Montag, 16. November 2009

Egozentrische Privatsprachen

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Ich möchte noch einmal kurz auf eines meiner Themen der letzten Woche zurückkommen:

Ich habe dort diejenigen kritisiert, die in einer gewollt komplizierten Ausdrucksform schreiben. Ich finde es ärgerlich, dass sie mir soviel Anstrengung auferlegen, wenn ich den Versuch unternehmen möchte, ihre Gedankengänge nachzuvollziehen. Meistens lass’ ich es dann. Bei Lyrikern ist das eine andere Sache, weil sie oft gleichsam mit Sprache Bilder malen und besondere Metaphern dafür benötigen. Aber bei allen anderen? Da werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich oft um eine sehr „egozentrische Schreibe“ handelt, von einem gerüttelten Maß an Eitelkeit genährt und nur streckenweise sozial ausgerichtet, wenn Autoren einen privaten Jargon nach eigenen Regeln pflegen. Denn Soziales im Hinterkopf haben hieße, zur Klärung von Sachverhalten beizutragen, die eigenen Überlegungen anderen Menschen zugänglich zu machen und damit in irgendeiner Weise etwas allgemein Nützliches zu tun. Das geht natürlich nur, wenn andere mich auch verstehen können. Fehlt dieser soziale Impuls, hat es für mich etwas Gockelhaftes, ich bleibe halt ein unverbesserlicher Individualpsychologe …

Samstag, 14. November 2009

Lieblingszitate LXXIX

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Ich möchte mich von dieser Woche mit einem kleinen Zitat verabschieden und bin dabei auf meiner Suche nach einem geeigneten Text erneut bei Erich Kästner gelandet. Das spricht für meine Vorlieben, mehr aber noch für seine Fähigkeit, pointiert zur Sache zu kommen! Allerdings empfinde ich zunehmend, was für ein abgrundtiefer Pessimist er hinsichtlich der menschlichen Spezies hinter seiner vortrefflichen Formulierungskunst zu sein scheint. Bewunderungswürdig, wie er aber dennoch immer wieder die Kraft zu einem Aufruf zu mehr Mitmenschlichkeit behält! Das ist fast wie bei Luther und seiner Aufforderung zum Bäumepflanzen angesichts des Weltuntergangs.


Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was irrtümlicherweise schon oft festgestellt wurde: Ein Fortschritt der Menschheit.

ERICH KÄSTNER



Gefunden in: Erich Kästner: … was nicht in euren Lesebüchern steht. Hg. v. Wilhelm Rausch. Fischer-Tb. 875. S. 27.

[In meiner Sammlung seit dem 30.12.1980.]

Freitag, 13. November 2009

Eitelkeiten alternder berühmter Männer

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Ein merkwürdiger Artikel war das, den ich unter den vielen Berichten über die Gedenkveranstaltungen anlässlich des Mauerfalls in der MOZ am 10.11.2009 zu lesen bekam:


„Mauerspecht“ Sarkozy gibt Fragen auf. Frankreichs Staatspräsident will bei der Grenzöffnung dabei gewesen sein – aber es gibt Zweifel / Paris zum Jubiläum in Feierstimmung.


In Berlin war er wohl in jenen Tagen, aber so frühzeitig, als einer der ersten, wie er jetzt behauptet? Ganz ehrlich, wen interessiert es denn wirklich, wann sich der Berlin-Tourist Nicolas Sarkozy privat in jenen Tagen an der Mauer aufhielt und sich sein Stück Gedenkstein herausmeißelte? Gibt es keine bedeutsameren Fragen, denen sich Herr Sarkozy nunmehr in offizieller Funktion zuwenden könnte? Er steht doch auch so schon dauernd im Mittelpunkt, wozu braucht dieser Mann noch soviel „narzistische Zufuhr“ durch solche „ollen Kamellen“? Das könnte er sich doch für seine späteren Memoiren aufbewahren, wenn er, „außer Dienst“, Zeit für solche Selbstbeweihräucherungen hätte. Langweilig und für mich eher abstoßend.


Aber nicht nur Franzosen können Derartiges! Wenn ich mich in Deutschland umsehe, fallen mir umgehend die Namen von Thilo Sarrazin und Peter Sloterdijk ein. Beide geistern auf ihre Weise durch die deutsche Presselandschaft: Der eine als hemdsärmeliger Provokateur, der unverblümt und undiplomatisch soziale (Halb-)Wahrheiten verkündet, für die er zwar Kritik aber auch erstaunlich viel Beifall erhält, der andere durch die Verbreitung ungewöhnlicher gesellschaftlicher Vorschläge („Reiche sollten nur noch freiwillig Steuern schenken …“), verpackt in eine selbst geschaffene Sprachwelt, wodurch diejenigen, die in der Diskussion mithalten können, schon ihren höheren Bildungsgrad beweisen. Seine dennoch hohe öffentliche Aufmerksamkeit scheint in seinen Kreisen aber auch Neid hervorzurufen neben allen sachlichen Diskussionspunkten, die zu beurteilen ich nicht kompetent genug bin, und so wird jetzt heftig in den Zeitungen um ihn gestritten. Wer etwas auf sich hält, äußert sich zu ihm, so scheint es mir als absolutem Außenseiter. (Ob das auch der Auflage seines neuesten Buches gut tut? Besser könnte doch kein Marketing sein!)


So schaffen sie es, sich aus dem Kuchen der allgemeinen Aufmerksamkeit auch ohne erkennbar größere soziale Leistung ein überdimensioniertes Stück herauszuschneiden. Ein wenig trifft sie dabei „der Neid der Besitzlosen“, aber ist es wirklich erstrebenswert, eine solche „Glorie auf wackligen Füßen“ nötig zu haben? Freude bereitet es allerdings besonders den Medien, die dadurch „Futter“ für Themen haben, auf die die Menschen gerne anspringen. Echte Sachthemen sind ja viel dröger …

Lieblingszitate LXXVIII

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Passt dieses Zitat nicht wunderbar zum letzten Thema „Lebenszeit“?!


Das Leben gleicht einem Buch:
Toren durchblättern es flüchtig;
der Weise liest es mit Bedacht,
weil er weiß,
dass er es nur einmal lesen kann.

JEAN PAUL


Auf einer Geschenk-Karte erhalten im Jahre 2000, daher habe ich keine weiteren Quellenangaben.

Donnerstag, 12. November 2009

LEBENSZEIT-WÄHRUNG

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Vor kurzem war ich auf einem Wohltätigkeitsbasar. Ein Mann verkaufte dort eine besonders aufwändige Form von großen Fröbel-Sternen für 2,- €, für die irgendein lieber Mensch pro Exemplar gewiss eine ¾ Stunde oder noch länger gebastelt hatte. Ich habe ihm dann noch etwas dazugelegt …

Gerade bei derartigen Tätigkeiten aus dem kunsthandwerklichen Bereich, den manche Menschen außerdem nicht nur aus mildtätigen Motiven heraus betreiben (müssen), wird sich kaum ein angemessenes Entgelt erzielen lassen. Ein Teil des Lohns wird zwar immer die Befriedigung sein, die der kunstfertige Mensch aus seiner schönen Beschäftigung gezogen hat, viel von seinem „Herzblut“ wird aber unhonoriert bleiben, selbst wenn man es mit dem Lohn für stark unterbezahlte Tätigkeiten vergleicht.

Wäre nicht die aufgewendete Lebenszeit eine bessere Meßlatte dafür, dass die Empfänger solcher Arbeiten eine realistische Vorstellung vom wirklichen Wert ihrer erworbenen Schätze erhalten? (Die Euros sollen sie trotzdem weiterhin zahlen, aber nicht mehr nur unter dem Gesichtspunkt, was für ein „Schnäppchen“ sie gerade gemacht haben.)

Wenn man diesen Gedanken weiterführt, sind wir schnell bei den Hungerlöhnen, für die Menschen, Erwachsene und Kinder in den Billiglohnländern tatsächlich für uns schuften.

Nicht auf die lange Bank schieben ...

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Heute bin ich produktiv, die Sätze quellen aus meinem Kopf, als warteten sie schon lange darauf, endlich aufgeschrieben zu werden. Da ist tatsächlich etwas dran! Denn oft ertappe ich mich dabei, wie mir gute Ideen durch den Kopf gehen, denen ich aber nicht weiter nachgehe oder sie „auf später“ vertröste. Danach verblassen sie oft oder werden durch Neues überlagert: futsch, das war’s dann! Schade, doch diese „lange Bank“ ist mir schon von früher her vertraut, sie macht mich aber zunehmend unzufriedener und oft ungeduldig mit mir selbst. Denn immer mehr stellt sich für mich die Frage, wie viel Zeit mir bleibt, bevor mich Zipperleins oder ein Schwund an grauen Zellen packen! So will ich diese kreative Kraft beim Schopfe greifen und sie zu weiteren Beiträgen nutzen! (Wer von meinen Lesern der Meinung ist, das, was quillt, wäre besser im Kopf geblieben, muss ja nicht weiter lesen!)

Lieblingszitate LXXVII

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Ohne weiteren Kommentar das in meinem letzten Text versprochene Strindberg-Zitat!


Die Menge glaubt, alles, was schwer zu begreifen ist, sei tiefsinnig. Das ist es aber nicht. Schwer zu begreifen ist das Unreife, Unklare, und oft das Falsche. Die höchste Weisheit ist einfach, klar, und geht durch den Schädel direkt ins Herz.


AUGUST STRINDBERG


Zitiert nach: Karl Köstlin: Liebe zur Weisheit. – Stuttgart o.J. S. 25.

[In meiner Sammlung seit dem 3.8.1985]