Posts mit dem Label Psychologie und Psychotherapie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Psychologie und Psychotherapie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 9. Februar 2021

Die Geschichte der Psychologie im Spiegel meines schlechten Gedächtnisses

 


Was soll das miteinander zu tun haben? Ganz einfach: Es ist mir ein Ärgernis, dass mir der Name eines Psychologen und seine eindrücklichen Formulierungen nicht mehr einfallen, gerade weil sie mich sehr beeindruckt haben und es schon mehrere Gelegenheiten gegeben hätte, bei denen ich sie gern als Argument eingebracht hätte. Und das bei meiner Vorliebe für Zitate und Gewährsleute …

 

Es geht um den Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Strömungen, dem „Zeitgeist“, und den von ihm durchaus mitgeprägten Grundannahmen psychologischer Theorien, die zwar nicht einfach „ungültig“ werden, wenn ein anderes Denken im Vordergrund steht. aber doch „modischen Schwankungen“ in ihrer Anwendung und ihrer allgemeinen Akzeptanz unterliegen.

 

Mein Gewährsmann, dem ich hiermit Abbitte leisten möchte, zeigte in einer brillanten kurzen Formulierung auf, wie in allgemein eher liberal geprägten Zeiten, in denen die Gesellschaft bereit zu Neuerungen und Veränderungen ist, auch in der Psychologie Ansätze vorherrschen, die  Lernen, Veränderungsmöglichkeiten, soziale Beziehungen und Kommunikation in den Fokus stellen. Wenn sich aber die Zeiten verdüstern, die Unsicherheiten zunehmen und autoritäre Strukturen im Vormarsch sind, änderte  sich auch die Vorliebe für die Auswahl von Erklärungsmodellen, Biologie und Genetik wären dann „erste Wahl“.

 

Stimmt’s? Oder bin ich zu pessimistisch?  

 

 

Samstag, 8. August 2020

Die psychische Langzeitwirkung des II. Weltkriegs

In meiner Studentenzeit in den 70er Jahren waren  Traumata kaum ein Thema. Ich las allerdings über die Alpträume von Holocaust-Opfern. Später wurde über traumatisierte US-Soldaten aus Vietnam berichtet. Danach löste sich der Bann und auch über die ungeheuren Leiden der deutschen Zivilbevölkerung im II. Weltkrieg gab es nun Berichte und Analysen.

Im gleichen Sinn werden heute auch die Leiden der Menschen in früheren und anderen Kriegen und in Katastrophenzeiten als Trauma anerkannt.

Eine wirkliche Bearbeitung scheint aber nur zeitversetzt möglich zu sein, weil die zunächst Betroffenen nur zu oft ins Schweigen verfallen sind.

Im Hinblick auf den II. Weltkrieg gibt es nun mittlerweile eine größere Reihe von Büchern, die sich Kriegseltern, -kinder und -enkeln widmen und deutlich machen, dass nicht bearbeitete Auswirkungen der Kriegsereignisse in ihrer prägenden Kraft noch Generationen später wirksam sein können.

Einen dieser Titel möchte ich jetzt vorstellen:

Matthias Lohre: Das Erbe der Kriegsenkel.  Was das Schweigen der Eltern mit uns macht. - München: Penguin 2018. (1. Ausgabe Gütersloh 2016).

In einer sehr persönlichen Weise, in der Lohre seine Familie darstellt, seine Spurensuche bei der Erforschung der Familiengeschichte und sein eigenes Erleben, verbunden mit den Erkenntnissen aus einer eigenen Psychoanalyse, zeigt der Autor exemplarisch die Auswirkungen der Kriegszeit über die Generationen hin  bis heute, gestützt von einer fundierten Wiedergabe einschlägiger Fachliteratur. Und zeigt auch seinen persönlichen Weg, den "Nebel" der Familienatmosphäre, unausgesprochene aber sehr wirksame Erwartungen der Eltern und einen Leistungsethos, in dem alles bei ihm gipfelte, zu erkennen und gegenzusteuern. ("Überwinden" halte ich für einen Euphemismus, solche tiefen Spuren dürften Lebensschicksal bleiben.)

Diese Analyse erweitert für mich den Hintergrund, auf dem ich noch einmal über meine eigene Kindheit als Flüchtlingskind (Jahrgang 1947) nachdenken kann und meine Eltern und meine Familie in einem erweiterten Licht sehe: meinen schweigsamen Vater und meine emotional wahrscheinlich sehr überforderte, ängstliche Mutter, die mir immer die Botschaft vermittelte, als "Sonnenscheinchen" der Familie doch bitte keine weiteren Probleme hinzuzufügen. Dazu der Heimatverlust meiner Eltern, die nie in Schleswig-Holstein wirklich heimisch wurden, so dass ich mich dort in meiner Kindheit ebenfalls immer etwas fremd gefühlt habe - bis ich nach der Wende jetzt in Brandenburg lebe, der Herkunftsgegend meiner Sippe, und erstmalig in meinem Leben nach vielen Umzügen das Gefühl habe, heimisch geworden zu sein.

Mein Dank an Matthias Lohre und die Offenheit in seinem Buch!


Ich sehe allerdings auch ein Problem: Lohre leitet seine Lebensproblme fast monokausal aus dieser Kriegs-Eltern-Problematik her. Ich denke, dass es da eine größere Zahl weiterer Ansätze / Bezugsgrößen gibt, wie ich sie über viele Jahre in verschiedenen Formen von Psychotherapie praktisch und theoretisch sehen und erleben konnte. Alles, was ich über Matthias Lohre erfahren und nacherleben konnte, ist aber ein wesentlicher erhellender Baustein, der mein Bild von mir und meinem Werden vervollständigt.

-----

Nachsatz zum Phänomen des Schweigens:

Offenbar ist die jeweils von derartigen Ereignissen/Umwälzungen direkt betroffene Generation noch nicht bereit oder fähig, ihre Erlebnisse in Offenheit zu verarbeiten. Und ihre Nachfolger/innen haben das zu "verdauen". Ob es nicht vielleicht mit weniger kriegerischen aber doch umgreifenden Umwälzungen, die das bisherige Leben umkrempeln, ähnlich sein wird? Ich denke an die Langzeitwirkungen der friedlichen Revolution von 1989. Die Kinder und Enkel dieser Zeitenwende werden auch daran "zu verdauen" haben, nicht nur die damals Erwachsenen, über deren Erleben bisher nicht sonderlich viel zu hören ist. Vielleicht gibt es darüber später auch einmal Literatur - von den Kindern und Enkeln! 

Mittwoch, 25. Juni 2014

Dinosauria XXIX: Ade, Graphologie!


In meinem Studium habe ich über Graphologie nahezu nichts gelernt. Die Handschrift gehört zu den Ausdruckserscheinungen, und diese waren in der Regel viel zu wenig exakt, um den Ansprüchen meiner damaligen Ausbildung als Datenquelle zu genügen. Da war nur wenig zu messen und objektiv festzuhalten, folglich galten Graphologen bei uns "wissenschaftlichen Psychologen" nicht viel mehr als Kaffeesatzleser. Daran änderten auch Graphologen wie Klages wenig, der ja immerhin versucht hatte, ein  ausgefeiltes Interpretationsverfahren zu entwickeln.

Ich fand Handschriften allerdings immer sehr interessant. Wie unterschiedlich sie  mich anmuteten! Ob meine Interpretationen nun immer zutreffend waren oder nicht, stets veranlassten sie mich zu Vermutungen  über den Urheber. Wenn man davon ausgeht, dass - außer Tagebüchern und persönlichen Notizen - Schriften immer eine Botschaft an einen anderen Menschen, also Akte der Kommunikation sind, so lösen sie etwas in mir aus, was ich mir bewußt machen und dann auf die Stichhaltigkeit meiner Hypothesen  hin untersuchen kann, meine Vorstellungen haben also heuristischen Charakter. In meiner langen Dozententätigkeit hatte ich viel Gelegenheit, bei Klausuren unterschiedlichste Handschriften kennenzulernen und auch nahezu alle zu entziffern, auch wenn sich häufiger Schüler wegen dem "Gekliere" entschuldigten. Das war nichts im Vergleich zu den Hieroglyphen einer jungen Frau, die ich vor vielen Jahren  in einer Selbsterfahrungsgruppe kennengelernt hatte. Diese blieben mir so unentzifferbar wie die junge Frau rätselhaft ...

Auch meine eigene Handschrift war mir immer wichtig. Ich denke, sie ist über die vielen Jahre recht ähnlich geblieben und wird nur jetzt etwas fahriger, weil einfach meine Augen sehr nachgelassen haben. Ich merke das daran, wenn sich Leute meine Korrekturen in Arbeiten von mir vorlesen lassen ...

Junge Leute können in einem rasanten Tempo SMSs in die Tastatur ihres Handys eintippen, überhaupt schnell etwas auf dem Computer eingeben, auch ohne 10-Finger-System, das ich noch in grauen Schreibmaschinen-Vorzeiten erlernt habe, rascher als ich.  Wozu brauchen sie da noch eine Schreibschrift? Zwar lernen Kinder diese noch in der Grundschule. Mangels späterer ständiger Übung dürfte sich aber eine individuelle Handschrift bei vielen Menschen immer weniger ausformen ... Ich finde das eine kulturelle Verarmung, habe aber schon Kommentare gelesen, die die Schreibschrift in unserem heutigen Zeitalter für verzichtbar halten. Armes Abendland, denke ich, oder bin ich der Gestrige und Verblendete? Es wäre nicht das erste Mal, aber dieser Blickwinkel schmerzt.



  

Montag, 17. Oktober 2011

Mein Motto für den Monat Oktober 2011: Wege zum Glück

.
Z.Zt. sehe ich meine vielen Bücher durch, was von ihnen wirklich aufhebenswert ist und von welchen Titeln ich mich auch trennen könnte. Bei dieser Gelegenheit ist mir auch ein Buch des Psychosomatikers Arthur Jores in die Hände gefallen, das mich seit meiner Studentenzeit begleitet. Darin fand ich das folgende schöne Zitat wieder:


Glück erlebt der Mensch immer dann, wenn er sich in Übereinstimmung befindet mit dem Lebensgeschehen, das Leben in sich oder in anderen fördert. [a.a.O. S. 175]

Eigentlich wollte ich es bei diesem Kernsatz belassen. Aber da heute "Glück"sbücher verbreitet und beliebt sind, geradezu ein Modethema, kann Herr Jores gut darüber Auskunft geben, ob die heutigen Autoren wirklich originell sind oder vielleicht sogar Wesentliches auslassen. Ich zitiere deshalb auch noch die anschließenden Erläuterungen:

Glück erlebt der Mensch demnach in der gekonnten und um ihrer selbst vollzogenen Leistung, im Spiel, im Tanz. Glück erlebt er, wenn er das Leben einer Pflanze, eines Tieres oder seines Nächsten fördert. Glück erlebt er in der Liebesbeziehung und in der Zeugung neuen Lebens. Dieses wären die aktiven Seiten, aber Glück kann der Mensch auch in der Passivität erleben. Schon zu all den oben genannten Glückserlebnissen ist er nur fähig, wenn er in den genannten Handlungen einen Teil seines eigenen Ichs überwindet und sich selbst verliert. Wenn er es nicht tut, dann ist das, was ihm gegben wird, Lust, aber nicht Glück. Glück erlebt der Mensch weiter in dem Genuß der Natur, in dem Genuß eines Kunstwerkes und schließlich wohl die höchste Form des Glückserlebens, die nur wenigen Menschen möglich ist, in der mystischen Versenkung, in dem Erlebnis des Einswerdens mit dem Schöpfer. Zum Glück gehört also ein Teil Selbsthingabe. Ichverstrickung macht glücksunfähig, Überwindung der Ichverstrickung ist aber [...] auch der Weg, der zur Gesundheit führt. Geld ist nur dann ein Glücksbringer, wenn es genutzt wird zur Entfaltung auf bis dahin verschlossenen Gebieten. [a.a. O. S. 175-76; wenn ich mich richtig erinnere, war A.J. bekennender Katholik!]

Gefunden in: Arthur Jores: Der Mensch und seine Krankheit. Grundlagen einer anthropologischen Medizin. 3., erw. Aufl. - Stuttgart: Klett 1962.

Wenn man das so liest, liegt der Zeitbezug nahe: alle, die z.Zt. an den Kapitalmärkten zocken und ihre Gier ausleben, werden dadurch evtl. reicher, mächtiger, wahrscheinlich gieriger (Gier macht weiteren Hunger, aber nicht satt!), mit Sicherheit aber nicht glücklich. Ist das jetzt nur die Rationalisierung der Neidgefühle eines Habenichts? Wohl nicht, denn vor etwa 20 Jahren hat mich einmal das Börsengeschehen fasziniert (als Kleinstkapitalist); ich weiß, wieviel "Libido" für bereicherndere Dinge im Leben mir wieder zur Verfügung stehen, nachdem ich mich radikal aus diesem Bereich gelöst habe.

Montag, 23. Mai 2011

Alter macht frei - oder könnte es jedenfalls!

.

Es hat mich wieder ereilt! Vor wenigen Wochen bin ich 64 geworden und frage mich, was das eigentlich so für mich bedeutet. Nun, mein Rentenbeginn (nach der Ruhephase meiner Altersteilzeit) rückt beängstigend näher, beängstigend deshalb, weil mein Portemonnaie dann wesentlich schlechter bestückt sein wird…

Daneben habe ich mich unter den Verwandten und Bekannten umgesehen, die mir schon ein paar Jahre voraus sind. Sehen, hören, laufen können die meisten weniger gut als früher, geschenkt, das ist unausweichlich. Ebenso wahrscheinlich die nachlassende Gedächtnisleistung. Mit meinem Kurzzeitgedächtnis habe ich ja selbst schon seit längerem meine Blessuren und Peinlichkeiten erlebt, finde aber mittlerweile meine Brille meistens wieder, weil ich sie diszipliniert nur noch an bekannte Orte lege, anderes regele ich mit einer Unzahl von Notizzetteln. So ist es, toi, toi, toi, bislang nur eine zunehmende Altersschwäche und noch kein Alzheimer … (Alzheimer finde ich die schlimmste Drohung, die ich mir vorstellen kann, obwohl die Betroffenen in einem späteren Stadium es wohl selbst kaum noch merken und ihre Umwelt mehr darunter leidet als sie selbst …)

Dann wird vom Alter noch berichtet, dass einige – die Glücklichen ! – milder und weiser und gütiger werden, andere aber – wahrscheinlich die größere Gruppe – unflexibel, starrer und schlimmstenfalls wehleidig oder verbittert auf die Wunden der Vergangenheit schauen. Das wollte ich zum Hauptthema dieses blogs machen.

Ich habe mich lange genug mit Tiefenpsychologie und Psychotherapie beschäftigt, um zu wissen, welche prägende Wirkung frühe Lebenserfahrungen auf das Erleben und den Charakter eines Menschen für seine gesamte Lebenszeit haben können. Und doch gibt es auch hier Unterschiede, wahrscheinlich gemäß der Zugehörigkeit zu den beiden Gruppen von Menschen, von denen ich soeben geredet habe.

Da sind zunächst diejenigen, die sich unentwegt in die uralten Wunden und Kränkungen, die sich irgendwann in ihrer Kindheit ereignet und manche Fortsetzungen im späteren Leben nach sich gezogen haben, regelrecht verbeißen und keinen Deut davon ablassen können. Ihre Freiheit, es in höheren Jahren einfach auch mal anders zu versuchen und höchstwahrscheinlich auch machen zu können (wer ist mit älteren Menschen nicht auch nachsichtig!!), ist dadurch natürlich sehr gering und die Lebensfreude entsprechend eingeengt.

Im Kontrast zu Menschen „dieser Bauart“ fällt mir zunehmend an mir eine Haltung von „Wurschtigkeit“ auf, die mir ungemein das Leben erleichtert. Lange habe ich mich mit den Problemen meiner Kindheit beschäftigt, mit meinen Eltern gehadert, mich selbst über vieles geschämt, denn ich wäre gern anders gewesen, ein besserer „Mitspieler“ mit den Kindern und Jugendlichen meiner Umgebung, nicht so einsam auf meinem eigenen Stern. Irgendwie ist das jetzt aber alles sehr verblasst. Die Idee, einen Roman über meine Kindheit zu schreiben („Die Leiden des jungen JüLü“), habe ich schon vor längerem verworfen, für wen sollte er interessant sein? Meinen Eltern gegenüber habe ich eine eher ferne, aber freundliche Erinnerung ohne Anklage, da gab es früher schon andere Zeiten... Auch den kleinen Jungen von damals, der ich einmal war, würde ich jetzt freundlich in den Arm nehmen und ihn trösten, nicht aber auch noch Vorwürfe machen und mit ihm hadern wie früher. Er konnte es eben nicht besser und hatte es nicht leicht.

Darüber hinaus: Wer von meinen Mitschülern etc. sollte mir jetzt noch etwas vorwerfen oder mich abschätzig behandeln? Ich bin doch in ihrem Leben bestenfalls noch eine unscharfe Erinnerung, vielleicht noch als Spur eines „Spinners“ vorhanden, das wäre aber schon viel! Meine Haare werden auch allmählich grau, das Alter zeichnet mich ebenfalls, genauso wird es meinen Mitspielern von damals ergehen, die in meinem Gedächtnis aber noch als „junge Leute“ abgespeichert sind, so als würden sie ewig auf diesem Stand verharren. Da ich kaum einen jemals wieder gesehen habe, sind diese inneren Bilder nicht gemäß dem Lebensweg aller Betroffenen mit gewachsen und haben sich deshalb nicht an irgendwelche Veränderungen angepasst.

Dafür habe ich ein treffliches Beispiel, für das ich mich in meiner Jugend sehr geschämt habe: Ich war Mädchen gegenüber außerordentlich verklemmt – und höchst interessiert! Eine schwierige Mischung! Meine Erfolge waren entsprechend und alles war mir so peinlich, dass ich es als echte Befreiung erlebte, zum Studium aus meiner Heimatstadt weggehen zu dürfen. Ein Neuanfang, denn in der Uni kannte niemand mein früheres Leben - und interessierte sich nicht dafür. (Wirklich befreit hat mich das allein natürlich überhaupt nicht, was ich damals noch nicht wusste, war aber schließlich mein Einstieg in eines meiner Lebensthemen: „Tiefenpsychologie und Psychotherapie“, s.o.)

In meinen Vorstellungen habe ich die Erfahrungen mit Mädchen in meiner Kindheit und Jugend natürlich mit mir und den Gefährtinnen meiner Phantasien, Wünsche und seltenen holprigen Begegnungen so mit den Bildern von uns abgespeichert, wie wir jugendfrisch damals aussahen. Und Mädchen sind besonders hübsch in diesem Alter! Noch später wurde ich innerlich rot, wenn ich an diese Situationen dachte, so als wäre alles ganz frisch und spielte sich immer noch zwischen den unveränderten Gestalten aus meiner Vergangenheit ab. Weit gefehlt! Die damaligen Damen meines Herzens müssten mittlerweile auch alle mindestens 60 Jahre alt sein. Ich weiß Frauen dieses Alters durchaus zu schätzen, es gibt sehr kluge unter ihnen, mit einigen bin ich gut befreundet. Aber der erotische Liebreiz meiner Jugendtage ist dahin, auch bei mir, und sie lösen in mir freundschaftliche Gefühle aus, nur noch selten erotische wie in meiner Jugend! Dass niemand mich falsch verstehe: ich weiß Frauen außerordentlich zu schätzen, mit ihnen kann man meistens vernünftig reden, mit Männern ist das oft schon eher ein Kunststück…

Dieses Zurechtrücken meiner Erinnerungen auf die wirklichen Zeitläufe hat mich sehr befreit! Ich darf mich mit heutigen Augen betrachten und muss nicht mehr den schamvollen Blick meiner Kindheit und Jugend einnehmen. Das heißt aber auch, dass ich freier über mich und meine heutigen Gefühle entscheiden kann. Wer sollte mir das Alte noch vorwerfen, wenn ich selbst es nicht mehr tue! Das nenne ich einen echten Zugewinn an Freiheit und Lebensfreude und eine der wenigen wirklich angenehmen und positiven Chancen des Älterwerdens!


Dienstag, 5. April 2011

Mein Motto für den Monat April 2011: Therapeuten als Geschichtenerzähler

.
Vorhin blätterte ich in einem Buch des Familientherapeuten Salvador Minuchin und fand eine Stelle, die ich bereits vor Jahren markiert hatte, weil sie mir so gut gefiel. Ein neuer Blickwinkel auf das (familien)therapeutische Geschehen! Der Therapeut als Geschichtenerzähler und Forscher! Ich gebe das Zitat hier zum Besten!

In diesem Buch geht es um eine neue Sicht der Dinge. Es handelt teils von mir, teils von meinen Theorien und meiner Therapiearbeit, stets jedoch von der Dynamik des Familiengeschehens. Es ist ein Buch voller Geschichten, denn Therapeuten sind immer Geschichtenerzähler. Wir sind wie Anthropologen, die das Leben anderer Menschen erforschen. Und genauso wie Anthropologen werden wir bei der Beschreibung des anderen unvermeidlich von unseren eigenen Erfahrungen geleitet. Der Beobachter, so unparteiisch er auch sein mag, wählt zwangsläufig das aus, was ihm wichtig erscheint, und er ordnet das Beobachtete auf sinnbezogene Weise.

Salvador Minuchin

Gefunden in: Salvador Minuchin und Michael Nichols: Familie – Die Kraft der positiven Bindung. Hilfe und Heilung durch Familientherapie. – München: Kindler 1993. S. 16.

Hervorhebungen im Zitat sind von J.L.

Samstag, 19. Februar 2011

Mein Motto für den Monat Februar 2011

.
Die Zeit ist schon vorangeschritten, heute ist bereits der 19. Februar. Aber ich will es mir nicht nehmen lassen, dennoch ein spätes "Monatsmotto" in meinen blog zu setzen, der erste wirkliche Text in diesem Monat. Dafür einer, der es in sich hat!


Meine fünf unveräußerlichen Freiheiten:

Zu sehen und zu hören –
was in mir ist und mit mir ist,
und nicht, was dort sein sollte,
dort war oder vielleicht sein könnte!

Zu sagen – was ich fühle und denke,
und nicht, was ich sagen sollte!

Zu fühlen – was ich fühle,
und nicht das, was ich fühlen sollte!

Zu fragen – was ich möchte,
und nicht warten, warten, warten auf Erlaubnis!

Zu wagen – was mich reizt,
statt immer nur „Sicherheit“ zu wählen!
Ich probier´s einfach aus!


VIRGINIA SATIR


Aus: Virginia Satir und Michele Baldwin, Familientherapie in Aktion, Paderborn 1999.
(Seitenzahl habe ich leider nicht.)

In meiner Sammlung seit dem 3.8.2001.

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Dinosauria XXIII: Verhaltenstraining versus Familienrat als pädagogische Konzepte


Gestern war ein besonderer Tag in unserem Hort, denn die engagierte Leiterin hatte einen Fortbildungsabend für Eltern organisiert! Ein anspruchsvolles und sehr unterstützenswertes Vorhaben! Als Referentin hatte sie Frau U. gewonnen, die das Hort-Team als Verhaltenstrainerin schon länger schult und begleitet. Bei meinem "Vorleben" wird es niemand verwundern, dass ich als alter Individualpsychologe dabei genau hinschaue, mit welchen Konzepten heute in der pädagogischen Praxis gearbeitet wird. Meine alten Vorbehalte gegenüber der Verhaltenstherapie sind sicherlich nicht mehr ganz zeitgemäß (sitzen aber tief in mir!); Frau U. hat die außerordentlich wirksame Hilfe heutiger Videoarbeit und Kontrolle auf ihrer Seite und versuchte darüber hinaus auch immer wieder, neurobiologische Gesichtspunkte mit einzubeziehen. Gegenüber solcher Effizienz kann ich mit meinen alten Ansätzen kaum noch "punkten", sehe aber weiterhin (halsstarrig ?!) große Vorzüge in ihnen. Aber vielleicht schafft es eine zukünftige Generation von Psychologen, Pädagogen und Psychotherapeuten ja noch, das Gute aus den verschiedenen Ansätzen zu vereinigen. Ich bin gespannt.

Ich habe mich am Vortragsabend still zurückgehalten und erst einmal meine Eindrücke sortiert. Aber einfach zu schweigen, finde ich gegenüber der Hortleiterin, die mein "einschlägiges Vorleben" kennt, unfair und nicht angemessen. Ich habe ihr deshalb folgenden kleinen Brief geschrieben (in Auszügen):



Liebe Frau B.,

herzlichen Dank für den anregenden Abend gestern mit Frau U.!

Er hat mich natürlich zum Nachdenken angeregt. Ein Resultat: Ich gehöre nunmehr wohl endgültig „zum alten Eisen“, denn in meinen Studentenjahren und danach waren Ansätze modern, die etwas mit Gesprächen mit Kindern und Jugendlichen zu tun hatten, die über dieses Medium zum Mitmachen und sozialen Tun angeregt werden sollten. Begriffe von damals: Familienkonferenz, Schülerkonferenz, Familienrat.

Der neue Ansatz heißt jetzt ja offensichtlich „Verhaltenssteuerung“, wobei ohne Frage zu sein scheint, wer dabei „die Hosen an hat“ (aber auch die früheren Ansätze verlangten Autorität von den Eltern bzw. wollten diese auf pädagogisch sinnvolle Weise stärken). Solange dies aber nicht thematisiert wird und Eltern nicht angeleitet werden, auch ihre eigenen Ziele zu hinterfragen, habe ich dabei ein ungutes Gefühl im Magen.

Ich denke, dass Frau U. als Verhaltenstrainerin ein sehr wirksames Instrumentarium vorgestellt hat, das ohnehin ständig wirkt, aber so auch bewusst eingesetzt werden kann. Besonders die Video-Arbeit und die dadurch geschaffene Möglichkeit, die eigenen nonverbalen Signale überhaupt wahrnehmen und dadurch trainieren/kontrollieren zu können, ist sicherlich hoch effizient!

[ ...]

Herzliche Grüße von J.L.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Vergangenheitsbewältigung

.
Es gibt unzählige Hinweise dafür, dass eine Bearbeitung der eigenen Lebensgeschichte, im besten Falle eine Aussöhnung mit schwierigen Verläufen, nur dann möglich ist, wenn man genau hinschaut und bereit ist, sich mit den aufsteigenden Erinnerungen auseinanderzusetzen. Dass Verdrängung zwar vordergründig Abhilfe schafft, aber keine Verarbeitung leistet.

In diesem Zusammenhang habe ich jetzt eine vorzügliche Stellungnahme gefunden, warum einerseits das Thema "Stasi-Akten" immer wieder hochkocht, gleichzeitig individuelle Berichte selten bleiben und ich manchmal das Gefühl nicht loswerde, dass die Bearbeitung der eigenen DDR-Vergangenheit gesellschaftlich gesehen ähnlich "unter den Teppich gekehrt" wird wie seinerzeit die Betroffenheit der Menschen im Westen nach dem II. Weltkrieg. Zähne zusammenbeißen und durch! Eigenes Leiden und vor allem eigenes Mitmachen (ohne seine Mitläufer würde jedes Regime mangels "Personal" irgendwann austrocknen!) lieber nicht so genau anschauen! Es könnte weh tun.

In einem längeren Interview zum Thema "Wir sind ein Volk" äußerte sich Joachim Gauck zu dieser Frage (In: STERN EXTRA Nr. 3/2010 "Die Geschichte der Deutschen". Interview S. 148 - 154. Zitat S. 154):

Wie wichtig war es, dass all diese Themen (zu Stasi-Verstrickungen, J.L.) zur Sprache kamen?

Jetzt, nach 20 Jahren, verblasst die Wirklichkeit der Diktatur. Vor allem die Wirklichkeit der Angst verschwimmt hinter allen möglichen Erinnerungsfetzen. Aber für die Menschen ist es enorm wichtig zu wissen, wie es war, um sich davon zu befreien. Doch wer sich der Vergangenheit noch einmal stellt, braucht Mut. Erinnern bedeutet eben nicht nur, Vergangenes neu zu betrachten, sondern auch zu fühlen. Und das kann sehr weh tun.

Freitag, 5. November 2010

Lieblingszitate CXXXXVI: Die Wurzeln der menschlichen Existenz im Blickwinkel von Erich Fromm


.

Wer A sagt, muss auch B sagen … Das ist mir in diesem Falle aber eine angenehme Pflicht: Bert Brecht hat mich mit seiner Keuner-Geschichte über Gott seinerzeit sehr in meiner Suche nach einem eigenen Standpunkt zu allen religiösen Fragen bestärkt (vgl. meinen letzten blog-Eintrag). Ein weiteres Fundament meiner Überzeugungen, die sich damals in meiner jungen Studentenzeit herausbildeten, waren die Äußerungen von Erich Fromm, auf den Punkt gebracht in dem nachher folgenden Zitat.

Dieser Text hat für mich insofern noch die besondere Bedeutung, dass durch meine Lektüre von Erich Fromm meine zwiespältige Haltung zu meinem damaligen Psychologiestudium deutlich wird, die sich dann durch mein ganzes weiteres Leben als „Dipl.Psych.“ durchgezogen hat. Erich Fromms Bücher zu studieren war in den Augen vieler Kommilitonen und sicherlich der meisten Professoren schon so etwas wie „Kaffeesatz lesen“, rein spekulativ, ohne empirisch nachprüfbare Grundlage, ein Schlag ins Gesicht einer Psychologie, die den Naturwissenschaften nacheifert und nur an Signifikanzen glaubt. Alles das, was ich irgendwie oft recht dröge und langweilig fand, weil fundamentalere Fragen des Menschseins dadurch aus dem Gegenstandsbereich der Psychologie einfach herausfielen. So ist es für mich auch weiterhin geblieben. Durch mein Psychologiestudium habe ich immerhin wichtige Methoden der Datenerhebung und Verarbeitung erlernt, dazu eine Menge empirischer Forschungsergebnisse, gelegentlich gab es auch einmal eine erfrischende Insel in diesem trockenen Meer: Peter R. Hofstätter als Prof. in Hamburg war noch ein universeller Geist, der so gebildet war, seine empirische Psychologie auch in einem großen geisteswissenschaftlich-philosophischen Zusammenhang sehen zu können. Und Reinhard Tausch machte uns bekannt mit den Ansätzen von Carl R. Rogers, zunächst noch zur Beruhigung aller naturwissenschaftlichen Psychologen über eine Unzahl von kleinen empirischen Studien mit ihren „Signifikanzen“, später aber auch stärker in Würdigung des phänomenologisch-verstehenden Hintergrunds von Rogers. Meine psychologische Heimat habe ich dann, wie in meinem blog schon häufiger dargestellt, erst viel später nach meinem Studium in der Tiefenpsychologie, speziell in dem auf eine „verstehende Psychologie“ zielenden Ansatz der Individualpsychologie von Alfred Adler gefunden.

Da mein Fromm-Zitat einem größeren Zusammenhang entnommen ist („Psychoanalyse und Ethik“, Kap. über „die existentiellen und historischen Widersprüche im Menschen“), fehlen in meinem Auszug einige wichtige Definitionen die ich hier noch voranstellen möchte: Existentielle Widersprüche im menschlichen Dasein seien unauflösbar, so die fundamentale Gegebenheit des Todes. Historische Widersprüche hingegen hätten Menschen selbst in ihrer Geschichte durch bestimmte gesellschaftliche Bedingungen erzeugt, z.B. die Sklaverei in bestimmten Epochen. Sie zu überwinden, haben immer Menschen gekämpft – und tun es bei anderen Themen auch weiterhin, oft mit Erfolg!

Doch nun ein Ende meines langen Vorspanns! Jetzt soll Erich Fromm selbst zu Worte kommen [die Hervorhebung , die ich in eine andere Farbgebung gesetzt habe, entspricht den Vorgaben E.Fromms, alles andere geht auf mich zurück, J.L.]:

Der Mensch kann auf historische Widersprüche reagieren, indem er sie durch eigenes Handeln aufhebt; existentielle Widersprüche dagegen kann er nicht aufheben, sondern nur auf verschiedene Arten darauf reagieren. Er kann sie durch beruhigende und beschönigende Ideologien beschwichtigen. Er kann seiner Ruhelosigkeit durch äußerste Aktivität, sei es in Vergnügungen oder in der Arbeit, zu entfliehen versuchen. Er kann seine Freiheit aufheben, indem er sich zu einem Instrument außer ihm liegender Mächte macht, mit denen er sein Ich identifiziert. Trotzdem bleibt er unzufrieden, angsterfüllt und ruhelos. Es gibt nur eine Lösung: der Wahrheit ins Auge sehen und sich mit dem fundamentalen Alleinsein und der Verlassenheit in einer Welt abfinden, die dem menschlichen Schicksal gegenüber indifferent ist, und anzuerkennen, dass es keine den Menschen transzendierende Macht gibt, die sein Problem für ihn lösen kann.

Der Mensch muss die Verantwortung für sich selbst übernehmen und sich damit abfinden, dass er seinem Leben nur durch die Entfaltung seiner eigenen Kräfte Sinn geben kann. Aber dieser Sinn bedeutet nicht Gewissheit; das Suchen nach einem Sinn wird durch den Wunsch nach Gewissheit sogar erschwert. Ungewissheit ist gerade die Bedingung, die den Menschen zur Entfaltung seiner Kräfte zwingt. Sieht er der Wahrheit furchtlos ins Auge, dann erfasst er, dass sein Leben nur den Sinn hat, den er selbst ihm gibt, indem er seine Kräfte entfaltet: indem er produktiv lebt. Nur ständige Wachsamkeit, Aktivität und unermüdliches Bemühen bewahrt uns davor, in der wesentlichen Aufgabe zu versagen – in der Aufgabe, unsere Kräfte voll zu entwickeln innerhalb der Grenzen, die durch unsere Lebensgesetze gezogen sind. Der Mensch wird nie aufhören, immer wieder verwirrt zu sein und sich neue Fragen zu stellen. Nur wenn er die menschliche Situation, die seiner Existenz innewohnenden Widersprüche und seine Fähigkeit der Entfaltung erfasst, kann er seine Aufgabe lösen: er selbst und um seiner selbst willen zu sein und glücklich zu werden durch die volle Verwirklichung der ihm eigenen Möglichkeiten – der Vernunft, der Liebe und der produktiven Arbeit.

Erich Fromm: Psychoanalyse und Ethik. Stuttgart 1954. S. 59 – 60.

[in meiner Sammlung seit dem 17.9.1983]

Montag, 1. November 2010

Mein Motto für den Monat November 2010

.

Am 30. Januar verstarb Ruth C. Cohn, eine der berühmtesten Gruppendynamikerinnen, der wir die TZI (Themenzentrierte Interaktion) verdanken, im schon fast biblischen Alter von 97 Jahren. Wie oft habe ich Schülern ihre Grundregeln erklärt. „Störungen haben Vorrang!“ ist wie ein Ohrwurm, auch wenn sich – trotz Kenntnis – viele Leute in der Praxis zu ihrem eigenen Schaden kaum daran halten.

In der ZEIT v. 4.2.2010 fand ich eine große Traueranzeige mit einem schönen Zitat dieser Pionierin. Das ist nun schon wieder einige Monate her. Aber einen großen Geist dürfte eine solche Verzögerung nicht stören. Darum soll dieser Vers Ihr zu Ehren das neue Monatsmotto für den November sein!


Zu wissen, dass wir zählen

mit unserem Leben

mit unserem Lieben

gegen die Kälte

für mich, für Dich, für unsere Welt


Ruth C. Cohn


Dienstag, 12. Oktober 2010

Ich bin, wie ich bin - und das ist gut so!

.
Diesen Text verdanke ich ebenfalls dem Publik-Forum, wie schon den Eintrag v. 6.10.2010. Eine wunderbare Aussage, voller Weisheit und als Ziel immer attraktiver, je älter ich werde! Ich zitiere (mit leichten Kürzungen):


Sich ändern heißt, sich treu bleiben

Werde, der du bist. Aber: Wer bin ich und wie soll ich werden? Bin ich nicht gut genug, so wie ich bin? [...]

Endlich Herr oder Frau im eigenen Haus sein, endlich bei sich ankommen, endlich raus aus der Hölle der quälenden Selbstzweifel. Das wäre ein erstrebenswertes Ziel - und vielleicht die größtmögliche Veränderung, die ein Mensch in seinem Leben erreichen kann. Ist es nicht auch befreiend, sagen zu können: Ich bin, wie ich bin - und das ist gut so!

Zitiert nach: Publik-Forum Newslettere 6/2010 v. 30.9.2010.


Also: Von der Außenlenkung zur Binnenlenkung! Und wie es in meiner früheren Therapiegruppe hieß: Ein Einzelner werden!

Montag, 4. Oktober 2010

Mein Motto für den Monat Oktober 2010

.
Frisch gelesen und ausgewählt als Monatsmotto für meinen blog!

Im ZEITMAGAZIN 40/10 v. 30.9.2010 erschien ein Interview von Herlinde Koelbl mit der 93jährigen Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich, die sehr offen über den Beginn ihrer Beziehung zu ihrem Mann Alexander Mitscherlich sprach. Aus einer "Affäre" wurde eine lebenslange, fruchtbare Beziehung. Speziell die letzten Aussagen, die etwas über die intellektuelle Haltung und geistige Frische dieser alten Dame aussagen, haben mich fasziniert!

Ich zitiere (Hervorhebungen im letzten Absatz von mir):

Sie schrieben dann gemeinsam Bücher und hatten ein erfülltes Leben. Kann man sagen, dass der spontane Entschluss, sich auf diese Affäre einzulassen, Sie gerettet hat?

Es war eine kleine Kopfbewegung , die mich gerettet hat. Bei unserer ersten Begegnung machte er eine Bewegung auf mich zu. Ich wusste ganz genau: Wenn du jetzt deinen Kopf nicht wendest, dann ist das heute Abend zu Ende. Und ich habe mich ihm zugewandt. Gott sei Dank! Diese Kopfbewegung war meine Rettung aus der Gefangenschaft, aus den Schuldgefühlen meiner Kindheit. Sie war der Anfang meines Lebens als eigenständige Persönlichkeit, die weiß, was sie will ...

... und Lust an der Sexualität hat.

Ja, aber die Lust an der Sexualität ist kurz und intensiv und vergeht irgendwann. Nur die Lust am Lesen, die Lust am Denken und Erkennen, die bleibt ein Leben lang.

Freitag, 17. September 2010

Lieblingszitate CXXXIII

.
Ein Zitat meines alten Lehrmeisters in die Tiefenpsychologie und Psychotherapie. Angesichts der nicht zu übersehenden Dummheiten und Vorurteile überall weiterhin unbeschränkt gültig!



Der Mensch ist kein Sein, sondern ein Werden. Sein Lebensgesetz ist Wachstum und Entwicklung, und wo immer er vorankommt, ringt er sich von Dummheit und Vorurteil los. Er erobert sich die Vernunft auf tausend Wegen und Abwegen, und nur über den Irrtum gelangt er zur Wahrheit.


JOSEF RATTNER


Gefunden als Klappentext des Buches von

Thomas Kornbichler: Wahn und Würde des Menschen. Acht Gespräche mit Josef Rattner. – Berlin: Vlg. Volk & Welt 1992.


Freitag, 2. Juli 2010

Wolfgang Schmidbauers Psychogramm der Bundesrepublik


Dinosaurier aller Bundesländer, gebt endlich euren Widerstand gegen die Wirklichkeit auf! Wir sind von einer neuen Generation in Deutschland abgelöst worden, die die Welt aus anderen Blickwinkeln betrachtet und ganz logisch andere Strategien zum Leben und Überleben anwendet als wir!

Wolfgang Schmidbauer analysiert dies in seinem neuesten Buch
Wolfgang Schmidbauer: Ein Land - drei Generationen. Psychogramm der Bundesrepublik. - Freiburg i. Br. u.a.: Herder-Vlg. 2009.

Ich habe schon aus diesem Buch zitiert und werde es in der nächsten Zeit sicherlich noch häufiger anführen, weil ich in ihm viele unbequeme, leider aber einleuchtende Argumente für die Veränderungen im Sozialen und in der Seelenlage der Menschen in unserer Gesellschaft gefunden habe, die in einem nachvollziehbaren Kontext zu den unterschiedlichen Lebens- und Erlebensformen der Generationen nach dem II. Weltkrieg in unserem Lande stehen.

Viele Reaktionen jüngerer Leute, sei es das geringere politische und soziale Engagement, sei es der Wunsch, im "Hotel Mama" länger auszuharren und die Eigenständigkeit nach hinten hinaus zu verschieben, haben mich in den letzten Jahren sehr befremdet. Ich konnte sie einfach nicht verstehen. In Schmidbauers Analyse ist plötzlich vieles von dem schlüssig, was mir bisher ein Rätsel war. Ich finde es nicht weniger problematisch als früher, kann mir aber eher einen Sinn daraus machen. Und sehe auch meine Mitbeteiligung als Angehöriger der vorhergehenden Generation, die in den Augen von Schmidbauer zwar bereit war, gegen vorgefundene gesellschaftliche Strukturen zu protestieren oder sogar zu revoltieren, die aber ihre Kinder auch in einer Weise (meist symbiotisch) eingespannt hat, dass diese nur mit einer Ablehnung der Werte ihrer Elterngeneration reagieren konnten. Jedenfalls scheint dies ja das Schicksal aller jungen Leute zu sein: etwas Eigenes zu schaffen, was ihnen die Ablösung von "den Alten" ermöglicht, an die sie dennoch durch vielfältige Identifikationen gebunden bleiben. Jede Generation badet dabei auch die "Sünden" ihrer Vorgänger mit aus.

Mühsam an Schmidbauers Buch finde ich gelegentlich sein ausdrücklich psychoanalytisches Vokabular; dadurch werden manche Schilderungen auf eine komplizierte Ebene gehoben, die ich mir erst in eine Sprach-Ebene allgemeinerer Art zurück übersetzen muss, auf der mir dann Beschreibungen leichter einleuchten. Vielleicht ist das ein Mangel an einschlägiger Bildung meinerseits, andererseits habe ich lange eher Texte aus dem individualpsychologischen Kontext gelesen, die einfach eingängiger waren.

Wolfgang Schmidbauer ist wie ich ein "Wessi". Das kommt schon in dem Untertitel "Psychogramm der Bundesrepublik" zum Tragen. Für uns als Deutsche insgesamt müsste jetzt noch ein Autor den genialen Wurf zustande bringen, auch die davon durchaus abweichenden Generationen-Schicksale aus dem anderen Teil Deutschlands mit einzuarbeiten. Denn alle jungen Leute, die jetzt geboren werden, haben allmählich an einer "Mischkultur" Anteil, die zwar erst sehr, sehr langsam nach 1989 zu entstehen beginnt, aber doch in vielen Familien schon eine Realität ist, wie z.B in meiner. Was machen die "Misch-Anteile" von Ost- und Westeltern aus? Aber auch bei allen anderen "reinen" Ossi-Kindern bleibt die große Frage: Was macht die Entwurzelung ihrer Eltern nach 1989 mit ihnen? Das alles zusammenzubringen, erfordert noch eine große Forschungsarbeit!

Neben diesen allgemeinen Anmerkungen möchte ich aber noch ein Zitat aus Schmidbauers Buch bringen, das wunderbar die Verschiebungen im Erleben von Studenten und Schülern zu "meiner Zeit" (ich begann mein Psychologie-Studium im SS 1967) und in der heutigen Generation aufzeigt (von den heutigen - befremdlichen - Gebräuchen habe ich als Fachschuldozent bis vor zwei Jahren auch noch etwas mitbekommen, und sei es nur in Diskussionen mit Kollegen):

In der Schulung von Kadern der Studentenbewegung wurden Klagen über Strenge und Unzugänglichkeit des Lehrmeisters als bürgerliche Wehleidigkeit denunziert. Wer zu neuen Ufern aufbricht, darf nicht über nasse Füße jammern. Eine Theorie, die man vom ersten Satz an versteht, kann nicht viel wert sein. Zum rechten Bewusstsein zu kommen, das angesagt kritische Denken zu erfassen, kostet Mühe und wird durch gnadenlose Kritik unzureichender Versuche befördert. Wer die Dialektik des Seminarleiters nicht begreift, soll sich schämen und wenigstens den Mund halten.

In der phobischen Bildungskultur [der Jetztzeit, J.L.] werden am Abend des Fortbildungstages Fragebögen verteilt. Der Kurs wird evaluiert. Nicht die Belehrten, sondern die Lehrer bekommen Noten. Die Dozenten erhalten Rückmeldungen, ob es auch angenehm genug war, von ihnen zu lernen, ob sie gut genug vorbereitet waren und ihre Schützlinge nicht durch einen Mangel an Anschaulichkeit, durch Praxisferne, Theorielastigkeit oder einen Mangel an geschickt eingesetzten, unterhaltsamen Medien überfordert haben. (S. 202)

Ich habe nie zu den "Kadern" gehört, insofern kenne ich derart verbissene Schulungen nicht aus eigener Anschauung. Bei uns Psychologen war der Umgangston friedlicher, aber auch durchaus kritisch! Als wirklich klug galt nur derjenige, der andere fundiert kritisieren konnte. Aber ich habe auch vielfältige Anerkennung und Förderung erlebt, das war schon sehr personenabhängig. Wenn man einen Prof. nicht mochte, ging man eben nicht in seine Vorlesung.

Das geht heute im Zeitalter der ständigen Leistungskontrollen als zukünftiger "Bachelor" wohl nicht mehr oder würde zu viele Punkte kosten. Dafür gibt es aber all die Möglichkeiten, die Schmidbauer in seinem zweiten Absatz aufgezählt hat, um dennoch seinen Unmut auszudrücken.

Dienstag, 29. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen IV

.
Diese Rubrik habe ich am 7. Juni erläutert. Heute folgt die 3. Fortsetzung.

Ehrgeiz


- Gesunder Ehrgeiz ist an sachlichen Aufgaben orientiert.

- Neurotischer Ehrgeiz hingegen strebt die Überlegenheit über andere an; wahrscheinlich gehören noch eine Reihe anderer Eigenschaften/Affekte hinzu, wie Neid und Eifersucht.

- Der Musterschüler hat vermutlich weniger Ehrgeiz als der Klassenclown, der die Mitarbeit verweigert.

- Am problematischsten ist unbewusster Ehrgeiz, der besonders störend ins Leben eingreift, so z.B. bei Männern eine überhöhte Forderung an Männlichkeit, die sich dann etwa an „Frauenerfolgen“ bemisst.


Stimmungsschwankungen


Stimmungsschwankungen, für die nur schwer eine Ursache anzugeben ist, gehören zum Leben eines jeden gesunden Menschen. Eher ist es für einen neurotischen Menschen zutreffend, dass er ohne Schwankungen ständig eine gleich bleibende Stimmung hat, allerdings eine charakteristisch beeinträchtigte! Zum geschickten Umgang mit Stimmungsschwankungen gehört es, z.B. zum Beginn einer neuen Aufgabe einen stimmungsmäßig geeigneten Zeitpunkt abzuwarten. „So wie ein Zirkusreiter zum Aufspringen abwartet, bis das Pferd wieder an ihm vorbeiläuft.“


Masochismus in der Partnerschaft I


Wie erhält man am sichersten keine Liebe von anderen:

- Wenn man immer brav ist.

- Wenn man sich unterzieht und sich nicht wehrt.

- Wenn man sich ständig unterordnet.

Liebe erhält man nur dann, wenn man ein echtes Gegenüber ist.


Masochismus in der Partnerschaft II


- Der Masochist zieht sein Selbstwertgefühl aus einer moralischen Überlegenheit und fühlt sich in dieser Hinsicht dem Partner haushoch überlegen.

- Nach einer längeren Phase des „Gebens“ kann auch ein Gefühlsumschlag kommen, sich ausgenutzt zu fühlen.

- Durch das Verhalten des Masochisten fällt es dem Partner schwer, ihm gegenüber Achtung aufzubringen. Durch sein oben bereits genanntes Überlegenheitsgefühl bringt aber auch der Masochist dem anderen gegenüber nicht genügend Achtung auf.


Sucht


Sucht ist etwas, was ich zwischen mir und der Realität einlege.


Depression und Leiblichkeit


Bei der Depression klaffen Leib und Seele auseinander, während sie bei Freude zusammenspielen.

Ein Depressiver spürt seinen Leib nicht, seine allgemeine Missstimmung kann sich auch in andauernder Müdigkeit äußern.

Frust der Seele lässt sich auch über Körperliches wieder ausgleichen, bzw. körperliche Pflege und Bewegung können ein Ansatzpunkt zur Überwindung einer Depression sein.


Fähigkeit zur Auseinandersetzung


Ohne Auseinandersetzungen lassen sich keine Partnerschaft und keine Freundschaft führen, erst recht keine Schulklasse als Lehrer leiten. Mit „auseinandersetzen“ ist hierbei die Umgangsform gemeint, ohne Aggressionen/Affekte seinen Standpunkt zu verdeutlichen und sich um die Durchsetzung eigener Interessen im Gespräch zu bemühen. Es lässt sich nur schwer isoliert trainieren; wächst man innerlich insgesamt, so kann man jedoch mit stärkerem Selbstwertgefühl und geringerer Empfindlichkeit freundlicher und sachlicher in Auseinandersetzungen gehen. Vermeidet man Auseinandersetzungen, so kann z.B. der Wunsch nach Distanzierung zunehmen, das Gefühl für den anderen verschwinden bzw. sich untergründig Feindseligkeit anstauen.

[Fortsetzung folgt]

Sonntag, 27. Juni 2010

Nachlese zur Demonstration gegen die Sparpläne der Regierung am 12.6.10 in Berlin

.

Bereits am 11. Juni 2010 hatte ich auf meinem blog „Sparen, sparen, sparen: Demo am 12.6.2010“ auf diese Protestveranstaltung hingewiesen, an ihr am 12.6. wie angekündigt teilgenommen und die ganze Zeit seither darüber nachgedacht, welchen abschließenden Kommentar ich noch dazu schreiben könnte. Hier ist er!


Die Zahl von 20.000 Teilnehmern in Berlin und ähnlich vielen in Stuttgart ist zwar nicht gering, kommt aber nicht annähernd an die Zahlen aus dem Vorjahr heran. Da machte es sich deutlich bemerkbar, dass sich die Gewerkschaften, insbesondere der DGB, herausgehalten haben. Ob sie doch noch einmal ihre Mitglieder in diesem Jahr mobilisieren werden? Ohne ihre Mithilfe wird es nicht zu einer „Massenbewegung“ kommen. Ein lobenswertes Gegenbeispiel ist aber Ver.di, dessen Berliner Bezirksorganisation kräftig auf dem Marsch durch die Berliner Innenstadt mitmischte, während Frank Bsirske wohl sogar in Stuttgart eine Rede auf der Abschlusskundgebung hielt.


Zur zögerlichen Haltung der meisten Gewerkschaften fand ich das folgende treffende Zitat in der taz v. 14.6.10: „Wer erst dann auf die Straße geht, wenn er die eigenen Pfründen bedroht sieht, wird feststellen, dass es dann schon zu spät sein könnte. Denn wer sich als Arbeitnehmer heute in Sicherheit wähnt, kann morgen schon arbeitslos sein.“ (Svenja Bergt)


In der Zwischenzeit haben andere Ereignisse die mediale Oberhand gewonnen. Aber das Thema und die Betroffenheit der Menschen werden sich wieder melden, auch wenn alle jetzt im Fußballfieber liegen und zwischenzeitlich der idiotische Knallkörper auf der Berliner Demo eher für Schlagzeilen sorgte. Mein Mitgefühl für die verletzten Polizisten, sie zahlen persönlich den Preis für dieses gemeine Ereignis! Ansonsten hätte aber für die Gegner bzw. Feinde der Demo nichts Besseres geschehen können: Teile der Demonstranten wurden in ein kriminelles Licht gerückt und alle, die sich über diese Tat erregten, vergaßen darüber selbstverständlich das ursprüngliche Anliegen der Demo. Seither sind keine größeren Erkenntnisse über diese Tat mehr in der Zeitung veröffentlicht worden. Was soll man davon halten? Die Tat war verabscheuungswürdig, gemeingefährlich und verantwortungslos und gleichzeitig von ihrer Wirkung her so hirnrissig (im Sinne der Demonstranten), dass man schon beinahe böse Gedanken bekommen könnte, wer da an allem „gedreht“ hat und sein Süpplein kochte …


Wiederum hatte eine große Zahl von Gruppierungen zu dieser Demo aufgerufen, alle diejenigen, die bei derartigen Veranstaltungen in schöner Regelmäßigkeit eh’ dabei sind. Aufgrund der Aktualität wurde von den Veranstaltern noch hervorgehoben, dass auch mehrere griechische Gruppen beteiligt waren. Eher gering, wie schon oben erwähnt, die offizielle Beteiligung von Gewerkschaftern. Ob sie noch aufwachen? Ansonsten machte es auf mich den Eindruck: Je kleiner (und im Vergleich zu den „großen Namen“ unbedeutender) die Organisationen waren, umso geschlossener scharten sich ihre Unterstützer um Transparente und Fahnen und verteilten viele, viele Flugblätter. (Aber hauptsächlich an die anderen Teilnehmer der Demo, die eh’ schon für die Sache gewonnen waren … Vielleicht mit der kleinen Hoffnung, noch jemand seiner Organisation „abspenstig machen zu können“? Offensichtlich werden aber alle derartigen Veranstaltungen sehr gern zur Selbstdarstellung genutzt. Ich gehe bei solchen Gelegenheiten immer mit einem großen Batzen Papier nach Hause.)


Über den unseligen Knallkörper habe ich ja schon oben geschrieben. Ich kann mir jetzt aber noch besser vorstellen, was für eine fast hasserfüllte Stimmung zwischen den von Polizisten eingerahmten Autonomen und der „Begleitgarde“ geherrscht haben mag, zumal es aus vorangegangenen Zeiten schon manche „gemeinsamen Erlebnisse“ geben dürfte. Trotz ihrer schon fast wie eine Karikatur wirkenden „Einpackung“ und Panzerung in Schutzanzügen möchte ich nicht wissen, wie viel Angst auch Polizisten mit sich herumtragen. Vielleicht ist sie das Motiv für manche „Ausraster“ auf Seiten der Polizei.


Das war nämlich eines meiner eindrücklichsten Erlebnisse auf dieser Demo: Die allseits angetretene Polizei in ihren Schutzanzügen, im direkten Einsatz dann auch noch mit heruntergeklappten Helmen. Hundestaffeln hinter den Straßenbahnschienen, die den Demonstranten auf der anderen Seite Angst einflößten, wenn man sich vorstellte, dass den Hunden ihre Maulkörbe abgenommen würden… Wir leben – nach unserer Verfassung – in einem freiheitlichen Rechtsstaat, in einer Demokratie, in Berlin zumal noch von einem Rot-Roten-Senat regiert. Das Aussehen der Polizei hatte aber schon eher Ähnlichkeit mit bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Schrecklich!


Und das Verhalten der Polizei dann auf der Abschlusskundgebung fand ich schlimm und unbegreiflich. Wenn ich nicht selbst mitten drin gewesen wäre, hätte ich es nicht geglaubt, obwohl ich schon wiederholt Berichte über ähnliche Vorkommnisse gelesen hatte: Völlig ohne erkennbaren Anlass drangen plötzlich Ketten dieser so vermummten Polizisten in die Haufen der friedlich versammelten Demonstranten ein, die den Abschlussreden zuhörten, umringten einzelne, reagierten überhaupt nicht auf Proteste, sondern agierten wie Polizei-Roboter ohne Gnade. Wirkung: Sie heizten massiv die Stimmung an und brachten auch bisher eher unbeteiligte Teilnehmer gegen sich auf. Aus solchen Situationen speisen sich wahrscheinlich die Urteile gegenüber der Polizei als „Bullen“, die alles niedertrampeln und rücksichtslos agieren. Bisher wollte ich an dieser Stelle gerne „Vorurteil“ statt „Urteil“ sagen, das wäre aber wirklich eine unzutreffende Beschönigung aufgrund meiner Erlebnisse.


Meine kollegiale Frage an die Polizei-Psychologen: Wie haben Sie Ihre Leute vor Ort auf derartige Einsätze vorbereitet? Angst haben wahrscheinlich alle, besonders, wenn zuvor auch noch Kollegen wie auf dieser Demo verletzt wurden. Aber gerade dann dürfte es unverantwortlich sein, solche Massensituationen zuzulassen, die affektiv aufgeladen sind und regelrecht nach einer Eskalation schreien. Wie wollen Sie das noch steuern, wenn es zu einer größeren Eruption kommen sollte? Da ist doch dann “Mord und Totschlag“ fast vorprogrammiert. Ich hatte Angst vor diesen Ungetümen von gepanzerten Polizisten, die wie Roboter in die Menschenmassen eindrangen. Ist das eine aufgeklärte Strategie – oder nicht eher ein Vorgehen wie aus traurigen Vorzeiten?


Umso bemerkenswerter finde ich die Situation, dass in Berlin z.Zt. ein Konflikt zwischen Polizeipräsident Glietsch und dem Hauptpersonalrat der Polizei schwelt: Die Leitung will allen Polizisten vorschreiben, sich im Einsatz entweder durch ihren Namen oder die Dienstnummer an einem Schild erkennen zu geben. Bei Prügeleinsätzen hätten Bürger dann eher eine Möglichkeit zur gezielten Beschwerde. Die Polizei-Vertretung jedoch behauptet, dass ihre Mitglieder dann nicht mehr vor gezielten Racheakten geschützt seien. !!?? Einsätze wie der obige gingen dann sicherlich nicht mehr so einfach. Ich beneide Polizisten nicht um ihre Tätigkeit in solchen Auseinandersetzungen. Aber „Härte“, wie oben beschrieben, kann wohl keine Dauerlösung sein. Und eine Kennzeichnung zwingt zum Nachdenken über „flexiblere Strategien“, wie gesagt, meine Berufskollegen vom psychologischen Dienst sind gefragt!! Ich hoffe sehr, dass Herr Glietsch „nicht einknickt“ und sich durchsetzt, obwohl ich sonst fast immer auf Seiten von Gewerkschaften, Betriebsräten und einfachen Arbeitnehmern stehe. (Diesen Hinweis verdanke ich der taz v. 10.6.2010, die den Artikel von Plutonia Plarre mit dem Titel "Polizisten fürchten die Bürger" veröffentlichte.)

Mittwoch, 23. Juni 2010

Kollektive Abwehrmechanismen

.
Verdrängungen, Familiengeheimnisse und kollektive Gedächtnisstörungen

Seitdem ich mich mit Psychoanalyse beschäftige, weiß ich um die Wirksamkeit verdrängter Erinnerungen. Für Freud ist ihre Aufdeckung, Bearbeitung und (wenn möglich) Überwindung Kern seiner therapeutischen Bemühungen, denn sie konfrontieren das Individuum mit seiner persönlichen Wahrheit und setzen im positven Fall Kräfte frei, die bisher zur Unterdrückung dieser unerwünschten Erinnerungen gebunden waren, auch wenn es möglicherweise mit Trauerarbeit verbunden ist: Ich lerne stärker über mich selbst zu bestimmen und befreie mich von aufoktroyierten Einschränkungen! Einige der "Abwehrmechanismen", zu denen man die Verdrängung zählen kann, haben allerdings durchaus auch eine schützende Funktion für die Persönlichkeit, um nicht von allen Seiten psychisch "überrollt" zu werden. Aber je mehr ich über mich weiß, um so freier und eindeutiger kann ich mich entscheiden und Konsequenzen meines Verhaltens abschätzen.

Später befasste ich mich auch mit Familientherapie und - wie es mittlerweile modisch hieß und heißt - systemischer Therapie, d. h. mit der Einbettung des Einzelnen in seinen familiären Zusammenhang. Auch hier hat die Psychoanalyse wichtige Erkenntnisse beitragen können, z.B. mit der Generationen übergreifenden Perspektive. Sie besagt, dass wir offenbar noch viel weniger frei in unseren Anschauungen und Entscheidungen sind, als es eh' schon der Fall zu sein schien, weil offensichtlich auch unsere "Altvorderen" ein gewichtiges Wörtlein mitzureden haben. Sie haben uns manchmal Verpflichtungen und Eingrenzungen aufgrund von "Familiengeheimnissen" auferlegt, für die eigentlich nur sie, nicht aber wir Verantwortung tragen. Mitgefangen, mitgehangen ... Generationen müssen so oft die Schuld der Alten mittragen.

Die Situation ist ideologisch leicht angeheizt: Es gibt begeisterte Anhänger des Ansatzes von Bert Hellinger und seiner Form von "Familienaufstellungen", für andere hingegen ist diese Methode "das rote Tuch". Ich bin da eher pragmatisch und interesse mich für das, "was wirkt"! Und da kann ich - auch wenn es mein rationales Psychologen-Gehirn durcheinandergebracht hat - nicht anders Stellung beziehen, als dass ich aufgrund von Familienaufstellungen erstaunliche Einsichten in meinen eigenen "Clan" gewinnen konnte und auch klärende Einsichten und Erlebnisse hatte, die mich mit Früherem Frieden schließen und alte Kapitel abschließen ließen. So bin ich mittlerweile davon überzeugt, dass es tatsächlich Verstrickungen der jetzt Lebenden mit dem Schicksal Früherer gibt, die uns Fesseln anlegen und Dinge tun lassen, deren Sinn wir solange nicht wirklich ergründen können, solange wir nicht den familiengeschichtlichen Hintergrund verstanden haben. Dementsprechend schwer fällt es, das eigene Handeln zu verändern. Wie Hellinger gezeigt hat, geht es auch hier meistens um familiär-kollektive Formen von Verdrängungen, eben die "Familiengeheimnisse", um "vergessene" Mitglieder, die dem Clan peinlich waren und in irgendeiner Form ausgeschlossen wurden. Werden sie wieder ins bewusste System hineingeholt (wirklich "verschwunden" waren sie ohnehin nicht) und gewürdigt, stehen plötzlich verstärkte Entwicklungskräfte für Zukünftiges im System zur Verfügung, also für uns und unsere Kinder. Diese Würdigung der Ausgeschlossenen finde ich vergleichbar mit der Trauerarbeit bei S.Freud.

Erst in jüngster Zeit wurde ich darauf aufmerksam, dass es offenbar in noch viel größeren Zusammenhängen kollektive Verdrängungsmechanismen geben muss, die ganze Kulturen und Völker zu beeinträchtigen scheinen. Vielleicht bin ich auch nur unwissend und es gibt schon lange Forschungsansätze, die sich genau dieser Frage widmen. Ich kenne sie aber nicht, und meine Leser mögen es mir verzeihen, wenn ich hier vielleicht hinreichend Bekanntes als meine Ideen ausbreiten sollte. (Das wäre dann so ein Phänomen, wie ich es in meinem blog v. 21.6.10 "Im Strom der Gedanken mitschwimmen" beschrieben habe.)

Handgreiflich vor Augen hatte ich ein solches Phänomen, als es vor einigen Wochen um eine Fernsehdokumentation ging, die dem Völkermord an den Armeniern am Ende des I. Weltkriegs im Osmanischen Reich gewidmet war. (vgl. meinen blog v. 11.4.2010 über "Die Flut der Ereignisse ...") Über 90 Jahre liegen diese Ereignisse nun zurück, unter Historikern sind die Abläufe nicht strittig, und dennoch kämpft die offizielle Türkei gegen eine Anerkennung der Schuld, die ihre Urgroßvätergeneration einmal verantwortet hat. Ich verstehe dieses Leugnen nicht. Es geht ja so weit, dass die Türkei diplomatische Verwicklungen mit den Ländern herbeigeführt hat, deren Parlamente Resolutionen zugestimmt hatten, die den damaligen Völkermord auch wirklich als "Völkermord" deklarieren. Ich habe dabei nicht gehört, dass es um wirtschaftliche Interessen ging und erhebliche Ausgleichszahlungen für Betroffene gefordert worden wären, sondern einzig und allein um das Anerkennen einer früheren Schuld, damit die Heutigen in der Region friedlicher miteinander leben könnten.

"Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!" Bei anderen sind solche Verdrängungen leichter zu sehen als im eigenen "Dunstkreis", in dem gerade wir Deutschen sicherlich einiges zu bieten haben ... Den Holocaust konnten die Deutschen nach dem II. Weltkrieg nicht verdrängen, da hatten zu viele Andere "die Finger in der Wunde". Einzelne taten es dennoch, mit welchem Gewinn? (Ich denke da an Bischof Williamson, der sich mit seiner Holocaust-Leugnung in die Nähe zu Antisemiten und Rechtsradikalen begab.) Aber kollektiv wirksam war sicherlich in der frühen Bundesrepublik das Verdrängen der Tatsache, dass die meisten Bundesbürger wenige Jahre zuvor - als Mitläufer oder Mitgestalter - das Nazi-System gestützt und durchaus auch zeitweilig von ihm profitiert hatten. Nie ein wirkliches Thema in der Bevölkerung, an das ich mich als Kind und Jugendlicher erinnern könnte. Wenn auch ganz anders gestrickt, aber von breiten Bevölkerungsschichten ebenso mitgetragen, gab es Zustände in der ehemaligen DDR, an denen viele mitgewirkt haben und die ebenso einer Aufarbeitung noch harren. Wird auch das erst der Enkel- oder Urenkel-Generation gelingen, so wie es z.Zt. mit der Aufarbeitung von Verstrickungen einzelner Familien in Nazi-Deutschland in Büchern und Filmen erst jetzt geschieht, nachdem die betroffenen Täter nicht mehr leben? Viele Fragezeichen. Es gibt sicherlich noch viele, viele andere Beispiele, besonders in Ländern, in denen zeitweilig totalitäre Systeme gewütet haben, die aber ihre Untaten nicht ohne die Hilfe vieler Menschen aus der jeweiligen Bevölkerung hätten umsetzen können. Leider ein weites Feld ...

Was bedeutet das alles nun unter psychologischen Gesichtspunkten?

Allen aufgezeigten Formen von Verdrängungen gemeinsam ist m. E., dass eine freie Weiterentwicklung, sei es auf persönlicher, familiärer oder gesellschaftlicher Ebene, daran gekoppelt sein dürfte, dass alte Wunden überhaupt zunächst einmal erkannt, dann anerkannt und schließlich auch betrauert werden müssen. Erst danach kann sich "Schorf" auf den Wunden bilden, gefolgt von Narben, die in manchen Fällen, aber nicht immer, unschön aussehen, dafür aber beredt Auskunft über Früheres geben und dadurch auch für den Reichtum des Lebens stehen und für die Kraft, auch unter widrigen Bedingungen sein Leben gestalten und weiter entwickeln zu können. Ohne diese Schritte ist die Gefahr sehr groß, dass alte Wunden wieder aufbrechen, mit entsprechender fataler Wirkung, denn ohne Aufarbeiten der Hintergründe der Symptome und Ereignisse droht der "Wiederholungszwang", wie Freud dieses Phänomen nannte. Hätte dies für das einzelne Individuum allein schon die fatale Wirkung, das der Kreis der Neurose nie verlassen werden kann, ist es auf kollektiver Ebene noch viel gefährlicher, wenn alle nichts aus der Geschichte lernen können und in der Gefahr stehen, in ähnlichen Situationen wieder auf Diktatoren und falsche Propheten hereinzufallen und die Katastrophen der Vergangenheit zu wiederholen. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden, soll eine humanere Gesellschaft entstehen!!!



Nicht im Vergessen, sondern im sich Erinnern besteht das Geheimnis der Erlösung.

Baal Schem Tov

[Eine Quellenangabe liefere ich in einem meiner nächsten Posts nach!]

Montag, 21. Juni 2010

Therapeutische Reminiszenzen III

.
Diese Rubrik habe ich am 7. Juni erläutert. Heute folgt die 2. Fortsetzung.



Eigene Mängel als Entwicklungschancen


Jeder sollte über seine Mängel glücklich sein, denn sie sind der Ansatzpunkt für Wachstumsprozesse! Ohne Mängel wären wir „göttergleich“, damit starr und unlebendig. Es kann für einen Analysanden deshalb ein großer Schritt sein, seine Mängel zu entdecken. Mit denjenigen, die keine in der Therapie benennen, ist nur schwer zu arbeiten.

Liebe


Eine wichtige Voraussetzung für echte Liebesgefühle ist die Fähigkeit, sich auch abgrenzen zu können. Fehlt sie, kann das Liebesangebot des anderen auch als bedrohlich empfunden werden. Es kann dann wie eine Anforderung erlebt werden, von der man befürchtet, verschluckt zu werden.


Unter dem Deckmantel „Liebe“ können auch viele andere Gefühle und Charakterzüge versteckt sein, die ihr eherabträglich sind, wie z.B. Herrschsucht, Masochismus, Eitelkeit, Bequemlichkeit, Anspruchshaltung u. a.


Masochismus


Zum Masochismus gehören zwei Seiten einer Medaille: Auf der Handlungsebene unterzieht sich der Masochist, leidet und steckt mit seinen Möglichkeiten zurück. In der Phantasie/ in den eigenen Überlegungen jedoch leitet er gerade aus diesem Verhalten das Gefühl moralischer Überlegenheit her.


Deutungen


Eine gute Deutung leistet die Verknüpfung von bisher unverbunden erlebten Fakten und erhöht damit das Selbstverstehen. Derart mit Sinn behaftetes Wissen über sich selbst bleibt dann auch eher im Bewusstsein haften.


Originelle Leistungen


Etwas wirklich Originelles kann nur derjenige schaffen, der sich zuvor das vorliegende Wissen erarbeitet und in sich aufgenommen hat.

Wunderkinder haben mit diesem Lernprozess schon frühzeitig angefangen und zumeist auch später im Leben weiterhin Kultur und Wissen in sich aufgenommen.


Unterschiedliche Bedürfnisse in einer Partnerschaft


In einer mehr symbiotischen Beziehung spürt man seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen und ebenso diejenigen des Partners nicht mehr. Andere Wünsche werden als bedrohlich erlebt. Gleichzeitig droht eine solche Beziehung langweilig zu werden.

In einer sich entwickelnden Partnerschaft hingegen sind Konflikte durch unterschiedliche Bedürfnisse der Partner unvermeidlich.

Jeder hat unterschiedliche Bedürfnisse, die er an den anderen herantragen muss. Ziel ist, sich auf gemeinsame Bedürfnisse zu einigen, gegebenenfalls auch etwas allein oder mit anderen zu tun bzw. auch sich abwechselnd auf die Bedürfnisse des jeweiligen anderen Partners einzulassen.

Hierdurch wird die Beziehung farbiger, naturgemäß aber auch konflikthafter. Dafür bekommen beide Partner mehr Kontur und jeder kann den anderen eher spüren.


[Fortsetzung folgt]