!), haben sie schlechte Karten gegenüber dem Methodenkatalog der VT, solange die herrschende Psychotherapie-Wirkungsforschung sich Paradigmata bedient, die den Anerkennungsverfahren für die Entwicklung neuer Medikamente mit präziser Indikation entlehnt zu sein scheinen. Welche großen Vereinfacherer sind da am Werke! Aber der Zeitgeist huldigt den Naturwissenschaften und schätzt den selbstkritischeren Ansatz der Sozial- und Geisteswissenschaften weniger, der auch Werte und Sinnfragen formuliert und in ständiger Reflexion hinterfragt. Da war das Abendland schon einmal weiter ...

Gerade deshalb:

Eine Lanze für die Psychoanalyse und Psychotherapie! Das heißt also für mich, der Psychotherapie das Dämonische nehmen, Menschen zur Aufnahme einer Therapie ermutigen und gleichzeitig das Anliegen der Psychoanalyse stärken, beim Verstehen menschlichen Verhaltens sich nicht nur mit der Oberfläche zufrieden zu geben, sondern genauer und tiefer hinzuschauen, nach Sinnzusammenhängen mit früherem Leben zu forschen, sich mit Erlebtem auszusöhnen und darauf aufbauend, eine (wenn auch manchmal noch so kleine) Vision für die Zukunft zu entwickeln und die Gegenwartskräfte in deren Dienst zu stellen: das bedeutet für mich lebendig sein, stimmig mit mir zu leben!!

Irgendwann in meinem Leben bin ich auf Synchronizitäten (Ereignisse, die „eigentlich“ nichts miteinander zu tun haben, aber dennoch gleichzeitig auftreten) aufmerksam gemacht worden, seither verfolgen sie mich und lassen mich immer wieder einmal erstaunen:
Wir wollten an einem schönen Ort essen gehen. Herr K. empfahl die Wannsee-Gaststätte am Schildhorn. Als ich mir deren Lage hinterher noch einmal auf dem Stadtplan ansah, musste ich schmunzeln, als ich den Namen der kleinen Wannsee-Bucht las: „Jürgenlanke“!

Donnerstag, 3. September 2009

Noch einmal: Mein Leserbrief an die MOZ v. 22.7.2009 zum Thema "Alkohol"

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Dieser Leserbrief, der Bezug nahm auf die Berichterstattung über Vorschläge der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing, wurde in leicht abgewandelter Form am 25.7.2009 veröffentlicht. S. Bätzing befürwortete die Einführung von Unterricht zum Thema „Gefährdung durch Alkohol“.


Ich gebe den Wortlaut meines Leserbriefs in der tatsächlich abgedruckten Fassung noch

einmal wieder:


Weiter Weg zu Änderungen



Zu „Bätzing will Unterricht gegen Alkohol“ (MOZ vom 17. Juli):


Ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen ist begrüßenswert. Überfällig ist, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, die ihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserung initiieren kann. Denn Aufklärung kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“.


JÜRGEN LÜDER

Fürstenwalde

Mittwoch, 22. Juli 2009

Aufklärung über Alkohol, ein Leserbrief an die MOZ

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In der Märkischen Oderzeitung (MOZ) erschien am 17.7.2009 unter dem Titel:

Bätzing will Unterricht gegen Alkohol. Drogenbeauftragte schlägt neues Fach vor

der folgende Artikel, den ich hier leicht gekürzt wiedergebe:

Im Kampf gegen das Koma-Trinken bei zehntausenden Jugendlichen hat die Bundesdrogenbeauftragte Sabine Bätzing [SPD] flächendeckenden Schulunterricht für gesundes Leben vorgeschlagen. […] Die Aufklärung über Gefahren von Alkoholmissbrauch müsse schon bei Kindern beginnen und sich „wie ein roter Faden“ durch die Ausbildung ziehen. „In der neunten Klasse im Biounterricht über Alkohol zu sprechen, ist eindeutig zu spät.“

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund unterstützte die neuerliche Forderung nach einem Schulfach für mehr Lebenskompetenz und Alkoholvorbeugung. „Wenn die Elternhäuser das offenbar nicht mehr leisten können, muss der Staat das teilweise übernehmen“, sagte Geschäftsführer Gerd Landsberg. Mehr als 23 000 Kinder und Jugendlichen kamen nach Koma-Besäufnissen zuletzt ins Krankenhaus. Massiv griff Landsberg die Krankenkassen an. Sie gäben nur 18 Cent pro Jahr und Versicherten für Alkoholprävention aus […].

Auf der 2. Seite folgt unter der Rubrik „Gesagt ist gesagt“ zusätzlich noch das folgende erhellende Zitat von Sabine Bätzing:

„Wenn sie kein Jugendzentrum, keine Freizeiteinrichtung mehr haben, müssen wir uns nicht wundern, wenn sie mit einem Sixpack zum Bushäuschen gehen.“

Das hat mich veranlasst, der MOZ am 22.7.09 einen kurzen Leserbrief zu schreiben:
[ Dieser Leserbrief wurde tatsächlich in leicht abgewandelter Form am 25.7.09 in der MOZ veröfentlicht, vgl. meinen blog v. 3.9.2009!]

Leserbrief an die Märkische Oderzeitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit großem Interesse habe ich am 17.7.09 Ihre Berichterstattung über den Vorschlag der Drogenbeauftragten Sabine Bätzing gelesen, ein neues Schulfach für gesundes Leben und zur Aufklärung über die Gefahren des Alkoholmissbrauchs einzuführen.

Ich finde es begrüßenswert und überfällig, dass nach dem großen Thema „Rauchverbot“ nun auch das von den Auswirkungen her viel schlimmere Thema „Alkohol“ angesprochen wird. Frau Bätzing wird aber noch viel Durchhaltekraft zum Kämpfen brauchen und viele Steine beiseite räumen müssen, die ihr mit Garantie Alkohollobby und Gesellschaft in den Weg legen werden, bevor sie wirkliche Verbesserungen initiieren kann. Denn „Aufklärung“ kann nur ein erster Schritt sein in unserem „vom Alkohol durchtränkten Land“. In diesem Sinne finde ich die im selben Artikel zitierte Stellungnahme von Gerd Landsberg (Deutscher Städte- und Gemeindebund), der die Krankenkassen wegen zu geringer präventiver Maßnahmen angriff, an den falschen Adressaten gerichtet. Es sind andere Mächte, die ein Interesse daran haben, dass weiterhin der Alkohol in Deutschland in Strömen fließt. Aber wahrscheinlich ist es gefährlicher, sich mit denen anzulegen …

Mit freundlichen Grüßen JÜRGEN LÜDER


Ein erster Schritt! Und jetzt auch für die richtige Zielgruppe! Ich fand es nämlich vorher manchmal schon eher komisch, mit welcher Vehemenz für und gegen das Rauchen gekämpft wurde, der Alkoholkonsum aber tabu blieb. Manchmal taten mir fast die Raucher leid, weil viele Regelungen nach dem „Alles-oder-Nichts“-Prinzip gestrickt waren und keinerlei Zwischentöne erlaubten. Mir selbst tat es allerdings nicht weh, denn ich rauche seit 9 Jahren nicht mehr, ohne dass mir etwas fehlt. Beim Alkohol empfinde ich es ähnlich, nur dass der Beginn meiner Abstinenz-Zeit nun schon bald 17 Jahre zurückliegt. Für beide „Abstinenzen“ empfinde ich etwas wie Dankbarkeit, denn ich vermisse nichts mehr von diesen „Volksdrogen“ in meinem Leben und es geht mir unvergleichlich viel besser ohne sie. Ich bin dadurch aber nicht zum Moralisten geworden, möchte eher solche Bewegungen unterstützen, die speziell die Ausbreitung des Alkohols in unserer Gesellschaft eindämmen wollen. Dafür habe ich schon zuviel Elend mitbekommen, der vom Alkohol ausgelöst wurde.

Hoffentlich wird dieser Impuls von den Schulen gut aufgegriffen. Denn allein von der Schulbürokratie steht dem ja einiges entgegen: Die Stundentafel müsste geändert werden, die Lehrbefugnis von Lehrkräften für dieses neue Fach müsste geklärt werden, Stoffverteilungspläne fehlen und, und, und…

Ein Frage ans Gewissen: Konnten Lehrer, denen dieses Thema wichtig war, es nicht auch bisher schon in ihrem Unterricht unterbringen? Wäre das nicht eigentlich „ein Job“ für Klassenleiter in entsprechenden Verfügungsstunden? Allerdings würde das alles natürlich auch ein wenig Selbsterfahrung bei solchen Lehrkräften erfordern und z.B. ein Nachdenken über das Gläschen Rotwein oder den Sekt, den jeder mal so gerne trinkt?

Grundsätzlich glaube ich, dass Kindern und Jugendlichen im schulischen Bereich ohnehin viel mehr an Wissen über pädagogische und psychologische Sachverhalte beigebracht werden könnte im Sinne einer sozialen „Grundausstattung“ für kompetentes Tun und Helfen, mit grundlegenden Kenntnissen über Kindererziehung, Sexualität, Gestaltung einer Partnerschaft, seelische Probleme einschl. süchtiges Verhalten und vieles mehr, eine praktische Ethik gesunder Lebensführung, warum nicht mit einschlägigen Übungen. Zwar gibt es wohl in Gymnasien Leistungskurse im Fach „Psychologie“, aber die dienen wahrscheinlich eher der Vorbereitung auf ein Psychologie-Studium als solchen lebenspraktischen Fragen. Dies ist ein Thema, für das ich mich gerne „stark“ machen würde, wenn es dafür einen Ansatzpunkt gäbe!

Ich habe mich mit dem Thema „Jugend und Alkohol“ übrigens schon vor Jahren ausführlicher beschäftigt und seinerzeit einen Artikel darüber geschrieben. Er findet sich bereits auf meinem blog unter dem Titel „Reminiszenzen: Jugend und Alkohol“ am 30. April 2009!

Donnerstag, 2. Juli 2009

Grobe Fahrlässigkeit ... Ein Appell

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Im Zusammenhang mit meinem gestrigen blog sind mir erneut Gedanken hochgekommen, die etwas mit meinen Kenntnissen von psychischen Problemen und einem konstruktiven Umgang mit ihnen zu tun haben, insbesondere dann, wenn man sich eingestehen muss, selbst betroffen zu sein:

Es ist in keinster Weise ehrenrührig, psychische Probleme zu haben oder sogar an einer psychischen Krankheit zu leiden. Das ist in unserer Gesellschaft sogar sehr häufig, fast „durchschnittlich“, auch wenn die meisten Menschen darüber nicht sprechen mögen. Ehrenrührig wird es erst dann, wenn ein Betroffener, der von seinen Problemen genaue Kenntnis hat, wider besseres Wissen angebotene Hilfen ablehnt und nichts für seine Gesundung tut. Das halte ich allerdings nicht mehr nur für ein moralisches Problem, sondern für eine grobe Fahrlässigkeit – sich selbst gegenüber und in Beziehung zu den mit betroffenen Menschen in der Umwelt!

Montag, 22. Juni 2009

Lieblingszitate XXXIX

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Zum Wochenbeginn ein Zitat, das auf den ersten Blick den Eindruck vermittelt, ganz unbeschwert und leicht wie eine Feder durch die Luft heranzuschweben. Sicherlich wusste aber bereits Voltaire, dass sein Rezept stichhaltig, aber nicht so leicht umzusetzen ist … Die Psychosomatik lässt grüßen! Ein schönes Projekt!


Da es sehr
förderlich
für die
Gesundheit ist,
habe ich
beschlossen,
glücklich zu sein.

VOLTAIRE


Ein Voltairekenner könnte vielleicht noch einen Fundort aus seinem Werk angeben, damit bin ich überfordert. Ich verdanke diese Aussage vielmehr einer Glückwunschkarte, nämlich einer von Nele Andresen „glücklich zu sein“ (erschienen bei www.inkognito.de).

Dienstag, 5. Mai 2009

Meine Lieblingszitate XXVI

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Gefunden habe ich das folgende Zitat, als ich ganz beiläufig seinerzeit in einem unserer kostenlosen Anzeigenblättchen las – und plötzlich, ganz unerwartet an einer solchen Stelle, eine Perle fand! Die Ärztin B. Voll berichtete dort über Depressionen, vielleicht auch über ein besonderes Medikament, das erinnere ich mich nicht. Jedenfalls hat sie eine wunderbare Beschreibung dafür gegeben, wie „moderne Menschen“ an sich selbst vorbeileben können.


Rundherum alles digitalisiert, vernetzt, formatiert und designed – die Flutwelle der Informationen, Chancen, Events, Trends und Optionen schlägt über dem Menschen zusammen. Das ganze Leben kann man sich angeblich als Folge frei kombinierbarer Highlights zusammenstellen, gaukelt die neue bunte virtuelle Welt vor – Alltag, Routine, Gewohnheiten und auch Ruhestunden kommen einfach nicht mehr vor.

Manchmal jedoch wird es zuviel des Guten. Je schneller man rennt, je mehr Events man mitnehmen möchte, desto weniger erlebt man wirklich. Denn „erleben“ bedeutet: ins eigene Leben einbauen, erfühlen, mitnehmen, sich später erinnern. Nach „Events“ bleibt nur die atemlose Hetze zur nächsten Aktivität – sämtliche Gefühle bleiben auf der Strecke.

Kein Wunder, dass viele Menschen diese seelenlose Hetze auf Dauer nicht aushalten […].


BARBARA VOLL


Gefunden in:
Dr. med. Barbara Voll: Schwerer Ausbruch aus dem „Hamsterrad“. Stressiger Alltag führt bei vielen Menschen zu Depressionen. Märkischer Sonntag. 14. 5. 2000.

Donnerstag, 30. April 2009

Reminiszenzen: Jugend und Alkohol

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Meine beiden in den letzten Tagen hier aufgeführten Unterrichtstexte haben mich dazu ermutigt, weitere ältere Ausarbeitungen von mir in meinem blog zu veröffentlichen, bevor sie ganz in Vergessenheit geraten.

Wenn ich bedenke, dass der folgende Text bereits fast 25 Jahre „auf dem Buckel hat“, so sind seine Hauptaussagen – leider ! – immer noch sehr aktuell. Höchstens ist das Einstiegsalter für den Alkoholkonsum noch weiter heruntergegangen, betrinken sich mittlerweile auch immer häufiger Mädchen und hat sich durch das „Koma-Saufen“ die Gesamtsituation eher noch verschärft. Das führt aktuell zu bestürzenden Berichten und Statistiken von den akut in Kliniken eingelieferten Kindern und Jugendlichen, die in großer Regelmäßigkeit in den letzten Monaten in den Tageszeitungen erscheinen.


Veröffentlicht wurde der folgende Text erstmalig im Themenheft „Aufklärung über Alkohol“ von „miteinander leben lernen“, Zeitschrift für Tiefenpsychologie, Gruppendynamik und Gruppentherapie, 10.Jahrgang 1985, H.5., S. 22 – 26.


Jugend und Alkohol

Jürgen Lüder

Schon seit Jahren werden immer wieder alarmierende Berichte veröffentlicht, die den in erschreckendem Umfang anwachsenden Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen aufzeigen. Ihre Auswirkungen auf das Bewusstsein der Allgemeinheit scheinen aber sehr gering zu sein. Wie eh und je preist die Werbung Alkohol mit Attributen wie „männlich“ und „erfolgreich“, Vorstellungen, die insbesondere Jugendlichen sehr imponieren.

Das Einstiegsalter zum Alkoholkonsum hat sich vorverlagert. Lag es in den 60ger Jahren noch bei zehn bis vierzehn Jahren, so heute bereits bei acht bis zwölf. Nach einer Untersuchung in Schleswig-Holstein sind 17% der Jugendlichen als starke Trinker anzusehen, d.h. ein Sechstel bewegt sich auf das mögliche Schicksal eines Alkoholabhängigen hin, eine Quote, die heute bereits in der UdSSR erreicht ist. Dort wurde der Alkohol zum „Staatsfeind Nr. 1“ erklärt.

Neueste Zahlen aus Berlin weisen in eine ähnliche Richtung. Danach sind 9% der Zehntklässler als akut alkoholgefährdet anzusehen, weitere 13% neigen zu starkem Konsum, und nur 6% leben abstinent. Die Verfasser der Berliner Studien vermuten, dass es sich bei den Vieltrinkern um Jugendliche handelt, „die Formen passiven Protestes praktizieren, … weil sie aus Resignation, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, wegen empfundener Sprachlosigkeit, Kommunikationsverlust, Entfremdung und Lieblosigkeit, die sich in der Gesellschaft ausbreitet, glauben, anders nicht durchhalten zu können“ (1).

In diesem Aufsatz soll genauer der Frage nachgegangen werden, wie es zu dieser starken Bedeutung von Alkohol für Jugendliche gekommen ist, was ihr Trinkverhalten prägt und wer besonders gefährdet ist. Ein allgemeiner Ausweg aus dieser Misere erscheint z.Zt. utopisch, jedoch sollen abschließend einige Hinweise versucht werden.

Volksdroge Alkohol

Trotz dieser beunruhigenden Zahlen wäre es ein Irrtum, im Alkohol ein spezielles Jugendproblem zu sehen, eher schließen sich diese einem gesellschaftlichen Trend an, nachdem die Zeit des Protestes Anfang der 70ger Jahre, in denen viele Jugendliche andere Drogen bevorzugten, abgeklungen ist.

Alkohol ist unsere Volksdroge, deren Verbrauch sich in den letzten 30 Jahren vervierfacht hat. Gesellschaftlich anerkannt, als Genussmittel und Seelentröster geschätzt, von der Werbung mit verlogenen Werten bedacht, ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges, an dem auch der Staat Milliarden verdient, wird seine Wirkung allgemein verharmlost. Nur die Alkoholkranken werden als „willensschwach“ und „charakterlos“ ausgegrenzt, obwohl ihre Zahl mittlerweile bei zwei Millionen, darunter 10% Jugendliche, liegen dürfte. Aber: „Krank sind immer die anderen“, und wie schal wäre für viele Menschen das Leben ohne Alkohol! Feiern, Geselligkeit, Freizeit und Fernsehen sind für sie mit Alkoholkonsum gekoppelt, er verhindert Langeweile, hilft beim Einschlafen, gibt morgens „Schwung“, ein vermeintlicher Tröster und Stimmungsaufheller für alle Lebenslagen, für viele auch am Arbeitsplatz.

Der durch Alkohol geglättete Seelenfrieden ist aber sehr brüchig, hinter ihm lauern Einsamkeit, Verunsicherung, Ängste und Depression, der Verlust an echten Werten und Zielen, für die es sich nüchtern, unter Einsatz aller Kräfte, einzusetzen lohnte. Erich Fromm sieht im Konsumenten den „ewigen Säugling“, der nach der Flasche schreit und nicht erwachsen werden will. Denn dies hieße, sich mit Kummer und Leid auseinanderzusetzen, Langeweile durchzustehen und echte Kommunikation zu Menschen zu suchen, ohne den bequemen Weg zu gehen und alle Schwierigkeiten gleich mit Alkohol wegzudämpfen oder die Stimmung künstlich anzuheben. Auch der Verlust an Familientraditionen, durch die früher das Trinken stärker ritualisiert war, und das allgemein erleichterte anonyme Kaufen von Alkoholika dürften eine Rolle spielen.

So wachsen Kinder in eine Welt hinein, in der Alkoholkonsum weitgehend selbstverständlich ist. Wer ihn hinterfragt, gilt eher als Sonderling.


Entwicklung des Trinkverhaltens

Lernprozesse zur Übernahme von Selbstverständlichkeiten laufen zumeist unbewusst oder jedenfalls ohne absichtliche Planung ab. So wird die Einstellung zum Trinken bei Kindern durch das Vorbild der Eltern geprägt, lange bevor sie selbst erstmalig Alkohol zu sich nehmen. Wenn der Vater stets beim Fernsehen sein Bier trinkt, wird sich in ihnen die Anschauung ausbreiten, zu einem gemütlichen Abend gehöre unverzichtbar Alkohol. Und da das Verhalten der Erwachsenen zur Nachahmung reizt, werden sie neugierig sein, selbst auszuprobieren, was am Biertrinken so erwachsen ist.

Später setzt auch eine mehr bewusste Erziehung ein, häufig verbunden mit religiösen Festen wie Konfirmation oder Firmung. Der Jugendliche gilt jetzt schon als halber Erwachsener und wird in deren Welt eingeführt, indem er an ihren Genüssen teilhaben darf. Alkohol bei derartigen Gelegenheiten könnte man fast als „Initiationsritus“ bezeichnen.

Zunehmende Bedeutung gewinnen dann die peer groups der Gleichaltrigen, in denen oft Alkoholgenuss eine wichtige Rolle spielt und die sozialen Druck zur Anpassung auf alle ausüben, die sich zugehörig fühlen möchten. In dieser labilen Phase zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, in der die Jugendlichen noch keine feste Identität gefunden haben, dient Alkohol leicht zur Antizipation der Rolle, erwachsen und evtl. männlich zu sein. Wer viel trinkt, kann Anerkennung finden und seinen Status verbessern. Gesellschaftlich wird dies noch gestützt, wenn man bedenkt, dass in vielen Gaststätten und Discos Bier immer noch das billigste Getränk ist.

Weiterer sozialer Druck in Richtung Alkoholkonsum entsteht oft für den Jugendlichen beim Eintritt ins Arbeitsleben, wenn er sich dem Trinkverhalten der Kollegen anzupassen versucht.

Ist der anfängliche Grund des Trinkens oft Neugier oder der Wunsch nach Geselligkeit, so kann der Jugendliche dann aber entdecken, dass sich viele Schwierigkeiten, die mit seiner altersgemäßen Entwicklung und den für ihn ungelösten Problemen von Arbeit, Liebe und Freundschaften, aber auch mit den Widersprüchen unserer Gesellschaft zusammenhängen, durch Alkohol wegdämpfen lassen: „Angst vor einer unsicheren Zukunft ohne Berufsausbildung und Arbeit, Angst vor dem Leistungsdruck in der Schule, Langeweile und das Gefühl der Sinnlosigkeit lassen sie nach dem Vorbild der Eltern zur Flasche greifen. So kommen sie ‚schneller über den Berg’, wie es ihnen die Werbung verspricht“ (2).


Erziehung zur Sucht

Alle Jugendlichen, die so den Alkohol wiederholt zur Spannungsminderung brauchen, um Erleichterung gegenüber Ängsten, Hemmungen und Problemen zu finden und ihre Stimmung zu verbessern, sind als Problemtrinker besonders gefährdet, abhängig zu werden. Als kritisches Alter gelten die Jahre von 14 bis 16, besonders dann, wenn der erste Rausch schon vor dem 12. Lebensjahr erlebt wurde. Bedenken muss man hier auch körperliche Faktoren: Ein Erwachsener mag zehn Jahre lang im Übermaß Alkohol trinken, bis er abhängig wird, bei dem noch weniger widerstandsfähigen Organismus eines Jugendlichen genügt bereits ein halbes bis ein Jahr zur Suchtentwicklung.

Betrachtet man den familiären Hintergrund solcher Jugendlicher, so finden sich in ihrem Leben gehäuft folgende Schwierigkeiten: Stark gefährdet sind Jugendliche aus Alkoholikerfamilien, wobei eine trinkende Mutter einen besonders schädigenden Einfluss auf ihre Kinder hat. Oft stammen sie auch aus „Broken-home-Situationen“, unvollständigen Familien, in denen sie wenig Geborgenheit und verlässliche Beziehungen erleben konnten.

Entscheidenden Einfluss scheint aber das emotionale Klima in der Familie zu haben. Gibt es den Kindern keinerlei Möglichkeiten, Konflikte eigenständig zu bewältigen, sei es durch übergroße Strenge oder andererseits durch eine sich überbesorgt oder extrem permissiv verhaltende Mutter, so entwickeln „Jugendliche … aufgrund einer derartigen Erziehungshaltung ihrer Mütter das Unvermögen, ihr eigenes Leben strukturierend in die Hand zu nehmen, sie verfallen statt dessen in eine ‚resignative Passivität’“ und können nicht „in effektiver Weise anstehende Probleme … lösen. Als möglichen Ausweg sehen sie dann Alkoholisierung, die ihnen einen vermeintlichen Fluchtweg aus der feindlichen Realität ermöglichen soll“ (3).

Viele der aufgezeigten Gefährdungen lassen sich im folgenden Fall wiederfinden.


„Hau ab, du Flasche!“

Ann Ladiges schrieb dieses Jugendbuch, in dem die „Karriere“ eines Jungen gezeichnet wird, der sein Leben durch Alkohol zerstört (4).

Roland ist ein Einzelkind, das die besorgte Mutter verzärtelt und auch später deckt, während der Vater ihn wegen seiner Weichheit verachtet. Mit „hau ab, du Flasche!“ weist er ihn von sich, als der Sechsjährige Angst hat, hinter einem gleichaltrigen Mädchen im Schwimmbad gleichfalls vom Drei-Meter-Brett zu springen.

Alkohol spielt eine große Rolle in der Familie, in der es häufiger zwischen den Eltern kriselt. Der Vater betrinkt sich bei Kollegentreffen und konsumiert sein Bier beim Fernsehen, während die zu Depressionen neigende Mutter „rote Pillen“ schluckt und häufiger morgens ihren Sekt braucht, „um in Schwung zu kommen“.

Mit dem auf einer elterlichen Party stehengebliebenen Alkohol berauscht sich der Siebenjährige erstmalig, die Mutter hatte ihn schon manchmal vom Sekt nippen lassen. In der Schule spielt er anfangs den Klassenclown und hat keine Freunde. Als Roland 13 ist und in die 7.Klasse geht, verführt ihn der angeberische, von allen bewunderte Buddy zum Schnapstrinken. Roland stiehlt für ihn eine Flasche, um seine Anerkennung zu gewinnen. In der Folge beginnt Alkohol für ihn eine immer beherrschendere Rolle zu spielen, was er aber lange vor den Eltern verheimlichen kann. Auf diesem Weg wird er immer schlechter in der Schule, beginnt zusammen mit Buddy zu schwänzen, braucht schließlich auch während der Unterrichtszeit seinen „Flachmann“ und bestiehlt Eltern und Kaufleute, um sich Nachschub an Alkoholika zu verschaffen. Durch die Freundschaft zu einem Mädchen kann er sich zeitweilig fangen, auch ein verständnisvoller Lehrer bemüht sich um ihn, schafft es aber nicht, Roland und seine Eltern vom Ernst der Situation zu überzeugen und sie zum Besuch einer Beratungsstelle zu bewegen.

Besonders krisenhaft sind für Roland Problemsituationen, in denen er etwas leisten müsste. So scheitert er an dem Vorhaben, für seine Freundin zum Geburtstag eine Figur zu töpfern, und flieht stark angetrunken von ihrer Party. Kurz vor seinem 17. Geburtstag weist ihn der Vater nach einem Diebstahl aus der Wohnung. Roland betrinkt sich so stark, dass er als „hilflose Person“ zum Entzug in eine Klinik eingewiesen werden muss. Die aufgeschreckten Eltern gehen auf seinen Wunsch ein, die Schule zu verlassen. Der Vater vermittelt ihm als „letzte Chance“ ein Bewerbungsgespräch in einem Foto-Geschäft. Am Tag vor dem Vorstellungstermin trifft Roland noch einmal die beiden Menschen, die in seinem Leben Hoffnung und Niedergang verkörpert hatten: den hochgeschätzten Lehrer, der ihn auf seine Verantwortung für sich selbst und ein Leben ohne Alkohol hinweist – und Buddy. Buddys Einfluss ist stärker; beide betrinken sich erneut, und Roland versäumt die Vorstellung.


Veränderungsmöglichkeiten

Alkoholkonsum ist so stark mit unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit verbunden, dass eine baldige vernünftigere Einschränkung kaum zu erwarten ist. Die Vermeidung eines weiteren Anstiegs wäre bereits ein Gewinn. Langfristig könnte Schweden ein Vorbild sein, mit Lizensierung des Verkaufs und Werbeverbot, Ziele, an die sich z.Zt. in unserem Land kaum ein Politiker herantraut.

In kleinerem Rahmen können aber durchaus Eltern und Erzieher einen Beitrag zu einer positiven Konsumerziehung der Jugend leisten, indem sie ihr eigenes Trinkverhalten reflektieren und den Kindern vorleben, dass es gerade mit weniger Alkohol sinnvolle Freizeit, Geselligkeit und Freude am Leben geben kann. Ermutigen sie die Kinder zu einer eigenständigen Lebensführung ohne Ausweichen vor Auseinandersetzungen und Schwierigkeiten, so werden diese auch außerhalb der Familie sinnvolle Möglichkeiten erkennen und leichter den Verführungen des Alkohols widerstehen können, denn „wer sein Leben sinnvoll empfindet, braucht kein Suchtmittel“ (5).


Literatur

(1) Studie der FU Berlin, zit. Nach Psychologie Heute 1985, H.6, S. 11.
(2) Ann Ladiges , Schneller über den Berg? Klasse Sept./Okt. 1978, S. 10.
(3) K.J. Kluge u. B. Strassburg, Wollen Jugendliche durch Alkoholkonsum Hemmungen ablegen, Kontakte knüpfen bzw. ihre Probleme ertränken?, Praxis der Kinderpsychologie 1981, S. 31.
(4) Ann Ladiges, Hau ab, du Flasche!, Reinbek 1978.
(5) Ulrich Klein, Lehrer und suchtgefährdete Schüler, Praxis der Kinderpsychologie 1980, S. 302.

Wolfgang Geißler, … damit alles ein bisschen leichter wird, Weinheim 1981.